{"id":7128,"date":"2014-06-08T12:27:31","date_gmt":"2014-06-08T10:27:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=7128"},"modified":"2014-06-08T12:33:32","modified_gmt":"2014-06-08T10:33:32","slug":"unterwegs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=7128","title":{"rendered":"Unterwegs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Unterwegs. Fahre bei tagblauem Himmel auf der Autobahn, fahre auf der Landstra\u00dfe, balearische Ibiza-Gitarrenkl\u00e4nge, ein Reisebus f\u00e4hrt gem\u00e4chlich vor mir her, die Insassen betrachten den Rhein. Aus aller Welt kommen die Menschen hierher, parken irgendwo und wandern durch die Gassen, beim Dacia quietscht etwas, dass nicht quietschen soll.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich parke au\u00dferhalb von der Stadt am Friedhof, es ist ruhig und hei\u00df, es k\u00f6nnte ein sch\u00f6ner Tag werden, laufe ein paar Meter, vielleicht zu warm angezogen, aber habe ich eine Wahl? Erreiche die Hauptstra\u00dfe am Rhein, die Eisenbahn rasselt vorbei, Radfahrer planen stehend die Route, in den Restaurants sitzen die Ausfl\u00fcgler, tragen Sonnenbrillen und ein gelebtes Leben, Schnitzel f\u00fcr sieben Euro f\u00fcnfzig, die Speisenkarten auf japanisch. Nebenan gibt es Eis und Souvenirs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Schritte weiter zeugt ein Schild von einer bekannten Gasse, dort reihen sich Restaurants an Restaurants, h\u00f6lzerne F\u00e4sser davor laden zum Besuch ein, ein h\u00f6lzerner Willkommensgru\u00df eingeritzt in einer fremden Sprache. Man trinkt Wein, Stimmengewirr, Gelache, Geplauder, es k\u00f6nnte ein sch\u00f6ner Tag werden, unbeschwert und leicht, wie so viele noch kommen k\u00f6nnten, wenn der Kopf nicht machen w\u00fcrde, was er macht. Doch gl\u00fccklich, dessen Kopf noch macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiter oben in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone esse ich eine Kleinigkeit, noch habe ich etwas Zeit, bevor ich weiter laufe, an den H\u00e4usern lehnt ordentlich platziert Sperrm\u00fcll, unsere Pressspanwelt zum Wegwerfen. Solide ist der Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schule ist aus, Kinder spazieren in Gruppen Richtung Heimat oder nach Hause oder in ein Eiscaf\u00e9, ich spaziere Richtung Auto. Da ich von oben komme, durchquere ich den Friedhof, an der Trauerhalle haben sich einige Menschen versammelt, ich rauche drau\u00dfen. Neben mir parkt jetzt ein Renault aus Frankfurt, am Heck prangt ein Eintrachtaufkleber. Wie bei mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gehe zur\u00fcck zur Trauerhalle, erkenne einen Bekannten, nicke ihm traurig zu. Viele Menschen. Der kleine Raum ist besetzt, ein Trauerbuch liegt davor, ich trage mich ein, nehme einen Totenzettel und warte in der Hitze unter einem sommerblauen Himmel, Menschen umarmen sich. Lese: <em>So, also du denkst, du k\u00f6nntest Himmel und H\u00f6lle unterscheiden, himmelhochjauchzend und zu Tode betr\u00fcbt. Kannst du ein gr\u00fcnes Feld von einer kalten Stahlschranke unterscheiden? Ein g\u00fctiges L\u00e4cheln von Sirenengesang? Glaubst du, du siehst wirklich dahinter &#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit verlangsamt sich, ich gehe in den Schatten, Menschen kommen an, die meisten haben schon ein paar Tage auf dem Buckel, schweigende Umarmungen, Tr\u00e4nengesichter. Ich laufe eine Runde, komme an einem mit Sonnenblumen verzierten Urnengrab vorbei, eine Schale mit Erde, eine Schale mit Rosenbl\u00e4ttern daneben. In einer Stunde werde ich wieder hier stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus Lautsprechern erklingt: <em>We&#8217;re just two lost souls, swimming in a fishbowl, Year after year, Running over the same old ground. What have we found? The same old fears. Wish you were here.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen den Worten des nun folgenden Nekrologs erklingen immer wieder Lieder, von Bob Dylan, von Patti Smith, die Gedanken der Anwesenden sind wohl wie bei jeder Trauerfeier eine Melange aus Trauer, Erinnerung, Unwohlsein, Absurdem. F\u00fcr mich w\u00e4re es v\u00f6llig nachvollziehbar, so jemand sich pl\u00f6tzlich nackt ausziehen oder Aerobic machen oder unfl\u00e4tig werden w\u00fcrde. Visualisierte Gedanken w\u00e4ren eine Mischung aus einem Bild von Hieronymus Bosch vermengt mit einem Film von Schlingensief. Die Sonne scheint als k\u00f6nnte sie kein W\u00e4sserchen tr\u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter Johnny Cashs <i>We&#8217;ll meet again<\/i> marschiert der Trauerzug hinter den Eltern, der Verwandschaft, der Lebensgef\u00e4hrtin, zum Urnengrab. Viele sind gekommen, jetzt warten sie, bis sie an der Reihe sind, ein Sch\u00e4ufelchen Erde oder ein Bl\u00fcmchen hinein zu werfen. Derweil stehen die engsten Angeh\u00f6rigen Spalier, sie werden hoffen, dass es bald vorbei ist und doch bringt uns dieses Vorbei n\u00e4her an unser eigenes Grab. Ich bin an der Reihe, machs gut, umarme jemanden, den ich gut und lange kenne und der nun sehr traurig ist. Man h\u00e4tte noch so viel machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterwegs. Pia und ich marschieren am n\u00e4chsten Morgen Richtung U-Bahn, am Geldautomat ein kurzes Warten, eine Zeitung dazu, umsteigen am Hauptbahnhof, der Zug steht bereit. Wir marschieren nach oben, finden zwei Pl\u00e4tze und schauen aus dem Fenster, Pia tr\u00e4gt ein Sommerkleid, dazu Schuhe, die wir neulich in Lissabon gekauft haben, ich in kurzen Hosen, es wird der hei\u00dfeste Tag des Jahres, Langen. Darmstadt, Zwingenberg. Mit uns reisen etliche, die wohl das gleiche Ziel haben, bepackt mit Rucks\u00e4ckchen, mit Wasserflaschen, Bensheim, aussteigen. Willkommen zum Hessentag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sonne glei\u00dft, wir wandern in die Altstadt, ich kaufe mir eine Sonnenbrille. Eigentlich mag ich keine Sonnenbrillen. Als ich vor Jahren in Indien war, fiel mir das unfassbare Leuchten der Augen der Menschen dort auf. Wer etwas Geld f\u00fcr eine Sonnenbrille \u00fcbrig hatte, verbarg fortan dieses Leuchten unter den dunklen Gl\u00e4sern. Ich wollte dieses Leuchten aber sehen. An eigenes Leuchten war nicht zu denken, das sage ich ohne Gram, es war denen vorbehalten, die nichts besa\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Gl\u00e4ser der Sonnenbrille ins orange-br\u00e4unliche \u00fcbergehen, scheint die Welt etwas freundlicher, das ist doch etwas. Wir schlendern durch die Gassen, die Stadt erwacht, manche Buden sind noch geschlossen. Wein und Bratwurst, Bier und Cr\u00e9pes werden feilgeboten, hinter dem Bahnhof die Hessentagsmeile, am Himmel schwebt ein gro\u00dfer Ballon mit einem Eintrachtadler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort, wo sonst der Alltag allt\u00e4glich ist, stehen nun Buden. Billige T-Shirts mit billigen Spr\u00fcchen, Bratwurst, asiatische Nudeln, Spanferkel, Angebote zur nachhaltigen Geldanlage zur Unterst\u00fctzung f\u00f6rderungsw\u00fcrdiger Projekte, Bier, afrikanische Kunst aus Fernost, Cocktails. Ich freue mich \u00fcber meine neue Sonnenbrille. Die Polizei l\u00e4dt zum Besuch ein, ebenso die Bundeswehr, die Landesregierung, der Einzelhandel; Babys k\u00f6nnen gewickelt werden, Gl\u00fccksr\u00e4der gedreht. Soviel Gl\u00fcck kann es gar nicht geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiter oben sind wir der Natur auf der Spur, ein Wildschwein dreht sich am Spie\u00df, Ziegen, Esel, Rinder tummeln sich auf durch elektroumz\u00e4unten Kleinweiden, wir probieren frische Milch. Holz wird zu B\u00e4nken verarbeitet, irgendwo brennt ein Feuer, relative Stille, wir klettern auf einen provisorischen Hochsitz und gucken durch ein Fernglas.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Badesee ist baden nicht erlaubt, daf\u00fcr wird uns ein Wasserspiel versprochen. Magic Lake. Zu lauten Housekl\u00e4ngen rauschen Wasserfont\u00e4nchen in die Luft, dahinter rauscht die Autobahn, ein Animateur animiert anschlie\u00dfend die G\u00e4ste und uns zum Verlassen des Platzes. Wasser ist immer gut, ein Schattenplatz auch. Wir k\u00fchlen die F\u00fc\u00dfe in einem Plantschbecken, wandern zum Eintrachtstand, kennen aber niemanden und marschieren zur\u00fcck in die Stadt. Sonnenmilch. Eine Blaskapelle in orange spielt <i>Tage wie diesen<\/i> oder <i>Rivers of Babylon<\/i>, es scheint, als laufe sie uns hinterher. Sp\u00e4ter treffen wir einen Freund, wir sind verabredet, trinken Apfelwein und schlendern gemeinsam zur\u00fcck zum Hessentagsgel\u00e4nde. Begegnen vielen Gruppen, meist Jugendlicher, ganz in wei\u00df. Eine Tanzveranstaltung am Abend hat dieses Motto ausgegeben. Zur\u00fcck auf der Festmeile. Dort treffen wir auf die Frau unseres Freundes mit den Kindern im Gep\u00e4ck, die je einen Luftballon in den H\u00e4nden halten. Auf dem Kinderspielgel\u00e4nde gibt es Sonnenmilch gratis und Wasserkl\u00e4nge, die Kids haben Spa\u00df, wir werden von anderen Kids l\u00e4ssig zum Frisbeespielen eingeladen. Gro\u00dfes Interesse erweckt der Polizeihubschrauber bei den Kids, sie d\u00fcrfen hineinklettern. Ich sehe diese Hubschrauber bei Fu\u00dfballspielen und mag sie nicht sonderlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald darauf trennen sich unsere Wege zun\u00e4chst, Pia und ich haben Karten f\u00fcr das abendliche Konzert im Sternendom, Anna Depenbusch &#8211; und das sch\u00f6ne war, dass die Bahnfahrt von Frankfurt und zur\u00fcck in den relativ g\u00fcnstigen Karten enthalten ist. Der Sternendom ist nat\u00fcrlich kein wirklicher Dom, sondern ein wei\u00dfes Kuppelzelt, das schon ordentlich gef\u00fcllt ist, es ist warm. Auf der B\u00fchne steht ein Klavier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach salbungsvollen Worten des Veranstalters erscheint Anna Depenbusch, tr\u00e4gt einen schwarzen Rock, eine wei\u00dfes Oberteil und rote, hohe Schuhe. Nun wird es dunkel, einzig ein Spot beleuchtet ihr Gesicht. <i>Spielt Sommer aus Papier<\/i>. In der f\u00fcnften Textzeile kommt das Wort &#8222;Schnee&#8220; vor, Heiterkeit. Das Publikum ist entspannt, Anna federleicht melancholisch bis heiter,<i> ich hoffe, du bist gl\u00fccklich in Berlin<\/i>. Hat das Publikum im Griff, doch dazu bedarf es nicht viel. Nach f\u00fcnfundvierzig Minuten, die viel zu schnell vorbeigehen, gibt es eine kleine Pause. Zeit f\u00fcr ein Wasser, Zeit f\u00fcr eine Zigarette. Nach zwanzig Minuten geht es weiter. Anna nun in wei\u00dfem Rock und schwarzem Oberteil in roten, hohen Schuhen, bedankt sich mit Handk\u00fcssen f\u00fcr den wohlwollenden Applaus, <i>Heimat<\/i>. <i>Engel<\/i>. Singt von einem Engel auf meinem Handgelenk. Zumindest verstehen Pia und ich diese Worte. Nicht nur wir, Anna erz\u00e4hlt, dass sie einst nach einem Konzert einen gl\u00e4sernen Schutzengel geschenkt bekommen hatte, welchen sie auf ihr Handgelenk setzen sollte. Nein: <em>Ich bin nur ein Engel, auf deine Bahn gelenkt<\/em>. Achso. Dann: Kommando Untergang. Traurigsch\u00f6n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der zweite Teil ist nun zu Ende, nicht endenwollender Applaus, Zugabe mit dem Tretboot nach Hawaii, <em>Ahoi, Ahoi, Mit dem Tretboot nach Hawaii, Die Sonne scheint bist du dabei? Komm wir machen heute frei! Und trinken saure Limonade, Essen Blaubeereis mit Sahne Und wenn sie fragen wo wir waren, Sagen wir: Tretbootfahren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anna bekommt eine Flasche Wein geschenkt, bedankt sich artig und singt zum Finale &#8222;Benjamin&#8220;. Gibt anschlie\u00dfend Autogramme, ich hole mir eine CD, die ich noch nicht habe, lasse sie f\u00fcr uns signieren, bedanke mich jetzt selbst. Drau\u00dfen ist nun bald Nacht, von irgendwoher wummert Musik. Wir treffen uns noch einmal mit unserem Freund, trinken ein finales Sch\u00f6ppchen. Die Natur auf der Spur hat Feierabend, die Jugend ganz in wei\u00df tanzt zu modernen Kl\u00e4ngen, die Buden schlie\u00dfen langsam f\u00fcr den morgigen Tag. Wir wandern nach Auerbach, werden im Bahnhof von einem vorbeirauschenden G\u00fcterzug fast auf die Gleise geweht und wundern uns \u00fcber die Diskrepanz zwischen dem ausgedruckten und ausgewiesenen Fahrplan. Aber unser Zug ist fast p\u00fcnktlich, wir verabschieden uns, und landen inmitten wei\u00dfer Jugendlichen im proppevollen Zug. War wohl doch nicht so doll. Wenn sich Jugendliche unterhalten wird es manchmal sinnfrei, manchmal laut. So war ich also auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwingenberg, Darmstadt S\u00fcd, Frankfurt &#8211; mit jedem Halt wird die Bahn etwas leerer, die letzten Kilometer k\u00f6nnen wir uns setzen, Endstation Hauptbahnhof. Nachtschw\u00e4rmer sind unterwegs in die Disco, die M\u00e4dchen aufgebrezelt in hohen Schuhen. Dabei k\u00f6nnten sie so h\u00fcbsch sein. Die U-Bahn kommt, wir rauschen in die Nacht, waren unterwegs. Es ist gut, mit Pia unterwegs zu sein. Sehr gut, sogar. Auch wenn abends die F\u00fc\u00dfe schmerzen. Oder der R\u00fccken. Danke daf\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p><iframe src=\"\/\/player.vimeo.com\/video\/93291650\" width=\"500\" height=\"281\" frameborder=\"0\" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen><\/iframe> <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/vimeo.com\/93291650\">Anna Depenbusch &#8211; Tretboot nach Hawaii<\/a> from <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/user27472400\">HBBL303<\/a> on <a href=\"https:\/\/vimeo.com\">Vimeo<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterwegs. Fahre bei tagblauem Himmel auf der Autobahn, fahre auf der Landstra\u00dfe, balearische Ibiza-Gitarrenkl\u00e4nge, ein Reisebus f\u00e4hrt gem\u00e4chlich vor mir her, die Insassen betrachten den Rhein. 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