{"id":6822,"date":"2014-03-06T11:14:32","date_gmt":"2014-03-06T10:14:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=6822"},"modified":"2014-03-06T11:59:02","modified_gmt":"2014-03-06T10:59:02","slug":"nordkorea-camp-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=6822","title":{"rendered":"Nordkorea &#8211; Camp 14"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Eine ergreifende und tiefgehende Dokumentation \u00fcber die Arbeitslager in Nordkorea liefert der Film <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Camp-14-Total-Control-Zone\/dp\/B00DI6MD08\" target=\"_blank\">Camp 14<\/a> von <a href=\"http:\/\/www.camp14-film.com\/Camp_14\/Marc_Wiese.html\" target=\"_blank\">Marc Wiese<\/a>, der den Fl\u00fcchtling <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Shin_Dong-hyuk\" target=\"_blank\">Shin Dong-hyuk<\/a> zwei Jahre mit der Kamera begleitete und dessen Geschichte erz\u00e4hlen lie\u00df. Shin Dong-hyuk wurde 1982 im Arbeitslager Camp 14 geboren und konnte 2005 \u00fcber China nach S\u00fcdkorea fl\u00fcchten. Dazwischen liegen unfassbare Jahre, unfassbare Erfahrungen eines Menschen, dessen Leben in einem Gef\u00e4ngnis innerhalb eines Gef\u00e4ngnisses gelebt wurde &#8211; und selbst dort noch in einem Gef\u00e4ngnis. 200.000 Menschen sollen weitgehend unbeachtet von der Welt\u00f6ffentlichkeit in den Lagern vegetieren.<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-124838592.html\" target=\"_blank\">wissen <\/a>wenig \u00fcber das <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/fotos-aus-nordkorea-a-827116.html\" target=\"_blank\">Leben in Nordkorea<\/a> und noch weniger aus den <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/ausland\/nordkoreas-arbeitslager-skizzen-aus-der-hoelle-2075495.html\" target=\"_blank\">Arbeitslagern <\/a>des Landes, dessen F\u00fchrung die Existenz solcher Lager verneint. Glaubt man den Schilderungen Shin Dong-hyuks &#8211; dessen Angaben nach seiner Flucht von s\u00fcdkoreanischen Beh\u00f6rden gepr\u00fcft und best\u00e4tigt wurden &#8211; und es gibt wenig Anlass, nicht zu glauben, zumal im Film auch ein ehemaliger W\u00e4rter und ein ehemaliger Offizier, die gleichfalls das Land verlassen haben, \u00e4hnliches berichten, so dr\u00e4ngen sich unvermeidlich die Bilder der Konzentrationslager der Nationalsozialisten ins Hirn, die Gewalt, die Kontrolle, der unweigerliche Tod. Alleinstellendes Merkmal der KZ&#8217;s bleibt jedoch der Holocaust, die Massenvernichtung in den Gaskammern.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Shin Dong-hyuk wird 1982 im <a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/weltbuehne\/nordkorea-geboren-im-konzentrationslager-Shin-Dong-hyuk\/54559\" target=\"_blank\">Camp 14<\/a> geboren, seine Eltern sind sich erst im Lager begegnet, wurden als Belohnung f\u00fcr Arbeitsleistung verheiratet &#8211; doch als emotionale Familie in unserem Sinne k\u00f6nnen wir dies nicht begreifen. Vielleicht k\u00f6nnen wir gar nichts begreifen, denn der Film endet mit der Sehnsucht Shin Dong-hyuks nach dem Lager, welches er als Heimat begreift, trotz Folter, trotz einer wie auch immer gearteten Schuld am Tod seiner Mutter, seines Bruders, deren vermeintliche Fluchtpl\u00e4ne er an die W\u00e4rter verraten hatte, wie es das Leben dort vorsah. Wie es normal war f\u00fcr jemanden, dessen Lebenseindr\u00fccke ausschlie\u00dflich aus den Erfahrungen des Lagers gespeist wurden. Wie es normal war, dass ein M\u00e4dchen im Alter von sechs Jahren zu Tode gefoltert wurde, da es f\u00fcnf Maisk\u00f6rner in der Hosentasche verborgen hatte. Welches Leben sollte man sonst kennen?<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Jahrzehntelang das gleiche Essen, Maisbrei und Kohlsuppe, drei Mal am Tag, und immer zu wenig. Jeden Tag. Dazu Zwangsarbeit im Kohlewerk. Die W\u00e4chter sehen die Gefangenen auf einer Stufe mit Fliegen. Eher geringer. Sie t\u00f6ten, sie qu\u00e4len, sie foltern, sie haben freie Wahl. Sie schw\u00e4ngern Insassinen und schneiden ihnen den F\u00f6tus aus dem Bauch, h\u00e4ngen die Frauen auf. Wenn ehemalige W\u00e4rter erz\u00e4hlen, kommt das Grauen auf leisen Sohlen. Doch kann man sie moralisch verurteilen, die W\u00e4rter? Auch sie leben ein Leben in ihrem Rahmen und kennen es nicht anders. Wie wird einst die Konfrontation mit den Opfern aussehen? Die auf eine bestimmte Art und Weise auch T\u00e4ter sind, wie die W\u00e4rter Opfer sind. Wir sind wom\u00f6glich borniert, gefangen in unseren Vorstellungen. Welche sollten wir auch sonst haben? Es gibt keinen Vergleich.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Shin Dong-hyuk spricht heute \u00fcber das Lager, h\u00e4lt Vortr\u00e4ge in aller Welt, wenn er \u00fcber sich spricht, stockt er. Es ist nicht nur die Erinnerung, die zur\u00fcckkommt, die Wut, wenn er seine Narben sieht. Es ist die Seele, die in der jetzigen Welt keine Heimat findet. In S\u00fcdkorea ist die Selbstmordrate hoch, alles dreht sich ums Geld. Im Lager gab es kein Geld. Es gab nur einen unb\u00e4ndigen \u00dcberlebenswillen &#8211; trotz der Tatsache, dass nahezu alles verboten war und mit dem Tod bestraft wurde. Oder vielleicht genau deshalb. Es braucht nicht viel, um ins Lager zu kommen. Wer sich mit Zeitungspapier eine Zigarette dreht, auf dem ein Konterfei des F\u00fchrers abgebildet ist, landet im Lager. Wer bei Namensnennung der F\u00fchrer das Wort <em>Genosse<\/em> vergisst, kommt ins Lager.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Shin Dong-hyuk beobachtet durch ein Fenster, wie sein Bruder, der aus dem Zementwerk geflohen ist, mit seiner Mutter spricht. Die Mutter hatte von ihren Lebensmittelrationen ein Weniges abgezweigt, gibt dies dem Bruder, der fliehen muss. Shin Dong-hyuk ist getroffen. Warum bekommt der Bruder zu essen, nicht er selbst? Da zudem das Geheimhalten von entdeckten Fluchtpl\u00e4nen mit dem Tod bestraft wird, verr\u00e4t er die Pl\u00e4ne an seinen Lehrer, hofft, Klassensprecher zu werden, mehr zu essen zu bekommen. Er ist damals 14. Die Bilder, die wir sehen, sind gezeichnet, aus der Erinnerung. Es gibt so gut wie kein Filmmaterial aus Nordkorea, geschweige denn aus den Lagern.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Er bekommt nichts. Au\u00dfer Folter. Der Lehrer meldet den Vorfall als seine eigene Entdeckung, Shin Dong-hyuk wird verh\u00f6rt, gefoltert, ein Feuer wird unter seinem R\u00fccken angez\u00fcndet. Bleibt ein halbes Jahr im Gef\u00e4ngnis, bis ihm geglaubt wird. Die letzte Zeit verbringt er in einer Zelle mit einem \u00e4lteren Mann, der ihn pflegt. Bis dahin wusste er nicht, dass sich Menschen Gutes antun k\u00f6nnen. Als er entlassen wird, trifft er seinen Vater wieder, der gleichfalls im Gef\u00e4ngnis sa\u00df. Sie fahren mit verbunden Augen zu einem Platz, dem Platz der Hinrichtungen. Doch sie werden nicht hingerichtet. Sie stehen in der ersten Reihe und sehen, wie der Bruder erschossen und die Mutter gehenkt wird. Shin Dong-hyuk nimmt dies emotionslos zur Kenntnis. Oder aber: Er ist w\u00fctend auf seine Mutter. Die erste Hinrichtung sah er im Alter von vier Jahren. Man lernt nicht, dies in Frage zu stellen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sp\u00e4ter arbeitet ein \u00e4lterer Mann mit ihm zusammen, einer, der von drau\u00dfen kommt und davon erz\u00e4hlt. Unter Lebensgefahr davon erz\u00e4hlt. Von gebratenen H\u00e4hnchen, gekochtem Fleisch. Es geht nicht um Freiheit, es geht ums Essen. Wenn es im Lager Fleisch gab, dann Ratten, die sich in die kargen Behausungen verirrt hatten. Ratten haben weiche Knochen, sie a\u00dfen sie vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sie wollen an einem regnerischen Tag fliehen, sein Partner klettert \u00fcber den elektrischen Zaun, wird von einem Stromschlag t\u00f6dlich getroffen, der K\u00f6rper aber dr\u00fcckt die Dr\u00e4hte nach unten, Shin Dong-hyuk krabbelt hindurch, krabbelt \u00fcber den Leichnam ins Freie, auch hier Verletzungen, die er nicht sp\u00fcrt. Er sieht Farben. Unfassbare Farben. Stiehlt Lebensmittel, Kleidung und kommt erstmals mit Geld in Ber\u00fchrung. \u00dcber China schl\u00e4gt er sich nach S\u00fcdkorea durch. Doch frei, frei ist er nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Auf die Frage, was er aus dem Lager vermisst, antwortet er: Mein unschuldiges Herz. Wenn die Grenzen fallen sollten, will er zur\u00fcck nach dort, will von dem leben, was er anbaut. Doch wie sollen die Grenzen fallen? Das Land ist abgeschottet, die Lager sind abgeschottet, man kommt kaum hinein und schon gar nicht hinaus. Die Kontrolle ist allgegenw\u00e4rtig wie der Tod, wie der Hunger, wie die Denunziation. Wie die F\u00fchrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck bleibt die traurige Wut, hilflos zu sein beim Anschauen dieser Bilder &#8211; mit unserer eigenen Geschichte im Genick. Viele der \u00fcberlebenden KZ-Insa\u00dfen wussten nach der Befreiung 1945 nicht wohin. Wie ein Nordkorea in Zukunft aussehen kann, vermag ich nicht zu sagen. Das Elend der Arbeitslager aber muss aufh\u00f6ren. Sofort.<\/p>\n<p><em><br \/>\nDas Eingangsfoto ist ein Pressefoto der <a href=\"http:\/\/www.camp14-film.com\/Camp_14\/Fotos.html\" target=\"_blank\">Engstfeld Film GmbH<\/a><\/em>. Der Film ist derzeit noch in der <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/guide\/de\/043122-000\/camp-14-total-control-zone?autoplay=1\" target=\"_blank\">Mediathek <\/a>zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ergreifende und tiefgehende Dokumentation \u00fcber die Arbeitslager in Nordkorea liefert der Film Camp 14 von Marc Wiese, der den Fl\u00fcchtling Shin Dong-hyuk zwei Jahre mit der Kamera begleitete und dessen Geschichte erz\u00e4hlen lie\u00df. Shin Dong-hyuk wurde 1982 im Arbeitslager Camp 14 geboren und konnte 2005 \u00fcber China nach S\u00fcdkorea fl\u00fcchten. 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