{"id":4564,"date":"2011-10-06T12:21:54","date_gmt":"2011-10-06T10:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=4564"},"modified":"2011-10-06T15:37:02","modified_gmt":"2011-10-06T13:37:02","slug":"tatort-borowski-und-die-frau-am-fenster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=4564","title":{"rendered":"Tatort &#8211; Borowski und die Frau am Fenster"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Tatort &#8211; der Dauerbrenner unter den Krimiserien schlechthin. Seit 1970 blicken wir in mittlerweile 812 Folgen hinter die Fassade deutscher Fernsehverbrecher und auch hinter die Kulisse deutscher Krimimachart. Zwischen Biedermeier (Kommissar Brinkmann mit Fliege), Hemds\u00e4rmeligkeit (Schimanski)\u00a0 und Routine (Odenthal, Leitmeyer\/Wachtl) blitzen nur selten TV-Momente auf, die nachhaltig in Erinnerung bleiben.<!--more--> So war 1977 die gesamte Jugend in Nastassja Kinski verliebt, so deprimierte sich Andrea Sawatzki in gro\u00dfartiger Stiefelmode durch Frankfurts Stra\u00dfen und so blieb in der Folge 751 <a href=\"http:\/\/www.tatort-fundus.de\/web\/folgen\/chrono\/ab-2010\/2010\/751-weil-sie-boese-sind.html\" target=\"_blank\">Weil sie b\u00f6se sind<\/a> der M\u00f6rder am End unbehelligt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meist jedoch ist der Tatort ein Kompromiss zwischen politischer Korrektheit, R\u00fccksicht auf den Zeitpunkt der Ausstrahlung und bildungsb\u00fcrgerlichem Anspruch, mit einem Wort: Langweilig. Unterhaltsam im besten Falle (Saalfeld\/Keppler in Leipzig, Lannert\/Botz in Stuttgart) nervig bis ins Mark im Schlimmsten (Inga L\u00fcrsen in Bremen). Dazu gibt es noch die Supernanny des deutschen Krimis; Maria Furtw\u00e4ngler alias Kommissarin Charlotte Lindholm &#8211; die Frau, die alles kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist es wenig verwunderlich, dass der sogenannte Schwedenkrimi weitaus wohlwollender goutiert wird; oben im Norden traut man sich was &#8211; vor allem, da die Kamera so manchesmal dorthin geht, wo es weh tut &#8211; auf das Verbrechen selbst. Traurig, dass die Darstellerin der Linda Wallander, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johanna_S%C3%A4llstr%C3%B6m\" target=\"_blank\">Johanna S\u00e4llstr\u00f6m<\/a>, 2007 freiwillig das Erdenleben verlassen hat, ersch\u00fctternd noch dazu, weil ihr TV-Kollege Stefan Lindman, gespielt von Ola Rapace, sich im Film selbst t\u00f6tete und Linda Wallander lebend zur\u00fcck lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geschichten, Figuren, Darsteller, die haften bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass durch die Popularit\u00e4t von Wallander, Beck, Lund und Co eine Verpilcherisierung des Genres einhergeht, ist wenig \u00fcberraschend &#8211; daf\u00fcr aber umso \u00e4rgerlicher. Aus der Melange grausam \u00e4sthetischer Bilder eingef\u00fcgt in malerische Landschaften feat. melancholischer Kommissare inclusive Einblicke in zerst\u00f6rte Lebensverh\u00e4ltnisse gerinnen auch im hohen Norden die Krimis im Laufe der Zeit immer h\u00e4ufiger zu einem Abziehbild, zu \u00e4sthetischen Schablonen, hinter denen die Geschichte zur\u00fcckbleibt. Island, Schweden, Norwegen &#8211; es scheint egal, Hauptsache Norden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es auch in Deutschland anders zugehen kann zeigt die 812. Folge des Tatorts <a href=\"http:\/\/www.tatort-fundus.de\/web\/folgen\/chrono\/ab-2010\/2011\/812-borowski-und-die-frau-am-fenster.html\" target=\"_blank\">Borowski und die Frau am Fenster<\/a>, die am 02.10.2011 erstmals ausgestrahlt wurde. Und gro\u00dfen Anteil daran hat die Frau, die schon in den ersten Sekunden hinter regennasser Fensterscheibe ins Bild kommt. <em>Ich wei\u00df, es wird einmal ein Wunder geschehen<\/em> singt Zarah Leander, derweil die Frau im Auto rauchend auf einem Feldweg wartet und mitsingt. Als ein Polizeimotorrad vorbei saust, f\u00e4hrt sie los, \u00fcberholt es mit \u00fcberh\u00f6hter Geschwindigkeit und l\u00e4sst sich willig anhalten. Es reicht ein Augenaufschlag, um Bescheid zu wissen: Hier geht etwas nicht gut aus &#8211; die Frau wird ihren Anteil dazu beitragen. <em>(Was soll ich jetzt mit ihnen machen? Alles. Alles, was sie m\u00fcssen)<\/em> Und so ist es dann auch. Die Frau mit den auff\u00e4llig roten Haaren ist die Nachbarin des Polizisten, dieser t\u00e4towiert und ansehnlich. Und sie begehrt ihn &#8211; aus der Distanz. Zun\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.agentur-schneider-berlin.de\/ie\/link\/ca_vita.html\" target=\"_blank\">Sibylle Canonica<\/a> spielt Charlotte Delius, eine Tier\u00e4rztin auf dem Land, hinter deren hilfsbereiter Fassade ein Grauen aufblitzt, derartig intensiv, dass sie schon nach wenigen Minuten ihren Platz in der Tatort-Historie sicher hat. Als der Polizist (Dirk Borchardt) schon wenig sp\u00e4ter eine Freundin mit nach Hause bringt und beide von der im Garten arbeitenden Tier\u00e4rztin (deren Tochter in Afrika verweilt) beobachtet werden, ahnt man schon, dass es kein Gl\u00fcck von Dauer sein wird. Der Schnitt durch einen trockenen Ast besiegelt quasi das Ende &#8211; zumal in einer anderen Einstellung gezeigt wird, wie ein Junge sein durch versteckte Fallen verletztes Kaninchen behandeln l\u00e4sst. <em>Wer macht den so etwas<\/em> fragt die Tier\u00e4rztin als sie den Karnickel verarztet <em>(Ein b\u00f6ser Mensch war das)<\/em> und im gleichen Atemzug: <em>Das n\u00e4chste Mal gr\u00fc\u00dft du aber<\/em>. Der Junge sagt versch\u00e4mt <em>ja<\/em>, und wir wissen nun, wer so etwas macht &#8211; Haustiere in Tierfallen locken. Es ist der gleiche Mensch, der den Hund des Polizisten vergiftet, um ihn kurz darauf helfend im Beisein des Polizisten und dessen Freundin ins Dasein zur\u00fcck zu holen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenig sp\u00e4ter wird die etwas zu Lolita-nuttig gekleidete neue Freundin des Polizisten vor unseren Augen wie auch in Gegenwart des Hundes von der Tier\u00e4rztin nahezu spurlos beseitigt &#8211; man sollte keine Babyrassel in deren Anwesenheit kaufen &#8211; und somit entf\u00e4llt das klassische &#8222;wer war&#8217;s&#8220;, zumal Einstellungen im Keller von Charlotte Delius eingelegte und konservierte Tiere zeigen; vulgo: Leichen im Keller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst jetzt kommt Kommisar Borowski ins Spiel und dazu auch die Kommissaranw\u00e4rterin Sarah Brandt, gespielt von der famosen Sibel Kekilli. Zun\u00e4chst etwas zu forsch, etwas zu sehr an <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stieg_Larsson\" target=\"_blank\">Stieg Larssons<\/a> Lisbeth Salander erinnernd (deren Name ganz nebenbei dem der Linda Wallander nicht un\u00e4hnlich ist und die in den Filmen der\u00a0 Millennium-Trilogie von der <del>Schwester<\/del> Ex-Frau von Ola Rapace, Noomi Rapace, gespielt wird) erspielt sich Sarah Brandt die Rolle neben Borowski und sticht dabei zwei andere Bewerber mir nichts, dir nichts aus. Gut, dass in der klinisch rein hinterlassenen Mordwohnung die Zahnspange des Opfers gefunden wird &#8211; eine erste Spur und ein Lacher dazu. Der einzige, der mir zu den Stichworten Zahnspange und Freundin einf\u00e4llt, ist sonst Lothar Matth\u00e4us.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Borowski einen alten Passat (Kennzeichen KI-HL &#8230;!) f\u00e4hrt und mobil noch mit Antenne telefoniert, wei\u00df Sarah Brandt die digitalen Medien zu nutzen und zeigt, dass nichts ist, wie es scheint. Der Polizist entpuppt sich im fr\u00fcheren Leben als j\u00e4hzornig und die soeben verschiedene Freundin als wei\u00dfrussisches Escortm\u00e4dchen &#8211; wobei beides nichts mit dem Fall zu schaffen hat, h\u00f6chstens soviel, um falsche F\u00e4hrten zu legen; aber im Gegensatz zu Borowski wissen wir ja, wer der T\u00e4ter bzw die T\u00e4terin ist. Borowski wiederum hat seinen Vorgesetzten, der offiziell im Urlaub weilt, bei sich zu Gast &#8211; dessen Frau hat ihn auf der Reise kurzerhand vor die Autot\u00fcr gesetzt und einen Reifen selbst gewechselt. Damit kommt nun die dritte starke Frau ins Spiel und dazu ein Hauch St\u00f6ver\/Brockm\u00f6ller, denn der Vorgesetzte entpuppt sich als fabelhafter Handwerker, der auch gerne mal in Unterhose werkelt. Etwas ungl\u00fccklich, wenn dabei die neue Kommissaranw\u00e4rterin vorbeischneit und wissend von dannen zieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den Tatortfolgen mit Thiel und B\u00f6rne wissen wir, dass Humor die W\u00fcrze eines netten Filmes sein kann (jedoch nur in hom\u00f6opathischen Dosen) und so wird die Stringenz der Handlung immer wieder erg\u00e4nzt durch entspannende Momente (so schon in der ersten Begegnung Borowski\/Brandt &#8211; wobei verschwiegen wird, dass sie sich schon kennen m\u00fcssen: Es war nicht der erste gemeinsame Tatort der beiden).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Ungereimtheiten fallen auf: So wird etwa eine auff\u00e4llige Reifenspur nicht untersucht und so wird zun\u00e4chst auch nicht gekl\u00e4rt, welche Rolle der Bauer eigentlich spielt, der obgleich er keinen F\u00fchrerschein besitzt munter umher treckert, dabei dem motorradelnden Polizisten im Wege steht und best\u00e4ndig etwas von einer roten Hexe (nat\u00fcrlich rot!) murmelt. In dessen Bauernhaus findet sich sp\u00e4ter eine Art Lampenschirm aus Brillen, der auch schon in einem anderen Tatort zum Einsatz kam. Kurz und gut: Bei diesem Haus wird in einem Abfallschacht die Leiche der Vermissten gefunden und dazu auch noch eine zweite, welche schon l\u00e4nger in der Tiefe verweilt &#8211; ein Gem\u00e4lde des Bauers bringt Borowski auf die richtige Spur, zumal Kollegin Brandt heraus gefunden hat, dass die Tochter von Charlotte Delius niemals einen Reisepass besessen hat &#8211; und somit auch nicht in Afrika sein kann. Ob das B\u00e4uerlein den Mord an ihr seinerzeit mit erlebt hat, l\u00e4sst sich nur vermuten &#8211; eine Herzattacke rafft ihn hinfort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdessen wird ein verendetes Pferd in einen Container gehievt, eine Zecke in der Mikowelle zum blutigen Platzen gebracht und eine Zigarette von der Tier\u00e4rztin in der eigenen Hand ausgedr\u00fcckt. Rauchend stand sie am Fenster und blickte auf ein Leben, das so nicht statt findet. W\u00e4hrend in den vergangenen Jahrzehnten das Rauchen einer Kippe quasi zum guten Ton geh\u00f6rte &#8211; in Krankenh\u00e4usern, Kinos, Kneipen &#8211; so ist heute eine Zigarette in der Hand ein sicheres Zeichen f\u00fcr das B\u00f6se, dass in uns allen schlummert: Der M\u00f6rder ist immer der Raucher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Showdown ger\u00e4t dann wieder typisch Tatort; Borowski enttarnt die M\u00f6rderin, wird von ihr \u00fcberw\u00e4ltigt, doch noch w\u00e4hrend sie die finale Spritze ansetzt, erscheint im allerletzten Moment Sarah Brandt <em>(Wenn ich in zehn Minuten nicht wieder da bin, holst du die Polizei. Aber ich bin doch die Polizei)<\/em> und schie\u00dft durchs Fenster auf die Tier\u00e4rztin, worauf diese sich die m\u00f6rderische Spritze im Fallen selbst injiziert und Borowski mit dem Schrecken und einem Elektroschock davon kommt. Eigentlich geh\u00f6rt die Rettung in letzter Sekunde beh\u00f6rdlich verboten, aber sei&#8217;s drum. Und nat\u00fcrlich erscheint die urlaubende Ehefrau von Borowskis Vorgesetztem und nat\u00fcrlich liebt sie ihren Mann noch immer und nat\u00fcrlich wird alles gut. Die B\u00f6sen sind dingfest gemacht und das Gl\u00fcck geh\u00f6rt den Guten. Man kann ja den Bundesb\u00fcrger nicht mit dem Gef\u00fchl ins Bett lassen, dass vielleicht doch nicht alles gut ist, dass da drau\u00dfen das Grauen unerkannt sein Unwesen treibt und dieses Grauen wom\u00f6glich gar in uns wohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies \u00e4ndert aber nichts daran, dass das verzweifelnde Sehnen, das Ringen um Liebe beim gleichzeitigen Versuch der Au\u00dfenwelt stand zu halten, eine winzige Tr\u00e4ne bereit h\u00e4lt; dieses Standhalten aber nur durch Strafe, durch das Zuf\u00fcgen von Schmerzen (sich selbst, Tieren Menschen) auszuhalten ist. Und das dies von Sibylle Canonica meisterhaft gespielt wird. Die, ganz nebenbei, weitaus j\u00fcnger wirkt, als sie tats\u00e4chlich ist und die ich bislang noch gar nicht kannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn nicht alles Gold ist, was hier vor sich hin gl\u00e4nzt, so sind der von Axel Milberg unaufgeregt gespielte Borowski, die pfiffige Sibel Kekilli in der Rolle der Sarah Brandt und vor allem die grandiose Sibylle Canonica die Garanten daf\u00fcr, dass wir im 812. Tatort einen der Besseren zu sehen bekamen. Kiel liegt ja auch im Norden. Also fast Schweden. Doch das Wunder blieb aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tatort &#8211; der Dauerbrenner unter den Krimiserien schlechthin. Seit 1970 blicken wir in mittlerweile 812 Folgen hinter die Fassade deutscher Fernsehverbrecher und auch hinter die Kulisse deutscher Krimimachart. 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