{"id":4482,"date":"2011-09-19T12:21:42","date_gmt":"2011-09-19T10:21:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=4482"},"modified":"2011-09-19T15:57:24","modified_gmt":"2011-09-19T13:57:24","slug":"es-lebe-der-friedhof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=4482","title":{"rendered":"Es lebe der Friedhof"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Zum dritten Mal hatte das Eintracht Frankfurt Museum einen <a href=\"http:\/\/beverungen.blogspot.com\/2010\/11\/tatort-hauptfriedhof.html\" target=\"_blank\">Rundgang <\/a>\u00fcber einen der Frankfurter <a href=\"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=4045\" target=\"_blank\">Friedh\u00f6fe <\/a>organisiert, um Gr\u00e4ber verstorbener Eintracht-Gr\u00f6\u00dfen zu besuchen. Fanden die ersten beiden Rundg\u00e4nge noch in Eigenregie statt, so war der dritte eingebettet in den <a href=\"http:\/\/www.frankfurter-hauptfriedhof.de\/tagdesfh11.htm\" target=\"_blank\">Tag des Friedhofs<\/a>, eine Veranstaltung bei der der Hauptfriedhof quasi einen Tag der offenen T\u00fcr anbot und wir um 12:00 Uhr einen Spaziergang zu den Gr\u00e4bern verstorbener Eintrachtler unternahmen. <!--more-->Bei anderen Vereinen k\u00f6nnen die Toten sogar in der N\u00e4he des Spielfeldes beigesetzt werden; speziell ist dabei das Verstreuen der Asche der Verbrannten auf dem Rasen. Dies f\u00fchrt allerdings zu bislang ungeahnten Problemen. Da in modernen Stadien der Rasen regelm\u00e4\u00dfig ausgetauscht wird, w\u00e4re ja nun auch die Asche perdu. In England ging man dazu \u00fcber, die Asche auf Rasenteilen hinter den Toren zu verstreuen; auf dass die Ewigkeit ein Auge darauf hat.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ein Trupp von 25 Menschen, darunter der Enkel und Urenkel des Eintracht-Gr\u00fcnders Albert Pohlenk sowie Inge Kress, die Frau des einstigen Nationalspielers Richard Kress,\u00a0 setzte sich bei einsetzendem Regen in Bewegung. Wir besuchten die Gr\u00e4ber des Eintrachtfans Georg Poth, der in den F\u00fcnfziger und Sechziger Jahren die Eintracht begleitete. Poth verstarb am Abend des 19.09.1964. Zuvor hatte er im Stadion die bis heute h\u00f6chste Niederlage der Eintracht in der Bundesliga gesehen &#8211; mit 0:7 ging die Eintracht gegen den KSC damals unter &#8211; zuviel f\u00fcr den Mann, der auf fast allen Bildern anl\u00e4sslich des Titelgewinns 1959 zu sehen ist.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Weiter ging&#8217;s zum 1930 verstorbenen Albert Wamser, dessen Grabstein ein m\u00e4chtiges Portrait des Verstorbenen ziert; Wamser, der nicht zuletzt dem einstigen Reichspr\u00e4sdidenten Hindenburg die Hand gesch\u00fcttelt hat &#8211; und ordentlich stolz darauf war, war ein Ur-Eintrachtler; eine respektvolle Erscheinung mit wallendem Bart der sein Herz an die Turnabteilung verloren hatte. Doch auch bei den Leichtathleten war er zuhause.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die n\u00e4chste Station waren die Gr\u00e4ber von Karl-Heinz Runzheimer und dessen Frau Doris, geborene Eckert. Doris Eckert war eine Leichtathletin und vertrat die Farben der Eintracht bei Olympia 1936 w\u00e4hrend ihr Gatte ein begeisterter Hockeyspieler war und dazu langj\u00e4hriger Mannschaftsarzt der Eintracht-Fu\u00dfballer. Sogar Fritz Walter kam aus Kaiserslautern, um sich bei Runzheimer behandeln zu lassen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Wir wanderten weiter zu den Gr\u00e4bern von Richard Kress und Hermann H\u00f6fer. Beide standen in der Mannschaft, die 1959 die bislang einzige Meisterschaft f\u00fcr die Eintracht an den Main holen konnten, beide standen im Europapokalfinale 1960, in dem Richard Kress das erste Tor erzielen konnte und beide standen auch im allerersten Bundesligaspiel f\u00fcr die Eintracht auf dem Platz; Richard Kress im Alter von 38 Jahren. H\u00f6fer, dessen Spitzname &#8222;Stift&#8220; sich noch aus den Lehrjahren bei einer Bank ableitete, fungierte nach seiner Karriere, die er 1966 verletzungsbedingt beenden musste, noch als Trainer der Amateure und als Vizepr\u00e4sident der Eintracht. Beide sind im gleichen Jahr verstorben, 1996, und liegen nicht weit voneinander entfernt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zu guter Letzt besuchten wir die letzte Ruhest\u00e4tte von Albert Pohlenk, der Mann, der den Vorg\u00e4ngerverein der Eintracht, die Victoria, aus der Taufe gehoben hatte und erster Vorsitzender des Clubs gewesen ist. Pohlenk, der eigentlich aus Sachsen stammt, blieb seinerzeit auf der Walz der Liebe wegen in Frankfurt h\u00e4ngen und stand auch im allersten Spiel der Victoria auf dem Platz, als der FC Bockenheim mit 4:1 besiegt werden konnte. An allen Gr\u00e4bern legten wir im Gedenken einen Blumenstrau\u00df nieder.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als sich nach dem Rundgang die Teilnehmer in alle Winde verstreuten, besah ich mir den Friedhof, der 1828 die Nachfolge des zu klein gewordenen Petersfriedhof antrat genauer. Etliche St\u00e4nde boten Informationsmaterial, es gab Kaffee und Kuchen, Weck und Worscht und F\u00fchrungen zu verschiedenen Themen. Lehrlinge hatte Mustergr\u00e4ber aufgebaut; f\u00fcr ehemalige Kegler, G\u00e4rtner oder Punks &#8211; Plakate verk\u00fcndeten seltsam lustige Spr\u00fcche; beim Grab des vermeintlichen G\u00e4rtners: <em>Seine Welt war das Feld<\/em> oder bei der Punkerin: <em>Sie hatte immer einen eigenen Kopf<\/em>. Das Foto zeigte einen Irokesenschnitt, dessen roter Kamm auf dem Grab mit Erikablumen nachgebildet wurde. Sehr h\u00fcbsch auch das Grab eines Karnevalisten in Narrenform. Tats\u00e4chlich sprang auf dem Friedhof auch ein junges M\u00e4dchen, verkleidet als Clown umher.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Eine Grabreihe zeigte den Verlauf vom ausgehobenen Grab bis hin zum fertigen, Schilder informierten \u00fcber Rituale verschiedener Kulturen; hochinteressant schien mir, dass beim Verbrennungsritual der Hindus das Knacken des Sch\u00e4dels ein Zeichen daf\u00fcr ist, dass die Seele den K\u00f6rper verl\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sogar das Krematorium hatte ge\u00f6ffnet; das Verbrennen von Sarg und K\u00f6rper dauert wie beim Fu\u00dfball 90 Minuten erfuhr ich dabei, bei extremer Fettleibigkeit ist sogar eine Nachspielzeit m\u00f6glich. Auf der R\u00fcckseite der \u00d6fen wird die Asche durch eine kleine Luke entnommen. Jeder Verbrennung wird ein Stein mit eingravierter Nummer beigelegt, auf dass die Asche auch eindeutig dem Verstorbenen zugeordnet werden kann. Die Verbrennung kostet um die 350 Euro, eine Nacht im K\u00fchlregal um die 50.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Da ich nun schon einmal hier war, schloss ich mich einer F\u00fchrung zu den Gr\u00e4ber ber\u00fchmter Frankfurter an. Es war ein eigenartiger Trupp, der sich da unter der Leitung von Brigitte Franke in Bewegung setzte, w\u00e4hrend die Sonne langsam durchbrach. Unter unseren F\u00fc\u00dfen knirschten Kastanien, Haseln\u00fcsse und Eicheln und wir marschierten zu den Gr\u00e4bern ehemaliger B\u00fcrgermeister wie die Herren Adickes, Arndt, Brundert, Kolb, Miquel, M\u00f6ller, Mumm von Schwarzenstein oder Fellner. Tragisch das Ende des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Konstanz_Viktor_Fellner\" target=\"_blank\">Karl Konstanz Viktor Fellner<\/a>, unter dessen Amtszeit die freie Stadt Frankfurt von den Preu\u00dfen annektiert und zu gigantischen Zahlungen verpflichtet wurde. Als Fellner merkte, dass er dies nicht verhindern konnte, erh\u00e4ngte er sich am Morgen des 24.07.1866 in seiner Wohnung in der Seilerstra\u00dfe.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch nicht nur B\u00fcrgermeister liegen hier begraben; auch der legend\u00e4re Heinrich Hoffmann, Erfinder des Struwwelpeter oder Alois Alzheimer, der Entdecker der gleichnamigen Krankheit. Auch einst lebendige Vorbilder f\u00fcr die Geschichten des Struwwelpeter sind hier zu finden, so <a href=\"http:\/\/www.frankfurter-hauptfriedhof.de\/fabriciusphilipp.htm\" target=\"_blank\">Philipp von Fabricius<\/a>, der Zappelphilipp oder das Paulinchen, <a href=\"http:\/\/www.frankfurter-hauptfriedhof.de\/schmidtpauline.htm\" target=\"_blank\">Pauline Schmidt<\/a>, die allerdings nicht verbrannte sondern im Alter von 16 Jahren einer Krankheit erlag.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Etwas in Vergessenheit geraten ist <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lina_von_Schauroth\" target=\"_blank\">Lina von Schauroth<\/a>, die Tochter des Frankfurter Bauunternehmers Philipp Holzmann, der gleichfalls hier begraben liegt. von Schauroth, deren finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit ihr schon fr\u00fch ein Leben als K\u00fcnstlerin erm\u00f6glichte, galt als Grande Dame der Frankfurter Gesellschaft.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das bekannteste Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist sicherlich das von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arthur_Schopenhauer\" target=\"_blank\">Arthur Schopenhauer<\/a>, der sogar in den Zeichnungen von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Busch\" target=\"_blank\">Wilhelm Busch<\/a> verewigt wurde. Die Spazierg\u00e4nge Schopenhauers mit seinem Pudel wurden sicherlich ebenso legend\u00e4r, wie dessen philosophischen Werke. Doch auch Wilhelm Busch hatte einen starken Bezug zu Frankfurt. Durch seinen Bruder Otto, Hauslehrer im Hause Ke\u00dfler, der auch auf dem Hauptfriedhof begraben liegt, lernte er die Bankiersgattin Johanna Ke\u00dfler kennen &#8211; und zwar so gut, dass der Ehemann der Johanna dies am End gar nicht gerne sah, zumal die Begebenheiten im Hause Ke\u00dfler das Material f\u00fcr eine der ber\u00fchmtesten Geschichten Buschs lieferte: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Fromme_Helene\" target=\"_blank\">Die Fromme Helene. <\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Weitere bekannte Frankfurter, die hier ihre letzte Ruhe fanden sind der Unternehmer Josef Neckermann, der Verleger Siegfried Unseld, der Stadtg\u00e4rtner Sebastian Rinz, die Gr\u00fcnderin des Volkstheaters Liesel Christ, die Schriftstellerin Ricarda Huch oder die Industriellenfamilie von Weinberg, die von den Nazis nach der Machtergreifung enteignet wurde. Und nat\u00fcrlich liegt hier auch Friedrich Stoltze: <em>Un es will merr net in mein Kopp enei: wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!<\/em> Aber auch an die weniger bekannten Toten wurde gedacht, so gibt es hier seit einigen Jahren eine Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr diejenigen, die von der Krankheit Aids hinweg gerafft wurden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">K\u00fchl ist&#8217;s geworden und nach \u00fcber 90 Minuten neigte sich der Spaziergang dem Ende zu. Nat\u00fcrlich konnten wir nicht alle Gr\u00e4ber besichtigen, so vermisste ich ein Besuch am Grab der gro\u00dfartigen Fotografin <a href=\"http:\/\/www.frankfurter-hauptfriedhof.de\/namen-htm\/tuellmann1935-1996.htm\" target=\"_blank\">Absiag T\u00fcllmann<\/a>, oder von Theodor W. Adorno &#8211; aber das werde ich sicherlich demn\u00e4chst nachholen, so wie der Friedhof stets einen Besuch wert ist, wenn man grad mal nicht wei\u00df wohin mit sich und seiner Zeit.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">ngg_shortcode_0_placeholder<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum dritten Mal hatte das Eintracht Frankfurt Museum einen Rundgang \u00fcber einen der Frankfurter Friedh\u00f6fe organisiert, um Gr\u00e4ber verstorbener Eintracht-Gr\u00f6\u00dfen zu besuchen. 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