{"id":4045,"date":"2011-05-15T22:38:47","date_gmt":"2011-05-15T20:38:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=4045"},"modified":"2011-05-16T07:29:41","modified_gmt":"2011-05-16T05:29:41","slug":"es-ist-ja-nur-der-schmerz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=4045","title":{"rendered":"Es ist ja nur der Schmerz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sonntag Morgen, Frankfurt-Sachsenhausen. Ein Trupp von 20 Frauen und M\u00e4nner hat sich vor den Toren des S\u00fcdfriedhofs eingefunden. Das Eintracht Museum hatte nach dem Rundgang auf dem Hauptfriedhof zum zweiten Mal zu einer F\u00fchrung zu den Gr\u00e4bst\u00e4tten verstorbener Eintrachtler eingeladen. Im Nachhinein erwies sich der Termin nat\u00fcrlich als eher ung\u00fcnstig &#8211; einen Tag nach dem vierten Abstieg in der Vereinsgeschichte. Nat\u00fcrlich sind wir geknickt, der Samstag steckt allen in den Knochen &#8211; und doch erinnert Matze Thoma daran, dass die Eintracht mehr ausmacht als die jeweiligen elf Kicker und die jeweils aktuelle Situation &#8211; es gibt eine 112j\u00e4hrige Historie und diese Historie ist gepr\u00e4gt von Menschen unterschiedlichster Art. Vier von ihnen liegen hier begraben und an ein f\u00fcnften erinnert eine Gravur auf einem Grabstein.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst besuchen wir das Grab des ehemaligen Pr\u00e4sidenten Rudolf Gramlich, dessen Sohn Klaus nicht nur anwesend ist, sondern gleichfalls Pr\u00e4sident der Eintracht war. Rudolf Gramlich war nicht nur Kapit\u00e4n der Eintracht in den Drei\u00dfiger Jahren; er war WM-Teilnehmer 1934 und trug auch bei Olympia 1936 das Trikot der Nationalmannschaft.\u00a0 Die Rolle Gramlichs im Zweiten Weltkrieg ist bislang nicht eindeutig gekl\u00e4rt. Es gibt Fotos, die ihn in der Uniform der Waffen-SS in Polen zeigen aber auch Schreiben von j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern, die ihn wohlwollend entlasteten. Nach dem Krieg war er zun\u00e4chst als Hauptt\u00e4ter angeklagt, wurde sp\u00e4ter als gering schuldig eingestuft. Nach Entnazifizierung\u00a0 und Verb\u00fc\u00dfung einer Bew\u00e4hrungsstrafe sowie einer Geldstrafe wurde Gramlich 1955 Pr\u00e4sident von Eintracht Frankfurt. In seine Amtszeit fiel die Deutsche Meisterschaft und auch der Einzug in die neugegr\u00fcndete Bundesliga. Bis 1970 lenkte der m\u00e4chtige Mann, in dessen Pr\u00e4sidiumszimmer sogar Nationalspieler die Knie schlotterten, die Geschicke der Eintracht. Ein gro\u00dfer Freund von Gramlich wurde der r\u00fchrige Toni H\u00fcbler, der von 1954 bis 1994 f\u00fcr die Eintracht zun\u00e4chst als G\u00e4rtner und sp\u00e4ter als Zeugwart t\u00e4tig war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anschlie\u00dfend wandern wir zu Joost Deeg, den Nachkriegsschatzmeister, der sich schelmisch als B\u00fcrgermeister von Sachsenhausen ausgab, um freies Geleit bei Ausw\u00e4rtsfahrten zu bekommen. In seinen Wohnungen wurden viele Eintrachtler heimisch, auch Meistertorwart Egon Loy wohnte in einer Wohnung von Joost Deeg, der 1980 verstarb. Ganz in der N\u00e4he liegt das Grab von Richard Kirn, der den deutschen Sport, die Frankfurter Eintracht und die Stadt Frankfurt \u00fcber Jahrzehnte auf gro\u00dfartige Art und Weise journalistisch begleitete und so manch Anekdote nebst kritischer Anmerkung hinterlassen hat. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr den Samstag als einzigen Spieltag &#8211; f\u00fcnfzig Jahre bevor die Debatte erneut aufflammte und er bemerkte, dass die Eintrachttore im Stadion Jahrzehntelang zu niedrig gewesen seien. Kirn ist noch heute, \u00fcber drei\u00dfig Jahre nach seinem Tod, ein Vorbild der schreibenden Zunft. Noch vor wenigen Monaten schrieb Eintrachtfan Andreas Eder im Blog von Kid:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a title=\"Owladler \u00fcber Richard Kirn\" href=\"http:\/\/kid-klappergass.blogspot.com\/2009\/10\/aus-dem-waldstadion.html\" target=\"_blank\">Richard Kirn war es nie genug, lediglich den Verlauf eines Spieles zu  schildern und dessen H\u00f6hepunkte zu benennen, er drang vielmehr tief in  jenes St\u00fcck Leben ein, das in diesen 90 Minuten f\u00fcr uns in verdichteter  Form steckt, er lie\u00df seine Leser die Luft dieses Spiels atmen und malte  ihnen ein Bild der Auseinandersetzung, die sich dadurch oftmals tiefer  einpr\u00e4gen konnte, als durch heutige Pr\u00e4sentation mit 2:30 Minuten  Fernsehberichterstattung.<\/a><\/p>\n<p><a title=\"Owladler \u00fcber Richard Kirn\" href=\"http:\/\/kid-klappergass.blogspot.com\/2009\/10\/aus-dem-waldstadion.html\" target=\"_blank\"> <\/a><\/p>\n<p><a title=\"Owladler \u00fcber Richard Kirn\" href=\"http:\/\/kid-klappergass.blogspot.com\/2009\/10\/aus-dem-waldstadion.html\" target=\"_blank\">Zu \u00fcbersehen, dass Richard Kirn dieses Spiel und seine Atmosph\u00e4re aus tiefstem Herzen geliebt hat, ist unm\u00f6glich.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir begeben uns dann an das Grab des Meistertrainers Paul Osswald, dessen Enkel uns ebenso wie der Urenkel und die Urenkelin begleitet. Paul Osswald \u00fcbernahm die Eintracht schon Ende der Zwanziger Jahre und wurde mit ihr sowohl 1930 als auch 1932 S\u00fcddeutscher Meister. Im gleichen Jahr unterlag die Eintracht mit Rudi Gramlich im Finale zur Deutschen Meisterschaft in N\u00fcrnberg mit 0:2 gegen die Bayern. Trainierte Osswald, dessen Leidenschaft das Fischen war, von 1946 bis 1958 den OFC, so wechselte er zur Saison 58\/59 zur\u00fcck zur Eintracht. Ein Jahr sp\u00e4ter feierte der Verein den vielleicht gr\u00f6\u00dften Triumph der Vereinsgeschichte &#8211;\u00a0 und wurde erstmals Deutscher Meister. In einem der dramatischsten Endspiele der Historie konnten die Mannen um Alfred Pfaff und Richard Kress die Kickers aus Offenbach mit 5:3 niederringen. Der Pr\u00e4sident der Kickers war der Cousin des Eintracht Pr\u00e4sidenten Gramlich. Im Anschluss an den nationalen Titel erfolgte der Siegeszug durch Europa, der erst im denkw\u00fcrdigen Finale in Glasgow vor 127.000 Zuschauern von Real Madrid gestoppt wurde. Mit Osswald zog die Eintracht auch in in die Bundesliga ein &#8211; und belegte im ersten Jahr einen dritten Platz. Besser hat sich die Diva niemals mehr platzieren k\u00f6nnen. Auf die Frage, welche Erinnerungen an seinen Gro\u00dfvater noch besonders pr\u00e4sent sind, antwortet dessen Enkel: <em>Es sind vielleicht die Worte, die er uns mitgab wenn es uns schlecht ging, psychisch oder k\u00f6rperlich; er sagt stets: Ach, es ist doch nur der Schmerz. <\/em>Worte f\u00fcr die Ewigkeit. Ach, es ist doch nur der Schmerz.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Abschluss gedenken wir an den einstigen Eintracht-Spieler und Jugendfunktion\u00e4r Max Lehmann. Max liegt nicht hier begraben, eine Gravur im Grabstein der Familie seiner Frau erinnert an ihn. Max Lehmann stellte seinen K\u00f6rper nach dem Tod medizinischen Zwecken zur Verf\u00fcgung, Gott allein wei\u00df, wo sich die sterblichen \u00dcberreste befinden. Er, j\u00fcdischen Glaubens, heiratete eine Christin und konvertierte ebenfalls zum Christentum. Dies ersparte ihm letztlich nicht den Aufenthalt in einem Konzentrationslager gegen Ende des Krieges, welches er aber \u00fcberlebte. Sein Bruder Jule war der letzte dokumentierte Jude im Trikot der Eintracht w\u00e4hrend der NS-Zeit. 1937 wurde dieser vom Verein ausgeschlossen und aller wahrscheinlichkeit in den Vierziger Jahren in einem Konzentrationslager ermordet. Die Mutter verstarb auf dem Weg ins KZ.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An allen Gr\u00e4bern verweilen wir einen Moment und legen einen Blumenstrau\u00df im Namen der Eintracht nieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dunkle Wolken ziehen auf, als sich die Eintrachtler in alle Winde verstreuen. Wir marschieren zu dritt in ein gegen\u00fcberliegendes Caf\u00e9, trinken einen Kaffee und treffen &#8211; Kurt E. Schmidt, der mit einem Freund die aktuellen Ereignisse bespricht. Kurt ist seit Jahrzehnten Mitglied bei der Eintracht und regelte 1959 als Polizist anl\u00e4sslich der Deutschen Meisterschaft den Verkehr an der Alten Oper mit Eintrachtfahnen, die ihm Alfred Pfaff in die Hand gedr\u00fcckt hatte. Bis heute ist Kurti, wie in seine Freunde nennen, aktiv bei der Eintracht, bei den Profis wie auch bei den Amateuren. Es ist ein gro\u00dfes Hallo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ngg_shortcode_0_placeholder<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag Morgen, Frankfurt-Sachsenhausen. Ein Trupp von 20 Frauen und M\u00e4nner hat sich vor den Toren des S\u00fcdfriedhofs eingefunden. Das Eintracht Museum hatte nach dem Rundgang auf dem Hauptfriedhof zum zweiten Mal zu einer F\u00fchrung zu den Gr\u00e4bst\u00e4tten verstorbener Eintrachtler eingeladen. Im Nachhinein erwies sich der Termin nat\u00fcrlich als eher ung\u00fcnstig &#8211; einen Tag nach dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4047,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[109,753,752,294,340,751,403,446,750,749],"class_list":["post-4045","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-eintracht-frankfurt","tag-eintracht-frankfurt-museum","tag-joost-deeg","tag-jule-lehmann","tag-kurt-schmidt","tag-matthias-thoma","tag-max-lehmann","tag-paul-osswald","tag-richard-kirn","tag-rudi-gramlich","tag-sudfriedhof","post-preview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4045","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4045"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4045\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4055,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4045\/revisions\/4055"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4047"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4045"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4045"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4045"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}