{"id":3972,"date":"2011-05-08T14:00:09","date_gmt":"2011-05-08T12:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=3972"},"modified":"2011-05-09T08:56:49","modified_gmt":"2011-05-09T06:56:49","slug":"doch-dann-stieg-ich-ab-eingelullt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=3972","title":{"rendered":"&#8230; doch dann stieg ich ab. Eingelullt."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a title=\"Abstieg\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bxROkkm02AQ\" target=\"_blank\"><em>Ich war so hoch auf der Leiter, doch dann stieg ich ab<\/em> <\/a>singt Joachim Witt in seinem Evergreen Goldener Reiter. Es ist 01:30 im Museum der Eintracht; die lange Nacht der Museen geht in die Endphase &#8211; wir hatten ge\u00f6ffnet, waren schweren Herzens dabei. Sicher, einige Programmpunkte mussten gestrichen werden; Henni Nachtsheim, Heribert Bruchhagen oder die Autogrammstunde. Sp\u00e4t am Abend sagt auch noch der angek\u00fcndigte DJ ab. <em>Ihm sei nicht nach Feiern.<\/em> Nein sowas. Es passt ins Bild, dass ein angek\u00fcndigter Job nicht eingehalten wird, dass Leute h\u00e4ngen gelassen werden, die auf die Z\u00e4hne bei\u00dfen und einen Abend nach solch einem Tag durchziehen, der f\u00fcr Eintracht Frankfurt in jeder Hinsicht desolat endete. Einer weniger, der nie wieder zu kommen braucht. Auch dann nicht, wenn es um andere Dinge geht. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich war so hoch auf der Leiter, doch dann stieg ich ab. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">33. und vorletzter Spieltag der Bundesligasaison 2010\/11. Nachdem ich meinem Neffen Timm abgesagt habe, wei\u00df ich am Vormittag nicht, was ich machen soll. Eigentlich bin ich ja Stadionsprecher der zweiten Mannschaft, die um 14:00 gegen Darmstadt spielen wird. Normalerweise spielt die Eintracht nicht parallel mit zwei Mannschaften zuhause, nur wenn die Sicherheitsbedenkentr\u00e4ger dies anordnen. Ich hatte mich ja urspr\u00fcnglich daf\u00fcr entschieden, Timm mit in die Arena zu nehmen, also hatte der Verein einen Ersatz f\u00fcr dieses Spiel am Hang organisiert. Jetzt stehe ich ohne Timm da. Und f\u00fchle mich \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pia geht mit ihrem Gro\u00dfen schon fr\u00fch Richtung Arena; sie nehmen die Stra\u00dfenbahn und verabschieden sich f\u00fcrs Erste. Ich hocke derweil zuhause und \u00fcberlege was zu tun ist; f\u00fchle mich elend und stehe kurz zuvor, im Wald Fahrrad zu fahren. Im Blog-G gebe ich einen <a href=\"http:\/\/www.blog-g.de\/070511-eintracht-frankfurt-fc-koeln.html#comment-418970\" target=\"_blank\">Kommentar <\/a>ab, muss aber den Optimisten weichen. Meine <em>Befindlichkeiten w\u00fcrden nicht interessieren<\/em> meint schusch, der davon \u00fcberzeugt ist, dass die eigenen Befindlichkeiten im Moment bedeutsamer sind. Ich \u00e4rgere mich. Was solls: Es ist wie es ist, die Leut&#8216; wollen gl\u00fccklich sein, koste es was es wolle; kostet es den Blick auf eine Realit\u00e4t, die meist ungewaschen daher kommt. So wie sie den Spr\u00fcchen des neuen Trainers glauben wollten, weil sie an irgend etwas glauben wollen. *Schnipps*. Da st\u00f6rt ein negativer Reflex. Fr\u00fcher hie\u00df das dann: Geh doch r\u00fcber, wenns dir hier nicht gef\u00e4llt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fahre mit dem Golf durchs sonnige Frankfurt, es ist wenig los. An der Frontscheibe flattert ein Parkausweis f\u00fcr den Parkplatz am Stadionbad. Sp\u00e4t in der Nacht wird es einige Aufregung geben, weil irgendwer den Parkplatz abgesperrt hat und ein Entkommen nur\u00a0 mit M\u00fche klappt. Wir sind nicht die einzigen. Umzingelt von Idioten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Kennedyallee aus dem Nichts Stau. F\u00fcr den letzten Kilometer brauche ich 45 Minuten, warum wei\u00df ich nicht. Meter f\u00fcr Meter schiebt sich die schwitzende Schlange voran, kollektives Genervtsein, ab und an wechselt einer die Spur in der Hoffnung, schneller voran zu kommen. Meter f\u00fcr Meter inmitten Massen. Ich m\u00f6chte alleine sein. Irgendwann biegen viele Autos Richtung Gleisdreieck ab, ich rolle weiter auf den Parkplatz am Schwimmbad, schl\u00fcpfe unter einer Absperrung hindurch und werde Dank meines Ausweises sofort durchgelassen und nicht kontrolliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stichwort Kontrolle. Diese Kontrollen sind in der Regel blo\u00dfe Provokation, manchmal unbedarft von schlecht bezahlten Mitarbeitern, die ihren Job machen; manchmal absichtlich von herrischen Arschl\u00f6chern, die ihre kurze Macht genie\u00dfen. Ob es im Stadion zu Zwischenf\u00e4llen kommt oder nicht, h\u00e4ngt von ganz anderen Faktoren ab. Dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe keine Hoffnung f\u00fcr den Tag, das vorneweg. Die Eintracht wird nicht gewinnen, es wird irgendwie eskalieren; alleine die Vorf\u00e4lle der vergangenen Woche schreien f\u00f6rmlich danach. Bis heute gibt es au\u00dfer Klaus Veits <a title=\"FNP\" href=\"http:\/\/www.fnp.de\/fnp\/sport\/special-eintracht\/eintracht-wird-ihre-fans-nicht-anzeigen_rmn01.c.8882035.de.html?skipcomments=1\" target=\"_blank\">Stellungnahme <\/a>in der Neuen Presse keinerlei Reflexe auf das Verhalten von Sicherheitsdienst und Polizei nach dem Mainz Spiel am Stadion. Dieser Tage tauchte noch die Stellungnahme eines Mainzer Kameramannes auf, schnell versandete sie in den Tiefen des Netzes. Ansonsten verk\u00fcndete Heribert Bruchhagen, dass er daf\u00fcr sorgen wird, dass es zu keinen Unmuts\u00e4u\u00dferungen gegen\u00fcber dem Abg\u00e4nger Ochs kommen wird. Wie auch immer. Es klang hochm\u00fctig. Und wird Folgen haben; alles andere ist blau\u00e4ugig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gehe ins Museum, da sitzen sie, Uli, Frank, Stefan &#8211; unterhalten sich, wie immer in dieser Saison. Ich hole mir einen Apfelwein und marschiere nach drau\u00dfen. Pia und ihr Gro\u00dfer sind schon auf den Pl\u00e4tzen, ich habe keine Ahnung, was ich machen werde. Setze mich in die Sonne. Jungs mit netten Shirts kommen auf mich zu: <em>Frankfurter Deeskalation<\/em> steht darauf. Die Shirts zeigen einen Cop der eine Waffe an den Kopf eines Fans h\u00e4lt. Ich lache. Zum ersten Mal heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mannschaftsaufstellung wird verlesen, Pfiffe beim Namen Ochs. Kurz darauf dringt Rauch aus den Eing\u00e4ngen, die Ultras geben Feuer &#8211; aufgek\u00fcndigt die Vereinbarung, im eigenen Stadion nicht zu z\u00fcndeln. Wen wundert&#8217;s?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich begebe mich auf meinen Platz, es geht los. Ob es was bringt, wenn sich Fans unter der Woche mit den Spielern zusammen setzen und der Co-Trainer am End die Spieler auffordert, den Fans die Hand zu geben? Alles wird gut. Geschichten aus einem Comic. Gingen fr\u00fcher die Fans auf die Barrikaden, so werden sie heute von der AG eingelullt. Eingelullt. Eingelullt. Nat\u00fcrlich war die Aktion albern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Minuten geht es hin und her, emotionslos gebe ich mich dem Treiben hin. Irgendwas wird supported. Ich gebe es zu, ich kann es nicht mehr h\u00f6ren. Das Megafon bzw. Mikro, die vorgegebenen Texte, den kollektiven Schwachsinn eingefahrener Rituale, die keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor locken. Was ist so schwer daran, die Fresse zu halten, zu gucken und sich dann von den Emotionen mitrei\u00dfen zu lassen. Oder aber auch nicht. Der ganze Supportgedanke hat sich in Frankfurt erledigt, keinen Menschen interessiert, wie toll eine Kurve singen kann, au\u00dfer die Kurve selbst. Eingelullt. <em>Skibbe wir danken dir, Sternenhimmel, Allezallezallezoh.<\/em> Man sind wir klasse. Absteiger allenthalben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tor f\u00fcr K\u00f6ln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Halbzeit, es wird ruhiger. Die Eintracht ist v\u00f6llig \u00fcberfordert, Standfu\u00dfball. Julian Dudda, A-Jugendlicher f\u00e4llt positiv auf. Gekas, ein Inbegriff des Desasters steht vorne rum.\u00a0 Irgendwann wird halbherzig Amanatidis gefordert. Dieser kommt. F\u00fcr Fenin. Auch das ist falsch. Aber egal. Dann bollert ein B\u00f6ller inmitten der eigenen Fans. Oder war&#8217;s zuvor? Keine Ahnung, Tumulte. Fans kloppen sich. F\u00e4hrmann verhindert Schlimmeres. Auf dem Platz. Hoffnung tr\u00e4gt niemand mehr in sich. Wurde ja auch Zeit. Sinnlosester Wechsel des Jahrzehnts: 89. Minute: Altintop f\u00fcr Caio. Dann: Elfmeter f\u00fcr K\u00f6ln. Tor. Podolski. Stimmt, den gibt&#8217;s ja auch noch. Abpfiff. 0:2.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt brechen alle D\u00e4mme. B\u00f6ller gehen hoch. Ein paar Fans st\u00fcrmen den Platz, eher zaghaft, werden von einem Ordner noch freundlich gebeten zur\u00fcckzukehren. Mehr und mehr rennen aufs Spielfeld. Ein Sprecher des Sicherheitsdienstes rotzt unfreundlich ins Mikro, fordert zur R\u00fcckkehr in die Bl\u00f6cke auf, mit jedem Wort rennen mehr auf das Feld. Statt deeskalierend zu wirken, erreicht er genau das Gegenteil. Hilflos martialisch. Die einzigen, die das Unheil verhindern k\u00f6nnen, sind die Ultras. Sie lassen zu, dass alles unkontroliert bleibt. Polizei marschiert auf; die Fans auf dem Rasen flitzen zur\u00fcck. Manche tragen Strurmhauben, andere Trikots. Die Spieler sausen in die Kabine. Der K\u00f6lner Express wird sp\u00e4ter folgende Bild-Text-Kombination ver\u00f6ffentlichen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ngg_shortcode_0_placeholder<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Bub, vielleicht sechs Jahre alt heult in den Armen seines Vaters. Ich denke an Timm, und sage ger\u00fchrt: <em>Ich wollte meinen Neffen auch mitnehmen, genau deshalb habe ich ihn dann doch zuhause gelassen<\/em>. Der Vater schaut nach oben und erwidert: <em>Wir hatten die Karte seit vier Monaten. Wir haben gedacht, es wird ein Fest.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verlassen den Rang. Sp\u00e4ter wird Pr\u00e4sident Fischer beruhigend auf die Fans einwirken; die Spieler auf den Rasen zur\u00fcck holen. <em>Aber wir machen hier Woodstock, kein Gep\u00f6bel<\/em> habe er gesagt berichtet er sp\u00e4ter im Museum. Auch dort stellt er sich den Fragen der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich eine Stunde nach Spielende auf die Terrasse des Businessbereichs gehe, sehe ich Spieler auf dem Rasen, umringt von Fans. manche debattieren, andere schie\u00dfen kumpelhafte Fotos, sammeln Autogramme; andere liegen auf dem Gr\u00fcn, wie bei einem Konzert. Surreal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch ist die Eintracht nicht abgestiegen, aber es gibt keinen Grund zu hoffen. Die Ursachen sind vielf\u00e4ltig und hier und heute ist nicht die Zeit, die Dinge eingehend zu analysieren. Klar ist: Es wird Zeit f\u00fcr einen Neuaufbau. Eine neue sportliche Leitung ist zwingend; ebenso wie eine andere Mannschaft und ein vern\u00fcnftiges Sicherheitskonzept &#8211; und am besten andere Fans samt deren Organisationen. Es wird Zeit, dass der Fu\u00dfball wieder in den Mittelpunkt r\u00fcckt und nicht das Sparbuch,\u00a0 Sponsoreninteressen,\u00a0 sicherheitskonzipierte Machtdemonstrationen, halbstarke M\u00e4tzchen oder die Befindlichkeit diverser S\u00e4nger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abends im Museum ist es ruhig. Bruchhagen stellt sich nicht, sagt ab, es ist vielleicht auch besser &#8211; immerhin liegen sieben Jahre Arbeit in Tr\u00fcmmern, da erkl\u00e4rt man nicht so leicht den Fu\u00dfball und spielt auch keine Rollen mehr. Und vielleicht bald auch keine Rolle. Attila hingegen schaut vorbei; sp\u00e4ter bringen <a href=\"http:\/\/www.sonsofrolfanddetlef.de\/index.php\" target=\"_blank\">The sons of Rolf und Detlef<\/a> die G\u00e4ste zum Lachen. Stadiontouren werden angeboten und das Projekt <a href=\"http:\/\/www.wolfwerke.de\/contao\/index.php\/SanSiro.htm\" target=\"_blank\">San Siro<\/a> vertont das 5:1 gegen Kaiserslautern. Irgendwann stehe ich da, vier, f\u00fcnf Zuschauer verfolgen Klavier und Akkordeon w\u00e4hrend Schur und Zampach auf dem Monitor alles geben. Ich denke an den Tag, Bilder mengen sich, die einlullende Mannschaft, die einlullenden Ges\u00e4nge und der Knall, denke an Timm, der nur mit der Flex vom Bolzplatz zu trennen ist &#8211; und den ich heute nicht mitgenommen habe, mit vollem Recht nicht mitgenommen habe. Tr\u00e4nen schie\u00dfen mir in die Augen, ich kann nicht anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter Kehraus. Joachim Witt singt: <em>Ich war so hoch auf der Leiter, doch dann stieg ich ab. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fahren heim. Wir sind heute nicht abgestiegen. Wir sind das gesamte letzte halbe Jahr abgestiegen. Singend. Und Eingelullt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ngg_shortcode_1_placeholder<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachtrag. Eine Kamera wurde zertreten. Kostenpunkt 600.000 Euro. <a title=\"Kollateralschaden\" href=\"http:\/\/www.blog-g.de\/aus-2.html#comment-420087\" target=\"_blank\">Traurig<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war so hoch auf der Leiter, doch dann stieg ich ab singt Joachim Witt in seinem Evergreen Goldener Reiter. Es ist 01:30 im Museum der Eintracht; die lange Nacht der Museen geht in die Endphase &#8211; wir hatten ge\u00f6ffnet, waren schweren Herzens dabei. 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