{"id":3859,"date":"2011-04-27T14:46:45","date_gmt":"2011-04-27T12:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=3859"},"modified":"2025-01-07T10:04:21","modified_gmt":"2025-01-07T09:04:21","slug":"lotte-specht-eine-frankfurterin-zwischen-kick-und-kabarett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=3859","title":{"rendered":"Lotte Specht, eine Frankfurterin zwischen Kick und Kabarett"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">ngg_shortcode_0_placeholder Am 16. Oktober 1911 erblickte die Metzgerstochter Lotte Specht im Frankfurter Stadtteil Eckenheim das Licht der Welt, aufgewachsen ist sie jedoch ein paar Kilometer entfernt im Gallus. Die Frankfurter Welt aber blickte erstmals auf sie, als Lotte am 29. Januar 1930 im Gasthaus Steinernes Haus den 1. Deutschen Damen Fu\u00dfballclub gr\u00fcndete.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohlwollend berichtete die Journalistin und sp\u00e4tere Pressereferentin der Stadt Frankfurt, Helli Knoll, in den Frankfurter Nachrichten \u00fcber den ungew\u00f6hnlichen Verein, doch sie wusste auch: <em>Wir sind uns aber dar\u00fcber klar, da\u00df es noch manchen Kampf kosten wird, bis auch dieser Sport f\u00fcr die Frau als allgemeing\u00fcltig anerkannt wird. <\/em>Wenige Wochen nach der Vereinsgr\u00fcndung aber berichtete immerhin das Illustrierte Blatt in einer gro\u00dfen Titelgeschichte \u00fcber Lotte Specht und ihre Mitstreiterinnen, die auf der Seehofwiese in Sachsenhausen gegeneinander kickten;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lotte hatte es sogar mit Bild aufs Titelblatt geschafft, was ihrem Vater nicht ganz so recht war. So waren sie und ihre Mitspielerinnen, die sich nicht zuletzt \u00fcber Annoncen in den Frankfurter Nachrichten rekrutierten, dem Gesp\u00f6tt der M\u00e4nnerwelt ausgesetzt und auch so manche Frau soll sich \u00fcber das Treiben der Fu\u00dfballerinnen mokiert haben. Und nat\u00fcrlich war das Lottchen Gespr\u00e4chsthema bei der Kundschaft in der elterlichen Metzgerei in der Hufnagelstra\u00dfe 22.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach anderthalb Jahren endete das Vereinsleben der Kickerinnen, welches die Mannschaft bis nach Frankenthal zu einem Freundschaftsspiel gef\u00fchrt hatte. Frankfurter Frauenfu\u00dfballmannschaften aber sollten erst wieder Ende der Sechziger Jahre in den Blickpunkt r\u00fccken. Auch die Mitspielerinnen des 1.DDFC trafen sich knapp vierzig Jahre nach Gr\u00fcndung wieder &#8211; und lie\u00dfen nat\u00fcrlich die alten Zeiten erneut aufleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lotte Specht besuchte nach der Volksschule auch die Handelsschule, um die Grundlagen f\u00fcr einen \u201ebejerlichen Beruf\u201c zu schaffen. Doch es musste noch mehr in der Welt geben als eine Schreibmaschine und so absolvierte sie die Frankfurter Schauspielschule, wie mit ihr auch Liesel Christ oder Siegfried Lowitz. Das erste Engagement f\u00fchrte Lotte nach Ratibor \u2013 als muntere Naive agierte sie auf der B\u00fchne. Anschlie\u00dfend zog es sie zum Kabarett nach Breslau, als Gage gab es immerhin 30 Deutsche Mark pro Abend. Nach Wanderjahren, die sie nach Dresden, Berlin oder Krefeld f\u00fchrten, zog es Lotte Specht erst wieder nach Ende des gro\u00dfen Krieges zur\u00fcck in ihre nun zerst\u00f6rte Heimat Frankfurt. Die Sehnsucht der Frankfurter nach unbeschwertem Lachen kam der Kabarettistin zu Gute, die nun mit Kollegen in der Kaiserstra\u00dfe das erste Frankfurter Nachkriegskabarett mit dem passenden Namen: <em>Die Unm\u00f6glichen<\/em> betrieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umtriebig blieb Lotte Zeit ihres Lebens, sie organisierte eine Gastspielb\u00fchne, in der mit anderen auch Hans-Joachim Kulenkampff mitwirkte, der ihr das ganze Leben \u00fcber freundschaftlich verbunden blieb. Hausfrauen-Nachmittage oder Bunte Abende brachten ein wenig Glanz nicht nur in die Frankfurter Stuben. In Limburg trat das Gastspielensemble der Lotte Specht genau so auf wie in Schotten oder in Bieber. Es pr\u00e4sentierte bunte Programme, auch Modenschauen, die durch solistische Einlagen erg\u00e4nzt wurden und so manches Mal tauchte Wolf Schmitt alias Babba Hesselbach zur Freude der Anwesenden aus dem Nichts auf der B\u00fchne auf. Und stets berichteten die Lokalzeitungen wohlwollend \u00fcber die Veranstaltungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Olga Tschechowa konnte Lotte Specht zu Beginn der F\u00fcnfziger Jahre einen ganz gro\u00dfen Namen f\u00fcr die Hausfrauen-Nachmittage verpflichten. Verliefen die ersten Auftritte noch verhei\u00dfungsvoll, so trafen sich Lotte und die Tschechowa sp\u00e4ter vor Gericht wieder; statt \u00fcber Sch\u00f6nheitspflege im Allgemeinen referierte die gro\u00dfe Akteurin \u00fcber ihr eigenes Buch im Speziellen. Lotte Specht kam das Verfahren letztlich teuer zu stehen \u2013 doch statt zu wehklagen handelte sie und gr\u00fcndete 1955 die erste Frankfurter Mundartb\u00fchne. In der Gastst\u00e4tte Heymann im Lokalbahnhof startete sie am 1.Juni 1955 mit der Lokalposse \u201eVerspekuliert\u201c von Adolf Stoltze. Auch geh\u00f6rte der Sketch \u201eDie unm\u00f6gliche Situation\u201c zum Premierenprogramm, das Publikum sah Lotte Specht in beiden St\u00fccken in der Hauptrolle. Und f\u00fchlte sich auch sonst recht wohl; w\u00e4hrend der Darbietungen gab es Apfelwein und Handk\u00e4s mit Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein fester Spielort war der B\u00fchne jedoch nicht beschieden, bereits ein Jahr sp\u00e4ter agierte die Mundartb\u00fchne im Bornheimer Restaurant Weing\u00e4rtner \u2013 und nach f\u00fcnf Jahren war ganz Schluss mit dem Mundarttheater \u2013 doch wie beim Frauenfu\u00dfball war Lotte Specht auch hier ihrer Zeit weit voraus. Erst 1971 gr\u00fcndete Liesel Christ das Frankfurter Volkstheater, welches bis heute mit gro\u00dfem Erfolg Frankfurter Mundartst\u00fccke auff\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lotte Specht wechselte ins \u201eb\u00fcrgerliche Fach\u201c und arbeitete fortan erst bei der Polizei, dann beim Sozialamt als Sekret\u00e4rin. Doch die Unterhaltungskunst blieb ihre zweite Heimat. Sie trat in der Frankfurter Justizanstalt (zu der sie erst kein Einlass finden sollte) genau so auf, wie bei bunten Abenden in Altersheimen. Zudem ver\u00f6ffentlichte sie das B\u00fcchlein \u201eLache mit Lotte\u201c. Als sie nach ihrer Pensionierung die Winter auf Mallorca verbrachte, war sie nicht nur beim Radiosender Aleman ein gern gesehener Gast. Im Auftrag der Reiseunternehmen unterhielt sie die Urlauber mit ihren Parodien und Dialekten. Auch in Frankfurt geriet sie keineswegs in Vergessenheit. Zu jedem runden Geburtstag gab es in den Frankfurter Zeitungen einen gro\u00dfen Bericht und auch der prosperierende Frauenfu\u00dfball erinnerte sich an die fr\u00fchen Tage. So war Lotte Specht sowohl beim Hessischen Fernsehen als auch beim ZDF zu Gast \u2013 und auch die Frauen-Nationalmannschaft wusste ob der Bedeutung; sie schickte 2001 sogar einen Brief an Lotte und legte ein Foto bei, das von allen Spielerinnen unterschrieben war. Ein ganz besonderer Dank kam von Deutschlands Rekord-Internationalen Birgit Prinz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 2002 lebte Lotte Specht alleine in ihrer Wohnung im Frankfurter Westend, getreu ihrem Motto \u201eSchee bin ich net mehr, aber noch da.\u201c Nachdem sie Anfang Februar \u00fcber eine Magenverstimmung geklagt hatte und ins Elisabethen-Krankenhaus eingeliefert worden war, schien es ihr wieder besser zu gehen. Doch am Faschingssonntag 2002 ist Lotte Specht im Alter von 90 Jahren friedlich eingeschlafen und am Dienstag darauf auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Jahr h\u00e4tte Lotte Specht ihren einhundertsten Geburtstag gefeiert, im Jahr der Frauenfu\u00dfball Weltmeisterschaft mit dem Finale in der Frankfurter Arena \u2013 und sie w\u00e4re sicherlich stolz gewesen, wenn sie gesehen h\u00e4tte, was aus den Anf\u00e4ngen auf der Seehofwiese doch noch alles geworden ist.<\/p>\nngg_shortcode_1_placeholder\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr zu Lotte Specht, dem Frauenfu\u00dfball in Frankfurt im Allgemeinen und dem Gallus im Besonderen zeigt die vom Eintracht Frankfurt Museum konzipierte und vom Sportkreis Frankfurt erweiterte Ausstellung <a title=\"20 K\u00f6pfe, 11 Geschichten\" href=\"http:\/\/www.frankfurt.de\/sixcms\/detail.php?id=2900&amp;_ffmpar[_id_inhalt]=7304398\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">20 K\u00f6pfe 11 Geschichten<\/a>, die derzeit die Runde macht und vom 02. Mai bis einschlie\u00dflich 15. Mai in der Friedenskirche in der Frankenallee 150 in Frankfurt zu sehen sein wird. <a title=\"Sportkreis\" href=\"http:\/\/www.sportkreis-frankfurt.de\/cms\/cms.php?id=7&amp;page=193\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bonusmaterial zur Ausstellung<\/a> in der Friedenskirche sind vielf\u00e4ltige Informationen zu den Franken 66, die Ende der 60er Jahre die Ideen der Lotte Specht aufgreifen und eine Frauenfu\u00dfballmanschaft aufs Feld schicken.<\/p>\n<p><strong>Abendveranstaltung<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mi, 4. Mai 2011, 19.00 Uhr<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><strong>Lotte Specht und Franken 66<\/strong><\/span><span style=\"font-size: small;\"> &#8211; <\/span><span style=\"font-size: small;\"><strong>Kicken, Kabarett und Karneval<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Ein Abend mit Bildern, Filmen und Geschichten rund um die Fu\u00dfballpionierinnen des Gallus &#8211;<\/p>\n<p>es erz\u00e4hlen Walter Specht, Neffe von Lotte Specht, Heidi Herbst und Mitspielerinnen des Frauenteams der Franken 66.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Fotos entstammen dem Privatalbum von Lotte Specht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16. Oktober 1911 erblickte die Metzgerstochter Lotte Specht im Frankfurter Stadtteil Eckenheim das Licht der Welt, aufgewachsen ist sie jedoch ein paar Kilometer entfernt im Gallus. Die Frankfurter Welt aber blickte erstmals auf sie, als Lotte am 29. Januar 1930 im Gasthaus Steinernes Haus den 1. Deutschen Damen Fu\u00dfballclub gr\u00fcndete.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[4,12],"tags":[709,109,710,707,708],"class_list":["post-3859","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frankfurt","category-wortwelt","tag-20-kopfe-11-geschichten","tag-eintracht-frankfurt-museum","tag-gallus","tag-lotte-specht","tag-sportkreis-frankfurt","post-preview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3859"}],"version-history":[{"count":29,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3859\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16912,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3859\/revisions\/16912"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}