{"id":3672,"date":"2011-04-04T13:54:26","date_gmt":"2011-04-04T11:54:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=3672"},"modified":"2011-04-04T15:59:19","modified_gmt":"2011-04-04T13:59:19","slug":"heimspiel-in-wolfsburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=3672","title":{"rendered":"Heimspiel in Wolfsburg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Da Pia am Sonntag einen Ausflug geplant hatte, stellte sich mir die Frage: Was tun? Nachdem\u00a0 schon der Samstag morgen mit strahlender Sonne lockte und der neue Trainer Christoph Daum mit seinem Co Roland Koch in den letzten Wochen der Eintracht wom\u00f6glich neues Leben eingehaucht hatte, verfiel ich auf die Idee, vielleicht doch an den Ort des Geschehens zu fahren. Also schickte ich Gabi noch am Samstag eine SMS mit der Frage, ob im Bus der Geiselgangster noch ein Platz ins sch\u00f6ne Wolfsburg frei w\u00e4re. Da ich w\u00e4hrend des restlichen Samstages nichts von ihr h\u00f6rte, sah ich mich schon in einer \u00fcberf\u00fcllten Wirtschaft hocken und bangen Blickes auf eine Leinwand starren, vielleicht mit vorangehender sonnig-chilliger Fahrradtour an der Nidda. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonntag morgen; 8:30. Nachdem ich noch in der Nacht zuvor auf Knien \u00fcber den Friedberger Platz gerobbt bin, um kleine gemalte Stadtgeister zu fotografieren, war ich zur fr\u00fchen Stunde noch recht unbeholfen auf den Beinen. Mechanisch griff ich nach meinem Mobiltelefon. <em>Sie haben eine neue Mitteilung<\/em> blinkte mir entgegen. <em>Beve alter Erfolgsfan<\/em> las ich dort, <em>komm vorbei, ein Platz wird sich finden<\/em>. Nix wars mit Fahrradtour, wilde Gesellen, toller Fu\u00dfball und eine der sch\u00f6nsten St\u00e4dte Deutschlands warteten auf mich &#8211; das ist doch was. Und so blieb auch der silberne Golf zu Hause und ich radelte nur wenig sp\u00e4ter durch das erwachende Frankfurt. Kleine Menschenschlangen bildeten sich an verschiedenen B\u00e4ckereien, lila Geister h\u00fcpften mir im Anlagenring in den Weg und riefen mir zu: <em>Hey, wir sind das Abstiegsgespenst und gr\u00fc\u00dfen ganz freundlich<\/em>, die Alte Oper schlummerte neben den Hochh\u00e4usern und es lag noch eine rechte Ruhe in den Stra\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der M\u00fcnchner Stra\u00dfe konnte ich mein Rad im Hof des Arbeitgebers von Pia abstellen, das sollte sich vor allem f\u00fcr den R\u00fcckweg als praktisch erweisen. Jetzt marschierte ich Richtung S\u00fcdseite, begegnete noch zwei an H\u00e4userw\u00e4nde geklebten Smilies und wertete dies als gutes Omen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur wenige Minuten nach meinem Eintreffen kam auch schon der Bus angerollt; traditionell ohne Toilette daf\u00fcr aber mit der Option zum Rauchen. Und da fiel es mir wieder ein: Mir steht meine erste Ausw\u00e4rtsbusfahrt als Nichtraucher bevor, vorbei die sorglose sch\u00f6ne Jugendzeit, die bis letzten Sp\u00e4therbst anhielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich begr\u00fc\u00dfte viele alte Bekannte, Charly war dabei, Holger, Ruth und Siggi, Andr\u00e9 und Sandy, Buffo und Gerre, Gabi und Ina und wie immer auch der ein oder andere Erstt\u00e4ter. Ich setzte mich ganz nach vorne neben Ralf, der sich wie meist f\u00fcr die Getr\u00e4nke verantwortlich zeigte. Die Uhr schlug halb elf als sich der Tross in Bewegung setzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sonne lachte uns an, wir rollten durch das Fr\u00fchlingsdeutschland, die Stimmung im Bus war \u00e4hnlich beschaulich, wie der Blick aus dem Fenster ins sonnt\u00e4gliche Hessen, eher ruhig als \u00fcberborden und es dauerte erstaunlicher Weise eine ganze Weile, bis wir den ersten Stopp einlegten. Von nun an hangelten wir uns durch den beginnenden Regen \u00fcber Kassel nach Niedersachsen; aus den Lautsprechern pluggerte leise Musik, AC-DC, Mike Kr\u00fcger, Billy Idol, Black Eyes Peas oder die Frau Rauscher aus der Klappergass. Irgendwann wunderte ich mich, dass bei den Einkaufsm\u00e4rkten kaum was los war und als ich mich noch wunderte, meinte Ralf, dass er sich gewundert habe, dass die L\u00e4den kaum besucht waren, &#8211; bis es ihm ged\u00e4mmert war, dass heute ja Sonntag ist und nicht Samstags 15:30. Stimmt. Sonntag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Motorradfahrer \u00fcberholte waghalsig einen PKW links auf der linken Spur, Windr\u00e4der drehten sich auf den Feldern und mir fiel auf, dass jene Windr\u00e4der ein sichtbares Zeichen daf\u00fcr sind, dass wir uns nicht mehr in Hessen befinden. Der Hesse hat es wohl gegen den Trend nicht so mit erneuerbaren Energien. Wir waren ja schon immer ein trotziges V\u00f6lkchen mit sch\u00f6nen und klugen M\u00e4nnern an der Spitze unseres Landes. Hinter Kassel kam der Regen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6hepunkt der letzten einhundert Kilometer war sicherlich die Tombola, die von Gerre ebenso charmant wie euphorisch moderiert wurde; ein Mitfahrer des EFC Bornheim Mitte r\u00e4umte die drei Hauptgewinne ab und lie\u00df eine Runde springen. Dass es noch besser kommen sollte, ahnte bis dahin noch niemand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hannover, Braunschweig, Wolfsburg. Wir erreichten die Stadt des zweit\u00fcberfl\u00fcssigsten Bundesligisten ohne Zwischenf\u00e4lle gegen 15:30 und rollten zun\u00e4chst am alten Stadion vorbei, erblickten dann das neue und landeten auf Anhieb auf dem Busparkplatz zwischen dem G\u00e4steeingang und dem tr\u00e4ge dahin flie\u00dfenden Kanal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Weg f\u00fchrte mich zum Burgerstand, f\u00fcr drei Euro kann man da nicht meckern &#8211; und dies d\u00fcrfte\u00a0 auch schon mit das Beste in Wolfsburg sein. Anschlie\u00dfend marschierte ich ein paar Meter am Wasser entlang, dann am Stadion, traf auf ein paar Ordner, die Hunde an der Leine\u00a0 hielten, ab und an sah man auch ein paar Polizisten sowie ein VW Zeichen und ein gr\u00fcnes W, und als der Regen heftiger wurde, wanderte ich zur\u00fcck zum Einlass. Dort traf ich Dominik, der nach sch\u00f6nen Wochen im asiatischen\u00a0 nichtjapanischen Ausland wieder in Deutschland weilte und dar\u00fcber gar nicht so begl\u00fcckt war; wer steht schon gerne in Wolfsburg im Regen. Alsbald stand ich vor einem Ordner, der mich beflissen und kr\u00e4ftig untersuchte und &#8211; als ich nicht gleich auf seinen Befehlston reagierte\u00a0 &#8211; anblickte, als wollte er mich t\u00f6ten. Aber da unterschieden sich unsere Blicke in nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war fr\u00fch, das Stadion war noch recht leer und ich suchte mir einen Platz in der letzten Reihe des Unterrangs. Die Stehpl\u00e4tze sind hier durchgehend mit arretierten Klappsitzen best\u00fcckt, mit der Zeit wurde es voll und damit auch eng im Block. Ca. 30 Sekunden\u00a0 lang wurde von der Stadionregie <em>Im Herzen von Europa<\/em> angespielt, die Wolfsburger pfiffen, der Eintracht-Block sang etwas anderes und so taumelte die Zeit ins Land. Der Reklame-Zeppelin drehte seine Runden, irgend jemand sagte irgendwas ins Mikrofon bis Wolfsburgs Torh\u00fcter Benaglio den Rasen betrat und vom Stadionsprecher in ohrenbet\u00e4ubender Lautst\u00e4rke begr\u00fc\u00dft wurde. Etwas sp\u00e4ter kam auch Ralf F\u00e4hrmann mit Andi Menger\u00a0 und machte sich warm. Noch sp\u00e4ter erschienen die Teams, Co-Trainer Koch winkte demonstrativ den Fans zu und startete anschlie\u00dfend seine Gymnastik- und Aufw\u00e4rm\u00fcbungen mit der Mannschaft. \u00dcber die Lautsprecher dr\u00f6hnte nun das <a title=\"Akkustische Umweltverschmutzung\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1ZPHWMhiggo\" target=\"_blank\">Lied der Niedersachsen<\/a>, gesungen von Heino &#8211; <em><a title=\"Time to change\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niedersachsenlied\" target=\"_blank\">Heil Herzog Widukinds Stamm<\/a>.<\/em> Sp\u00e4ter wedelten Wolfsburger Fans oder Angestellte auf dem Rasen mit gro\u00dfen Schwenkfahnen w\u00e4hrend der Stadionsprecher die Lautst\u00e4rke der Anlage ausnutzend die <em>W\u00f6lfikurve <\/em>sowie nacheinander auch jede andere begr\u00fc\u00dfte.\u00a0 Diese wedelten mit kollektiv ausgeteilten F\u00e4hnchen zur\u00fcck. Dann ging&#8217;s los. Die Eintracht begann wenig \u00fcberraschend mit der Aufstellung F\u00e4hrmann &#8211; Jung Russ Franz Tzavellas &#8211; Rode Clark &#8211; Ochs Meier Altintop &#8211; Gekas und stand von Beginn an mit dem R\u00fccken zur Wand. Wolfsburg spielte, Wolfsburg dr\u00fcckte und Wolfsburg vergab Chance um Chance. Die Eintracht konnte von Gl\u00fcck reden, dass Wolfsburg den Kasten nicht traf. Grafite und Helmes klebte das Schusspech an den Stiefeln; die Frankfurter warfen sich zwar mutig dazwischen, konnte spielerisch aber nicht entgegenhalten. Im Grunde war es nur eine Frage der Zeit, bis Wolfsburg in F\u00fchrung gehen w\u00fcrde. Eintracht-Torh\u00fcter F\u00e4hrmann mit Licht und Schatten, aber zur Halbzeit stand die Null. Gott seis gedankt. Allzuviel gesehen hatte ich jedoch nicht, weil ein paar Reihen unter mir nahezu durchgehend zum Gesang der Kurve ein F\u00e4hnchen gewedelt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der beste Frankfurter Auftritt folgte in der Halbzeitpause: V\u00f6llig \u00fcberraschend tauchte unser Mitfahrer Andr\u00e9 auf dem Rasen auf, ausgew\u00e4hlt f\u00fcr das Halbzeitspiel, in dem es galt, im Duell mit einem Wolfsburger einen Ball auf das mit einer Zielscheibe versehene Tor zu schie\u00dfen. Wessen Ball n\u00e4her am Mittelpunkt haften bleibt, der gewinnt 1000 Euro. Leichte Irritation zeigte sich bei den Wolfsburger Organisatoren als Andr\u00e9 \u00fcber Mikro erkl\u00e4rte, dass er mit den <em>Geiselg\u00e4ngstern <\/em>unterwegs war, was ihn jedoch nicht davon abhielt, nach zwei verungl\u00fcckten Versuchen mit dem dritten unter gro\u00dfem Jubel fast die Mitte zu treffen. Da der Wolfsburger Sch\u00fctze im Anschluss v\u00f6llig versagte, blieben die 1000 Euro in Frankfurter H\u00e4nden. Wie mir sp\u00e4ter zugeraunt wurde, sollen die B\u00e4lle der Wolfsburger um besser zu haften mit weitaus mehr Klett versehen gewesen sein, als die B\u00e4lle der Frankfurter. Ein Club, wie geschaffen f\u00fcr den Spieler Diego.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Eintracht begann die zweite H\u00e4lfte unver\u00e4ndert, bei Wolfsburg blieb Grafite in der Kabine. Und wie zuvor berannte der VfL das Tor von Ralf F\u00e4hrmann, der nun noch mehr in den Blickpunkt r\u00fcckte. Planvolle Entlastungsangriffe der Eintracht blieben Mangelware, bis sich Altintop in der 59. Minute durchsetzte und Benaglio zu einer unkontrollierten Abwehr zwang, die Meier v\u00f6llig \u00fcberraschend zur Frankfurter F\u00fchrung verwerten konnte. Die Kurve tobte, dann sang sie wieder, die Fahne aus Halbzeit eins war wieder da und Wolfsburg rollte w\u00fctend aufs Frankfurter Tor zu. Friedrich sah ob eines taktischen Fouls im Mittelfeld Gelb, folgenschwer, wie sich wenige Minuten sp\u00e4ter herausstellen sollte; nach einem Gezacker am Eintrachtstrafraum gab es die zweite Gelbe und damit Duschbefehl. Wer gedacht hatte, die Eintracht w\u00fcrde nun gegen zehn Wolfsburger das Heft in die Hand nehmen, sah sich get\u00e4uscht. F\u00e4hrmann flog quer durch den Strafraum, die Defensive kickte die B\u00e4lle wie eine Flipperkugel zu den anst\u00fcrmenden Einheimischen und man h\u00e4tte meinen k\u00f6nnen, die Eintracht h\u00e4tte einen Mann weniger auf dem Feld. In der 80. Minuten hatte Ochs seinen bemerkenswertesten Auftritt; er lag am Boden und hielt sich die Hacken. Wolfsburgs sympathischer Brasilianer Diego hatte ihm ohne dass der Ball in der N\u00e4he war und ohne dass es der Schiri bemerkt h\u00e4tte in die selbigen getreten, wie mir Pia via SMS\u00a0 best\u00e4tigte. Es war die x-te nicht geahndete T\u00e4tlichkeit der Nummer 28 in dieser Saison, was die Eintrachtkurve offensichtlich nicht weiter st\u00f6rte, denn anstatt ihn f\u00fcr den Rest des Spiels auszupfeifen wurde gesungen. Und dann kam das unvermeidliche: Einen von Diego lang geschlagenen Ball k\u00f6pfte Mandzukic im Duell gegen den halb so gro\u00dfen Jung \u00fcber F\u00e4hrmann hinweg zum Ausgleich ins Netz. Und w\u00e4hrend 11 Frankfurter gegen 10 Wolfsburger sich \u00fcber die letzten 10 Minuten zitterten, hielten wir auf den R\u00e4ngen die Luft an; niemand glaubte hier an ein Tor der zahlenm\u00e4\u00dfig \u00fcberlegenen Eintracht und als Schiedsrichter Kinh\u00f6fer abpfiff \u00fcberwog die Erleichterung, bei einem direkten Konkurrenten eher unverdient gepunktet zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es regnete, als ich das Stadion verlie\u00df und es regnete als wir losfuhren. Nach kurzem Stopp and Go rollten wir zur\u00fcck auf die Autobahn und fuhren durch die regendunkle Nacht. Die Scheibenwischer schlappten \u00fcber die angelaufenen Scheiben, im Hintergrund liefen Adam and the Ants oder Depeche Mode, derweil Andr\u00e9 einen Teil seines Gewinns f\u00fcr die Busbesatzung spendierte.\u00a0 Sp\u00e4ter wurde eine CD von Helge Schneider aufgelegt, es war der Moment, in dem ich meinen MP3 Player einschaltete und die <a title=\"Dropkick Murphys - Going out in style\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zwgjM-teND8\" target=\"_blank\">Dropkick Murphys<\/a> sich anschickten, mein Hirn zu durchpusten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter versuchte sich ein Mitfahrer am Mikro, dessen N\u00e4he zum Lautsprecher jedoch f\u00fcr eine Feedbackorgie sorgte, so dass Buffo meinte: <em>Selbst das Mikro pfeift dich aus<\/em>. Da erz\u00e4hlte mir Reinald Grebe schon von <a title=\"Rainald Grebe - Doreen aus Mecklenburg\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-8otM3F2cYc\" target=\"_blank\">Doreen aus Mecklenburg<\/a>. Es war halbzwei, als wir in Frankfurt einrollten. Ich verabschiedete mich flugs, holte mein Fahrrad und radelte durch die Nacht. 1:1 in Wolfsburg. Na gut. In der Anlage begegnete ich erneut den kleinen Geistern. Dem Abstiegsgespenst. Mir war, als k\u00f6nnte ich sein Lachen h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ngg_shortcode_0_placeholder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da Pia am Sonntag einen Ausflug geplant hatte, stellte sich mir die Frage: Was tun? 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