{"id":3642,"date":"2011-03-30T10:52:27","date_gmt":"2011-03-30T08:52:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=3642"},"modified":"2011-03-30T11:00:59","modified_gmt":"2011-03-30T09:00:59","slug":"von-strasen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=3642","title":{"rendered":"Von Stra\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a title=\"Human\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xcD8aSirsD8\" target=\"_blank\"><em>Are we human or are we dancer<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a title=\"Human\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xcD8aSirsD8\" target=\"_blank\"><em>my sign is vital, my hands are cold<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(The Killers)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ngg_shortcode_0_placeholderEs gab mal Zeiten, da geh\u00f6rte die Stra\u00dfe den Stra\u00dfenkindern. Wer sich drau\u00dfen rumtrieb, der hatte keine Heimat und im Sommer Dreck an den F\u00fc\u00dfen. Drau\u00dfen waren die Sitten rau, man wusste nie, wem man begegnen und was der Tag bringen w\u00fcrde. Man war ungesch\u00fctzt &#8211; aber auch unkontrolliert. Die Gefahren der Gro\u00dfstadt, sie lauerten auf den Stra\u00dfen ebenso wie die Versuchungen. Die Kleinen dr\u00fcckten sich die Nase an den Schaufenstern platt oder warfen Hundeschei\u00dfe in die Briefk\u00e4sten ungeliebter Nachbarn, die Gro\u00dfen lungerten am Kiosk herum &#8211; oder demonstrierten. Gegen Vietnam. Gegen Atomkraft. Gegen die Startbahn West. Manchmal auch f\u00fcr etwas; f\u00fcr die Abr\u00fcstung beispielsweise. <!--more--><em>Wir wollen Sonne statt Reagan.<\/em> Ostern war jede Menge los, die Osterm\u00e4rsche zogen Unmengen friedensbewegter Menschen an, sie trugen seltsame Gew\u00e4nder und krude Frisuren und w\u00fcnschten sich bel\u00e4chelt von den Umstehenden eine friedlichere Welt &#8211; da kann man im Grunde nichts gegen sagen. Eine friedlichere Welt ist was sch\u00f6nes &#8211; leider nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen, vor allem wenn man im Alltag im Gesamtgetriebe Dinge gegen Bezahlung tut, die ihr Scherflein zum Werden des Dasein beitragen. Auch die Kreditvergabe an Bombenbauer schafft Arbeitspl\u00e4tze; da d\u00fcrfen wir nicht w\u00e4hlerisch sein, denn die sind knapp bemessen. Aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stra\u00dfe. Ein Musiker, den ich in jungen Jahren klasse fand und der k\u00fcrzlich &#8211; neben anderen auf den Hund gekommenen &#8211; auf den Litfasss\u00e4ulen der Republik Reklame f\u00fcr eine gro\u00dfe Boulevardzeitung machte, sang einst: <a title=\"Mit 18\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=D4CjL80GIxs\" target=\"_blank\"><em>Ich m\u00f6cht\u00a0 zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe, m\u00f6cht wieder singen, nicht sch\u00f6n sondern geil und laut. Denn Gold findet man bekanntlich im Dreck und\u00a0 Stra\u00dfen sind aus Dreck gebaut.<\/em> <\/a>Und die Goldsucher auf der Stra\u00dfe waren in der Gesellschaft nicht wohl gelitten, die\u00a0 Schmuddelkinder, die Stra\u00dfenk\u00f6ter, die Hippies und Gammler und Demonstranten. Den letzten ganz gro\u00dfen Auftritt erlebt wir Ende der Achtziger, als in der DDR ein Volk auf die Stra\u00dfe ging und trotz der Gefahr von Polizei und Obrigkeit skandierte: <em>Wir sind das Volk<\/em>. Als sie nur wenig sp\u00e4ter riefen: <em>Wir sind ein Volk<\/em> war das Kind in den Brunnen gefallen, in dem es sich fortan wohl f\u00fchlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens mit dem Beginn der \u00dcberwachung der \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze wandelte sich das Bild. Hippies und Gammler sind &#8211; so es sie \u00fcberhaupt noch gibt &#8211; putzige Fotomotive, genau so wie die Punks mit ihren Hunden, die Halst\u00fccher tragen. Manchmal geben sich die Punker so ein bisschen punkig und nehmen sich mit der Musik aus Kassettenrekordern ein bisschen Lebensraum, aber oft sitzen sie nur da, zeigen ihre bunten Haare und sagen brav danke, wenn sie von einem Passanten eine M\u00fcnze bekommen. Manchmal glaube ich, der Passant denkt sich: Aber nur f\u00fcr den Hund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleiben noch die Skateboarder, die sich immer verstohlen umschauen, um zu beobachten, ob sie jemand auch richtig klasse findet. Und nat\u00fcrlich die Restaurants und Kneipen. Standen fr\u00fcher ein paar Bierb\u00e4nke auf der Stra\u00dfe, so sind es heute Armeen von schicken Sesseln. Fr\u00fcher genoss man die Sonne. Heute wird Umsatz erzielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ansonsten geh\u00f6rt die Stra\u00dfe mittlerweile seltsamer Weise den Massen. Erst waren es die Technoj\u00fcnger, die auf der Loveparade in Berlin zu den Kl\u00e4ngen von Sven V\u00e4th oder DJ Dag dem tr\u00fcben Alltag ein hedonistisch getragenes Lebensgef\u00fchl entgegen setzen wollten. Auch hier haben wir es erstaunlicher Weise wieder mit seltsamen Gew\u00e4ndern und kruden Frisuren zu tun, und auch hier reagierte das Volk zun\u00e4chst skeptisch &#8211; bis es selbst mitmachte und sich vom Sog der Musik treiben lie\u00df. Ganz normale Menschen malten sich bunt an und machten merkw\u00fcrdige Dinge &#8211; ein Ph\u00e4nomen, dass wir bislang nur vom Karneval kannten. Und als sich die Loveparade als eine Art Arschgeweih der elektronischen Musik pr\u00e4sentierte, erlebte die Republik ein weiteres Ph\u00e4nomen. Der einstige Assi-Sport Fu\u00dfball ging schwanger mit dem einst staubigen Stra\u00dfenvolk &#8211; und gebar: ein Sommerm\u00e4rchen. Sensationell, nat\u00fcrlich blieb der Faktor<em> seltsame Gew\u00e4nder und krude Frisuren<\/em> gleich, aber sonst war vieles anders. Auf den Fahnen stand nicht mehr <em>Atomkraft nein Danke<\/em> oder <em>Gegen Alles<\/em>, sondern <em>Poldi, ich will ein Kind von dir.<\/em> Und es waren alle gekommen. Sie kauften sich die gleichen Trikots, die gleichen lustigen H\u00fcte und erlebten gemeinschaftlich eine Fu\u00dfball WM &#8211; ohne sich ernsthaft f\u00fcr Fu\u00dfball zu interessieren. Nebenbei kehrte ein Patriotismus zur\u00fcck, der sich von der nationalen Dumpfheit der ewig-Gestrigen befreit zeigte, so ein leichter, lockerer Patriotismus ohne Kriegsgerassel &#8211; aber mit bunten F\u00e4hnchen und Autocorso. Ein Patriotismus, der sich nach einem Sieg gegen Schweden nicht ganz so ernst nimmt &#8211; nach einem Sieg gegen die T\u00fcrkei aber nicht mehr ganz so locker daher kommt; was zugegeben auch am Gegner liegen k\u00f6nnte. Ich\u00a0 selbst habe es ja mit L\u00e4ndern nicht so. Vorhin war Leipzig noch Ausland und b\u00f6se, jetzt ist es wir und gut. Das verstehe, wer will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auch immer, das Volk bev\u00f6lkerte die Stra\u00dfen &#8211; und sollte sie kaum noch verlassen: EM, WM, Stuttgart 21, Atomkraft, Flashmob, Wahlsiege &#8211; man schnappt sich seltsame H\u00fcte und rennt <em>uff die Gass<\/em>, wie wir Hessen sagen. Irgendwie ist Facebook ja auch sowas wie eine \u00f6ffentliche Stra\u00dfe. Hauptsache, man ist nicht mehr alleine. Im Ernst, im Moment sind ja so viele gegen Atomkraft, mit denen ich ums Verrecken nicht einer Meinung sein will, dass ich mir ernsthaft \u00fcberlege <strong>f\u00fcr <\/strong>Atomkraft zu sein. Die Stra\u00dfe aber hat ihren Mythos verloren; ein Land nutzt seinen Lebensraum, das ist nun nicht verkehrt auch wenn die Bettler ein wenig in den medialen Hintergrund gedr\u00e4ngt werden. Allerdings erkennt man derzeit auf den ersten Blick nicht mehr ganz genau: Ist jetzt grad WM oder geht&#8217;s um den Bahnhof. Egal, mitmachen, Hauptsache die Sonne scheint. Und nur wer ganz genau hinschaut, der entdeckt in den Stra\u00dfen die Zeichen derer, die versteckt vor den gro\u00dfen Augen ihre Spuren hinterlassen, irgendwo an einem Stromkasten oder einer Eckwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich jedoch melde jetzt ein Patent auf Public Viewing bei Wahlen an. Die Anh\u00e4nger einzelner Parteien feiern in umz\u00e4unten Arealen unter freiem Himmel jede Hochrechnung wie ein Tor, und wedeln dabei narrisch mit den F\u00e4hnchen. Zwischendrin gibt es Livekonzerte und eine Wahl der Miss Wahl. Ich selbst verkaufe neben Curryw\u00fcrstchen zu fairen Preisen nebenbei auch lustige H\u00fcte. Wie w\u00e4r&#8217;s?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Are we human or are we dancer my sign is vital, my hands are cold (The Killers) Es gab mal Zeiten, da geh\u00f6rte die Stra\u00dfe den Stra\u00dfenkindern. Wer sich drau\u00dfen rumtrieb, der hatte keine Heimat und im Sommer Dreck an den F\u00fc\u00dfen. 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