{"id":17546,"date":"2025-12-19T09:08:41","date_gmt":"2025-12-19T08:08:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=17546"},"modified":"2025-12-19T09:40:33","modified_gmt":"2025-12-19T08:40:33","slug":"2025-ein-rueckblick-teil-iv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=17546","title":{"rendered":"2025 &#8211; Ein R\u00fcckblick &#8211; Teil IV"},"content":{"rendered":"<p data-start=\"127\" data-end=\"629\">Und es war dringend. Mittags hatte ich meinen Vater noch besucht, und schon dort hatte mich ein Pfleger vorgewarnt, dass er schlecht drauf sei, nichts gegessen h\u00e4tte und schlafe. Als ich sein Zimmer betrat, war sein Schlaf nicht entspannt, irgendetwas stimmte nicht. Als meine Mutter sp\u00e4ter kam, schlief er immer noch. Sp\u00e4ter kam er mit einer Lungenentz\u00fcndung und einer undefinierten Problematik ins Krankenhaus. Das war der Moment, als mich meine Schwester anrief \u2013 wir mussten Entscheidungen treffen.<\/p>\n<p data-start=\"127\" data-end=\"629\"><!--more--><\/p>\n<p data-start=\"631\" data-end=\"1758\">Zumal meine Mutter ins gleiche Krankenhaus eingeliefert wurde \u2013 der Blutdruck spielte verr\u00fcckt. Im Nachhinein erwies sich der Aufenthalt im Zimmer gegen\u00fcber als ganz praktisch, so war sie in der N\u00e4he meines Vaters und wurde versorgt. Freitagmorgen rief meine Schwester wieder an, die Zeichen standen auf Abschied. Ich lie\u00df alles stehen und liegen und sauste mit dem Roller nach Seligenstadt. Mein Vater lag im Bett, ich schlotterte vor K\u00e4lte. Scheinbar hatte er sich ein bisschen gefangen. Im vergangenen Jahr hatte er sich immer wieder berappelt. Am folgenden Tag fuhr ich gemeinsam mit Pia hin, meine Familie war schon vor Ort \u2013 und mein Vater blickte durch alles hindurch. Aber er dr\u00fcckte unsere H\u00e4nde und wollte nicht loslassen. Es war das letzte Mal, dass ich ihn lebend gesehen habe. Als ich montags ins Krankenhaus kam, hatte er 15 Minuten zuvor den Planeten Erde verlassen. Er lag friedlich in seinem Bett, langsam wich das Blut aus seinem K\u00f6rper, und unsere kleine Familie sa\u00df um ihn herum und nahm Abschied. Endlich hatte die liebe Seele ihre Ruhe. Es war der 1.12.2025. Das erste T\u00fcrchen im Kalender brachte den Tod.<\/p>\n<p data-start=\"1760\" data-end=\"2136\">Doch dieser kam leichter als erwartet, sicher auch, weil das vergangene Jahr f\u00fcr meinen Vater und damit auch f\u00fcr uns eine einzige Qu\u00e4lerei war. Und ich bin mir sicher, h\u00e4tte er von oben zugeschaut, er h\u00e4tte uns zugerufen: &#8222;Komm, machen wir Feierabend&#8220;. Ich hatte mir bei meiner Rollerfahrt ein paar Tage zuvor den Bips geholt und lag f\u00fcrs Erste krank im Bett und schaute Serien.<\/p>\n<p data-start=\"2138\" data-end=\"2739\">Oftmals stand ich an Gr\u00e4bern von anderen Menschen, sah das letzte Foto, die Trauer in den Gesichtern, die Betroffenheit der Angeh\u00f6rigen und Freunde. Ich hatte bislang Gl\u00fcck, das allerengste Umfeld kam glimpflich davon. Das hatte sich nun ge\u00e4ndert. Im Grunde hatte ich \u00fcber ein Jahr Zeit, um Abschied zu nehmen, und wenn man es genau nimmt, waren es sogar sieben Jahre. 2018 \u00fcberstand mein Vater eine schwere Herz-OP \u2013 es stand damals v\u00f6llig \u00fcberraschend&nbsp; Spitz auf Knopf. Doch er sprang Gevatter Tod noch einmal von der Schippe \u2013 und wir befanden uns gewisserma\u00dfen in der Nachspielzeit.<\/p>\n<p data-start=\"2741\" data-end=\"3409\">Mein Vater gab gemeinsam mit meiner Mutter viele Dinge vor der Zeit auf und wartete nicht, bis es gar nicht mehr ging: die Jagd, den Garten, die Dauerkarte bei der Eintracht. Zwar halfen ihm Tom, Christian oder Petra von unserem EFC Schwarze Bembel, die steilen Treppenstufen zu erklimmen, aber auch der Weg durch den Wald oder zur S-Bahn wurde beschwerlich. Das letzte Mal sah er die Eintracht beim Spiel gegen Sporting Lissabon, es war das allererste Champions-League-Spiel \u00fcberhaupt. Mein Neffe Timm nahm ihn mit, und sie sa\u00dfen damals ziemlich weit unten. Nat\u00fcrlich schauten sie auch bei uns an der Waldtrib\u00fcne vorbei.<\/p>\n<p data-start=\"3411\" data-end=\"3830\">Jetzt ging die Nachspielzeit zu Ende, und Erinnerungen bahnen sich ihren Weg \u2013 immer wieder schie\u00dfen mir die Tr\u00e4nen in die Augen, und ich bin f\u00fcr kurze Momente so traurig, wie ich es noch nie war. Und so ganz fasse ich es nicht, dass mein Papa nicht mehr da ist, auch wenn er zuletzt im Rollstuhl sa\u00df und kaum mehr kommunizierte. Bis auf die letzten Tage wusste er, wer ich war, und unser Begr\u00fc\u00dfungsritual klappte noch.<\/p>\n<p data-start=\"3411\" data-end=\"3830\"><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/19.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-17550 alignright\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/19.jpg\" alt=\"\" width=\"686\" height=\"538\" srcset=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/19.jpg 1000w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/19-300x236.jpg 300w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/19-700x550.jpg 700w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/19-768x603.jpg 768w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/19-676x531.jpg 676w\" sizes=\"(max-width: 686px) 100vw, 686px\" \/><\/a>W\u00e4hrend ich krank im Bett lag, bereitete meine Schwester die Beisetzung vor. Meine Eltern hatten sich f\u00fcr ein Urnengrab im FriedWald entschieden \u2013 und wir lie\u00dfen die Kirche au\u00dfen vor. Mit einer zu uns passenden Trauerrednerin besprachen wir das Leben meines Vaters, es wurde ein langer Vormittag mit vielen Erinnerungen \u2013 bis ins Jahr 1961, als sich meine Eltern im Frankfurter R\u00f6mer beim Faschingsball kennenlernten. Einen Tag sp\u00e4ter sa\u00dfen sie zusammen im Caf\u00e9 Wibra, Heiligabend 1963 dann die Hochzeit. Wohnungen wurden seinerzeit nur an verheiratete Paare vergeben. Den fertigen Text jedoch sollten wir nicht vorab bekommen. Ich war gespannt.<\/p>\n<p data-start=\"159\" data-end=\"630\">Das Zeitenrad rollt unerbittlich, ich wurde wieder gesund, hatte zuvor jedoch schweren Herzens meine Buchvorstellung absagen m\u00fcssen. Und dann war er tats\u00e4chlich gekommen, der Tag der Beisetzung meines Vaters. Pia, Tim und ich rollten mit unserem alten Dacia nach Dietzenbach zu meiner Mutter, Alex, Ralf und Luna waren schon da, und Timm wollte sp\u00e4ter direkt zum FriedWald kommen. Ich war seltsam gel\u00f6st, die Sonne schien, es war ein sch\u00f6ner Tag. So eigenartig es klingt.<\/p>\n<p data-start=\"632\" data-end=\"1514\">Als wir im Wald ankamen, waren die ersten Trauerg\u00e4ste schon da, und es kamen viele \u2013 auch wenn einige Freunde meiner Eltern schon lange unter der Erde weilten und andere angeschlagen waren. Viele von ihnen kannte ich auch \u00fcber Jahrzehnte, mit G\u00fcnter hatte mein Vater schon in den Tr\u00fcmmern des Nachkriegs-Frankfurt gespielt. Allein in diese Gesichter zu schauen, lie\u00df unz\u00e4hlige Erinnerungsfilme aus allen Zeiten ablaufen, sogar meine alten Dietzenbacher Freunde lie\u00dfen es sich nicht nehmen, heute vorbeizukommen. Timm und Luna trugen die Urne bis zum Andachtsplatz, wir versammelten uns um die geschm\u00fcckte Stelle, an der Vaters J\u00e4gerhut, sein Eintracht-Outfit (Schal, Trikot, M\u00fctze) lag, in zwei Apfelweingl\u00e4sern flackerten Teelichter, und ein von Luna gefertigtes Eintrachttrikot aus B\u00fcgelperlen mit der Nummer 85 war auch dabei. Fehlte eigentlich nur noch ein Kringel Fleischwurst.<\/p>\n<p data-start=\"632\" data-end=\"1514\"><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/20.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-17551 alignleft\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/20.jpg\" alt=\"\" width=\"575\" height=\"431\" srcset=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/20.jpg 700w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/20-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/20-676x507.jpg 676w\" sizes=\"(max-width: 575px) 100vw, 575px\" \/><\/a><\/p>\n<p data-start=\"632\" data-end=\"1514\">Die Trauerrednerin, <a href=\"https:\/\/trauerwerkfrankfurt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Carola Kuhnz,<\/a> lie\u00df anschlie\u00dfend Vaters Leben Revue passieren \u2013 und sie brachte uns auch zum Lachen; erinnerte an den j\u00e4hrlichen Christbaum, den mein Vater schm\u00fcckte, um umgehend von meiner Mutter korrigiert zu werden, erinnerte an die Fahrradtouren und seine Verl\u00e4sslichkeit, an die Eintracht und die vielen Besuche auf dem Sportplatz, um seine Enkel kicken zu sehen. Es war eine wunderbare Rede, frei von Pathos und Salbaderei \u2013 sie traf das Wesen meines Vaters auf den Punkt. Er, der f\u00fcr alles immer eine L\u00f6sung wusste. Und wenn er sagte: \u201eAxel, horsche mal \u2026\u201c, wusste ich, jetzt wird es ernst.<\/p>\n<p data-start=\"2134\" data-end=\"2643\">Anschlie\u00dfend marschierten wir durch den Wald zu seinem Baum, Baumnummer 1277. Timm und Luna trugen die Urne und wollten sie gar nicht mehr loslassen, es war herzzerrei\u00dfend. Meine Schwester und ich lie\u00dfen sie letztlich in die Erde. Es war das Letzte, was wir f\u00fcr ihn tun konnten. So nahmen wir endg\u00fcltig Abschied von meinem Vater, wobei \u2013 was hei\u00dft schon endg\u00fcltig? Er wird von oben zuschauen \u2013 und wenn ich wieder einmal mit mir und der Welt hadere, wird er mir zuzwinkern: \u201eDu hast Recht, und ich hab mei Ruh.\u201c Tsch\u00fcss, Papa.<\/p>\n<p data-start=\"2645\" data-end=\"2968\">Wir trafen uns anschlie\u00dfend in der SG bei Kaffee und Kuchen und belegten Br\u00f6tchen, lie\u00dfen die alten Zeiten hochleben, und ich freute mich, so viele Wegbegleiter*innen zu sehen. Die Nachbarn versprachen, auf meine Mutter aufzupassen \u2013 und dann l\u00f6ste sich die Trauergemeinde auf. Die Sonne schien, es war ein sch\u00f6ner Tag. So eigenartig es klingt.<\/p>\n<p data-start=\"2970\" data-end=\"3008\">Einen Tag sp\u00e4ter ging es nach Hamburg. Das Leben geht weiter, n\u00e4chsten Mittwoch werden wir erstmals Weihnachten ohne dich feiern, und an Silvester und Neujahr werden wir nicht mehr telefonieren. So ist das Leben, alles vergeht, und auf einmal ist sogar die Ewigkeit vorbei. Schneller als gedacht. Aber noch sind wir hier. Macht das Beste draus.&nbsp;<\/p>\n<p data-start=\"2970\" data-end=\"3008\"><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/18.jpg\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-17549 alignleft\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/18.jpg\" alt=\"\" width=\"313\" height=\"418\" srcset=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/18.jpg 500w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/18-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 313px) 100vw, 313px\" \/><\/a><\/p>\n<p data-start=\"3601\" data-end=\"3995\"><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=17439\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2025 \u2013 Ein R\u00fcckblick \u2013 Teil I<\/a><\/p>\n<p data-start=\"3601\" data-end=\"3995\"><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=17467\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2025 \u2013 Ein R\u00fcckblick \u2013 Teil II<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=17505\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2025 &#8211; Ein R\u00fcckblick &#8211; Teil III<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und es war dringend. 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