{"id":15906,"date":"2023-05-22T17:47:02","date_gmt":"2023-05-22T15:47:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15906"},"modified":"2023-05-22T20:06:05","modified_gmt":"2023-05-22T18:06:05","slug":"schalke-fast-wie-frueher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15906","title":{"rendered":"Schalke. Fast wie fr\u00fcher."},"content":{"rendered":"<p>So ganz klammheimlich habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten ja doch ein paar Ausw\u00e4rtsspiele der Eintracht vor Ort gesehen, war in M\u00fcnchen, stapfte durchs verschneite Leipzig, wanderte durch Berlin oder bejubelte einen Ausw\u00e4rtssieg in Stuttgart. Das war mal mehr, mal weniger von Erfolg gekr\u00f6nt \u2013 aber immer eine Reise wert. Daheim kennt man ja alles. Von daher war es ein gutes Ding, dass Niko mit dem Frankfurter Niveau sowie den Schwarzen Geiern, dem EFC Backstage und unserer Montagsgang einen Bus nach Gelsenkirchen auf den Weg brachte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bis halb zehn trudelten die Mitreisenden eine nach dem anderen ein, waren guter Dinge und zuversichtlich. Pia und ich rollten mit der 125er Honda zum New Rose an der Eschersheimer, parkten neben einem Imbisswagen und begr\u00fc\u00dften zahlreichen bekannte Gesichter aus zig Jahren Eintracht-Fahrten, die den meisten auch ins Gesicht geschrieben standen. Was haben wir f\u00fcr Schlachten geschlagen und dem Schmerz die Stirn geboten. 30 Jahre am Abgrund surfen, hinterl\u00e4sst Spuren. Bei Bertl, bei John und Olli und wie sie alle hei\u00dfen. Unsere mitreisenden Damen hingegen sahen und sehen alle blendend aus. Wie auch immer, kurz nach halb zehn steuerte Boris den wei\u00dfen Bus mit ruhiger Hand Richtung Autobahn und schon ploppten die ersten Bierchen auf. Schalke, wir kommen.<\/p>\n<p>John hatte ein paar CDs gebrannt (f\u00fcr die J\u00fcngeren: das sind silberne Scheiben mit Musik drauf) und zu den Kl\u00e4ngen von den Bollock Brothers oder Cure rollten wir durch Deutschland. Die Hinfahrt verlief altersgem\u00e4\u00df unspektakul\u00e4r, den H\u00f6hepunkt erreichten wir, als ich den B\u00fcgel meiner Lesebrille in der Tasche fand, das Schr\u00e4ubchen dazu und unter gro\u00dfem Gel\u00e4chter in die Runde fragte, ob jemand einen Feinmechaniker-Schraubenzieher dabei habe. Das Gel\u00e4chter verstummte schlagartig, als Lisa wie selbstverst\u00e4ndlich meinte: Ja, ich! Und tats\u00e4chlich, binnen weniger Minuten war meine Brille wieder heile, um es mit den Worten des Wirtschaftsministers zu sagen.<\/p>\n<p>Hie und da hielten wir f\u00fcr ein paar Minuten an, zwecks Raucherpause. Und ich stand daneben und schaute bedr\u00f6ppelt aus der W\u00e4sche. Ich rauche n\u00e4mlich seit dem 01.12.2022 nicht mehr. Und das ist ein arger Kampf, ich sag\u2019s euch. Seitdem trinke ich auch keinen Alkohol \u2013 ein Kinderspiel im Verh\u00e4ltnis zum Nichtrauchen. Missmutig nagte ich an einer von Silkes fabelhaften Frikadellen und blickte vertr\u00e4umt den leicht dahinschwebenden Rauchw\u00f6lkchen nach.<\/p>\n<p>Die Sonne lachte uns zuweilen ins Gesicht, als wir an K\u00f6ln, Duisburg-Wedau und M\u00fchlheim an der Ruhr vorbei rollten und auch Oberhausen links liegen lie\u00dfen. In den Vorg\u00e4rten Gelsenkirchens lag liebevoll dekoriert der M\u00fcll, einzelne Menschen, fr\u00fcher h\u00e4tte man gesagt: \u201eGastarbeiter\u201c, hoben den Daumen als wir durch enge Stra\u00dfen \u00fcber die Emscher rollten. Die Emscher, ein unscheinbarer Fluss, der sich durch NRW windet und in den Rhein abflie\u00dft, begegnete mir erstmals 1982\/83, als mir ein Buch von Michael Holzach mit dem Titel \u201cDeutschland umsonst. Zu Fu\u00df und ohne Geld durch ein Wohlstandsland\u201c in die H\u00e4nde fiel. Der Autor wanderte damals mit seinem Hund Feldmann ohne Kohle von Hamburg nach M\u00fcnchen und zur\u00fcck und beschrieb diese Wanderung (in der auch die Batschkapp eine Nebenrolle spielt) in seinem Buch. Vor allem die Emscher kommt, wie so manche Menschen, gar nicht gut dabei weg. Als teils dreckige Kloake gar als Totenfluss wird die Emscher geschildert. Mit 18 habe ich das Buch verschlungen \u2013 und fiel der Ersch\u00fctterung anheim, als ich wenig sp\u00e4ter erfuhr, dass Michael Holzach bei dem Versuch seinen ins Wasser gerutschten Hund Feldmann zu bergen, ein knappes Jahr sp\u00e4ter in der Emscher ertrank. Feldmann hingegen wurde von der Feuerwehr gerettet.<\/p>\n<p>Kurz vor dem Stadion bremste uns eine Doppelschranke aus. Der Stau war zwar von \u00fcberschaubarer L\u00e4nge, dennoch verloren die ersten vor uns die Nerven und wendeten. Sp\u00e4ter ersp\u00e4hten wir die Problematik: Durch die Doppelschranken, die zwei 50 Meter voneinander entfernte Gleise sicherten, konnten sich stets nur wenige Fahrzeuge bewegen, \u00f6ffnete sich die erste Schranke, schloss sich die zweite. Es war ein Elend. Ein Frankfurter versuchte zwar, den Verkehr zu regeln, stiftete aber nur Verwirrung, da die Autos, die sich statt abzuwarten nach vorne bewegten, mit dem Heck Gefahr liefen, die Gleise zu blockieren. Es entspann sich ein lustiges Treiben vor unseren Augen, das wir nach der Warterei und freier Fahrt mit Beifall quittierten.<\/p>\n<p>Gut in der Zeit, parkten wir den Bus am ausgewiesenen G\u00e4steparkplatz und ich machte mich auf die Suche nach meinem Neffen Timm, der mit seinem Kumpel Tom schon in Gelsenkirchen gelandet war und dessen Eintrittskarte ich bei mir hatte. Rund um uns steuerten schon etliche Frankfurter die Veltins Arena an, man erkannte die Unseren an den schwarzen Shirts und Jacken und den Bierdosen in den H\u00e4nden. Gude hier, Gude dort und schon klingelte mein Telefon. Timm war dran und hinter mir, der Tickettausch ging schnell von statten, so schnell, wie die Zeit vergeht. Es war doch eben erst, dass er mit mir und meinem Vater an der Louisa vorbei Richtung Stadion marschierte und die Eintracht sich gegen Cottbus blamierte. Jetzt kann uns Timm auf den Kopf spucken und mein Vater kaum noch laufen, das Zeitenrad dreht sich unerbittlich, aus Kinder werden V\u00e4ter und aus V\u00e4tern Kinder.<\/p>\n<p>Dir meisten von uns hatten Sitzpl\u00e4tze, Pia und ich marschierten mit Ariane und Niko zu den Stehpl\u00e4tzen, der Einlass ging flott und wir wanderten durch den Schalker Tunnel in Richtung der Stehpl\u00e4tze \u2013 die schon recht gut besucht schienen. Es wird voll, soviel war sicher. Die Schalker zeigten sich im Unterrang in Wei\u00df, im Oberrang in Blau \u2013 die Turnhalle platzte aus allen N\u00e4hten und unten turnte Maskottchen Erwin herum, der \u00fcbrigens genauso hei\u00dft, wie das Offenbacher Fanzine, was uns wiederum reichlich egal sein k\u00f6nnte \u2013 wenn das Schalker Maskottchen nicht wom\u00f6glich nach Erwin Kremers benannt w\u00e4re, der bei der WM 1974 nicht dabei war, daf\u00fcr aber Bernd H\u00f6lzenbein. Und warum? Weil Kremers im letzten Bundesligaspiel 1973\/74 Schiedsrichter Klauser als bl\u00f6de Sau beschimpfte und dies solange wiederholte, bis diesem keine andere Wahl blieb, als Rot zu ziehen. Daraufhin flog Kremers vom Platz, durfte nicht mit zur WM und Holz wurde Weltmeister. Danke Erwin.<\/p>\n<p>Jetzt wurde es voll und voller, entgegen einer dubiosen Ank\u00fcndigung stand Kevin Trapp wie gewohnt im Tor und kurz vor Anpfiff obsiegte die Folklore und wir wedelten mehr schlecht als recht mit den ausgelegten F\u00e4hnchen und sorgten so f\u00fcr eine farblich angemessene Ehrerbietung an die glorreiche Sportgemeinde Eintracht. Und w\u00e4hrend die Fahnen noch wedelten lag die Kugel im Netz. Ohrenbet\u00e4ubende Musik brach \u00fcber uns herein \u2013 und Schalke feierte den Torsch\u00fctzen zum 1:0, Simon Terrode. Keine volle Minute war gespielt. Och ne.<\/p>\n<p><a name=\"_GoBack\"><\/a> Die folgenden 45 Minuten waren gepr\u00e4gt durch wehende Fahnen, die mir traditionsgem\u00e4\u00df den Blick aufs Spielfeld verhagelten, Kamadas Ausgleich zum 1:1 und den Bem\u00fchungen meiner Nachbarn, den Besuchern der Loge hinter uns den Blick zu verstellen, in dem sich die Jungs gegenseitig auf die Schultern hoben. Langweilig wurde es zumindest nicht.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zur zweiten Halbzeit wurden unsere Recken auf dem Platz mit Leuchtwerk und Rauch begr\u00fc\u00dft, dazu verk\u00fcndete ein Banner den Europapokalsieger Randale des Jahres 2023. Wer damit etwas anfangen kann, okay. Ich w\u00fcrde tats\u00e4chlich auch ohne diese folkloristischen Elemente klarkommen \u2013 aber es ist jetzt auch keine Kriegserkl\u00e4rung an die Welt. Die Eintracht ganz in Rot schien dadurch befl\u00fcgelt und ging durch Tuta gar mit 2:1 in F\u00fchrung. Doch als der wenig \u00fcberzeugende Schiri Schlager ein klares Foul an Buta durchgehen lie\u00df verlor die Eintracht die Lust am St\u00fcrmen, Schalke bestimmte das Spiel und kam folgerichtig zum Ausgleich. Jetzt war die Arena erwacht und peitschte die Blau Wei\u00dfen nach vorne, aber mehr als eine Rudelbildung kam dabei nicht rum. Unterdessen versuchten unsere Nachbarn weiterhin die Fenster mit Choreoelementen zu zukleben, f\u00fcr Abwechslung war gesorgt \u2013 auch nach Abpfiff \u2013 da zun\u00e4chst die Frankfurter vor den sich sammelnden Schalkern ausliefen und sp\u00e4ter es noch zu Reibereien im Block kam. Da waren wir aber schon l\u00e4ngst drau\u00dfen und wichen davonstobenden Polizeipferden aus.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckfahrt f\u00fchrte uns bei Kl\u00e4ngen von Tom Russell (<em>Float like a butterfly sting like a bee &#8230;<\/em> ), Lost Fastidios oder Stereo MCs durch Essen Kray, wobei nicht jeder Ton seitens der Crew getroffen aber dennoch mit Herzblut intoniert wurde (<em>Antifa Hooligans<\/em>). Melancholisch versank die Sonne zwischen Bonn und Wiesbaden, ein Rudel Hirsche winkte uns, w\u00e4hrend wir f\u00fcr ein paar Kilometer dem Eintrachtbus hinterher fuhren. Die Nacht legte sich \u00fcber Frankfurt als wir gegen halb elf wieder am Fu\u00dfballplatz der Concordia einrollten. Ausfl\u00fcge ins Ruhrgebiet haben ja trotz allem Zeitenwandel etwas Sentimentales. Die vereinzelten F\u00f6rdert\u00fcrme der Zechen, die Begeisterung auf Schalke \u2013 es riecht nach Taubenzucht, nach Samstagnachmittagsfu\u00dfball im Radio, nach Feinripp. Aber auch nach Influencern der modernen Zeit, in der Schalke wom\u00f6glich absteigt und Dortmund Meister wird. Und die Eintracht Pokalsieger. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<div id=\"metaslider-id-15908\" style=\"width: 100%;\" class=\"ml-slider-3-108-0 metaslider metaslider-nivo metaslider-15908 ml-slider has-dots-nav ms-theme-default\" role=\"region\" aria-label=\"Schalke\" data-height=\"525\" data-width=\"700\">\n    <div id=\"metaslider_container_15908\">\n        <div class='slider-wrapper theme-default'><div class='ribbon'><\/div><div id='metaslider_15908' class='nivoSlider'><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/01.jpg\" height=\"525\" width=\"700\" title=\"01\" alt=\"\" class=\"slider-15908 slide-15913 msDefaultImage\" \/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/04.jpg\" height=\"525\" width=\"700\" title=\"04\" alt=\"\" class=\"slider-15908 slide-15916 msDefaultImage\" \/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/02.jpg\" height=\"525\" width=\"700\" title=\"02\" alt=\"\" class=\"slider-15908 slide-15914 msDefaultImage\" \/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/03-700x525.jpg\" height=\"525\" width=\"700\" title=\"03\" alt=\"\" class=\"slider-15908 slide-15915 msDefaultImage\" \/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/00-700x525.jpg\" height=\"525\" width=\"700\" title=\"00\" alt=\"\" class=\"slider-15908 slide-15918 msDefaultImage\" \/><\/div><\/div>\n        \n    <\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So ganz klammheimlich habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten ja doch ein paar Ausw\u00e4rtsspiele der Eintracht vor Ort gesehen, war in M\u00fcnchen, stapfte durchs verschneite Leipzig, wanderte durch Berlin oder bejubelte einen Ausw\u00e4rtssieg in Stuttgart. 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