{"id":15494,"date":"2022-06-22T15:39:48","date_gmt":"2022-06-22T13:39:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15494"},"modified":"2022-06-22T16:23:11","modified_gmt":"2022-06-22T14:23:11","slug":"backstage-das-ende-einer-aera","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15494","title":{"rendered":"Backstage &#8211; Das Ende einer \u00c4ra"},"content":{"rendered":"<p>Noch einmal stehen Menschentrauben an der Ecke Rohrbachstra\u00dfe\/Rothschildallee im Frankfurter Nordend, in der Hand ein Bier oder einen Becher Apfelwein. Gude hier, Gude da. Drinnen legt Niko Platten auf. Im Backstage oder besser New Backstage, wie die Fu\u00dfball- und Schnitzelkneipe in den vergangenen Jahren hie\u00df. Seit sie Silke von Norbert \u00fcbernommen hatte, das m\u00fcsste in den Monaten nach der WM 2006 gewesen sein.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Anfang der Neunziger Jahre er\u00f6ffnet, lernte ich das Backstage Mitte des Jahrzehnts kennen. Damals schlug ich mir die Frankfurter N\u00e4chte im Taxi um die Ohren, sa\u00df in einem Wagen der Zentrale 33. Wir galten als die moderne Variante, weltoffener als die gro\u00dfe 01er. Fuhren oft die coolen Locations an, die Bars und Clubs der Schwulen- und Lesbenszene, die Unkonventionellen. Und so marschierte ich eines Nachts auch ins Backstage und holte meine Fahrg\u00e4ste ab, oft Musiker oder deren Freunde und Bekannte.<\/p>\n<p>Damals trank ich \u00fcber Jahre hinweg keinen Alkohol und wohnte in Oberrad, war folglich auch nur h\u00f6chst selten privat in Kneipen anzutreffen &#8211; und schon gar nicht mehr im Nordend. Ein paar der Leute, die zu mir ins Taxi stolperten, kannte ich vom Sehen, aus dem Caf\u00e9 L\u00e4uft ein paar Schritte nebenan. Das L\u00e4uft ist sp\u00e4ter umgezogen und schloss eines Tages seine Pforten f\u00fcr immer. Das Backstage aber blieb und hielt die Stellung im immer st\u00e4rker gentrifizierten Nordend. Bis ich eines Tages selbst zu einer Art Stammgast wurde. \u00dcber die Eintracht hatte ich zu Beginn der 2000er Jahre binnen k\u00fcrzester Zeit f\u00fcr meine Verh\u00e4ltnisse unglaublich viele Leute kennen gelernt, 2004 trank ich nach 10 Jahren auch wieder meinen ersten Apfelwein &#8211; in der Bembelbar, die damals nach Spielen der Eintracht in der Klapper 33 ihre famosen Abende zelebrierte. Und so verschlug es mich immer h\u00e4ufiger aus meinem beschaulichem Oberrad, aus dem Frankfurter Stadtwald ins lebendige Frankfurt. Und in dieser Zeit auch ins Backstage. Es wurde geraucht und getrunken, gebabbelt und auch mal geknutscht. Charlie, der um die Ecke wohnt und unglaublich viele skurrile Platten besitzt und zudem ein unfassbar netter Kerl ist, legte dort zuweilen Platten auf, Jens, der uns auch am 17. Juni 2022 souver\u00e4n mit Getr\u00e4nken versorgte, grinste dich immer an, wenn du sp\u00e4t am Abend dort aufschlugest. Noch wurde die Kneipe von Norbert gef\u00fchrt, der immer mal mit mit krudem blauem Schnaps (WC-Ente) vorbei kam &#8211; oder eine Runde J\u00e4germeister auf die Tische stellte. Den Sommer 2006 verbrachten wir nahezu komplett im Backstage, schauten die Spiele der Weltmeisterschaft, es waren hei\u00dfe Tage &#8211; in jeglicher Hinsicht. Nur das Essen war in den letzten Tagen unter seiner F\u00fchrung eine Katastrophe, einmal wurde mir sogar schlecht. Folglich spazierte ich bei Hunger r\u00fcber zum damals in der Rohrbachstra\u00dfe existierenden Thai, um anschlie\u00dfend wieder im Backstage zu trinken. Einige Monate sp\u00e4ter bestellte ich mir dann doch wieder einen Teller Pommes vor Ort \u2013 und selbst die waren versalzen. Mittlerweile hatte ich Pia kennen gelernt, die um die Ecke wohnte, und so landeten wir immer h\u00e4ufiger dort.<\/p>\n<p>Als Silke den Laden \u00fcbernahm, behielt sie die wilde Struktur bei, \u00e4nderte behutsam einige Kleinigkeiten und fortan konnte man im Backstage auch wieder fabelhaft futtern. Cheeseburger f\u00fcr den kleinen Hunger, Schnitzel f\u00fcr den Gro\u00dfen. J\u00fcrgen Grabowski im lebensgro\u00dfen Starschnitt blickte dich von der der Seite an, Joe Strummer, umrankt von wilden roten Rosen, von der R\u00fcckwand. Und aus den Boxen blubberte immer Social Distortion.<\/p>\n<p>Manchmal guckte wir dort auch die Eintracht, der Laden war stets proppevoll, wobei ich in der Regel selbst im Stadion verweilte. Als wir unseren EFC Schwarze Bembel gr\u00fcndeten, erkoren wir das Backstage zu unserer Stammkneipe, hockten jeden ersten Montag im Monat bei einem Schoppen, den wir aus unserem echten schwarzen 12er Bembel tranken &#8211; und tagten bis tief in die Nacht. Gabi oder Siggi schlossen irgendwann die T\u00fcren ab und wir wankten sp\u00e4ter durch die Hintert\u00fcr in die Dunkelheit. 2008 hatten wir sogar den ganzen Laden f\u00fcr uns, EFC Weihnachtsfeier mit Freunden. Es gab hessische Tapas, Apfelwein und Bier &#8211; Stargast war seinerzeit Michael Thurk.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die WM 2010 wurde das Backstage unser Zuhause. Nachmittags wurden flei\u00dfig Panini-Bildchen getauscht, der kleine Garten an der Allee zeigte sich buntgeschm\u00fcckt, es m\u00fcsste der Sommer gewesen sein, in dem ich mit dem Erg\u00e4nzungsspieler oben von Silkes Wohnung aus vor den Spielen eine kleine alberne Pre-Match Show veranstaltete, die unten auf den Fernsehern gezeigt wurde. Fu\u00dfball, Schnitzel, Rock und Roll. Mal kamen wir sp\u00e4t in der Nacht von einer Ausw\u00e4rtsfahrt nach Hause, wuchteten in der Dunkelheit Getr\u00e4nke aus dem Bus in den Keller, mal trank ich mit Daniel bis tief in die Nacht Wodka und Apfelwein. Einmal legte ich sogar selbst dort Platten auf, nach einem Konzert der Ding Dong Daddies, bei denen Tom spielte, der seit damals auch immer wieder mit der Bembelbar f\u00fcr ein Gastspiel ins Backstage zog. Mittlerweile wohnte ich ja auch um die Ecke, der Heimweg war \u00fcberschaubar. Die Fanabteilung der Eintracht rief einmal im Monat zum informativen Austausch &#8211; und wir bequatschten die hei\u00dfen Themen rund um die SGE mit hochroten K\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Silke f\u00fchrte den Laden mit rauer Herzlichkeit, doch das Konzept, niedrigpreisig, Fu\u00dfball, Rauchen, Essen, Musik wurde im Laufe der Jahre stets harten Pr\u00fcfungen unterzogen. Klar, immer wieder standen Charlie, John, Niko, Erg\u00e4nzungsspieler, Stift und viele andere an den Plattentellern, es wurde getanzt und gefeiert, doch ein erster Hieb kam mit dem Rauchverbot in Gastst\u00e4tten, in denen auch Essen ausgegeben wurden. Zwar konnte man auch weiterhin im Backstage rauchen, von nun an allerdings nur im hinteren Bereich. In der ersten Zeit stand die T\u00fcr nach vorne auch immer offen, vor allem f\u00fcr die Bedienungen ein Segen, da sie Getr\u00e4nke und Speisen ohne Probleme nach hinten bringen konnten. Eines Tages hatte sich jemand beim Ordnungsamt beschwert, mit der Konsequenz, dass die Zwischent\u00fcr nun geschlossen werden musste. Dies hatte zur Folge, dass von da an, jeder Gang nach hinten mit einem \u00d6ffnen der T\u00fcr verbunden war &#8211; mit vollem Tablett ein Albtraum. Und im Winter bedeute dies, dass der Raucherraum derartig verqualmt war, dass es nicht nur f\u00fcr Nichtraucher eine Zumutung wurde, sich dort aufzuhalten. Die Raucher gingen dann hin und wieder f\u00fcr ein Kippchen nach hinten oder drau\u00dfen, was nat\u00fcrlich vorne die Gruppen sprengte, kurz, es wurde ungem\u00fctlicher. Dennoch hielten die Stammg\u00e4ste dem Backstage weiterhin die Treue. Auch wenn ein paar Schritte weiter unten das Feinstaub seine Pforten \u00f6ffnete, das eine \u00e4hnlich Klientel anzog. Unkonventionell, ohne Firlefanz, freundlich. Als sich das Gudes dann am Matthias Belz Platz etablierte, hatte das Nordend sein Bermuda-Dreieck.<\/p>\n<p>\u00dcber all die Jahre blieben die Preise stabil. Kurzzeitig \u00f6ffnete das Backstage auch tags\u00fcber die T\u00fcren, doch das Konzept &#8222;Morgens Caf\u00e9, abends Rock und Roll&#8220; ging nicht ganz auf, der Laden war zu sehr mit dem Nachtleben verquickt, tags\u00fcber gingen die Leute ins Kardamom oder die anderen Caf\u00e9s in der Glauburgstra\u00dfe. Derweil wurden die Fu\u00dfball\u00fcbertragungen seitens der Rechteinhaber immer teurer. Das New Backstage, wie es nunmehr hie\u00df, hielt mit Tatort-Sammelglotzen dagegen.<\/p>\n<p>So zogen die Jahre ins Land, bis Covid dem bekanntem Leben ein Strich durch die Rechnung machte. Nicht nur, dass die Kneipen dicht machen und sich wie das Backstage m\u00fchsam mit Au\u00dferhausverkauf \u00fcber Wasser halten mussten, auch die Rechnungen f\u00fcr Fu\u00dfball\u00fcbertragungen erreichten aberwitzige H\u00f6hen, zumal nunmehr mehrere Sender die Hand offen hielten. Und so entschied sich Silke 2021 schweren Herzens auf Fu\u00dfball\u00fcbertragungen der Eintracht zu verzichten. Ich hatte aber in den letzten beiden Jahren seit Ausbruch von Corona keine einzige Kneipe von Innen gesehen, sieht man einmal von zwei n\u00e4chtlichen Ausnahmen ab. Zwischendrin hatte das Feinstaub gemeinsam mit dem Backstage und befreundeten Bands einen Soli-Sampler produziert: One City \u2013 One Crew, der das \u00dcberleben beider Institutionen zu sichern helfen sollte.<\/p>\n<p>Eines Abends standen wir mit Niko bei einem Sch\u00f6ppchen unter freiem Himmel zusammen und erfuhren die traurige Nachricht: Das Backstage macht zu. Zwar gab es zun\u00e4chst Ans\u00e4tze, die Kneipe im Konzept mit einem anderen Betreiber weiter zu f\u00fchren, doch aberwitzige Mietvorstellungen machten diese Pl\u00e4ne zunichte. Und so kam, was kommen musste: Die Tage des Abschieds r\u00fcckten n\u00e4her. F\u00fcnf Tage oder besser N\u00e4chte wurde der Abschied zelebriert, der Abschied einer Kneipeninstitution, die Frankfurt und das Nordend \u00fcber Jahrzehnte gepr\u00e4gt hatte. Wollte jemand wissen, wo man in Frankfurt die Eintracht gucken kann, lautete die Antwort stets: Im Backstage.<\/p>\n<p>Diese Zeiten sind unwiderruflich vorbei. Am Sonntag, den 19. Juni schlossen die T\u00fcren f\u00fcr immer. Wahrscheinlich wird einer der 0815-Italiener in die R\u00e4ume einziehen, Carbonara f\u00fcr 12 Euro, oder eine Shisha Bar, irgend ein Laden, der die geforderte Miete zahlt und sich das Geld von den nunmehr wohlhabenderen Kunden wieder rein holt. Vielleicht wechselt der Mieter auch alle paar Wochen. Und stets wenn, wir von nun an auf dem Heimweg an der Ecke Rohrbachstra\u00dfe\/Rothschildallee vorbei laufen, werden wir murmeln: Da war fr\u00fcher das Backstage.<\/p>\n<p>Danke Norbert, danke Silke und die Crew f\u00fcr alles. F\u00fcr die vielen lustigen Abende und N\u00e4chte. Backstage, du wirst uns fehlen. Mach\u2018s gut!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/BS_03.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-15498\" src=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/BS_03.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"428\" srcset=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/BS_03.jpg 700w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/BS_03-300x183.jpg 300w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/BS_03-676x413.jpg 676w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch einmal stehen Menschentrauben an der Ecke Rohrbachstra\u00dfe\/Rothschildallee im Frankfurter Nordend, in der Hand ein Bier oder einen Becher Apfelwein. Gude hier, Gude da. Drinnen legt Niko Platten auf. 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