{"id":15277,"date":"2022-06-07T14:33:03","date_gmt":"2022-06-07T12:33:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15277"},"modified":"2022-06-10T20:54:32","modified_gmt":"2022-06-10T18:54:32","slug":"bahnfahren-bis-bamberg-9-euro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15277","title":{"rendered":"Bahnfahren. Bis Bamberg. #9-Euro"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15296\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unterwegssein<\/a>. Bewusstes Erleben der Verg\u00e4nglichkeit &#8211; im besten Falle. Vielleicht war es das, was mir in der Hochphase von Corona am meisten gefehlt hat, das Vorbeigleiten der Zeit, angef\u00fcllt mit Momentaufnahmen eines Daseins, das so schnell vorbei ist &#8211; angereichert mit Erinnerungen, einem &#8222;Wei\u00dftdunoch&#8220;, bunte Zeitkleckse im ewigen Werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><!--more--><\/p>\n<p>Die Fahrt von Kiew nach Charkiw im Zug, das gem\u00e4chliche Tuckern von Ranong nach Koh Payam im &#8222;Normal Boat&#8220; durch die andamanische See, die F\u00e4hre von Helsinki nach Tallinn an einem hei\u00dfen Sommertag, mit dem altersschwachen Mercedes, der mehr \u00d6l als Diesel verbrauchte, den Atlantik entlang bis zur S\u00fcdwest-Spitze Europas am Cabo Sao Vincente in Portugal. Mit dem Wanderstock durch den Spessart, der alten Honda XL 500 nach Odeceixe, die Mitfahrgelegenheit nach T\u00fcbingen oder dem Bus von Faro nach Sevilla. Dem TucTuc von Thiruvananthapuram nach Varkala durch rotstaubige Stra\u00dfen Indiens. Mit dem Roller durch Sifnos. Irgendwo liegt immer ein Ankommen. Das Zwischendrin als Seinsszustand. Der Blick aus dem Fenster, vorbeiziehende Miniaturaufnahmen des Lebens, eingefrorene Momente des Unvergesslichen.<\/p>\n<p>Seit dem ersten Juni gilt in Deutschland das 9-Euro-Ticket, mit dem du einen ganzen Monat lang mit vielen \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln durch Deutschland reisen kannst. Nat\u00fcrlich nicht mit den schnellen, eleganten. Nat\u00fcrlich nicht in der ersten Klasse, dem Privileg derer, die es sich leisten k\u00f6nnen. Zeit und Raum muss man sich immer leisten k\u00f6nnen. Zeit auf Kosten von Geld, Raum auf Kosten der anderen. Von daher ist die Forderung nach Abschaffung der Klassengesellschaft eine, die an G\u00fcltigkeit nichts verloren hat. Im Leben &#8211; wie in der Bahn oder im Flugzeug, wobei man den lieben langen Tag fordern kann. &#8222;Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenk\u00e4mpfen.&#8220;, schrieben Marx und Engels einst &#8211; und sie ist noch nicht zu Ende.<\/p>\n<p>Fr\u00fch am Morgen des ersten Juni landete das 9-Euro-Ticket in meiner RMV App und da meine Schwester mich anl\u00e4sslich ihres Geburtstages zum Essen in einer Pizzeria nach Kleinostheim eingeladen hatte, lie\u00df ich den Dacia und meinen Roller brav zuhause stehen und spazierte bei strahlendem Sonnenschein zur Stra\u00dfenbahn-Haltestelle in die Rohrbachstra\u00dfe. Zuerst rasselte die 12 an, auch die 18 h\u00e4lt ja derzeit bei uns ums Eck, das ist ganz praktisch, da Letztere bis zum S\u00fcdbahnhof f\u00e4hrt. Ich zog mir eine Maske \u00fcbers Gesicht, ratterte mit der 12 zur Konsti, stieg dort in die 18 um und verlie\u00df diese am Lokalbahnhof. Von dort sind es nur ein paar Schritte in die Br\u00fcckenstra\u00dfe, in der ein kleines portugiesisches Ladengesch\u00e4ft Galao und Rissois anbietet. Ich hatte Zeit. Bzw.: Ich habe sie mir genommen. Das ist ja auch ein \u00dcbel, diese selbstgemachte Hetze, der Glaube, in m\u00f6glichst kurzer Zeit schnell irgendwo hin zu kommen, wobei alle anderen im Weg sind. Manchmal muss man auf die imagin\u00e4re Bremse treten, alles an sich vorbei ziehen lassen &#8211; um dann entschleunigt und entspannt vorw\u00e4rts zu kommen. Die anderen sind keine Feinde mehr, sie sind Menschen, die ebenfalls unterwegs sind &#8211; mit all der Last ihrer Jahre, die die Zeit in ihr Gesicht gefr\u00e4st hat, die K\u00f6rper und dessen Haltung formten. M\u00f6ge die \u00dcbung gelingen.<\/p>\n<p>Am S\u00fcdbahnhof keine Zeichen von Hysterie. Au\u00dfer bei mir, der zun\u00e4chst runter zur U-Bahn marschiert, um anschlie\u00dfend festzustellen, dass mein Zug von den Gleisen oben abf\u00e4hrt. Brav stelle ich mich ans Gleis, der Zug Richtung W\u00fcrzburg wird schon auf der elektronischen Anzeigetafel angek\u00fcndigt. Als er einige Zeit sp\u00e4ter noch nicht da ist, checke ich die App. Jetzt wird mir ein anderer Zug vorgeschlagen, Abfahrt 20 Minuten sp\u00e4ter. Gleis 8. Verwirrung macht sich breit, ich wandere die Stufen nach unten, am entsprechenden Gleis wieder nach oben. Da steht es: Abfahrt RB 58 nach Laufach. Der erste Zug rollt, nachdem er kurzzeitig von der elektronischen Bildfl\u00e4che verschwunden war und nun wieder angek\u00fcndigt wurde, mit 15-min\u00fctiger Versp\u00e4tung ein \u2013 und ohne mich wieder ab. Ich warte auf Gleis 8, mit mir steht dort nur eine handvoll Menschen, ich f\u00fchle mich dezent an eine Europapokalreise erinnert. Der RB 58 ist p\u00fcnktlich, ich erhasche einen Platz am Fenster Richtung Fahrtrichtung und wir legen ab. Fahren \u00fcber Frankfurt Ost, Mainkur und Maintal Richtung Hanau. Keine besonderen Vorkommnisse, au\u00dfer dass ein nicht mehr ganz so junger Mann die Bahn mit seinem Office verwechselt, seine Gespr\u00e4chspartnerin auf Laut gestellt und wichtige Dinge zu kl\u00e4ren hat. Ich nehme mir vor, das n\u00e4chste Mal die Texte zu protokollieren und rolle \u00fcber Hanau und die R\u00fcckertsbacher Schlucht nach Kleinostheim. Damit sind meine 9 Euro f\u00fcr das Ticket schon wieder drin. Auch der R\u00fcckweg ist unkompliziert. Kaum bin ich wieder am Bahnhof gelandet, rollt die Bahn ein, ich sprinte zum richtigen Gleis \u2013 und sitze diesmal mit dem R\u00fccken am Fenster und schaue mir die gegen\u00fcbersitzenden Fahrg\u00e4ste an. Das beste am Bahnfahren ist es jedoch, den Blick aus dem Fenster auf die Miniaturwelt drau\u00dfen zu werfen, die Graffiti, die Geb\u00e4uder\u00fcckseiten, die Schreberg\u00e4rten, das Gleisgewimmel an gr\u00f6\u00dferen Bahnh\u00f6fen, die wartenden Autos an den Schranken. \u00dcberall lauern Geschichten, die nie erz\u00e4hlt werden. Die 18 bringt mich wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Da das Ganze recht gut geklappt hat, beschlie\u00dfen wir, auch am Samstag die Bahn Richtung Aschaffenburg zu nehmen, ein Familienfest steht an. Wieder rasselt die 18 in Richtung S\u00fcdbahnhof, vorbei am Haus mit der Friedenstaube auf der Wandr\u00fcckseite, vorbei am kleinen Thai in der Dreieichstra\u00dfe. Knapp bekleidete junge Menschen sitzen mit uns in der Stra\u00dfenbahn, unverkennbar wird sie der Weg ins Stadion f\u00fchren. Dort spielt heute jedoch nicht die Eintracht, vielmehr wird das Gel\u00e4nde mit elektronischer Musik beschallt. Die ersten Kl\u00e4nge t\u00f6nen durch die Bahn. Wir lassen am S\u00fcdbahnhof die Techno-J\u00fcnger hinter uns und spazieren zu den Gleisen. Die Regionalbahn ist fast p\u00fcnktlich, wir sitzen und ich schaue r\u00fccklings aus dem Fenster. Das finale Ziel ist Bamberg \u2013 dort waren wir vor ziemlich genau 10 Jahren einmal, auf dem R\u00fcckweg aus der fr\u00e4nkischen Schweiz. Soweit geht es heute nicht. \u00dcber Hanau erreichen wir den Aschaffenburger Hauptbahnhof. Zwanzig Minuten sp\u00e4ter sitzen wir im Bus nach Nilkheim und f\u00fcnf Minuten danach in einem Garten und trinken Apfelwein. Zur\u00fcck geht es mit meinen Eltern im Auto bis nach Dietzenbach. Dort warten wir auf die S-Bahn, die mit zwei-min\u00fctiger Versp\u00e4tung anrauscht. Als wir einsteigen, f\u00e4llt auf, dass Masken hier nicht unbedingt ein Must Have sind. Hinter uns telefoniert jemand, die nackten F\u00fc\u00dfe auf dem Sitz. Offenbach. Konsti. 18. Ein junger Mann hat \u00c4rger mit seiner Freundin, wir k\u00f6nnen das Gespr\u00e4ch hautnah verfolgen, geben aber keine Verhaltenstipps. Muss er selbst sehen, wie er mit ihr klar kommt.<\/p>\n<p>Wir hingegen haben Blut geleckt, fr\u00fch am n\u00e4chsten Morgen machen wir uns auf die Socken. Unser Ziel: Bamberg. Erneut bringt uns die 18 zum S\u00fcdbahnhof, der Main-Spessart-Express, RE 55, wartet schon, es herrscht reger Betrieb \u2013 aber wir finden zwei Sitzpl\u00e4tze nebeneinander, leider nicht mit direktem Blick aus dem Fenster. \u201eAuf Grund eines Maskenverweigerers verz\u00f6gert sich die Abfahrt auf unbestimmte Zeit\u201c klingt es aus den Lautsprechern des Zuges. Und so ist es auch, zwanzig Minuten sp\u00e4ter stehen wir immer noch. Unser Gegen\u00fcber, ein Herr mittleren Alters, t\u00e4tig im Gastronomiegewerbe, zeigt daf\u00fcr nur bedingt Verst\u00e4ndnis. Er murmelt etwas von \u201eDiktatur\u201c und beginnt ein Gespr\u00e4ch \u00fcber den Unfug von Masken und gef\u00e4lschten Zahlen von Bettenbelegungen. Ich lasse die Worte an mir abperlen, drehe meinen Kopf und versuche aus dem Fenster zu schauen. Immerhin tr\u00e4gt mein Gegen\u00fcber eine Maske, an ihm liegt es nicht. Die Zugbegleiterin, rauscht durch die Waggons, zeigt sich leicht genervt und weist einen jungen Mann darauf hin, die Maske ordentlich aufzuziehen. Eine Bitte, der der Kamerad nachkommt, obgleich er an einem Kaffee nuckelt. Mein Gegen\u00fcber will zum gro\u00dfen Palaver ansetzen, die Zugbegleiterin l\u00e4sst sich davon nicht beeindrucken und rauscht wieder ab. Dann rollt auch der Zug an, mit 25-min\u00fctiger Versp\u00e4tung geht es nun in Richtung Oberfranken. Pia liest, ich h\u00f6re mir \u00fcber Kopfh\u00f6rer ein H\u00f6rbuch an. Mit jedem Halt stolpern ein paar mehr Leute ein den Zug. Irgendwo vor Hanau setze ich mich eine Reihe nach unten und kann aus dem Fenster schauen. Eine adrette Familie mit zwei Kindern steigt dort zu und findet, wie einige andere auch, zun\u00e4chst keinen Sitzplatz. Blicke fliegen hin und her, M\u00f6glichkeiten werden erwogen und wieder fallen gelassen. Gr\u00fcne Hecken ums\u00e4umen die Gleise, w\u00e4hrend wir dahin rollen. In Aschaffenburg kommt noch einmal Bewegung in die Sache. Zun\u00e4chst verabschiedet sich der Grantler vom S\u00fcdbahnhof recht freundlich, dann wird es verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig voll. Die Familienkinder haben derweil einen Sitzplatz gefunden und daddeln auf ihren Handys. Andere stehen im Gang. Aber der Zug ist nicht rappelvoll. Ein \u00e4lteres Ehepaar scheint st\u00e4ndig auf dem Sprung zu sein, Unruhe blitzt in ihren Augen. Wir fahren durch den gr\u00fcn beh\u00fcgelten Spessart, passieren Gem\u00fcnden und landen letztlich in W\u00fcrzburg. Dort leert sich die Bahn rapide. Wir nutzen die Gelegenheit und setzen uns an einen Vierer-Tisch mit wunderbarem Fensterblick und rauschen durchs sch\u00f6ne Frankenland. Das Handy h\u00e4ngt an der Steckdose. Trotz des l\u00e4ngeren Aufenthaltes in W\u00fcrzburg sind wir wieder exakt in der angegebenen Zeit. Ha\u00dffurt und Schweinfurt hei\u00dfen die letzten beiden Stationen vor Bamberg, Endstation, alles aussteigen. Oktoberfestartig gewandete Menschen kommen uns entgegen, in der Hand einen Bierseidl. Pfingstsonntag in Oberfranken. Wir besorgen uns in einem Bahnhofscaf\u00e9 einen Bahnhofscaf\u00e9 und spazieren auf den Vorplatz. Hallo Bamberg.<\/p>\n<p>Wir treiben durch die weitgehend von Kriegssch\u00e4den verschont gebliebene Stadt, essen Bratw\u00fcrste, trinken Schlenkerla und blicken von der Br\u00fccke am alten Rathaus auf den Arm der Regnitz. Weiter hinten liegt Klein-Venedig. In Frankfurt regnet es, hier scheint die Sonne. Die Auff\u00fchrungen von Romeo &amp; Julia werden erst in ein paar Wochen in der Alten Hofhaltung \u00fcber die B\u00fchne gehen, von daher wandern wir \u00fcber ein Br\u00fcckenlabyrinth an die Stelle an der Regnitz, von wo eine <a href=\"https:\/\/chance-jugend.de\/index.php\/de\/\">Seilf\u00e4hre<\/a> in den Sommermonaten Passagiere ans andere Ufer bringt und beobachten das rege Treiben. Alsbald ruft die R\u00fcckfahrt. Zuvor g\u00f6nnen wir uns noch ein Eis (Waldmeister) und spazieren gem\u00fctlich zum Bahnhof. Schon vor der Zeit wartet die Bahn am Gleis, wir setzen uns wieder an einen Vierer-Tisch. Pia packt ihr Buch aus, ich st\u00f6psel mir die Kopfh\u00f6rer in die Ohren und schon rauschen wir los. Leichter Sommerregen klopft ans Fenster. Kurz vor Schweinfurt nicke ich ein und bemerke gar nicht, dass wir in W\u00fcrzburg nicht anhalten. Im Regionalexpress ist noch massig Platz, die Fahrt ist unspektakul\u00e4r, sieht man einmal davon ab, dass das Gr\u00fcn des Spessart zu Wanderungen einl\u00e4dt. Sp\u00e4ter rollen wir an Oberrad vorbei, meiner alten Heimat \u2013 und rattern mit der 18 vom S\u00fcdbahnhof ins Nordend. In der Bahn erkennen wir den jungen Mann wieder, der sich gestern mit seiner Freundin gestritten hatte, diesmal steigen beide gemeinsam aus. Geht doch. Als wir die Haust\u00fcre aufschlie\u00dfen, f\u00fchlen wir uns, wie nach einem Urlaubstag. Unterwegssein. Erleben.<\/p>\n<p>Fazit: Das 9-Euro-Ticket ist eine feine Sache, wenn man ein wenig Geduld und Zeit mitbringt. Vor allem f\u00fcr diejenigen, die sich das Unterwegssein sonst nicht leisten k\u00f6nnen. Viele kennen das ja nicht, sich unbeschwert an Reiseplanungen zu machen, kleine Tr\u00e4ume zu tr\u00e4umen, sich ein bisschen Urlaub vom Alltag zu nehmen, auf andere Gedanke zu kommen. F\u00fcr viele sind solche vermeintliche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Wenn das Unterwegssein zu teuer ist, bleibst du zuhause und wirst missmutig \u2013 von daher ist das Ticket ein kleiner Ausweg in Richtung Freiheit. Und klimaschonend noch dazu. Man sollte es beibehalten.<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unterwegssein. Bewusstes Erleben der Verg\u00e4nglichkeit &#8211; im besten Falle. 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