{"id":15115,"date":"2022-04-30T15:37:43","date_gmt":"2022-04-30T13:37:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15115"},"modified":"2022-06-11T08:25:25","modified_gmt":"2022-06-11T06:25:25","slug":"london-west-ham-eintracht-feat-dover","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=15115","title":{"rendered":"London: West Ham &#8211; Eintracht. Feat. Dover."},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht begann alles mit der Buchung eines Hotelzimmers in London, als nach der Auslosung klar war, dass die Eintracht im Halbfinale des Europacups wom\u00f6glich auf West Ham trifft. Beinahe w\u00e4re auch noch ein Flug dazu gekommen, aber dann fiel uns noch rechtzeitig auf, dass wir eventuell ja auch in Lyon spielen k\u00f6nnten. Also lie\u00dfen wir es. Letztlich kam eh alles ganz anders als geplant. Davon erz\u00e4hlt diese Geschichte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es w\u00e4re sicher \u00f6konomisch gewesen, nach der 3:0 F\u00fchrung in Barcelona die Fl\u00fcge nach London klar zu machen, allerdings wollten wir jeden einzelnen dieser magischen Momente im Camp Nou genie\u00dfen und lie\u00dfen die Finger vom Handy. Als wir uns dann endlich darum k\u00fcmmerten, lagen die Flugpreise wenig \u00fcberraschend jenseits von Gut und B\u00f6se. Da wir eh im November in London sein werden (vorausgesetzt, es l\u00e4uft alles nach Plan), entschieden wir uns, f\u00fcr das Spiel bei West Ham doch den Tagesflieger zu nehmen und stornierten unser Zimmer. Bei Bekanntgabe der Preise f\u00fcr den Flug schluckten wir und buchten dennoch \u2013 nur um eine halbe Stunde sp\u00e4ter schweren Herzens abzusagen. Trotz aller Bem\u00fchungen der Fanabteilung und des Fanclubverbandes war uns die Rechnung einfach zu hoch. Zumal wir schon rund um das Finale in Sevilla eine Woche Urlaub in Portugal gebucht hatten \u2013 mit der Option auf eine kleine Busreise nach S\u00fcdspanien. Bleiben wir halt mal zuhause, gucken TV und gut ists.<\/p>\n<p>Ein paar Tage vor dem Spiel bei West Ham schickte uns Caro eine Nachricht, dass bei den Geiselgangstern im Bus kurzfristig noch Pl\u00e4tze frei geworden sind, preislich \u00fcberschaubar. Oha, jetzt m\u00fcssen wir fix sein. Pia sch\u00fcttelte den Kopf, das stundenlange Sitzen, die Strapazen, das ist nichts f\u00fcr sie. Ich \u00fcberlegte kurz, funkte Gabi an \u2013 und stand immerhin auf der Nachr\u00fcckerliste. So gab es pl\u00f6tzlich die kleine Option, zumindest f\u00fcr mich, doch noch nach London zu kommen. Aber ich machte mich nicht verr\u00fcckt, es kommt eh, wie es kommen muss. Fr\u00fcher sind wir oft mit den Geiselgangstern gefahren. Damals lebte Ralf noch, wir waren j\u00fcnger, und jede Fahrt war ein Abenteuer, von dem du nie wusstest, wie es ausgeht. Unterwegs mit dem Linienbus, ohne Klo und viel HalliGalli \u2013 mit den Jahren wurden wir ruhiger und planten unsere Reisen individuell oder mit Freunden.<\/p>\n<p>Jetzt war ich gespannt \u2013 und tats\u00e4chlich bekam ich zwei Tage sp\u00e4ter die Nachricht, dass ein paar Leute ausgefallen sind und ich mit dabei bin. Einerseits freute ich mich, andererseits hie\u00dfe dies, dass Pia aller Wahrscheinlichkeit nach zu Hause bleiben w\u00fcrde. Und das ist immer schade. Ein paar kleinere Optionen zerschlugen sich f\u00fcr sie und so begleitete sie mich am Mittwoch, den 27. 04. 2022 gegen 18 Uhr tapfer zur Stra\u00dfenbahnhaltestelle. Wir trafen unterwegs noch Jens, den ich sp\u00e4ter in London wiedersehen sollte, die Bahn rasselte an, eine letzte Umarmung und schon rollte ich los, winkte Pia und ratterte f\u00fcr die n\u00e4chsten 48 Stunden ins Ungewisse. An der Konsti stieg ich um in die S-Bahn, kurz darauf erreichte ich die Louisa, spazierte durch die mit Graffiti versehene Unterf\u00fchrung und trudelte am Fanhaus ein. Ich war einer der ersten, Gabi wuselte mit dem Handtuch auf dem Kopf herum, ich rauchte eine Cigarette und betrachtete meine kleine Tasche. Viel hatte ich nicht dabei. Meine Klamotten trug ich am Leib, eine Zahnb\u00fcrste und ein kleines Handtuch konnten nie schaden, Reisepass, Handy, Tabak, kleines Feuerzeug, eine Maske sowie Covid-Gums, die mir Pia zugesteckt hatte, kleine Kopfh\u00f6rer, einen Sarong, drei Br\u00f6tchen, mein Portmonnaie und eine Powerbank \u2013 das war\u2018s.<\/p>\n<p>Nach und nach trudelten die Mitreisenden ein, viele junge Leute, ein paar alte Hasen, ein paar Neulinge \u2013 eine bunte Mischung Wahnsinniger, die die Eintracht nach London begleiten w\u00fcrden. Und wie immer dabei: Buffo \u2013 allerdings ohne Gerre, der mit Tankard in Stockholm eines der in den letzten Jahren selten gewordenen Konzerte spielen sollte. Dabei war auch Carina, die in der hei\u00dfesten Nacht des Jahres damals in Tallinn im gleichen Hotel untergebracht war. Ohne eine M\u00f6glichkeit, die Fenster zu \u00f6ffnen. Wenn man denn eins hatte. Ich hatte keines. Bald brachte ein Trupp die Getr\u00e4nke und anderes Geraffel in den weiter unten stehenden Bus, der sich eine halbe Stunde sp\u00e4ter in die Stresemannallee schieben sollte. Punkt 20:30 Uhr rollten wir los. An den Pl\u00e4tzen hingen kleine Plastikwimpel mit unseren Namen, das war sch\u00f6n. Meiner war ganz vorne mit Blick durch die Panoramascheibe, neben mir sa\u00df Janina, die ich soeben kennen lernte und die sich als ruhige und angenehme Sitznachbarin erweisen sollte. Daneben hockte Buffo. Dahinter dann ein paar Jungs, die zum ersten Mal mit den Geiselgangstern dabei waren und sich als angenehme Gesellen zeigten. Im hinteren Bereich trieb die Jugend ihr Unwesen, sowie Gabi \u2013 aufgeregtes Geschnatter allenthalben. Waldstadion. Autobahn. London, wir kommen.<\/p>\n<p>Wir rollten in die anbrechende Dunkelheit und es war klar, dass es bis zur ersten Pause nicht all zu lange dauern w\u00fcrde. Die Tradition, etliche Pausen einzulegen, die noch aus der Zeit des toilettenlosen Busses stammte, wurde beibehalten, praktisch f\u00fcr die Raucher unter uns. Die erste wurde genutzt, um die kleine Discokugel in der Mitte des Busses zu montieren, alsbald schallten kunterbunte Kl\u00e4nge durch den fidelen Bus &#8211; Lieder \u00fcber den Drogenhund Eduard, \u00fcber Banknoten und dar\u00fcber, dass unser Auto mit \u00c4bbelwoi f\u00e4hrt. Zwischendrin ein paar Popsongs, ich blickte aus dem Fenster, Dunkelheit, wir rollten, stoppten, rollten. Ich quatschte mit Buffo \u00fcbers die Eintracht oder \u00fcber das Ticketing, welches zuweilen gewaltig hakt, wir tranken ein paar Bier, machten Pausen. Hinten siedete die gute Laune, die Musik wurde weniger gesellschaftskritisch, Ges\u00e4nge schallten durch den Bus, Limburg, Aachen, L\u00fcttich. Stunde um Stunde verging, die Discokugel warf ein buntes Licht in die Nacht, die belgischen Autobahnen in helleres Licht getaucht. Mal d\u00f6ste ich ein bisschen vor mich hin, mal blickte ich auf die Fahrbahn \u2013 aber eingeschlafen bin ich nicht wirklich. Bei Texaco machten wir Station. Bissi \u00fcber 300 Liter getankt. 630 Euro. Gegen f\u00fcnf Uhr Morgens erreichten wir Calais. Der F\u00e4hrhafen lag im Dunklen, es war nichts los, au\u00dfer einer Menge LKWs, die gleichfalls mit der F\u00e4hre \u00fcbersetzen sollten. Das Einreiseprocedere jedoch war eine zeitraubende Angelegenheit, bis alle P\u00e4sse eingesammelt, gescannt und wieder ausgegeben wurden, war der Tag erwacht. Nat\u00fcrlich hatte die erste F\u00e4hre schon abgelegt, eine n\u00e4chste sollte erst in einer Stunde los tuckern, der F\u00e4hrhafen lag im pittoresken Morgenlicht, M\u00f6wen schnatterten, im Geb\u00e4ude gegen\u00fcber gab es eine funktionierende Toilette und tats\u00e4chlich rollten wir zwei Stunden nach Ankunft in Calais auf die F\u00e4hre nach Dover und verschwanden im Bauch des riesigen Schiffes.<\/p>\n<p>Oben im Passagierbereich f\u00fchrte eine T\u00fcr legal auf das Oberdeck an die frische Luft. Von dort konnte man aufs Wasser schauen und rauchen. Drinnen gab es Sitze, Spielautomaten und ein englisches Fr\u00fchst\u00fcck, welches im Preis inbegriffen war. Die LKW-Fahrer hatten einen eigenen Bereich. Alsbald schoben wir uns \u00fcber den \u00c4rmelkanal. Ich schaufelte W\u00fcrstchen, Brot und eine Art dreieckige Kartoffelpuffer samt Speck in mich hinein, auf die Bohnen hatte ich dankend verzichtet, blickte mal ruhend aufs Wasser, mal putzte ich in der Dusche meine Z\u00e4hne und wusch mir die Ohren, mal rauchte ich im Wind, der mir um die Ohren wehte und freute mich, erstmals im Leben die wei\u00dfen Felsen von Dover zu sehen.<\/p>\n<p><i>Waiting for morning on the ferry boat deck 5 miles out of Calais<br \/>\nTired and cold and wet to the skin watching the waves and the spray<br \/>\n&#8230;<br \/>\nHome, hurry home<br \/>\nTo valleys green<br \/>\nAnd cliffs so tall and so white<br \/>\nHome, hurry home<br \/>\nI can see the lights of Dover through the night \u2026<\/i><\/p>\n<p>sangen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zVaNmld4-1c\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Men they couldn\u00b4t hang<\/a> vor Jahrzehnten \u2013 und in der Tat war auch f\u00fcr mich dieser Blick ein Lebenswunsch, der unverhofft in wenigen Momenten in Erf\u00fcllung gehen sollte. Nur <em>home<\/em> fuhren wir nicht. Sondern zum Eintrachtspiel bei West Ham United. Eintracht Frankfurt international.<\/p>\n<p>Gute anderthalb Stunden nach Ablegen konnte ich ich am Horizont die wei\u00dfen Felsen entdecken, die mit jeder Minute n\u00e4her kamen. Ich stand oben alleine, rauchte, blickte auf die Felsen, ein Wind zerzauste meine Haare \u2013 und war f\u00fcr einen kurzen Moment eins mit der Welt. <i>I can see the lights of Dover through the night \u2026<\/i><\/p>\n<p>Das Anlegen dauerte ein Weilchen, dann kletterten wir alle wieder in den Bus und rollten im Linksverkehr durch England, passierten Folkstone und Canterbury, bis wir London erreichten, uns durch manchen Stau qu\u00e4lten, bei der O2 Arena seltsame Geb\u00e4ude entdeckten und letztlich am G\u00e4steparkplatz den Bus parken konnten. Da war es. Das Olympiastadion. Hammer. 11 Uhr. Ich war jetzt seit 29 Stunden wach \u2013 und hatte einen langen Tag vor mir, gipfelnd im Spiel der Eintracht. Peu a peu trudelten auch die Busse ein, die die Tagesflieger von Stansted zum Stadion brachten, hier war Nina, da Grischa \u2013 ein gro\u00dfes Hallo hub an \u2013 und zu meiner \u00dcberraschung traf ich auch Kid, dessen Reise sich eigentlich schon zerschlagen hatte.<\/p>\n<p>Mein Ziel f\u00fcr den Tag war halbwegs klar umrissen. Zwar waren wir schon oft in London \u2013 aber noch nie im Victoria Park und im angrenzenden Hackney. Dort wollte ich mich umschauen, um anschlie\u00dfend \u00fcber die Brick Lane wieder Richtung Stadion zu wandern. So marschierte ich los, trieb mich unten am Kanal entlang, bis ich am Park landete. Der Victoria Park versprach Morgenruhe, gr\u00fcne Fl\u00e4chen, vereinzelte Jogger, h\u00e4tte ich eine Liege gefunden, ich w\u00e4re sofort eingeschlafen. Es gab aber keine Liegen &#8211; au\u00dferdem wollte ich ja unterwegs noch ein bisschen was entdecken. Meine Tasche hatte ich im Bus gelassen, da dieser vor dem Spiel nicht mehr \u00f6ffnen sollte und ich nur das Stadionn\u00f6tigste mit mir trug. Hoodie, Jacke und Schal. So es ein hei\u00dfer Tag werden w\u00fcrde, h\u00e4tte ich gelitten \u2013 aber im End hat sich mein Outfit bew\u00e4hrt. Weder fror noch schwitze ich, noch schleppte ich unn\u00f6tigen Ballast mit mir rum. Unterwegs. Am Ausgang des Parks sprach mich ein Frankfurter an: <i>Hej, bist du der Axel von der Waldtrib\u00fcne?<\/i> Der war ich unzweifelhaft \u2013 und der Zufall wollte, dass Elmar, so hie\u00df der Frankfurter, mit meinem ehemaligen Nachbarn Stefan unterwegs war, mit dem ich mich eh treffen wollte. Sachen gibt\u2018s. Der kleine Biergarten am Ausgang hatte noch geschlossen, ich freute mich auf ein Bierchen dort \u2013 In Ruhe. Vor dem Spiel.<\/p>\n<p>Dann trieb ich durch Hackney, oben gepflegte Gegend, eine Gruppe uniformierter Schulkinder marschierte an mir vorbei, weiter unten multikulti, Kebabl\u00e4den, Graffiti. Echtleben. Doch kaum jemand sa\u00df auf der Stra\u00dfe \u2013 obgleich es nicht kalt war. Okay, London ist nicht Barcelona. Mit einem schwarzen Tee in der Hand wanderte ich Richtung Cambridge Heath. Ich war noch nicht lange marschiert, als ich auf der Stra\u00dfenseite gegen\u00fcber ein paar Engl\u00e4nder sah, die mich frappierend an ein paar Jungs erinnerten, die auch immer mit der Eintracht unterwegs sind. Ich kam n\u00e4her \u2013 und na klar, die Fat Boys Gang. Hier im gottverlassenen Hackney. Wo sonst? Die Jungs treffe ich fast immer. Mal im Zug nach Salzburg, mal im Flieger nach Rom, mal in einer Kneipe in Guimaraes oder in irgendeiner Ecke in Athen. Filzi kenne ich schon ewig, von Ernst gibt es Bilder mit der Eintracht als junger Kerl \u2013 heute ist er mit seinem Infoschild bei Heimspielen der Eintracht unterwegs, Armin habe ich \u00fcber die letzten Europa-Jahre kennen gelernt. Die Gang treibt sich immer an lustigen Orten rum und macht sich keinen gro\u00dfen Kopf &#8211; und sie finden immer coole Pl\u00e4tze, so ist es kein Wunder, dass wir uns treffen. Aber schmal sind sie geworden.<\/p>\n<p>Ich spazierte die Stra\u00dfen entlang. London. Dark streets of London. Und es ist echt so: Die besten Orte sind hier meist die, wo viele Emigranten und deren Nachfahren leben. Es ist nicht \u00fcberzuckert, die W\u00e4nde sind bemalt, alles wirkt unaufger\u00e4umter und die Preise sind erschwinglich. Hie und da verschwand ich in den Nebengassen, fotografierte mit m\u00fcder Hand \u2013 und landete letztlich in der Brick Lane. Aber so richtig hatte ich keinen Blick f\u00fcr nichts, nicht f\u00fcr die Beigel, nicht f\u00fcr Streetart, nicht f\u00fcr die Vintagel\u00e4den. Schade, dass Pia nicht dabei war, die h\u00e4tte bestimmt was entdeckt. Ich warf noch einen Blick in den Rough Trade Store, aber da ich eh nichts kaufen konnte (Stadion!) knipste ich hier und da noch ein Stra\u00dfenbild und trieb wieder hoch nach Hackney, holte mir eine Cola und ein paar Malteser, zog mir ein paar Pfund und suchte einen Laden, der meinen Hunger stillte. \u201eBEVE\u201c hallte es aus einem Fish\u2018n\u2018Chips Schuppen. Da sa\u00dfen sie wieder, die Fat Boys. Und schon hockte ich drin, Kabeljau, Pommes und Cola f\u00fcr 8,50. Neonlicht. Lachender Chef. Festgeschraubte St\u00fchle.<\/p>\n<p>Dann spazierte ich durch den Park London Fields, entdeckte die putzige Stra\u00dfe \u201eBroadway Market\u201c, Urlaubsfeeling am Canal. <i>C<\/i><i>ould I have a black Tea please<\/i>? Es klang wohl eher nach: <i>Kutt e<\/i><i>i<\/i><i> hef e bleck ti<\/i>. Die junge Dame verstand mich nicht. Weia. Okay. <i>Could oi h<\/i><i>\u00e4<\/i><i> a block te<\/i><i>j<\/i><i>? <\/i>Das Ice war gebrochen<i>.<\/i> Also, geht doch, wir lachten, sorry only Credit Card. Klappt, Thanks.<\/p>\n<p>Ich war m\u00fcde und kaputt, hatte mittlerweile seit 33 Stunden nicht gepennt, 25.000 Schritte in London hinter mir und quetschte mich mit meinem Tee auf eine Bank am Kanal, Hausboote, Jogger, Hunde. Jetzt musste ich aufpassen, nicht einzuschlafen \u2013 in Indien hatte ich nach einer \u00e4hnlichen Tour mal 24 Stunden am St\u00fcck gepennt, das sollte mir hier nicht passieren. Also betrachtete ich das Treiben, funkte Caro und Heike an, die gar nicht so weit entfernt durch die Gassen zogen und setzte mich in Bewegung. Bald war ich wieder in der N\u00e4he des Victoria Parks \u2013 und schon h\u00f6rte ich wohlbekannte Ges\u00e4nge. Dort, wo ich eigentlich ein ruhiges Bierchen trinken wollte, hatte sich nun die Anh\u00e4ngerschaft der Eintracht versammelt. Hier traf ich auch Stefan wieder, wir tranken unser versprochenes Bierchen, auch die Familie Minden klopfte mir von hinten auf die Schulter. Ihr wisst, es ist h\u00f6here Pflicht, dass wir uns treffen. Sogar Matteo war wieder mit dabei. Als Vater.<\/p>\n<p>Dann entdeckten mich Caro und Heike, es war sowieso \u00fcberall ein gro\u00dfes Gude hier und Gude da. Auch Lea war dabei, sie hatte vor Corona immer mal wieder bei uns gesessen, jetzt lebte sie seit einem Jahr in London. Und hatte noch kein Ticket. \u201eGib die Hoffnung nicht auf\u201c. Sie nickte eher traurig.<\/p>\n<p>Unser Weg f\u00fchrte uns sp\u00e4ter am Park vorbei Richtung Olympisches Viertel, Heike wollte Basti noch treffen, und lotste uns den Weg, vorbei an einem Supermarkt (Bier rein), am Kanal entlang (Bier raus), bis wir zwischen Beton- und Glasfassaden in einem Bereich landeten, der wohl rund um die Olympischen Spiele entstanden war. Welch ein Kontrast zur Gegend rund um Cambridge Haeth. Fliegende H\u00e4ndler packten ihre Spieltagschals aus, ich den meinigen unter die Jacke. Obacht. West Ham Gebiet. Dort wo wir Basti vermuteten war er aber nicht, ein paar Blowing Bubbles warnten uns eher scherzhaft aber durchaus ernst zu nehmend, davor, den Pub zu betreten \u2013 wir quatschen mit ihnen \u00fcber 1976 und Haller. Thanks, bye, take Care.<\/p>\n<p>Basti und die Jungs hielten sich kurz in einem piekfeinen Hotel auf, wir marschierten \u00fcber l\u00e4rmd\u00e4mpfende Teppiche, \u00fcberall vornehmes Menschengewisper, ich in der Ausw\u00e4rtsmood mit einer Dose Bier in der Hand. Sie sa\u00dfen drau\u00dfen auf der Terrasse bei Schwarztee (Bitte nicht rauchen) und hatten Ticketfragen zu kl\u00e4ren. Ein netter Hotelangestellter kam auf mich zu, bat mich in ausgesucht unaufgeregter Freundlichkeit darum, mein Bier in ein von ihm gebrachtes Glas zu gie\u00dfen und nahm meine leere Dose mit. Kurz war ich versucht, nach einem Aschenbecher zu fragen, wollte die Gastfreundschaft aber nicht \u00fcberstrapazieren. Quatschte mit Marvin und Kristian, dann wanderten wir zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe, vorbei an einer mit West Ham Trikot verzierten winzigen Bullldogge, Menschenmengen auf feinen Pl\u00e4tzen \u2013 im Hintergrund wuchs das Olympic Stadium in die H\u00f6he, heute die Heimst\u00e4tte von West Ham. Nach einem kurzen Abstecher zu den Bussen ging\u2018s Richtung G\u00e4steeingang. Unterwegs nat\u00fcrlich ein gro\u00dfes Hallo auf allen Wegen. Das beste war, dass wir auf dem Weg Joe trafen. Joe ist ein Junge aus England, der Bundesligastadien aus Lego nachbaut, nat\u00fcrlich auch unser Waldstadion. Vor ein paar Wochen hatte ich ihm jede Menge Detailbilder geschickt, da war von einem Spiel der Eintracht in London noch keine Rede. Jetzt posierten wir f\u00fcr ein Selfie, High Five. Cool. Und f\u00fcr Lea fiel auch noch ein Ticket ab. VIP. Erst war die Freude gro\u00df. Dann schl\u00fcpfte sie hinein. Und flog wegen des deutschen Passes wieder raus. Am End war sie dann doch drin. Alles gut!<\/p>\n<p>Durch unser ganzes Hin und Her landeten wir nat\u00fcrlich mitten in der Menge, die vom Fanmarsch anspaziert kam; der eigentliche Plan, fr\u00fch im Stadion zu sein, war hinf\u00e4llig. Pia h\u00e4tte schon daf\u00fcr gesorgt, aber sie war ja jetzt nicht dabei. Aber es blieb alles entspannt, Leute zum Quatschen gab es ja genug, hier war Andy, da Bernd und Gisela und nat\u00fcrlich Tausend andere. Gr\u00fc\u00dfe. Links und rechts von uns Polizeiautos. Langsam aber stetig ging es Richtung Einlass, Zeit f\u00fcr ein Dosenbier. Schneller als gedacht, erreichten wir die Kontrolle. Caro, Heike und ich blieben brav beisammen, passierten ohne Schwierigkeiten die erste Kontrolle, schl\u00fcpften auch bei der zweiten elegant hinein, die Tickets waren g\u00fcltig \u2013 und da standen wir. Ich war mittlerweile wieder hellwach.<\/p>\n<p>Der erste Blick auf den Rasen. Einatmen. Schal hoch. West Ham, here we are. Im Unterrang fanden wir auch ein ansprechendes Pl\u00e4tzchen, schwarze und wei\u00dfe F\u00e4hnchen waren ausgelegt, Musik br\u00fcllte uns in die Ohren, das Stadion f\u00fcllte sich, aber au\u00dferhalb unserer Bl\u00f6cke erwartungsgem\u00e4\u00df nur Engl\u00e4nder. Die Show vor dem Spiel war nervenzehrend, Lightshow (die Anzeigetafel warnte vor epileptischen Anf\u00e4llen) inszenierte Feuers\u00e4ulen, springender DJ, ohrenbet\u00e4ubender Krach vom Band &#8211; fehlte noch Helene Fischer oder Florian Silberseisen. This is England? Heilige Schei\u00dfe. Seifenblasenmaschinen sprudelten bunte Seifenblasen ins weite Rund. Forever blowing Bubbles. Niedlich. \u00dcberall standen Ordner, entspannt \u2013 aber f\u00fcr \u00dcberwachung war gesorgt. Rauchen war ja verboten, ging aber dennoch. Heimlich. Wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Naja, wir sangen unsere Lieder, auf der Gegentrib\u00fcne kleine Choreo, langsam wurde es Fu\u00dfball. Wir schwenkten unsere F\u00e4hnchen. Anpfiff. Tor f\u00fcr die Eintracht. Was ist denn hier los? Die Engl\u00e4nder guckten bl\u00f6d, wir fielen \u00fcbereinander. Knauff. Der Wahnsinn erreichte eine neue Ebene. Es entwickelte sich ein munteres Spielchen ohne M\u00e4tzchen, die Zeit ging schnell vorbei. Oh Eintracht Frankfurt Schalalalala \u2026 Batsch. Ausgleich. Immerhin war auch in London die Inszenierung vorbei, jetzt wurde es insgesamt merklich fu\u00dfballerischer, die Hammers sangen ihre Lieder, bei uns leuchtete ab und an ein Fackelchen, der Stadionsprecher hielt sich zur\u00fcck, eine Fankurve in unserem Sinne gab es bei West Ham nicht. Von oben wurden wir vereinzelt bep\u00f6belt, gr\u00fc\u00dften zur\u00fcck. Halbzeit.<\/p>\n<p>In der Pause w\u00fcrdigte West Ham seine Helden von 1976 \u2013 die Spieler von damals liefen auf den Rasen und wurden gefeiert. Seinerzeit war die Eintracht nach einem 2:1 im Hinspiel mit 1:3 im Upton Park unterlegen, West Ham zog ins Finale des Europapokals der Pokalsieger ein \u2013 und unterlag dort gegen Anderlecht. Wir haben die Eintracht in einem anderen Endspiel gesehen. Mit dem J\u00fcrgen, mit dem J\u00fcrgen \u2026 Weiter, zweite Halbzeit. Alles geben. Die Helden um Sir Trevor Brooking verschwanden im Trakt.<\/p>\n<p>Die Eintracht fightete, Rode, Hinteregger und immer wieder Kamada. Trapp. Sow. Schie\u00dft. Abpraller. Kamada. TOOOOOOOOOR f\u00fcr die Eintracht. Die Anzeigetafel sprang auf 1:2. Ausw\u00e4rtssieg! Ausw\u00e4rtssieg! West Ham versuchte es, die Eintracht hielt dagegen. Drei Minuten Nachspielzeit. Fallr\u00fcckzieher West Ham. Ausgleich? Nein Latte. Schlusspfiff. Krass. Eintracht Frankfurt wird mit einem 2:1 Ausw\u00e4rtssieg in das entscheidende R\u00fcckspiel gehen. Das ist gut. Aber wir sind bei weitem noch nicht durch. Ein fr\u00fcher Treffer von West Ham \u2013 und die Uhren st\u00fcnden wieder auf Null. Aber wir haben es in der eigenen Hand. Wir k\u00f6nnten wirklich wieder einmal in einem europ\u00e4ischen Finale stehen. Unsere kleine gro\u00dfe Eintracht. Abstiege. Kaiserslautern. Lizenzentzug. Reutlingen. Es ist unfassbar.<\/p>\n<p>Wir feierten die Mannschaft, die Eintracht. Setzten uns, standen wieder auf. Oh Eintracht Frankfurt, schalalalalala, Schals in die H\u00f6he, im Herzen von Europa. Entdeckten Jan Aage Fj\u00f6rtoft, feierten ihn als h\u00e4tte er mitgekickt. Bald h\u00e4tten wir auch noch jeden Grashalm und jede Eckfahne hoch leben lassen. Schwarz wei\u00df wie Schnee\u2026 Doch dann sollten wir raus. Es war ja auch schon sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Wir marschierten die Stufen nach unten und wanderten Richtung der Busse \u2013 bis auf einmal alles stockte. Und dann gar nichts mehr ging. Wir standen, schimpften, warteten \u2013 vereinzelte Pfiffe \u2013 dann setzte sich der Tross in Bewegung. Nach einigen Metern sahen wir, dass eine Person medizinisch versorgt wurde, mag sein, dass dies der Grund f\u00fcr die Verz\u00f6gerung war. Gute Besserung.<\/p>\n<p>Bei den Bussen verabschiedete ich mich von Caro und Heike, die mit dem Tagesflieger vor Ort waren, rauchte und alsbald setzte sich unser Bus in Bewegung, mit als letzter verlie\u00dfen wir den Parkplatz, rollten durch London Richtung Dover, im Bus war es seltsam still, die Leute waren abgek\u00e4mpft und m\u00fcde. Irgendwann schlief ich rechtschaffen ein. Bis dato war ich \u00fcber 40 Stunden auf den Beinen, ein Erleben jagte das n\u00e4chste. Traumlos der Schlaf\u2013 bis wir am F\u00e4hrhafen landeten. Ein Grenzbeamter wies uns an, ans H\u00e4uschen auf der Lane 4 zu fahren. Unsere Busfahrer aber wollten der Angelegenheit ein Schnippchen schlagen, umfuhren die Kontrolle \u2013 um an der n\u00e4chsten angewiesen zu werden, einem Polizeiauto zu folgen. W\u00e4hrend sie sich noch wunderten, wo die Reise hingehen w\u00fcrde, ahnte ich, was kommt. Wir verlie\u00dfen den F\u00e4hrhafen \u2013 nur um erneut die Einfahrt zu passieren. Lane 4. Mittlerweile waren zwei Busse vor uns. Reisep\u00e4sse. Covidkontrolle. Die Busse vor uns erreichten die F\u00e4hre. Wir standen zwei Stunden sp\u00e4ter einsam vor einem Bauzaun. Weit und breit kein Schiff. Immerhin konnte ich noch ein St\u00fcndchen schlummern. Nachts um zwei waren wir angekommen \u2013 und um f\u00fcnf endlich auf der F\u00e4hre. M\u00fcde schleppte ich mich ins Oberdeck, schaufelte mein Essen in mich hinein und legte mich hin. Noch im Fallen schlief ich ein. Durch einen Ruck wurde ich wach. Wir waren gelandet, die anderen standen schon an der Treppe nach unten. Hastig schl\u00fcpfte ich mit dicken F\u00fc\u00dfen in die Schuhe \u2013 und war nicht der letzte. Aber irgendwann waren doch alle da und die Reise ging weiter. Nur Calais hie\u00df jetzt Dunkirk, was mir aber auch egal war. Mal pennte ich, mal schaute ich aus dem Fenster. Aus den Boxen tuckerten Cock Sparrer, Mot\u00f6rhead oder Perkele, wir spulten Kilometer um Kilometer ab, hielten alles naslang, Br\u00fcssel 140 Kilometer. Pause. L\u00fcttich. Aachen. Burger King in D\u00fcren. Koblenz. Medenbach. Bus sauber machen. Und irgendwann sahen wir die Skyline von Frankfurt. Und irgendwann waren wir am Flughafen. Mittlerweile hatte sich Pia aufgemacht, um mich abzuholen. \u201eDenk bitte an meine Aldiletten\u201c.<\/p>\n<p>Knappe 48 Stunden nach meinem Aufbruch betrat ich wieder Frankfurter Boden. Pia kam mir mit dem Dacia entgegen, der Abschied von der Truppe war kurz und schmerzlos, ich fiel Pia in die Arme, schl\u00fcpfte in die Aldiletten und schnaufte durch. Abends tranken wir noch ein Bierchen mit Niko und Kathrin. Frischgeduscht. Die Badeschlappen noch immer an den F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Trip, was f\u00fcr ein Abenteuer. 48 Stunden prall gef\u00fcllt mit Erlebnissen, Begegnungen, Umarmungen, voller M\u00fcdigkeit und Entdeckungen, ein Potpourri an Eindr\u00fccken, von Freundschaft und Blicken. Die Felsen von Dover. Eintracht Frankfurt international.<\/p>\n<p>Dank an Gabi und die Geiselgangster daf\u00fcr (\u201eDrogen und Gewalt\u201c). Dank an die Eintracht \u2013 aber das sind ja auch wir. Dank an Caro und Heike f\u00fcr den sch\u00f6nen Zusammenhalt. Und Dank an Pia. Mit ihr begann und endete die Reise. Und in Sevilla ist sie ja wieder dabei. Darauf freue ich mich jetzt schon!<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht begann alles mit der Buchung eines Hotelzimmers in London, als nach der Auslosung klar war, dass die Eintracht im Halbfinale des Europacups wom\u00f6glich auf West Ham trifft. Beinahe w\u00e4re auch noch ein Flug dazu gekommen, aber dann fiel uns noch rechtzeitig auf, dass wir eventuell ja auch in Lyon spielen k\u00f6nnten. 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