{"id":14696,"date":"2021-07-20T20:25:06","date_gmt":"2021-07-20T18:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14696"},"modified":"2021-07-20T21:44:34","modified_gmt":"2021-07-20T19:44:34","slug":"urlaub-in-frankfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14696","title":{"rendered":"Urlaub in Frankfurt"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich begann alles letzten Freitag, als wir beim Album-Release von Revolte Tanzbein im Sommergarten der Batschkapp waren. Ein vergn\u00fcglicher Abend bei Balkan-Ska-Musik und einigen Sch\u00f6ppchen. <a href=\"https:\/\/www.kaufrauscher.de\/annern-kram\/revolte-tanzbein-tanz-hart-digipac-cd.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tanz hart<\/a> hei\u00dft die neue Platte und die G\u00e4ste durften sogar tanzen. Aber nur am Tisch. Da war schon die Security vor. Zumindest bis kurz vor Ende. Dann brachen ein paar D\u00e4mme. Aber keine Sorge. Alles safe.<!--more--><\/p>\n<p>Einige&nbsp; Wochen zuvor hatte ich neue Scheibe geordert &#8211; und da ich Abholung im Laden in Sachsenhausen vereinbart, die Jungs und M\u00e4dels zwar die Platten wie die CDs wie die Gro\u00dfen verschickt hatten, wurden die paar, die wie ich das Material im Laden abholen wollten, glatt vergessen. Dies konnte ich am Abend des Release korrigieren und ging als stolzer Besitzer einer neuen CD, sowie eines fabelhaften T-Shirts nach Hause. Empfehlenswert, lege ich euch wirklich ans Herz. Also die Musik. Und da ich die erste CD der Revolte nur \u00fcber Spotify h\u00f6re, besprang mich der Gedanke, diese ebenfalls haptisch zu erwerben. Alsbald klickte ich mich durch das digitale Bestellprocedere, bis ich auf die sch\u00f6ne Idee kam, einfach mal selbst im Kaufrauscher in Sachsenhausen vorbeizufahren, um sie dort vor Ort zu kaufen. Was soll ich Geld f\u00fcr Porto rausschmei\u00dfen, wenn ich bei sch\u00f6nem Wetter auch unterwegs sein kann? Rad oder Roller hie\u00df die Frage &#8211; und da ich keine Tasche mitschleppen wollte, entschied ich mich f\u00fcr den Roller. Und da dieser sich entschied, anzuspringen, tuckerte ich Ampel f\u00fcr Ampel runter nach Sachsenhausen, parkte die Kiste in der Wallstra\u00dfe und wanderte in die Elisabethenstra\u00dfe. Nat\u00fcrlich war das Ladengesch\u00e4ft geschlossen, h\u00e4tte ich auch vorher checken k\u00f6nnen, aber was soll&#8217;s. Hinten in der Dreieichstra\u00dfe ist ein kleiner Thai, Ran Maruay. Der Inhaber hatte fr\u00fcher den Laden an der Ecke Paradiesgasse\/Wallstra\u00dfe und dieser war eines Tages verschwunden. Gott, wie oft hatte ich dort w\u00e4hrend einer meiner miesen Taxi-Nachtschichten gegessen und die tr\u00fcbe Nacht etwas aufgehellt. Schon lange fahre ich nicht mehr Taxi, und hatte den Imbiss schon beinahe verdr\u00e4ngt als ich letzten Sommer beim Ran Maruay Station machte und der Inhaber mich damals sofort erkannte: &#8222;Gude, wie geht?&#8220;<\/p>\n<p>Kurz darauf hocke ich bei einem formidablen Pad Krapao samt einer Cola und blicke r\u00fcber nach Alt Sachsenhausen. Wie oft hatte ich dort mit meinem Taxi auf Fahrg\u00e4ste gewartet, mal am Halteplatz Dreieich, mal auf der anderen Seite an der Elisabethenstra\u00dfe. Einmal hat mir einer von einer wackligen Gruppe in der N\u00e4he von Gie\u00dfen ins Auto gekotzt. Nachts an der Tanke Wetterau auf der Autobahn dann die Kiste halbwegs gereinigt. Zuvor hatte ich dem letzten halbwegs N\u00fcchternen an Bord alles an Bargeld abgenommen, was er noch hatte. War trotzdem kein Spa\u00df. Gefeiert habe ich in Alt-Sachs schon lange nicht mehr, lustig waren die Bembelbar-Abende in der Klapper. Doch die sind auch schon lange Geschichte. Aber tags\u00fcber laufe ich zuweilen ganz gerne \u00fcber die Pflastersteine, viel ist nicht los. Lustigerweise beschleicht mich ein dezentes Urlaubsgef\u00fchl. Manchmal klappt es, die eigene Stadt so zu betrachten, wie man eine fremde Stadt betrachtet. Bei Licht gesehen, ein ganz sch\u00f6nes Gef\u00fchl. Man sieht ganz andere Dinge. Die kleinen und gro\u00dfen Graffitis, die Eingangst\u00fcren der Schuppen, in denen ich zuweilen sa\u00df, die Klapper, der Elfer, das Speak Easy, der Ponyhof oder ganz fr\u00fcher der Gorjel Schwenker, der heute nicht mehr den allerbesten Eindruck macht. Im Sch\u00f6ppchen war ich erstaunlicherweise noch nie, daf\u00fcr aber in einigen Ebbelwoi-Lokalen. Dauth Schneider, Grauer Bock, Lorsbacher Tal, Struwwelpeter und wie sie alle hei\u00dfen. J\u00e4germeister und &#8222;Ficken&#8220; ist in vielen Spelunken im Angebot, das verschachtelte Marco Polo zerf\u00e4llt augenscheinlich. Eine seltsame Ruhe liegt im Viertel, ge\u00f6ffnet hat der Froschk\u00f6nig, Sapo Rey &#8211; ein Kolumbianer. Vorne am Obernbayern werden Getr\u00e4nke angeliefert, im Bonkers wartet ein junger Mann auf Kundschaft. Skateboards und Turnschuhe gehen heute eher schlecht und die Frau Rauscher spuckt stoisch auf die Klappergass. Nach 10 Versuchen habe ich endlich auch ein bisschen Wasser fotografiert. In der Klappergass oder war es in der Gro\u00dfen Rittergasse wird eine Wohnung vermietet. Ein Zimmer, K\u00fcche Bad. 580 Euro. Das Fenster im Erdgeschoss, da kannst du Junggesellenabschieden vom Sofa aus auf die Schulter klopfen. An vielen Kneipen h\u00e4ngen Zettel. <em>Keine Flaschen, Gl\u00e4ser, Waffen und Alkohol<\/em> <em>auf unseren Stra\u00dfen<\/em>. Bin dann doch eher skeptisch, ob das klappt. Hier und da hat eine Agentur ihr Zuhause gefunden, an vielen T\u00fcren weisen Klingeln darauf hin, dass tats\u00e4chlich Menschen hier wohnen. Tags\u00fcber ein Idyll, nachts hingegen wird es hier eher ungem\u00fctlich. Aber satt wirst du auf jeden Fall. Fr\u00fcher gab es hier Rollis, leckere Rollbratenbr\u00f6tchen. Manchmal sind wir schon nachmittags ins Raffles gefahren. Waren im Spritzehaus zur Live Musik. Einmal war ich sogar an Weihnachten im Speak Easy. Buffo hat uns Heavy Metal um die Ohren geballert. Aber so richtig verliebt war ich nie in Alt-Sachsenhausen. Das Beste war eh der Laden, dessen Namen ich erschreckenderweise schon wieder vergessen habe. Neben Pizza Petro schuftete Luigi am Grill. Fettige Fleischspie\u00dfe mit Tomaten-Kartoffeln und Knoblauch-Spinat und dazu eine fantastisch scharfe gr\u00fcne So\u00dfe. Manchmal habe ich auch an einer gegrillten Wachtel geknabbert. Lang ist&#8217;s her.<\/p>\n<p>Und wenn wir schon einen gechillten Urlaubstag in Sachsenhausen begonnen haben, dann lassen wir uns den Urlaub auch nicht mehr nehmen. Nach einer ganzen Weile im Viertel wander ich r\u00fcber in die Br\u00fcckenstra\u00dfe, der aufgeh\u00fcbschten, sch\u00f6nen aber auch verw\u00f6hnten Schwester von Alt-Sachs. Vorbei am Drauf und dran, Astrids Tattoo-Studio, geht&#8217;s jetzt nach Portugal. Im Casa de Portugal g\u00f6nne ich mir einen Galao, ein Pasteis de Nata und ein Rissois de Camarao, w\u00e4hrend f\u00fcr Pia auch noch ein Pasteis abf\u00e4llt. So schlendere gedanklich durchs Alentejo, sitze am Cabo de Sao Vincente am Meer und trinke am Tejo einen Vinho Verde. Mit meinen K\u00f6stlichkeiten in der Hand laufe ich r\u00fcber in den Park an der Schifferstra\u00dfe, setze mich auf einen Baumstamm. Leben wie Gott an der Algarve. Hinter mir untermalt ein Gitarrist mit seinen Kl\u00e4ngen sehr behutsam die Szenerie, es fehlt nicht viel und jemand beginnt zu singen. Fado. Kleine Gl\u00fccksmomente.<\/p>\n<p>Lustigerweise hatte Lisa getwittert, dass sie tourim\u00e4\u00dfig oben am Goetheturm verweilt, und da ich gar nicht weit weg davon bin, halte ich es f\u00fcr eine wunderbare Inspiration. Seit dem Brand war ich nie oben gewesen &#8211; und so setzt sich der Urlaub in Frankfurt fort. Ich werfe dem Gitarristen einen Euro in seinen Koffer und bedanke mich, er freut sich und nur wenig sp\u00e4ter liegt Pias Pasteis sicher im Helmfach und ich tucker fr\u00f6hlich den Hainer Weg hinauf. Statt Henninger Turm gibt es hier jetzt Luxuswohnungen. Dann lieber Portugal.<\/p>\n<p>Der Sachsenh\u00e4user Landwehrweg f\u00fchrt seit eh und je Richtung Stadtwald. Am Parkplatz stelle ich meinen Roller ab. Wie oft sind wir hier fr\u00fcher abends gewesen. Joints gedreht, Genesis geh\u00f6rt, durch den Wald gewandert und \u00fcber Gott und die Welt philosophiert. Manchmal sind wir auch \u00fcber die Absperrung geklettert und blickten nachts \u00fcber die Lichter Frankfurts.<\/p>\n<p>Nach ein paar Metern w\u00e4chst er vor mir in die H\u00f6he, der Goetheturm &#8211; Frankfurts sch\u00f6nstes Hochgeb\u00e4ude. Unten auf einem B\u00e4nkchen sitzt Lisa mit einem Kumpel, wir babbeln eine Weile, dann lasse ich die beiden in Ruhe und schleppe mich die Stufen nach oben. &#8222;Acht Menschen gleichzeitig&#8220; weist ein Schild aus. Aber wie soll das gehen? Nach oben steigen, abz\u00e4hlen, feststellen, dass wir mehr als acht sind und dann wieder runterklettern. Egal, ich bin geimpft. Hier und da kommt mir jemand entgegen. Ich halte geb\u00fchrend Abstand, bin gar nicht so b\u00f6se \u00fcber die kleinen P\u00e4uschen &#8211; und habe es nach roundabout 200 Stufen geschafft. Vor mir liegt Frankfurts Skyline, davor das gr\u00fcne Bl\u00e4tterdach des Stadtwaldes, dahinter w\u00e4chst der Taunus in die H\u00f6he. Frankfurt. Bankfurt. Oder wie die Stra\u00dfenjungs einst sangen: <em>&#8222;Bankfurt, Bankfort, <\/em><em>ich wollt es w\u00e4r hier jede Bank fort&#8220;<\/em>. Heimat. Moloch. Nischen. Jede Stra\u00dfe mit dem Taxi durchfahren, \u00fcberall lagern Geschichten, Trag\u00f6dien, Kom\u00f6dien und hinten im Wald, da spielt die Eintracht. Der Blick gleitet in die Ferne. Doch. Hier ist mein Zuhause. Kindergruppen kommen vorbei, suchen Euros, um durchs Fernrohr zu gucken. Aufgeregtes Geschnatter. Wer wei\u00df, vielleicht denken sie irgendwann einmal an den Tag zur\u00fcck, an dem sie erstmals hier oben waren. An mich wird sich niemand von ihnen erinnern, soviel ist sicher. Und hoffentlich kommt kein Kleinhirn auf die Idee, den Goetheturm wieder anzuz\u00fcnden. Denn zum Urlaub in Frankfurt geh\u00f6rt ab jetzt der Besuch des Goetheturms.<\/p>\n<p>Beseelt klettere ich nach unten, rauche auf einem B\u00e4nkchen eine Cigarette und roller dann gem\u00fctlich \u00fcber den Wendelsweg an G\u00e4rten vorbei Richtung Oberrad. Dort habe ich 17 Jahre lang gewohnt. Aber dies ist eine andere Geschichte. Und die wird wom\u00f6glich bei Gelegenheit erz\u00e4hlt. Die CD von Revolte Tanzbein habe ich nat\u00fcrlich noch nicht, der Laden war ja zu. Aber so gibt es wenigstens noch einen Grund, mal wieder ein Tag Urlaub zu machen, um sie zu besorgen. In Frankfurt.<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich begann alles letzten Freitag, als wir beim Album-Release von Revolte Tanzbein im Sommergarten der Batschkapp waren. Ein vergn\u00fcglicher Abend bei Balkan-Ska-Musik und einigen Sch\u00f6ppchen. Tanz hart hei\u00dft die neue Platte und die G\u00e4ste durften sogar tanzen. Aber nur am Tisch. 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