{"id":14674,"date":"2021-07-15T11:46:15","date_gmt":"2021-07-15T09:46:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14674"},"modified":"2021-07-15T12:01:22","modified_gmt":"2021-07-15T10:01:22","slug":"digital-wackelt-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14674","title":{"rendered":"Digital wackelt nicht"},"content":{"rendered":"<p>Der Blick aus dem Fenster verhei\u00dft einen weiteren grauen Tag, nat\u00fcrlich l\u00e4uft Musik. Es l\u00e4uft immer Musik. Leider schon lange kein Vinyl mehr, der Plattenspieler wackelt, so ich \u00fcber den Boden laufe, die Nadel springt. Das war eine der Entt\u00e4uschungen, als wir vor bald neun Jahren in die neue Wohnung gezogen sind. Voller Vorfreude hatte ich die die alten Platten einsortiert, den alten Plattenspieler angeschlossen &#8211; und dann das. Dann halt digital. Digital wackelt nicht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>You ain&#8217;t travelling in the summer<\/em><br \/>\n<em>Like you travel in the night<\/em><br \/>\n<em>Your meeting with the morning<\/em><br \/>\n<em>Is not like leaving the sunset light<\/em><\/p>\n<p>singt Sophie Zelmani in ihrem Song <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mb29OZeEJIo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Travelling<\/a>. Der Song stammt aus dem Jahr 2007 &#8211; damals dachte noch niemand daran, dass Reisen abh\u00e4ngig wird von Impfungen, von Masken &#8211; und von der Bef\u00fcrchtung, aus pandemischen Gr\u00fcnden, nicht mehr elegant nach Hause zu kommen. Es ist die Unbeschwertheit abhanden gekommen, sich f\u00fcr Momente sorglos treiben zu lassen &#8211; soweit es die Sorgen zulie\u00dfen. Schon vor Ende des Gedankens f\u00e4llt der Rollladen, tr\u00fcbes Zuendedenken frisst Vorfreude &#8211; kein sch\u00f6ner Zustand in diesen Zeiten. Ein Zustand, der enden muss.<\/p>\n<p><iframe title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/mb29OZeEJIo\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p>&#8222;Du bloggst ja kaum noch,&#8220; sagte Sonny neulich zu mir. &#8222;Oh, ich erlebe ja zur Zeit gar nichts, was bloggenswert w\u00e4re,&#8220; antwortete ich unbedacht. &#8222;Ach, man erlebt jeden Tag etwas,&#8220; antwortete er. Meine Gedanken verhaspelten sich. Und ja, wo er Recht hat, hat er Recht. Der Mann, der als Kind nach Theresienstadt verschleppt wurde. Und das Ghetto \u00fcberlebte. Neulich sprach er wieder einmal dar\u00fcber &#8211; nachdem er Jahrzehnte geschwiegen und erst vor wenigen Jahren die Kraft gefunden hatte, \u00fcber seine Zeit als j\u00fcdisches Kind in der NS-Zeit zu reden. Dabei war er gar kein j\u00fcdisches Kind, aufgewachsen als katholischer Bub in Frankfurt, hatten ihn die Nazis dazu gemacht. Die Veranstaltung in der Bornheimer Johanniskirche war gut besucht, viele junge Menschen waren anwesend und die fabelhafte Heike Borufka moderierte einf\u00fchlsam durch den Abend. Es ist absurd, dass der Mann, dessen Kindheit gestohlen wurde, heute mit einer Lebensfreude und ungetr\u00fcbter Klarheit durch sein Leben marschiert und mit seinen nunmehr 90 Jahren mehr Kraft verstrahlt als die wohlstandsbeh\u00fcteten Nachk\u00f6mmlinge. Also blogge ich mal wieder, ich will Sonny ja nicht entt\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich erlebe ich etwas, nicht die augenscheinlichen ganz gro\u00dfen Dinge wie Indien, Thailand, Pokalsieg, Ukraine im Winter. Es sind die vermeintlichen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, die bei n\u00e4herer Betrachtung Gro\u00df sind. Neulich war ich mit Freund Flo und dem Fahrrad unterwegs. Rumgondeln. Wir stoppten am <a href=\"https:\/\/taz.de\/Kunst-im-oeffentlichen-Raum\/!5778053\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frankfurter Schacht<\/a>, ein Kunstwerk weitestgehend unbeachtet von der \u00d6ffentlichkeit. Der Blick nach oben f\u00e4llt auf den Turm der Deutschen Bank, nach unten wirbelt es in die Tiefe, man k\u00f6nnte urinieren, dazu ist er angelegt, der Schacht. \u00dcber den Main radelten wir Richtung Stadion, machten Halt am verbrannten Oberforsthaus, einer der Lost Places in Frankfurt. Um das verfallene Geb\u00e4ude tost der Verkehr, im Hof hingegen ist es erstaunlich ruhig, B\u00e4ume und B\u00fcsche mildern den L\u00e4rm. Wir rauchten ein Cigarette. Weiter hinten am Stadion lie\u00dfen sich Eintrachtler f\u00fcr kommende Eintrittskarten registrieren, Caro im leuchtend rosarotem Kleid lachte mich an. Frankfurt. Irgendjemand triffst du immer. Stadtwald. Sp\u00e4ter sa\u00dfen wir in Neu Isenburg beim Thai Thong. Das Pad Prik, mit drei Chilis ausgewiesen, hatte punktgenau die richtige Sch\u00e4rfe. Zur\u00fcck ging es \u00fcber das Stadion, die Eintracht spielte unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit auf einem Nebenplatz in Freundschaft gegen Wehen. Im Museum arbeiteten Maj und Sebastian, wir sagten &#8222;Hallo&#8220;, staubten ein Bier ab und radelten hinter ans Gleisdreieck zum Wach. Susi und Matze sa\u00dfen vor der verschlossenen Bude in der Sonne. &#8222;Die Eintracht braucht uns&#8220; lachten sie bei einem Radler. Wir schwatzten in den Tag, bis ein weiterer Radler vor uns stand. Ich erkannte ihn zun\u00e4chst nicht &#8211; dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Miep. Mensch, dich habe ich ja ewig nicht gesehen. Gut ist es ihm nicht ergangen in den letzten Jahren. Sp\u00e4ter kam Olli zuf\u00e4llig noch vorbei und blieb ein Weilchen bei uns h\u00e4ngen und noch sp\u00e4ter wanderten wir auf ein Bier zur Trinkhalle an die Rennbahn. Die Eintracht hatte 1:3 verloren. Als Flo und ich Richtung Heimat radelten, schallten aus eine Location am Museumsufer Housekl\u00e4nge zu uns her\u00fcber. Junge Menschen vergn\u00fcgten sich bei Drinks und just gegen\u00fcber trafen wir auf Dominik, wir hielten f\u00fcr einen Plausch und nur wenig sp\u00e4ter stoppte ein Freund Dominiks bei uns &#8211; es stellte sich heraus, dass er sogar dieses Blog kannte. Gr\u00fc\u00dfe. Nach einem Weilchen radelten wir weiter, Flo zog es ins Westend, mich zu Pia. Es war ein sch\u00f6ner Tag.<\/p>\n<p>Klar, Sonny, man erlebt dauernd etwas, man vergisst nur zu schnell. Wie den Tag in Frankenthal, als wir mit Nadine und den anderen auf den Spuren des einstigen Eintracht-Vorstandes Adolf Metzner unterwegs waren, dessen Mitgliedschaft in der SA und NSDAP erst Jahrzehnte sp\u00e4ter heraus gestellt hat. Nicht alle Wege sind immer gehbar, man muss wissen, wann man Pause macht.<\/p>\n<p>Oder der Moment, als ich mit H\u00e4ngematte und Fahrrad die paar Meter in den G\u00fcnthersburgpark geradelt bin. Zuvor schon hatten Pia und ich die \u00fcberraschende Trockenheit f\u00fcr einen Spaziergang Richtung Preungesheim ausgenutzt. Das Eiscafe am Gravensteiner Platz ist immer f\u00fcr einen Weg gut. Der angek\u00fcndigte Regen lie\u00df auf sich warten &#8211; so spannte ich die H\u00e4ngematte zwischen zwei B\u00e4ume, stellte die kleine Box auf den Sattel und packte ein Buch aus. Nahezu menschenleer die Gr\u00fcnanlage. Vereinzelte Jogger drehten ihre Runden, es rumpelte &#8211; doch ich blieb standhaft, blickte durch die sattgr\u00fcnen Bl\u00e4tter der B\u00e4ume in den Himmel. Erste Tropfen fielen. Ich blieb liegen. Hoffte, dass das Gewitter vor\u00fcber zieht. Der ein oder andere Regenschirm wanderte an mir vobei, dann war es still. Der Park. Die H\u00e4ngematte. Die Bl\u00e4tter. Die Wolken. Als h\u00e4tte sich die Zeit in einem einzigen Moment geeinigt, anzuhalten. Dann brach der Regen \u00fcber mich herein. Schwere Tropfen fielen auf mich, es h\u00e4tte keinen Sinn gemacht, zu eilen. So packte ich im str\u00f6menden Regen meine Sachen zusammen, war binnen Sekunden klatschnass bis auf die Knochen und radelte seelenruhig heim. Pia war zuhause. Ein sch\u00f6ner Moment.<\/p>\n<p>Bilder flie\u00dfen in mein Hirn, sehe meine Eltern im Garten Kirschen pfl\u00fccken, Mutter mit ihren 80 Jahren auf der Leiter, ein paar Tage sp\u00e4ter der 81. Geburtstag, die kleine Familie beisammen, meine Schwester zur\u00fcck aus dem Urlaub, der sie f\u00fcr Momente gl\u00fccklich gemacht hat. Die Abende oben am Kiosk, der Halt in dunklen Zeiten, im Garten Lagerfeuer bis in die tiefe Nacht. <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/148733313\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen.<\/em><\/a> Der Tisch im Sommergarten der Batschkapp bei &#8222;Verurteilt&#8220;. Heike und Basti im Gespr\u00e4ch. Danke an J\u00fcrgen und Katharina f\u00fcr die Karten. Nachts mit Kathrin und Pia gequatscht bis zum Kopfweh des n\u00e4chsten Morgens. Der Weg durch die Stadt, Nasi Goreng beim fabelhaften China Imbiss in der Alten Gasse, kurze Gespr\u00e4che, Lachen und der Heimweg in neuen Turnschuhen, die Galerie mit den Resten des verbrannten B\u00fccherstandes, Eis im Hedi in der Eckenheimer, Pia schob ihr Rad.<\/p>\n<div class=\"ujudUb WRZytc\"><em>Und die Sonne geht unter<\/em><br \/>\n<em>und die Sonne geht auf<\/em><br \/>\n<em>wir klettern L\u00f6cher hinunter<\/em><br \/>\n<em>und fallen wieder hinauf<\/em><\/div>\n<div>&nbsp;<\/div>\n<div><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fWHc2pbw6L8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Spaceman Spiff &#8211; Vorw\u00e4rts ist keine Richtung<\/em><\/a><\/div>\n<p>Ein paar Tage danach waren wir wieder im Park. Pia hatte neue Turnschuhe, die sie in einem Spot der Eintracht, in dem es um etwas ganz anderes ging, gesehen hatte &#8211; und sich anschlie\u00dfend durch&#8217;s Netz gew\u00fchlt, um diese zu finden. Sie fand sie, sie kamen, sie passten &#8211; und so stellten wir das Bild aus dem Spot im Park nach. Weitere gro\u00dfe Momente. Was haben wir gelacht. Sonny, du hast Recht. man erlebt dauernd etwas, das sich zu bloggen lohnt. Danke f\u00fcr den Antrieb. Und viele Gr\u00fc\u00dfe. Wie auch an euch, die mich begleiten. Hier, im Blog, oder drau\u00dfen. In der gro\u00dfen weiten Welt. Gut, dass es euch gibt.<\/p>\n<p><em>Klickt auf ein Bild, es folgt die Slideshow.<\/em><\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blick aus dem Fenster verhei\u00dft einen weiteren grauen Tag, nat\u00fcrlich l\u00e4uft Musik. Es l\u00e4uft immer Musik. Leider schon lange kein Vinyl mehr, der Plattenspieler wackelt, so ich \u00fcber den Boden laufe, die Nadel springt. Das war eine der Entt\u00e4uschungen, als wir vor bald neun Jahren in die neue Wohnung gezogen sind. 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