{"id":14601,"date":"2021-03-06T10:31:17","date_gmt":"2021-03-06T09:31:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14601"},"modified":"2021-04-06T10:21:18","modified_gmt":"2021-04-06T08:21:18","slug":"zum-tod-von-stefan-cush-the-men-they-couldnt-hang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14601","title":{"rendered":"Zum Tod von Stefan Cush &#8211; The men they couldn&#8217;t hang &#8211;"},"content":{"rendered":"<p>Es war 1986, ich studierte seit einem Jahr an der Frankfurter Universit\u00e4t Germanistik, eine Notl\u00f6sung. Eigentlich wollte ich Kinderarzt werden, Medizin studieren. Aber mein Abi war mit 2,4 zu schlecht, nach zwei vergeblichen Bewerbungen sattelte ich um. Germanistik. Irgendwas mit B\u00fcchern, gelesen hatte ich ja schon immer gerne. Gelesen und Musik geh\u00f6rt. Daran hat sich bis heute nicht viel ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Sprung an die Uni war ein Sprung in eine aufregende, neue Zeit, die Welt wurde gro\u00df, vielleicht zu gro\u00df f\u00fcr einen jungen Mann. Was gab es alles zu entdecken, was gab es alles nicht zu verstehen. Die Literatur von Camus, B\u00f6ll, Hesse, der spanische B\u00fcrgerkrieg, Exilliteratur, Bloch, Marx und Marcuse, die Frankfurter Schule und die Frankfurter Nacht. Ich begriff, dass ich nichts begriff, doch es g\u00e4rte. Ein Jahr zuvor wurde G\u00fcnther Sar\u00e9 in Frankfurt von einem Wasserwerfer \u00fcberfahren, die Demonstrationen schwappten in die Anfangszeit meiner Unizeit, es war der Beginn meiner konkreten Politisierung. Aus dem diffusen Unbehagen an der Welt erwuchs eine konkrete Wut. Eingewoben in einen Kokon b\u00fcrgerlicher Sicherheit im beschaulichen Dietzenbach, aufgefangen in meiner Clique. Ausgehend von meiner kleinen Welt mit gro\u00dfen Tr\u00e4umen. Schwimmbad, Heavy Metal, Bier, Baggersee, Weltschmerz, traf ich auf die unfassbar gro\u00dfe Welt, die M\u00f6glichkeiten bot und gleichzeitig mich auf mein ahnungsloses Selbst zur\u00fcckwarf. Die anderen. Was wussten sie nicht alles. Konnten historischen Materialismus erkl\u00e4ren, w\u00e4hrend ich \u00fcber die Einleitung zur Dialektik der Aufkl\u00e4rung nicht herauskam. Kannten Bands die so unglaublich cool waren, kannten die Szenekneipen, wussten, wo es nachts um drei noch ein hei\u00dfes Konzert gab, w\u00e4hrend ich einen alten Rahmen zerschlagen hatte und nun auf der uferlosen See umhertrieb, zersplittert, zerrissen. Eben noch Huckleberry Finn im Traum und bekiffte Waldspazierg\u00e4nge mit Genesis im Ohr &#8211; jetzt Pippi Langstrumpf auf Heroin im Dschungel der Gro\u00dfstadt. Ich war ein Identit\u00e4tszersplittertes Wesen ohne Selbstbewusstsein, beziehungsweise begriff meinen Zustand nicht. Das aufplatzen des Kokons, die nackte Haut verhakt im Dornengestr\u00fcpp der Welt.<\/p>\n<p>Doch wenn ich erz\u00e4hlte oder diskutierte schien man mich ernst zu nehmen, unterstellte man mir Bildung oder Wissen. Freunde, Vertraute, Formen der Anerkennung hatte ich immer, auch wenn sie wechselten. Ich war der integrierteste Au\u00dfenseiter der Welt. Und im Kosmos schwirrten Welterkl\u00e4rungen, die ich kaum greifen konnte. Andere schienen mir stilsicher, gefestigt, selbstbewusst, wussten, was zu tun war. Ich pendelte zwischen den Sachen, die ich mochte &#8211; und die \u00fcberhaupt nicht zusammen passen. Eintracht Frankfurt, RAF, Barclay James Harvest, Ramones, Bruce Springsteen, The Clash, Abba, The Cure, Renate Kern, Heinrich B\u00f6ll, Georg Trakl, Blues Brothers, Leben des Brian, Blue Velvet &#8211; und begriff nicht, dass alles seinen Grund hatte &#8211; und dieser Grund einzig in mir lag. Ich bastelte mich zurecht, trug schwarze Kleidung, f\u00e4rbte die Haare schwarz und wollte ein anderer sein ohne zu wissen, wer ich war. Ich konnte mich in allen krawattenlosen Welten bewegen und geh\u00f6rte doch nirgends dazu.<\/p>\n<p>1986 oder war es 1987 hatte ich die erste Anpassungswelle hinter mir. Jetzt kannte ich einige Szenekneipen, gab Einf\u00fchrungskurse f\u00fcr die Erstsemester und wohnte in einer kleinen Bude ohne Badezimmer, ohne Dusche mit einem Kohleofen in einem Hinterhaus in Bockenheim. Nebenan war das Stattcaf\u00e9. Ich schwirrte durchs Albatross, Casa di Cultura, Pelikan, Doctor Flotte, Pielok, Batschkapp, Negativ, Gallusdisco, verlebte gl\u00fcckliche Tage mit meiner Freundin, die ich an der Uni kennen gelernt hatte und galt wom\u00f6glich als jemand, der Bescheid wei\u00df. Bei den Germanisten planten wir die Weltrvolution, machten Gelder f\u00fcr eine kleine Bibliothek im Germanisten-Koz in der Gr\u00e4fstra\u00dfe locker (Marcuse, Bloch, Adorno, Benjamin) als Spiegel unseres kritischen Bewusstseins, welches sich im B\u00fccherschrank trefflicher bewundern lie\u00df. Musikalisch hatte ich einige Altlasten entsorgt (die Jahre sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckkamen) und konzentrierte mich auf die Bands, die auszudr\u00fccken wussten, was ich vermeinte zu glauben. Violent Femmes, Wedding Present, Lords of the new church, Waterboys, Laurie Anderson. Irgendwann fiel mir die Platte &#8222;How green ist the valley&#8220; von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/The_Men_They_Couldn%E2%80%99t_Hang\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The men they couldn&#8217;t hang<\/a> in die H\u00e4nde. Und das war es. Ich wusste, dass sind Br\u00fcder im Geiste. Revolutions-Romantik gepaart mit Natursehnsucht. Historizierend mit einer geh\u00f6rigen Portion Wut wie auch Gef\u00fchl. W\u00e4hrend ich die Pogues liebte, Nick Cave bewunderte und auf Anne Clark tanzte, spiegelten The men they couldn&#8217;t hang am ehesten mein Ich. Allein der Name. Zeugt von einer Haltung, einer Kraft, einer Unbeugsamkeit. &#8222;Mich bekommt ihr nicht&#8220;! Sie waren Punk. Aber auch Melodie. Sie waren gegen die Faschisten. Und sie waren Engl\u00e4nder. Darob beneidete ich sie. Ich schuldbewusster Deutscher, der sich bis heute nicht mit dem Land vers\u00f6hnt hat, welches die Nazis auf Jahrzehnte vergiftet hatten. Ja, ihr Drecksfaschos, ihr habt auch mein Leben versaut. Wie kann man unbeschwert leben, wenn man wei\u00df, dass sie alles ins Gas gesteckt haben, das anders war, als sich ein Nazihirn vorstellen kann. Allein daf\u00fcr hasse ich sie bis heute.<\/p>\n<p>Ein paar Monate sp\u00e4ter kam die neue Platte von den M\u00e4nnern die sie nicht h\u00e4ngen k\u00f6nnen in die L\u00e4den. Waiting for Bonaparte. Noch am Tage des Erscheinens drehte sie sich auf meinem Plattenteller. Bis heute kann ich &#8222;Smugglers&#8220; auswendig. Singe &#8222;Bounty Hunter&#8220; lauthals mit. Und behaupte mit &#8222;The Colors&#8220;:<\/p>\n<p><em>Red is the colour of the new republic<\/em><br \/>\n<em>Blue is the colour of the sea<\/em><br \/>\n<em>White is the colour of my innocence<\/em><br \/>\n<em>Not surrender to your mercy.<\/em><\/p>\n<p>Es war vor allem Stefan Cush, dessen Lyrics und Gesang mich einfing, auch wenn Phil Odgers ihm wenig bis nichts nachstand. Nat\u00fcrlich hatte ich mir l\u00e4ngst die erste Platte besorgt. &#8222;Night of a thousand candles&#8220; mit den Klassikern <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xfBcU-tycaM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ironmasters<\/a> und einem phantastischem Cover von &#8222;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=o1mX9myhSzQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Green Fields of France<\/a>&#8220; und ich habe sogar die Minimaxi &#8222;Greenback Dollar\/Hell or England&#8220;. Ironmasters live in der Batschkapp Ende der 80er &#8211; was f\u00fcr ein Brett. Mit Silver Town und The Domino Club folgten in den n\u00e4chsten Jahren zwei weitere Alben mit gro\u00dfen Songs. Billy Morgan. Oder Industrial Town, Rain Steam &amp; Speed. Ich werde nie vergessen, wie ich mit meinem Walkman selbstverloren durch La Valetta lief, meine erste Flugreise \u00fcberhaupt &#8211; nach Malta, und Company Town mit Blick aufs Meer h\u00f6rte :<\/p>\n<p><em>In the town I was born things are getting very strange<\/em><br \/>\n<em>People there I hardly recognize<\/em><br \/>\n<em>All of my old set have packed their bags and left<\/em><br \/>\n<em>Since home became a business enterprise.<\/em><\/p>\n<p>Textzeilen, die sich bis heute in mein Hirn brannten.<\/p>\n<p>Dann h\u00f6rte ich lange nichts von ihnen. Ich verlie\u00df die Uni, trieb durch die Zeit, verliebte mich in Techno, tanzte auf der Love Parade und m\u00e4anderte durch Amsterdam. Erst Ende der 90er entdeckte ich, dass sie mal wieder auf Tour sind. Wieder in der Batschkapp. Was hatte ich mich gefreut. Am Merchstand vertickte ein leicht f\u00fclliger \u00e4ltere Herr die Platten, die ich alle schon hatte. Dann kamen sie auf die B\u00fchne. Der \u00e4ltere Herr hielt nun eine Gitarre in der Hand. Es war Stefan Cush. Es war nicht mehr der hagere junge Kerl mit Docs und Jeans und der Option auf eine bessere Zukunft. Ich war irritiert, das Konzert war dennoch ganz gut. Aber es war nicht mehr so wie fr\u00fcher. Und es war das letzte Mal, dass ich die Band live gesehen habe. Bis heute erschienen noch einige Platten, immer wieder mit gro\u00dfartigen Songs wie Dennis Law &amp; Ali MacGraw oder Twilight Road. Und immer wieder landeten sie im Autoradio.<\/p>\n<p><em>We drove from San Sebastian to Frankfurt on the Main<\/em><br \/>\n<em>Watched winter turn to springtime and the snow turn into rain<\/em><br \/>\n<em>In the darkness on the motorway we lost our silhouettes<\/em><br \/>\n<em>But knew that we were still alive by the tips of our cigarettes<\/em><\/p>\n<p>In den letzten Jahren waren wir immer mal wieder f\u00fcr Konzerte in London. Carter USM, And also the trees, Jim Bob, Maximo Park, The Young Gods. Und immer wieder hoffte ich, eines Tages &#8222;The men they couldnt&#8217;t hang&#8220; dort zu sehen. Doch es hat sich nie ergeben.<\/p>\n<p><iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/o1mX9myhSzQ\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p>Heute morgen erfuhr ich \u00fcber Twitter, dass es ein Album gibt &#8211; nur mit Songs, die Stefan Cush geschrieben und gesungen hat. Ich klickte auf den Link &#8211; und sah in einem Kommentar &#8222;RIP Stefan&#8220;. Ich dachte, weshalb schreibt jemand so etwas? Doch ein kurzer Blick in die Suchmaschine best\u00e4tigte es: W\u00e4hrend ich im Februar eine Twitterpause machte, war Stefan Cush einem Herzinfarkt erlegen. Und ich wurde traurig. Sehr traurig. Kurz schossen mir die Tr\u00e4nen in die Augen. Und ich reiste zur\u00fcck in die Zeit, als ich die Band neu f\u00fcr mich entdeckte. Erinnerungen tanzten durch mein Hirn. Es will mir scheinen, als sei etwas zu einem Abschluss gekommen. Mit Cush, wie er auf den ersten Platten kurz genannt wurde, ist ein Mann gegangen, der mir half, ohne es auch nur im Enferntesten zu ahnen, zu mir selbst zu kommen. Zumindest in die N\u00e4he. Daf\u00fcr sei ihm posthum gedankt. Auch f\u00fcr all die sch\u00f6nen Momente, die er und die Band mir geliefert haben. Begonnen in meinem Hochbett in Bockenheim, \u00fcber den Urlaub mit der Ente und meiner damaligen Freundin in Italien, die Boxen in Keksdosen eingebaut. Der Meeresblick auf Malta bis hin zur R\u00fcckfahrt von einem Freundschaftsspiel der Eintracht irgendwo in Hessen vor ein paar Jahren. Sonne, ein paar Bier und Unterwegssein. Jetzt werde ich die M\u00e4nner, die sie nicht h\u00e4ngen k\u00f6nnen nie wieder sehen. Auch das ist schade. Ruhe in Frieden Stefan. Und Danke!<\/p>\n<p><em>Woke up when the light was nearly gone<\/em><br \/>\n<em>Driving this car where the sun had shone<\/em><br \/>\n<em>Gotta be home, home by dark<\/em><\/p>\n<p>Und niemals vergessen:<\/p>\n<p>So listen to the sound of marching feet<br \/>\nAnd the voices of the ghosts of cable street<br \/>\nFists and stones and batons and the gun<br \/>\nWith courage we shall beat those blackshirts down<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Vv9iZ6Aj8oM\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war 1986, ich studierte seit einem Jahr an der Frankfurter Universit\u00e4t Germanistik, eine Notl\u00f6sung. Eigentlich wollte ich Kinderarzt werden, Medizin studieren. Aber mein Abi war mit 2,4 zu schlecht, nach zwei vergeblichen Bewerbungen sattelte ich um. Germanistik. 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