{"id":14524,"date":"2020-10-28T08:57:01","date_gmt":"2020-10-28T07:57:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14524"},"modified":"2020-10-28T09:09:22","modified_gmt":"2020-10-28T08:09:22","slug":"14524","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14524","title":{"rendered":"Defekt"},"content":{"rendered":"<p>So sind wir in den Herbst gerutscht. Die letzten Chilis suchen in der Unwirtlichkeit des Wetters ihre finale R\u00f6te, die Behaglichkeit einer warmen Wohnung verspricht in diesem Jahr keine Unbeschwertheit. Es sind, man kann es nicht anders sagen, Schei\u00dfzeiten.<\/p>\n<p><!--more-->2020 war so oder so ein Jahr der Wellent\u00e4ler. Noch im Februar sind wir durch Salzburg geschlendert, die Eintracht spielte ihr 1\/16-Finale und schon damals h\u00e4tte man ahnen k\u00f6nnen: Irgendetwas stimmt nicht. Zwar wurde das Spiel nur ob eines Sturms um einen Tag verschoben, jedoch lag schon damals die Vermutung in der Luft, dass Corona ernster werden k\u00f6nnte. Doch es war zun\u00e4chst nur der Sturm. Dann kam Thailand, der Abbruch des Urlaubs, der Abbruch der Fu\u00dfballsaison.<\/p>\n<p>Leise wurde es in Frankfurt, kaum ein Flugzeug stieg in die Luft, im Stadtwald war gut radeln, zumal der Goetheturm wieder in die H\u00f6he wuchs, im Garten herrschte zun\u00e4chst Ruhe, die Nidda m\u00e4anderte gem\u00e4chlich vor sich hin und die Wasserh\u00e4uschen der Stadt empfingen dich mit offenen Armen. Einzig die Unsicherheit der Reisebeschr\u00e4nkungen tr\u00fcbten den Sommer &#8211; und nat\u00fcrlich die soziale Distanz. Statt wie \u00fcblich, Freunde zu umarmen, gew\u00f6hnten wir uns an die Coronafaust, den Coronaellenbogen. Versuchten es zumindest. Gro\u00df unterwegs au\u00dferhalb Frankfurts war ich nicht, sieht man einmal von Ausfl\u00fcgen in den Taunus ab. Okay, einmal Saarlouis, einmal Mannheim, einmal Heidelberg, das war&#8217;s. Ich bin ja nicht ganz so der \u00e4ngstliche Typ, aber mir hat es in Thailand gereicht, als sich die Situation zuspitzte und wir mit Ach und Krach und f\u00fcr s\u00fcndhaft teuer Geld im letzten Moment vor der Zeit Bangkok verlassen konnten. Immerhin. Je l\u00e4nger der Sommer dauerte, um so nerviger wurde es im Garten. Die Nachbarn rechter Hand, reichlich mit Nachkommen gesegnet, versammelten sich zuhauf, rund um die Uhr HalliGalli. Kind, Kegel, Freunde und gib ihm. Freunde, es ist kein Spa\u00df, das Leben der anderen quasi intraven\u00f6s mitzubekommen. Selbst die Eichh\u00f6rnchen machten sich vom Acker. Nischen suchen. Immer wieder. Und kaum hast du eine gefunden, kommt der Teufel daher und verbaut sie dir grinsend.<\/p>\n<p>Das Eintracht Museum hatte geschlossen, die Bundesligasaison endete unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit. Keine Veranstaltungen, keine Waldtrib\u00fcne, keine Ausw\u00e4rtsfahrten. Immerhin hatte ich am Schreibtisch einiges zu tun, von daher herrschte hier auch Funkstille. Demn\u00e4chst erscheint der neue Anpfiff, das Magazin, im dem sich das Leistungszentrum der Eintracht darstellt. Ich sprach mit den Trainern von der U15 bis zur U19, mit der Internatsleitung, der medizinischen Abteilung, den Verantwortlichen f\u00fcr die Spielkonzeption und etlichen mehr. War ziemlich interessant. Und immerhin konnten wir vor ein paar Tagen eine Veranstaltung aus der Reihe Tradition zum Anfassen auf die Beine stellen. Das Stadion in rotes Licht getaucht, hatten wir <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/watch\/?v=778100569654915\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Alex Meier zu Gast,<\/a> \u00fcber eine Stunde plauderte ich mit unserem Fu\u00dfballgott. Auf der Haupttrib\u00fcne des Stadions verteilten sich mit geh\u00f6rigem Abstand die G\u00e4ste. Nat\u00fcrlich weit weniger als in anderen Zeiten m\u00f6glich w\u00e4re. Es wurde ein sch\u00f6ner Abend. Hin und wieder f\u00fchrte ich kleine Gruppen auf den Spuren der Eintracht durch die Stadt. Vorbei am Metropolis, vorbei an der Turnhalle im Oeder Weg, an Stolpersteinen in der Finkenhofstra\u00dfe und vorbei an der einstigen Uhrmacherwerkstatt des Eintracht Gr\u00fcnders Albert Pohlenk. Zu diesem Thema werdet ihr in den kommenden Wochen noch einiges h\u00f6ren, haltet die Ohren offen &#8211; Spuren der Eintracht findet ihr n\u00e4mlich in dieser Stadt \u00fcberall. Zum Beispiel in der Hahnstra\u00dfe, wo ich das Vergn\u00fcgen hatte, mit Hammerwerferin Kathrin Klaas, die 2018 ihre Karriere beendete und 2012 bei Olympia Vierte wurde, mir das Gel\u00e4nde mal ganz genau anzusehen. Wie gesagt, demn\u00e4chst mehr.<\/p>\n<p>Je weiter der Sommer ins Land zog, sich langsam in den Herbst drehte, desto klarer wurde es, dass die relative Freiheit der warmen Tage ein Ende finden w\u00fcrde. Sobald ein Aufenthalt im Freien ungem\u00fctlich wird, steht der R\u00fcckzug in die Innerlichkeit an. Und da etliche nicht in der Lage sind, kleinste Nenner in Bezug auf dieses Schei\u00dfvirus einzuhalten, kam, was kommen musste. Die Fallzahlen stiegen wie die Beschr\u00e4nkungen und selbst unsere liebgewonnene Montagsgang, die sich w\u00f6chentlich an einem Wasserh\u00e4uschen traf und bei einem Sch\u00f6ppchen die Einsamkeit aufhob, wurde ob der Situation durcheinander gewirbelt. Wer Gl\u00fcck hat, lebt zu zweit &#8211; auch wenn dort die Freir\u00e4ume eng werden k\u00f6nnen -, wer alleine lebt, zudem noch Homeoffice macht und sich dazu an einen Teil der durchaus sinnigen Regeln h\u00e4lt, guckt traurig aus der W\u00e4sche. Kein Fu\u00dfball. Keine Konzerte. Keine Treffen. Soziale Isolation. Das kann wahnsinnig machen. Auch wahnsinnig w\u00fctend. Auch auf diejenigen, die auf alles schei\u00dfen, sich rebellisch geb\u00e4rden, wo Zur\u00fcckhaltung angesagt w\u00e4re &#8211; und sich zur\u00fcckhalten, wo Rebellion von N\u00f6ten ist.<\/p>\n<p>Es ist, wie so oft, die klaffende Schere zwischen Arm und Reich, die Zerst\u00f6rung der \u00d6kosysteme, die Gentrifizierung der St\u00e4dte, kurz eine Politik, die der Gewinnmaximierung das Wort redet und die Strukturen schafft, die Gesellschaftssysteme kollabieren l\u00e4sst. W\u00e4hrend Schulkinder bei offenem Fenster sitzen, die Krankenh\u00e4user \u00fcberlastet sind und Geringverdiener an den Rand und dar\u00fcber hinaus gedr\u00e4ngt werden, w\u00e4hrend rechtsextreme Strukturen bei der hiesigen Polizei den Status der &#8222;Einzelf\u00e4lle&#8220; l\u00e4ngst \u00fcberschritten haben, verweist keine einzige Idee auf eine umsetzbares Zukunftskonzept in punkto Mobilit\u00e4t, soziale Sicherheit und Klimawandel. Die Menschen sollen den Wirtschaftskreislauf aufrecht halten, ansonsten k\u00f6nnen sie zuhause verd\u00e4mmern. Die Bundesliga beklagt den drohenden Zusammenbruch, weil sie ihre Angestellten nicht mehr mit den irrwitzigen Summen bezahlen kann, wie all die Jahre zuvor. L\u00e4cherlich. W\u00e4hrend tausende Amateurvereine sich wie eh und je gerade so \u00fcber Wasser halten, bricht Wehklagen ob fehlender Millionen aus. Alleine die Ausgaben der elit\u00e4ren Clubs f\u00fcr H\u00e4ppchen \u00fcbersteigen den Jahresetat eines Stadteilclubs bei Weitem. Mit welchem Recht behauptet die elit\u00e4re Oberschicht, die Notwendigkeit, den luxuri\u00f6sen Lebensstil aufrecht erhalten zu m\u00fcssen, um zur Bekr\u00e4ftigung ein uns alle betreffendes drohendes Untergangszenario auszumalen? Auch Fu\u00dfballer, Unternehmer, Minister k\u00f6nnten, so rein theoretisch, Fahrrad fahren. Oder S-Bahn. Oder Dacia. Es dreht sich auch heute nicht um die Frage fehlender Mittel, es dreht sich wie immer um die Verteilung derselben.<\/p>\n<p>Um einige Dinge kommen wir derzeit nicht drumherum. Abstand, Masken. Doch w\u00e4hrend Linke und Fu\u00dfballfans seit Jahren bei geringsten Vergehen, die staatlich angeordnete H\u00e4rte zu sp\u00fcren bekommen, d\u00fcrfen sich die Rechten, die Covidioten unter dem Schutz der Polizei austoben. Die mediale B\u00fcrgerlichkeit h\u00e4lt sich auff\u00e4llig zur\u00fcck. Es ist so unfassbar absurd, der SUV genie\u00dft mehr Schutz als der Fl\u00fcchtling, die Fleischindustrie mehr als die Bildung, die Vollidioten mehr als als die Vern\u00fcnftigen. Dazu gesellt sich die Zukunftsvision eines Landes, welches bei den n\u00e4chsten Wahlen wom\u00f6glich die Qual zwischen den unter massiven Realit\u00e4tsverlust leidenden Olaf Scholz oder Friedrich Merz haben wird. Da rebelliert niemand. Klar, dann bekommst du ja auch auf die Fresse.<\/p>\n<p>Wenigstens hat Bruce Springsteen ne neue Platte drau\u00dfen. Vielleicht ruf ich ihn mal an und quatsche mir alles von der Seele. Er hat ja immer ein offenes Ohr f\u00fcr die kleinen Leute. Weitermachen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sind wir in den Herbst gerutscht. Die letzten Chilis suchen in der Unwirtlichkeit des Wetters ihre finale R\u00f6te, die Behaglichkeit einer warmen Wohnung verspricht in diesem Jahr keine Unbeschwertheit. 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