{"id":14511,"date":"2020-08-07T10:16:33","date_gmt":"2020-08-07T08:16:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14511"},"modified":"2020-08-07T15:45:40","modified_gmt":"2020-08-07T13:45:40","slug":"abschied-von-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14511","title":{"rendered":"Abschied von Europa"},"content":{"rendered":"<p>Die letzten Minuten des Spiels der Eintracht in Basel verd\u00e4mmer ich vor dem TV im Halbschlaf. Kurz vor Schluss steht es 0:0. Die Eintracht h\u00e4tte f\u00fcnf Monate nach dem Hinspiel ein 0:3 aufholen m\u00fcssen. Jenes 0:3 im Frankfurter Stadtwald, das eine Z\u00e4sur bedeutete. Es war das erste Heimspiel nach dem Einbruch des Coronavirus SARS-CoV-2. Das erste Heimspiel ohne Zuschauer.<\/p>\n<p><!--more-->Als die Eintracht am 12. M\u00e4rz 2020 gegen Basel spielte, sa\u00dfen wir im Nachtbus von Bangkok nach Ranong. Ohne Internet. Erst am n\u00e4chsten Morgen erinnerte ich mich daran, dass die Eintracht ja in der Nacht thail\u00e4ndischer Zeit gespielt hatte. Ein Blick ins Handy. 0:3. Oha. Aber wir hatten andere Sorgen. Kommen wir von Ranong weiter? Wie entwickelt sich das Virus? Kommen wir wieder nach Hause?<\/p>\n<p>Etwas \u00fcber zwei Jahre ist es jetzt her, dass die Frankfurter Eintracht am letzten Spieltag der Saison 2017\/18 die Europapokalteilnahme noch verspielte. Ein 0:1 in Gelsenkirchen und zeitgleiche Siege von Leipzig und Stuttgart lie\u00dfen den Club noch auf den 8. Platz zur\u00fcck fallen. Der VfB bejubelte in der Kabine den Einzug in den internationalen Wettbewerb. Zu diesem Zeitpunkt stand fest, dass Trainer Niko Kovac die Eintracht Richtung Bayern M\u00fcnchen verlassen wird. Einzig das bevorstehende Pokalfinale gegen eben jene Bayern stand noch bevor. Ein Sieg h\u00e4tte den Einzug in den Europapokal bedeutet. Doch wer glaubte schon an die Eintracht, wo die Stimmung ob des Abgangs von Kovac und der leichtfertig verspielten Europacupteilnahme im Keller war. Schon gar nicht der VfB Stuttgart.<\/p>\n<p>Und dann kam jene magische Nacht in Berlin. Die Sternstunden von Ante Rebic. Der Videobeweis eingedenk des nicht gegebenen Elfmeters durch Felix Zwayer, der bei anderer Entscheidung den wahrscheinlichen Ausgleich in letzter Sekunde f\u00fcr die Bayern bedeutet h\u00e4tte und damit die Verl\u00e4ngerung und das vermutliche Aus f\u00fcr die Eintracht. Die anschlie\u00dfende Ecke, heraus gek\u00f6pft von Jetro Willems, der Lauf von Mijat Gacinovic. 70 Meter ins Gl\u00fcck. Das 3:1. Der Pokalsieg. Nach 30 langen Jahren ein Titel f\u00fcr die Eintracht.<\/p>\n<p>Niemand der diese Momente miterlebt hat, wo auch immer, wird sie jemals vergessen. Noch beim Schreiben stellen sich die H\u00e4rchen auf. Jeder Eintrachtler hat diese Bilder immer und immer wieder gesehen. Und wird sie immer und immer wieder ansehen. Es war wohl das Gr\u00f6\u00dfte, was Eintracht Frankfurt in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Was f\u00fcr Deutschland der WM-Sieg von 1954 war, ist f\u00fcr die Eintracht der Pokalsieg 2018. Und dar\u00fcber hinaus. Wir mussten keine Schuld nivellieren. Nur unz\u00e4hlige verpasste Chancen. Am heftigsten die von 1992 &#8211; als der schon sicher geglaubte Meistertitel an der Ostsee verspielt wurde.<\/p>\n<p>Der VfB war durch den Pokalsieg der SGE aus den Europapokalpl\u00e4tzen gepurzelt, Leipzig musste in die kr\u00e4ftezehrende Qualifikation. Mit Spannung wurde die Auslosung erwartet &#8211; und wir erwischten eine fantastische Gruppe. Marseille, Limassol und leider das falsche Rom. Zu allem \u00dcberfluss aber war Olympique Marseille aufgrund von Fanausschreitungen zu einem Geisterspiel verdonnert worden. Ausgerechnet gegen die Eintracht. Uns traf dies nicht ganz so hart, hatten wir doch ohne den Europacup zu ber\u00fccksichtigen Urlaub auf Korfu gebucht, konnten also so oder so nicht vor Ort sein.<\/p>\n<p>In der Taverne Julia sa\u00dfen wir vor dem TV, vor uns rauschte das Meer &#8211; und der Eintracht gelang tats\u00e4chlich der Ausw\u00e4rtssieg. Wer h\u00e4tte das gedacht, nach dem 1:5 im Supercup und dem peinlichen Aus im Pokal beim SSV Ulm? Ein paar Wochen sp\u00e4ter machte sich die nunmehr legend\u00e4re &#8222;Reisegruppe Zypern&#8220; auf den Weg. Etliche Eintrachtler trafen sich in einer Hotelanlage in Nordzypern, machten die Nacht zum Tag und verbrachten dort einige herrlich entspannte Tage. Das Spiel selbst fand in Nikosia statt. Wir mieteten uns einen Kleinbus und lie\u00dfen uns \u00fcber die Grenze bringen. Ein paar wollten mit anderen P\u00e4ssen, mit denen sie ins Land eingereist waren, in den S\u00fcden. Dies ging nicht. Also hie\u00df es f\u00fcr sie: Zur\u00fcck ins Hotel. Aber p\u00fcnktlich zum Anpfiff waren sie wieder da.<\/p>\n<p>Im regnerischen Rom ging es gegen das teilfaschistische Lazio. Fans wurden die Schals abgenommen, der Einlass dauerte Stunden, r\u00f6mische Nazis wollten in unsere Kurve und provozierten uns Hand in Hand mit den Sicherheitskr\u00e4ften. Die Stimmung drohte zu eskalieren. Es war Gacinovic&#8216; Treffer zum Ausgleich, der die Situation beruhigte. Hallers 2:1 bedeutete den Endstand. Die Eintracht war ungeschlagen in die n\u00e4chste Runde eingezogen.<\/p>\n<p>Es ging in die Ukraine gegen Schachtar Donezk, erst nach Wochen stand ob der politischen Situation der Austragungsort fest. Charkiv. Ein paar Kilometer vor der russischen Grenze. Unvergessen die Bahnfahrt durch das verschneite Land von Kiew nach Charkiv. Der n\u00e4chtliche Marsch vom Stadion in die Unterk\u00fcnfte \u00fcber vereiste Wege, als nichts mehr fuhr und die Stadt im Dunkel lag. Davei, davai. Uh. Sp\u00e4ter mit Freddy in Kiew. Die Dali-Ausstellung.<\/p>\n<p>Und schon sa\u00dfen wir im Dacia auf dem Weg nach Mailand. Die Eintracht im Giuseppe Meazza. Sonnenschein und Ausw\u00e4rtssieg. Nur die Raketen auf dem Rasen tr\u00fcbten die Freude dann doch gewaltig. Es sind immer die Wermutstropfen, die einen schwarzen Klecks ins bunte Bild tr\u00f6pfeln. Auf dem R\u00fcckweg mit dem Handy die Fl\u00fcge nach Lissabon gebucht. Tejo, Alfama und ein aus dem Stadion fliegender Adler.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckspiel brach die Frankfurter H\u00f6lle \u00fcber Benfica herein. Das 2:0 bedeutete den Einzug ins Halbfinale, das Endspiel lag greifend nah. In London. Gegen Chelsea. Nur das Elfmeterschie\u00dfen verhinderte einen weiteren Triumph. Hinteregger lag weinend in den Armen der Fans. Die Eintracht aber hatte in der Saison 2018\/19 doch noch in letzter Sekunde den Einzug in eine weitere Europapokalsaison geschafft. Zuhause in Europa. Noch im Sommer zerbrach die &#8222;B\u00fcffelherde&#8220;, die uns ein Jahr begeistert hatte. Jovic zog es nach Madrid, Haller zu West Ham. Wochen sp\u00e4ter war auch Rebic Geschichte.&nbsp;<\/p>\n<p>Und diesmal mussten wir durch die Qualifikation. F\u00fcr mich ging es \u00fcber Helsinki mit der F\u00e4hre nach Tallinn. Entspannte hochsommerliche Fu\u00dfballatmosph\u00e4re. Im R\u00fcckspiel beklatschten die Spieler von Flora Tallinn trotz des Ausscheidens die Eintrachtkurve. Nie gesehene Bilder machten die Runde. Weiter ging es mit dem Bus nach Vaduz. Und dann Stra\u00dfburg. Giftige Atmosph\u00e4re in Frankreich. Grandiose in Frankfurt. Wieder einmal gaben alle alles &#8211; und erneut schaffte die Eintracht den Einzug in die Gruppenphase. Guimaraes, L\u00fcttich, Arsenal.<\/p>\n<p>Wir schlenderten am Douro entlang und wiederholten mit der Familie Minden in Porto den Besuch in der taylorschen Portwein Kellerei. Fliegende St\u00fchle in Guimaraes bescherten uns eine Ausw\u00e4rtssperre f\u00fcr die Spiele in L\u00fcttch und London. Ich hatte Gl\u00fcck, konnte Tickets erwischen und sa\u00df auf einmal in einem Mietbus auf dem Weg nach Belgien. Wir kamen zu sp\u00e4t. Aber wir waren da. In London besiegelte das auch von den Engl\u00e4ndern bejubelte 2:1 der Eintracht den Einzug ins 16\/tel Finale. Kamadas Treffer sorgten zudem f\u00fcr die Entlassung des ungeliebten Trainers Unai Emery.<\/p>\n<p>Noch im Februar marschierten wir durch den Winterschnee in Salzburg. Die Eintracht wankte, aber sie fiel nicht. Das Spiel musste ob eines Sturms einen Tag verschoben werden. Doch am End waren wieder fast alle da. Und bejubelten den Einzug ins Achtelfinale. Noch vor dem Spiel stand der Gegner fest. FC Basel. Schwierig. Aber machbar. Und da ob der vielen Reisen bei vielen das Budget aufgebraucht war, schien auch niemand b\u00f6se ob der verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurzen Anreise. F\u00fcr Pia und mich war klar, dass wir so oder so nicht vor Ort sein k\u00f6nnen. Unser Urlaub in Thailand stand bevor. Und wir witzelten: Wartet es ab. Wenn wir, wie in Marseille, nicht vor Ort sein k\u00f6nnen, wird niemand dort sein. Doch was dann kam, konnte niemand ahnen.<\/p>\n<p>\u00dcber China verteilte sich das Coronavirus in die Welt. Und was eben noch in weiter Ferne lag, packte uns nun am Schlafittchen. Als wir in Bangkok landeten, hie\u00df es noch: Das Heimspiel gegen Basel wird vor Zuschauern ausgetragen. Am Abend auf der Terrasse erfuhren wir das Gegenteil. Lockdown. Das \u00f6ffentliche Leben in Europa und weiten Teilen der Welt war lahm gelegt, das Spiel gegen Basel fand unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit statt. 0:3 hie\u00df es am Ende. Wir betrachteten fernab der Heimat die untergehende Sonne &#8211; und mussten sp\u00e4ter zusehen, wie wir heimkommen. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Alles wurde abgesagt, Monate sp\u00e4ter wurde die Bundesligasaison doch noch durch Geisterspiele zu Ende gebracht. Die Fans bleiben au\u00dfen vor, die Fu\u00dfballwelt wurde eine andere. Und nach langem hin und her wurde das R\u00fcckspiel in Basel auf den 6.8. terminiert. Nat\u00fcrlich ohne Zuschauer. Kurz zuvor gab die Eintracht den Wechsel von Mijat Gacinovic nach Hoffenheim bekannt. Die Eintrachtfanseele war bis ins Mark ersch\u00fcttert. Wirklich jeder denkt nur bei Nennung des Namens an jenen Moment in Berlin, als der schm\u00e4chtige Junge mit der Nummer 11 auf dem R\u00fccken mit dem Ball durchs Olympiastadion lief und uns alle erl\u00f6ste. Und jetzt soll dieser Junge f\u00fcr Hoffenheim spielen? Traurig.<\/p>\n<p>Als ich aus meiner D\u00e4mmerung erwache, steht es 1:0 f\u00fcr Basel, das Ausscheiden der Eintracht ist endg\u00fcltig besiegelt. Bilder schie\u00dfen durch meinen Kopf. Berlin. Bruda, schlag den Ball lang. Die Reisegruppe Zypern. Rom. Wir, die Bestien laut r\u00f6mischer Zeitung. Vaffanculo. Davai, davai, uh. Das Caf\u00e9 am Tejo, das Elfmeterschie\u00dfen in London, die F\u00e4hre nach Tallinn, zuletzt die Hohensalzburg. Tausend Begegnungen, tausend Gespr\u00e4che und kleine Geschichten. Rebic, Jovic, Haller, Gacinovic.<\/p>\n<p>Es scheint, als w\u00e4re eine Geschichte zu Ende erz\u00e4hlt; eine Geschichte, die gr\u00f6\u00dfer ist, als alle bislang erz\u00e4hlten Geschichten der Eintracht. Eine Geschichte, die nach Berlin ohne Zuschauer in Marseille begann und ohne Zuschauer in Basel endete. Eine Geschichte, die uns allen, die wir mit der Eintracht leben und leiden, unfassbare Momente beschert hat, und n\u00e4her gebracht hat. Wer wei\u00df schon, ob und wann wir wieder zum Fu\u00dfball gehen k\u00f6nnen. Die Unbeschwertheit der Reisen erleben d\u00fcrfen. Die Welt vor Corona ist in Basel zu Ende gegangen. Aber wir hatten sie. Und sie fehlt. Was bleibt? Eintracht Frankfurt international!<\/p>\n<p>Bleibt sauber!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzten Minuten des Spiels der Eintracht in Basel verd\u00e4mmer ich vor dem TV im Halbschlaf. Kurz vor Schluss steht es 0:0. Die Eintracht h\u00e4tte f\u00fcnf Monate nach dem Hinspiel ein 0:3 aufholen m\u00fcssen. Jenes 0:3 im Frankfurter Stadtwald, das eine Z\u00e4sur bedeutete. Es war das erste Heimspiel nach dem Einbruch des Coronavirus SARS-CoV-2. Das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":14513,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[19,9,12],"tags":[1419,1823,2341],"class_list":["post-14511","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-auswarts","category-eintracht-frankfurt","category-wortwelt","tag-abschied","tag-eintracht-frankfurt","tag-europapokal","post-preview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14511","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14511"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14511\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14519,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14511\/revisions\/14519"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/14513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14511"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14511"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14511"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}