{"id":14276,"date":"2020-05-18T11:54:57","date_gmt":"2020-05-18T09:54:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14276"},"modified":"2020-05-18T13:58:22","modified_gmt":"2020-05-18T11:58:22","slug":"mit-dem-rad-durch-frankfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14276","title":{"rendered":"Mit dem Rad durch Frankfurt"},"content":{"rendered":"<p>Was bin ich fr\u00fcher viel Rad gefahren. Egal ob Spessart, Odenwald, Glastonbury, Prag, Paris oder Frankfurt. Fahrradfahren war Entschleunigung, das langsame Hineindrehen in eine andere Welt. Drau\u00dfen war woanders, die Wege suchten wir uns selbst. Digitale Navigatiossysteme gab es nicht, manchmal hatten wir Karten dabei, manchmal auch nicht. Zur\u00fcck gefunden aber haben wir immer.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seit wir unseren Garten haben, wurde das ziellose Radfahren seltener. Und es ist eben das Ziellose, das ich so liebe. Dieses Irgendwohin. Irgend etwas entdeckst du immer. Mit einem Ziel vor Augen verlierst du den Blick f\u00fcr&#8217;s Unterwegssein. Das \u00dcberraschende. Manchmal halt auch das \u00fcberraschende Ende eines Weges. Seit Beginn der 90er war ich mit dem Mountainbike unterwegs, nat\u00fcrlich mit verschiedenen. F\u00fcnf R\u00e4der wurden mir geklaut. Eines aus dem Auto in Prag. Eins im Wald am Edersee. Einen H\u00fcgel hinaufgetragen, zwischen B\u00e4umen versteckt, mit zwei anderen abgeschlossen. Mit dem Mountainbike muss man ja nicht downhill fahren, blind durch die Gegend ochsen. Aber man muss sich keine Sorgen wegen Schotter oder \u00c4sten machen, wegen B\u00fcrgersteigkanten.<\/p>\n<p>Fahrradfahren war fr\u00fcher immer mit einem Hauch Anarchie verbunden. Niemand hat auf dich geachtet, du musstest aufpassen, vor allem in St\u00e4dten. Aber du konntest auch alle Wege nehmen, die sich anboten. Querfeldein in der Stadt. Heute ist alles geregelt, Fahrradsalafisten brachten den Geist der Autofahrer auf die Wege, fordern ihre Rechte ein &#8211; und benehmen sich auch so. Und dann kamen die Elektror\u00e4der auf, dadurch stieg an manchen leisen Wegen die Geschwindigkeit. Jetzt sind sie auch dort, wo man sich fr\u00fcher hinauf oder hinein k\u00e4mpfen musste, der Blick als Belohnung. Alles ist im Wandel, alles \u00e4ndert sich. Nicht immer zum Besten.<\/p>\n<p>Heute schmerzt auf l\u00e4ngeren Wegen mit dem Mountainbike mein R\u00fccken, von daher habe ich mir im vergangenen Jahr ein stinknormales Fahrrad besorgt, auf dem ich halbwegs gerade sitze. Hoher Rahmen &#8211; das schr\u00e4nkt nat\u00fcrlich die Bewegungsfreiheit ein, absteigen dort, wo ich fr\u00fcher mit Technik den Hinterreifen hochgezogen habe. Vergangene Woche folgten die ersten gr\u00f6\u00dferen Ausritte.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst trieb es mich in den Stadtwald, meine alte Heimat, als ich noch in Oberrad gewohnt habe und stets wenn ich Zeit hatte, durch den Wald geradelt bin. \u00dcber mir dr\u00f6hnen die Flieger, doch der Geruch frisch ges\u00e4gter B\u00e4ume oder regennasser Waldpfade entsch\u00e4digt. Maunzenweiher, die Lichtung an der Kesselbruchschnei\u00dfe, K\u00f6nigsbr\u00fcnnchen, Scheerwald &#8211; ruckzuck bist du in einer anderen Welt. Mit der Zeit kannte ich mich ganz gut aus, wusste, wo die Stra\u00dfen zu \u00fcberqueren sind. Jetzt, nach sieben Jahren im Nordend, merke ich, dass ich einiges vergessen habe, es ist ja schon ein ordentliches Wegegewimmel im Stadtwald. Aber ich f\u00fchle mich, wie in den Zeiten, als ich nur wenige Meter fahren musste, um im Wald zu landen. Flashback. Und w\u00e4hrend auf einigen Hauptwegen wie hin zum Jacobiweiher m\u00e4chtig was los ist, ist&#8217;s auf Nebenwegen immer noch deutlich ruhiger. Und da derzeit ja auch wenig Flugzeuge unterwegs sind, k\u00f6nnte man manchen Fleck gar romantisch nennen. Schade nur, dass ich durch die ganze Stadt muss, um wieder nach Hause zu kommen. Begonnen am Lerchesberg, diesem Ghetto f\u00fcr Zuvielverdiener mit der tempor\u00e4ren Einbahnstra\u00dfe, weiter durch Sachsenhausen bis hin zum Eisernen Steg. Kurzer Schlenker durch die neue Altstadt, Abschlussbier am Gudes.<\/p>\n<p>Ein Klassiker ist auch die Tour an der Nidda entlang, beginnend in Berkersheim. Unter der Woche geht&#8217;s, ein sch\u00f6nes Fleckchen Frankfurt. Und je nach angrenzendem Stadtteil unterschiedliche Kulturen, die es sich am Ufer gem\u00fctlich gemacht haben. Nervig nur die Kampfradler, die sich mit Schmackes ihren Weg bahnen &#8211; in ihren s\u00fcndhaft teuren Maschinen und dem Outfit der Tour de France. In R\u00f6delheim komme ich an der ehmaligen Synagoge vorbei. In der Pogromnacht 1938 in Brand gesteckt, diente sie anschlie\u00dfend als Lagerraum f\u00fcr eine Autowerkstatt. Die Juden aber, die sie zuvor besucht hatten, wurden vernichtet. Einige hatten Gl\u00fcck, konnten fliehen. Heute ist der Ort eine wenig beachtete Gedenkst\u00e4tte.<\/p>\n<p>An der W\u00f6rthspitze flie\u00dft die Nidda in den Main, Zeit f\u00fcr eine Zigarette. Dann am Main zur\u00fcck, leider eine ganze Weile \u00fcber die befahrene Stroofstra\u00dfe, besser w\u00e4re es, auf der s\u00fcdlichen Seite des Mains zu fahren. Immerhin hat das Kiosk am Orange Beach offen, das gekaufte Bier trinke ich im Sommerhoffpark im Gutleut. Gegen\u00fcber winkt das LiLu, das Licht und Luftbad in Niederrad. Wenig sp\u00e4ter dann das Westhafenviertel, zu clean, um sch\u00f6n zu sein. Wer in den H\u00e4usern ganz oben lebt, hat viel Geld und einen sch\u00f6nen Blick.<\/p>\n<p>Das Mainkai in der City ist immer noch f\u00fcr Autos gesperrt, das kann von mir aus so bleiben. Obgleich ich seit ich einen F\u00fchrerschein besitze, stets ein Auto besessen habe (bis auf wenige Ausnahmen), eigentlich gerne Auto fahre und die Dinger zuweilen recht praktisch sind, so ist es bei n\u00e4herer Betrachtung eigentlich unfassbar, wieviel Platz die Kisten einnehmen, wieviel Platz f\u00fcr sie bereit gestellt wird. Fetisch.<\/p>\n<p>Nach knapp 40 Kilometern lande ich wieder im Nordend. Und war gar nicht mal so irrsinnig lange unterwegs<\/p>\n<p>Die letzte Tour f\u00fchrt uns erneut in den Stadtwald, wir sind zu viert, das d\u00fcrfen wir auch. Nach einem kurzen Abstecher zum K\u00f6nigsbr\u00fcnnchen f\u00fchrt uns die Tour Richtung Flughafen, wahrscheinlich sind genau jetzt die Zeiten, um in dieser Gegend unterwegs zu sein. Ansonsten verderben dir die Massen an Flugzeugen den idyllischen Moment gewaltig. Jetzt f\u00e4llt ein einziger Flieger auf. So erreichst du das Naturschutzgebiet am Gehspitzweiher. Sogar in Zeppelinheim ist&#8217;s ruhig. Weiter hinten in Walldorf gab es zu Kriegszeiten ein <a href=\"http:\/\/www.kz-walldorf.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">KZ-Au\u00dfenlager<\/a>. 1700 j\u00fcdische Frauen mussten hier f\u00fcr den Flughafen zwangsarbeiten. Die meisten aus Ungarn. 1700 Schicksale, die nach dem Ende der NS-Herrschaft in Vergessenheit gerieten. Bis Sch\u00fcler auf Spuren des Au\u00dfenlagers stie\u00dfen, sich auf Spurensuche machten. Heute erinnert ein Lehrpfad an die Tage des Grauens, an der Stelle der einstigen Barracken wurde \u00fcber die Mauerreste des Kellers, in dem die Frauen misshandelt wurden, ein Geb\u00e4ude errichtet. Ein Schild k\u00fcndet davon, dass die Glasfassade auf der einige Opfer und deren Geschichte abgebildet sind, mit Steinen beworfen wurde.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig landen wir an einem Gasthof. Der Gundhof. Niemand von uns kannte ihn, aber es ist an der Zeit f\u00fcr eine Rast. Das erste Mal seit unserem letzten Abendessen in Bangkok Ende M\u00e4rz sitze ich wieder in einem Biergarten. Mit Maske. Zuf\u00e4lliger Weise kommen Flo und Tim vorbei, wie wir mit R\u00e4dern unterwegs. Sachen gibt&#8217;s.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter landen wir an der Startbahn West, eingez\u00e4unt wie einst die Zonengrenze. An einigen Punkten zuvor trafen wir Menschen mit riesigen Objektiven. Auf den Autobahnen rauscht der Verkehr, unwirtliche Orte. An einer Spottingstelle verk\u00fcndetet ein Schild des Flughafenbetreibers an die unfassbare \u00d6kologie, die durch den Bau der Start- und Landebahnen geschaffen wurde &#8211; und ich bin froh, den Flughafen hinter mir zu lassen, in Kelsterbach am Main entlang zu radeln. An den Schwanheimer D\u00fcnen vorbei geht&#8217;s nach Alt-Schwanheim und nach dem Spaghettieis weiter am Main zur\u00fcck in die Stadt. Am Ende stehen 60 Kilometer zu Buche, und ich kann euch sagen, ich bin groggy. Aber erlebt haben wir eine Menge. Und das ist auch gut so. St\u00f6rend nur die gro\u00dfe Anzahl von Einwegmasken auf den Wegen.<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bin ich fr\u00fcher viel Rad gefahren. Egal ob Spessart, Odenwald, Glastonbury, Prag, Paris oder Frankfurt. Fahrradfahren war Entschleunigung, das langsame Hineindrehen in eine andere Welt. Drau\u00dfen war woanders, die Wege suchten wir uns selbst. 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