{"id":14200,"date":"2020-04-06T09:55:28","date_gmt":"2020-04-06T07:55:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14200"},"modified":"2020-04-06T10:42:19","modified_gmt":"2020-04-06T08:42:19","slug":"machen-wir-uns-nichts-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14200","title":{"rendered":"Machen wir uns nichts vor &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Fu\u00dfball. Seit ich denken kann, war Fu\u00dfball wichtig. Zum einen, weil ich von meinem neunten Lebensjahr bis in die Zwanziger selbst gekickt habe, zum anderen gab es ja schon immer die Frankfurter Eintracht. Der Verein, von dem ich Fan wurde, als Grabi und Holz 1974 den WM-Titel geholt haben. In den vergangen 20 Jahren habe ich in den unterschiedlichsten Positionen f\u00fcr den Club gearbeitet. Wobei: Club? Nein, die Eintracht ist mein Verein. Der Club spielt in N\u00fcrnberg.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Was ist in den letzten Jahrzehnten nicht alles weggebrochen. Menschen, Dinge, Institutionen, Geb\u00e4ude. Das Rundschauhaus zum Beispiel. Und letztlich auch die Frankfurter Rundschau. Sicher, man kann sie noch kaufen. Aber sie ist keine Frankfurter Institution mehr. Die Abendpost\/Nachtausgabe ist schon ewig Geschichte, das Stammblatt meines Gro\u00dfvaters. Das Sudfass gibt es auch nicht mehr. Nicht, dass ich es privat besucht h\u00e4tte, das nicht &#8211; aber wie oft habe ich beim Thai f\u00fcr die Huren Essen geholt und mit dem Taxi dort abgeliefert. Die Damen holten es sich in Arbeitskleidung bei mir ab. Der Goetheturm, den ich schon als Kind mit meinen lange verstorbenen Gro\u00dfeltern erklommen hatte, wurde abgefackelt, der Monte Scherbelino darf seit Jahrzehnten nicht mehr betreten werden. Meine depressiven Nachunijahre verbrachte ich im Eckstein an der Staufenmauer. Trank einen Schuss im Paulaner im Nordend. A\u00df in Bockenheim im Pielok regelm\u00e4\u00dfig zu Mittag &#8211; zwischen revolution\u00e4ren Studenten und Lateinprofessoren. Sogar die Mauer ist weg. Wobei, in zynischen Momenten denke ich, die gr\u00f6\u00dften Katastrophen des letzten Jahrhunderts waren der Erste und der Zweite Weltkrieg sowie der Mauerfall.<\/p>\n<p>Die Eintracht aber hatte immer Bestand, im stetigen Wandel begriffen, aber sie war da. Und sie ist auch heute noch da. \u00dcber 90.000 Mitglieder z\u00e4hlt der Verein im April 2020, ein Teil davon wird derzeit von der Fanabteilung mit Lebensmitteln versorgt. Und sie wird auch die Krise \u00fcberstehen, da bin ich sicher.<\/p>\n<p>Der Fu\u00dfball im Allgemeinen aber, diese vermeintlich sch\u00f6nste Nebensache der Welt, scheint am Ende der Fahnenstange angekommen zu sein. Sicher, die Kritik an der Art und Weise wie sich der Fu\u00dfball in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat ist nicht neu. Die Hinwendung zum ganz gro\u00dfen Geld, die Eigenm\u00e4chtigkeit der gro\u00dfen Verb\u00e4nde, die Etablierung von Clubs wie Hoffenheim oder Leipzig unter Aushebelung an sich schon fragw\u00fcrdiger Regularien. Die WM 2006 war ein m\u00e4chtiger Sargnagel. Schon im Vorfeld wurden Fans als Spielball genutzt, um Handlungsspielr\u00e4ume von Staat und Polizei zu erproben. Die letztlich von korrupten, sich heute in Stillschweigen h\u00fcllenden, Funktion\u00e4ren gekaufte WM, die dem Patriotismus Vorschub leistete, der sich heute in Form offen rassistischer Individuen und Parteien etabliert hat. Zwischendrin die Ultras, sozial engagiert, Widerstand leistend und gegnerische Fans verpr\u00fcgelnd. Die Ultras entstanden, als der moderne Fu\u00dfball ins Rollen kam. Ihrem Wesen nach untrennbar mit dem Jetzt verbunden. Manchmal wundere ich mich, weshalb junge Menschen ihre Subkultur in einer der gr\u00f6\u00dften und zynischsten Industrien etablierten. Wenn du jung und wild bist, dann suchst dur dir Nischen, entwickelst Neues. Wie in der Musik. Schon immer hat die Jugend die alten Z\u00f6pfe abgeschnitten, sich abgegrenzt, ihre eigene Identit\u00e4t gesucht. Rock&#8217;n&#8217;Roll, die Hippies, Punk, Gothic, Indie, Techno, HipHop, Rap &#8211; es wurden eigene Welten kreiert, die zun\u00e4chst auf die Verb\u00fcrgerlichten verst\u00f6rend wirkten &#8211; bis sich die jeweilige Subkultur angepasst hat oder angepasst wurde. Sp\u00e4ter stellten die meisten dann fest, dass auch die jeweils Altvorderen brauchbares hervor gebracht hatten. So funktioniert Musik nicht nur als Teil der eigenen, sich entwickelten, Identit\u00e4t, sondern gleicherma\u00dfen als \u00fcber allem Stehenden &#8211; im besten Falle unabh\u00e4ngig von Zeit und Raum.<\/p>\n<p>Aber niemand unter 20 kommt, sagen wir mal im April 2020 auf die Idee, die Stones zu entdecken, ihre Konzerte abzufeiern und dennoch in sch\u00f6nster Regelm\u00e4\u00dfigkeit alles daran zu setzen, dass die Stones wieder so werden, wie Ende der 60er, als sie noch etwas zu sagen hatten. Beim Fu\u00dfball aber funktioniert das. Und genau dies ist ein Baustein, der den modernen Fu\u00dfball am Leben h\u00e4lt. Ein nie zu l\u00f6sender Widerspruch. Und dennoch sind die Attacken auf den modernen Fu\u00dfballs immens wichtig, enthalten sie doch einen Kern von Utopie, den Wunsch nach einer besseren (Fu\u00dfball)Welt. Einen Wunsch, den sich die meisten Protagonisten l\u00e4ngst abgeschminkt haben, weil sie sich in der absurden Gegenwart br\u00e4sig einrichteten und auf die Konsequenzen schei\u00dfen. Was sollen sie auch die Korruption, die L\u00fcge gei\u00dfeln, wenn es Pyrotechnik gibt.<\/p>\n<p>Derweil scheren sich die Verb\u00e4nde und Institutionen einen Dreck um Forderungen nach einer besseren Fu\u00dfballwelt. Sie schieben das gro\u00dfe Geld hin und her, hofiert von einer immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Anzahl abh\u00e4ngiger und willf\u00e4hriger Kommentatoren und &#8222;Journalisten&#8220;, deren Existenz untrennbar mit dem Fu\u00dfball verbunden ist. Es waren die Fans und vielfach die Ultras, die sich massiv mit der Historie der Vereine w\u00e4hrend der NS-Zeit auseinander gesetzt haben. Die Herren in Amt und W\u00fcrden taten jahrelang so, als h\u00e4tte es dies alles nicht gegeben, die Ausgrenzung und Ermordung j\u00fcdischer Mitglieder. Und sie schraubten im Laufe der Jahre an Wettbewerben, deren einziger Zweck die Monetarisierung des Spiels war. Ob Europacup oder Championsleague, ob Weltmeisterschaften oder neue Wettbewerbe f\u00fcr Nationalmannschaften, der sportliche N\u00e4hrwert hinkte stets den flie\u00dfenden Talern hinterher. Mit der Konsequenz, dass die korrupte Blase nach leichten Aufschreien St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck unehrenhaft aus den \u00c4mtern entfernt und durch eine noch korruptere, noch verdorbenere Blase ersetzt wurde. Nahezu jeder, der in den vergangenen 20 Jahren in f\u00fchrender Position war, egal ob nationale Verb\u00e4nde, UEFA oder FIFA ist heute Persona non grata, einstige Lichtgestalten verwesen im Schatten. Und neue Lichtgestalten sch\u00fctteln Diktatoren die H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Jetzt hat Corona den Fu\u00dfball im Griff. Und statt in sich zu gehen, werden Strategien ausget\u00fcffelt, wie man die gro\u00dfe Maschine am Leben erhalten kann. W\u00e4hrend die Fans in ihren Wohnungen sitzen, gl\u00fccklich, wer einen Balkon hat, w\u00e4hrend Menschen offensichtlich v\u00f6llig zu Recht nur alleine oder zu zweit nach drau\u00dfen d\u00fcrfen, haben die ersten Vereine den Trainingsbetrieb wieder aufgenommen. Niemand wei\u00df, wie sich die gesellschaftliche Situation ver\u00e4ndert. Aber die oberste Fu\u00dfballpr\u00e4misse lautet: Der Rubel muss rollen. Spieler bekommen Woche f\u00fcr Woche Millionengeh\u00e4lter \u00fcberwiesen &#8211; die Mitarbeiter aber m\u00fcssen kurzrarbeiten f\u00fcr kleines Geld, welches sich ein Club wie Liverpool unter Ausreizung aller M\u00f6glichkeiten sogar vom Staat bezahlen l\u00e4sst. Daf\u00fcr kaufen wir dann gerne Trikots f\u00fcr 100 Pfund. In Katar wird weiter gebaut, als w\u00e4re nichts gewesen. Und im ZDF \u00fcberbieten sich sogenannte Journalisten an unkritischer Unterw\u00fcrfigkeit an die M\u00e4chtigen des Fu\u00dfballs, lassen sich von Milliard\u00e4ren B\u00e4ren auf die Nase binden, in der Hoffnung auf einen n\u00e4chsten Job in deren Welt. Sendezeit f\u00fcr die scheinheilige und selbstverliebte Propaganda eines Dietmar Hopp, finanziert von der Geb\u00fchren der B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Machen wir uns nichts vor, ein paar Vereine werden vor die Hunde gehen &#8211; und sollte die Krise \u00fcberstanden sein, werden einige Krokodilstr\u00e4nen vergossen, wird weiterhin am Rad gedreht, als g\u00e4be es kein Gestern. Statt Geh\u00e4lter f\u00fcr Fu\u00dfballer zu deckeln, Beraterhonorare einzufrieren, den ganzen Zinnober wenigstens halbwegs mit der Lebensrealit\u00e4t der meisten Fans zu verzahnen &#8211; und finanziell anzugleichen, wird es so weitergehen wie bisher. Goldummantelte Steaks und einfliegende Friseure inbegriffen. Stand jetzt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fu\u00dfball. Seit ich denken kann, war Fu\u00dfball wichtig. Zum einen, weil ich von meinem neunten Lebensjahr bis in die Zwanziger selbst gekickt habe, zum anderen gab es ja schon immer die Frankfurter Eintracht. Der Verein, von dem ich Fan wurde, als Grabi und Holz 1974 den WM-Titel geholt haben. 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