{"id":14094,"date":"2020-03-04T10:45:36","date_gmt":"2020-03-04T09:45:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14094"},"modified":"2020-03-04T15:24:13","modified_gmt":"2020-03-04T14:24:13","slug":"die-causa-hopp-reclaimthegame","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=14094","title":{"rendered":"Die Causa Hopp. #reclaimthegame"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff &#8222;Hurensohn&#8220; geh\u00f6rt nicht zu meinem Vokabular, zum einen, weil ich es nicht als unehrenhaft empfinde, eine Hure zu sein und zum anderen weil der Sohn nicht in Sippenhaft genommen werden sollte, egal, was die Eltern machen. Allerdings hat sich dieser Begriff als Beschimpfung in den vergangenen Jahren eingeb\u00fcrgert, auch im Fu\u00dfball. Meist wird er achselzuckend hingenommen &#8211; nicht jedoch im Falle Dietmar Hopps.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dietmar Hopp ist sicher nicht der Sohn einer Hure, er ist Sohn eines SA-Mannes, wof\u00fcr er nichts kann &#8211; ein Geschm\u00e4ckle bekommt dies jedoch, wenn er den Angriff auf die j\u00fcdische Synagoge in Hoffenheim 1938 und deren Zerst\u00f6rung, die der Vater ma\u00dfgeblich angef\u00fchrt hatte, noch Jahrzehnte sp\u00e4ter zu<a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/kultur\/die-legende-vom-unschuldigen-nazi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> relativieren versucht<\/a>. Aber Dietmar Hopp ist kein Nazi, er ist Mitbegr\u00fcnder von SAP, einer Firma, die heute die meisten Fu\u00dfballvereine mit Software versorgt und er h\u00e4lt 96% der Anteile der TSG Hoffenheim &#8211; trotz bestehender 50+1 Regelung. M\u00f6glich ist dies durch eine Regel\u00e4nderung, welche besagt, dass F\u00f6rderer, die \u00fcber 20 Jahre lang f\u00fcr einen Verein ma\u00dfgeblich aktiv waren, nicht mehr unter diese Regelung fallen. Derzeit fallen in der Bundesliga vier &#8222;Vereine&#8220; unter diese Regelung, Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, Leipzig und eben die TSG Hoffenheim. Interessant dabei ist, dass sich bei Borussia Dortmund die Mehrheit des Kapitals im Eigentum privater Investoren befindet &#8211; und der BVB dennoch die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung inne hat.<\/p>\n<p>Das ist wichtig f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des modernen Fu\u00dfballs. Die 50+1 Regelung soll verhindern, dass Investoren Vereine zu ihren Gunsten umstrukturieren, und aus dem Wesen des Vereins eine Investitionsobjekt wird, dessen Ziel letztlich Rendite ist, derweil der Fu\u00dfball zum Mittel zum Zweck verkommt. W\u00e4hrend vor allem Bayer, weniger Wolfsburg, geduldet wurden, so hat der Aufstieg der TSG Hoffenheim, finanziert aus privaten Mitteln von Dietmar Hopp von Beginn an f\u00fcr Unmut gesorgt, zumal er den Einstieg in den Fu\u00dfball schon bei anderen Projekten in Heidelberg oder Mannheim versuchte, dort aber scheiterte und sich dann f\u00fcr seinen Heimatverein entschied. Die r\u00fchrselige Nummer, <em>reicher Onkel erinnert sich an seine Jugendtage und gibt nun zur\u00fcck<\/em> ist in Wirklichkeit mehreren Faktoren geschuldet, die weitaus weniger romantisch sind, als sie gerne kolportiert werden. Dass sp\u00e4ter mit RB Leipzig ein weiteres Konstrukt mit Fremdkapital in die Liga gehievt wurde &#8211; und die Grenzen noch weiter ausdehnte, w\u00e4re ohne den Fall Hoffenheim nicht denkbar gewesen. In der Folge nehmen diese Clubs anderen die Pl\u00e4tze weg, die mit anderen Rahmenbedingungen klar kommen m\u00fcssen &#8211; und zum Teil kl\u00e4glich scheiterten wie der 1.FC Kaiserslautern, weit unter ihren M\u00f6glichkeiten performten wie der HSV oder schlicht nicht dazu in der Lage sind, wie der VfL Bochum.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch entz\u00fcndete sich der Protest am Gebaren Hoffenheims, im Fokus stand Dietmar Hopp als Initiator des Ganzen. &#8222;Dietmar Hopp, du Sohn einer Hure&#8220; erschallte es wenig pointiert von den Kurven der Gegner, das ist nicht sch\u00f6n, jedoch war Dietmar Hopp nicht der erste und nicht der letzte, der derart beschimpft wurde. Auff\u00e4llig wurden die Anh\u00e4nger des BVB, die zudem noch ein Banner mit Hopps Gesicht im Fadenkreuz hoch hielten. W\u00e4hrend die einen ob der vermeintlichen Geschmacklosigkeit in Grund und Boden ersch\u00fcttert waren, zuckten die anderen mit der Achsel: Symbolbild und normale H\u00e4rte.<\/p>\n<p>Hoffenheim reagierte mit Strafanzeigen, Schalleinrichtungen und Abh\u00f6ranlagen um dem Treiben ein Ende zu setzen &#8211; ein Novum in der Geschichte des Fu\u00dfballs, die Fans aber nahmen dies zum Anlass, weiterhin zu provozieren. So schaukelte man sich gegenseitig hoch, w\u00e4hrend Leipzig seines Weges ging und Hoffenheim vorerst eine Randnozitz wurde. Unterdessen \u00fcbernahm der Sohn des damaligen DFB-Pr\u00e4sidenten Zwanziger die Frauenmannschaft der TSG, wurde Hoffenheim Spielort der Frauen WM und bereitete sich die Nationalmannschaft im Hoppschen Hotel auf die EM 2012 vor, Die Verbindungen zwischen Dietmar Hopp und dem DFB gediehen pr\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Vergangenen Spieltag aber eskalierte das Geschehen &#8211; auf mehreren Ebenen. Der DFB hatte die zuvor &#8222;vorerst&#8220; abgeschafften Kollektivstrafen wieder eingef\u00fchrt, die Fans der Dortmunder sollten in den kommenden Jahren nicht ihren Club nach Hoffenheim begleiten d\u00fcrfen. Eine Steilvorlage f\u00fcr kommende Proteste, die &#8211; man ahnt es &#8211; nicht weniger w\u00fctend und unromantisch ans Licht der Fu\u00dfballwelt dringen w\u00fcrden &#8211; und so kam es dann auch. Und von nun an lief alles aus dem Ruder.<\/p>\n<p>In Hoffenheim, Meppen, Gladbach, Berlin oder Hannover standen Spiele kurz vor dem Spielabbruch, ein Dreistufenplan wurde umgesetzt, der eigentlich der Bek\u00e4mpfung von Rassismus dienen sollte, Sportreporter h\u00fcllten sich in verbalen Trauerflor &#8211; wegen handels\u00fcblicher Beschimpfungen, die nunmehr eindeutig als provokante Solidarisierung mit dem ausgesperrten BVB-Anhang zu interpretieren war. Von Morddrohungen war die Rede, vom \u00fcberlaufendem Fass, von Irren und Kranken. Oliver Mintzlaff, (Sportvorstand Leipzig) sprach vor laufender Kamera unwidersprochen von Idioten (ein Begriff, nicht minder strafrelevant wie Hurensohn) und die sprechende Klatschpappe Mario Basler wollte Frauen zwischen die Beine greifen, um Pyrotechnik zu verhindern. Der neue DFB-Pr\u00e4sident Fritz Keller irrlichterte hofiert von Kathrin M\u00fcller-Hohenstein im Sportstudio im Nirgendwo herum und Anwalt Christoph Schickhardt forderte bundesweite Stadionverbote und Hausdurchsuchungen. Ein bizarres Drama spielte sich ab &#8211; die Stimmung in Teilen der herrschenden Fu\u00dfballwelt schien eher auf ein Attentat zu verweisen, von Erinnerungen an dunkelste Stunden war die Rede, von Diskriminierung und \u00fcberschattenden Spieltagen. Wegen Bannern und Sprechch\u00f6ren. Gegen einen wehrhaften Milliard\u00e4r mit besten Beziehungen.<\/p>\n<p>Eine Reaktion, die man sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte, als Spieler rassistisch beschimpft wurden, als Weltmeisterschaften in Unrechtsstaaten vergeben wurden, als s\u00e4mtliche Pr\u00e4sidenten der gro\u00dfen Verb\u00e4nde unehrenhaft entlassen wurden, als Clemens T\u00f6nnies sich rassistisch \u00e4u\u00dferte. Da schwieg die Blase lautstark. Erst ein paar Banner und Sprechch\u00f6re gegen einen wei\u00dfen Milliard\u00e4r weckten sportliche F\u00fchrung und Abh\u00e4ngigkeitsjournalisten auf. Zun\u00e4chst fragte niemand nach den Hintergr\u00fcnden, Rummenigge (der Mann mit den Uhren) und Dietmar Hopp standen bedr\u00f6ppelt, beinahe Hand in Hand auf dem Rasen &#8211; und im Fokus standen sofort die Ultras, in M\u00fcnchen die Schickeria, ohne die Rummenigge bis heute nicht w\u00fcsste, wer Kurt Landauer war. V\u00f6llig \u00fcbersehen wurde dabei, dass es eben nicht nur die Ultras waren, die sich gegen die Abkehr der 50+1 Regelung, gegen Kollektivstrafen und gegen die Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der Reaktion stellen, sondern vielmehr gro\u00dfe Teile der aktiven Fanszene und unabh\u00e4ngigen Sportjournalisten.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis taute erst langsam auf, nach den ersten Krokodilstr\u00e4nen besannen sich einige Journalisten ihrer Aufgabe und stellten die Vorkommnisse in einen Zusammenhang, der nachfragte und die Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit relativierte. Im Nachgang zu den ersten Pokalspielen wurde sp\u00e4t am Abend in einer Gespr\u00e4chsrunde mit Friedhelm Funkel, Michael Gabriel (KOS), Holger Keye (Union) und Dr. Peter G\u00f6rlich (TSG) die Situation analysiert, wobei Moderatorin Jessy Wellmer nicht ins gleiche Horn wie ihre KollegInnen stie\u00df, sondern sich dem Sachverhalt mit Sachverstand n\u00e4herte. Dabei stellte sich heraus, dass auch ein Friedhelm Funkel au\u00dfer Banalit\u00e4ten nichts Wesentliches beizutragen hatte, w\u00e4hrend die Vertreter der Fans resp. Fanprojekte einiges an Hintergr\u00fcnden zu erz\u00e4hlen hatten, die auch den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Hoffenheim nachdenklich werden lie\u00dfen. Skurril ein Einspieler \u00fcber Clemens T\u00f6nnies, der beinahe sagte, man m\u00fcsse Rassisten rauswerfen, dann aber doch kurz innehielt, weil er ahnte, dass bei erfolgreicher Umsetzung er eigentlich der erste w\u00e4re, der h\u00e4tte gehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der DFB w\u00e4re klug beraten, den Dialog mit den Fans zu suchen und die Kollektivstrafen auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte zu werfen, Dietmar Hopp w\u00e4re klug beraten, die Beschimpfungen \u00e4hnlich wie Timo Werner oder im Frankfurter Fall Jermaine Jones (Der beim gr\u00f6\u00dften Pfeifkonzert in der Geschichte des Fu\u00dfballs schlicht erkl\u00e4rte, er habe nichts geh\u00f6rt) an sich abprallen zu lassen oder gar selbst den Dialog zu suchen &#8211; und nicht weiter mit Kanonen auf Spatzen zu schie\u00dfen, weil er wissen m\u00fcsste, dass es ein verheerendes Echo geben wird. Derweil w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, dass die wirklich entscheidenden gesellschaftlichen Themen, vom Rechtsradikalismus \u00fcber Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Homophobie, die auch im Fu\u00dfball ihr Abbild finden, mit \u00e4hnlicher Wucht angegangen werden, wie die Vorg\u00e4nge rund um die Causa Hopp. Diese Vorg\u00e4nge zeigen aber auch, wie steinig der Weg ist, zeigen ein gesellschaftliches &#8222;Wir&#8220;, welches eigentlich eine wei\u00dfe Mehrheitsgesellschaft meint, die sich ihre Pfr\u00fcnde gegenseitig sichert, w\u00e4hrend der Rest, ob schwarz oder\/und arm zusehen kann wo er bleibt und augenscheinlich vergeblich auf Solidarit\u00e4t hofft. Und die Frage: Wem geh\u00f6rt der Fu\u00dfball? ist auch noch zu kl\u00e4ren. Denn er geh\u00f6rt sicher nicht den Inszenatoren einer aseptischen Unterhaltungsveranstaltung zum Zwecke der Geldvermehrung oder dem F\u00fcttern des eigenen Egos. #Reclaim the game<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff &#8222;Hurensohn&#8220; geh\u00f6rt nicht zu meinem Vokabular, zum einen, weil ich es nicht als unehrenhaft empfinde, eine Hure zu sein und zum anderen weil der Sohn nicht in Sippenhaft genommen werden sollte, egal, was die Eltern machen. Allerdings hat sich dieser Begriff als Beschimpfung in den vergangenen Jahren eingeb\u00fcrgert, auch im Fu\u00dfball. 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