{"id":13505,"date":"2019-03-16T14:50:28","date_gmt":"2019-03-16T13:50:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13505"},"modified":"2019-03-16T14:50:28","modified_gmt":"2019-03-16T13:50:28","slug":"mailand-san-siro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13505","title":{"rendered":"Mailand. San Siro."},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Abenteuer in der Ukraine stand nun die Ausw\u00e4rtspartie der Eintracht im Achtelfinale der Europaleague bei Inter Mailand an. Dieser Satz, so schlicht und wahr er auch ist, h\u00e4tte noch vor wenigen Jahren oder besser Monaten f\u00fcr Gel\u00e4chter gesorgt. Im M\u00e4rz 2019 aber ist f\u00fcr Eintracht Frankfurt alles m\u00f6glich. Und f\u00fcr uns hie\u00df es wieder: Support your local Team. Also kommt mit &#8230;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Und diesmal waren alle dabei, die Pia, der rote Dacia und der Beve, Montag morgens ging es los, der Dacia war voll getankt, ein paar Klamotten waren mit am Start und in der Tasche steckte die Buchung f\u00fcr ein kleines Appartement in Laufweite zum Giuseppe-Meazza-Stadion. Ein paar sorgenvolle Gedanken kreisten \u00fcber der Tatsache, dass wir den Dacia vor Ort wohl auf der Stra\u00dfe werden parken m\u00fcssen, aber irgendwas ist ja immer und so rollen wir los, reihen uns stadtausw\u00e4rts in die Miquelallee in den Stau ein und m\u00e4andern der Autobahn entgegen. F\u00fcr musikalische Untermalung sollten w\u00e4hrend der Reise neben anderen The Beauty of Gemina, She wants revenge oder Klaus Schulze mit Lisa Gerrard sorgen. Und die Schweizer Verkehrsnachrichten, doch&nbsp; dazu sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war Mailand ja gar nicht so ein Traumlos, also die Stadt. Bislang hatte ich immer einen Bogen um die Metropole im Norden Italiens gemacht, war in Rom oder Venedig, in Florenz oder Genua, Sizilien oder Neapel. Mailand klang f\u00fcr mich immer so ein bisschen nach M\u00fcnchen. Aber fu\u00dfballtechnisch war das Los bei Inter nat\u00fcrlich ein Knaller. Durch Deutschland kommen wir zun\u00e4chst flott, also was bei einem Dacia mit 75 PS so flott hei\u00dft. Bis Lahr spielt auch das Wetter mit, ab dann wird es ungem\u00fctlich, regnerisch verschneit, grau und wolkenbehangen der Himmel, die Scheibenwischer fluppen \u00fcber die Scheibe, bis wir kurz vor der Grenze noch einmal tanken und uns die Vignette besorgen. An der Grenze bei Basel werden wir locker durch gewunken &#8211; das schlechte Wetter h\u00e4lt sich.<\/p>\n<p>Durch die Schweiz f\u00e4hrt man ja immer wie durch ein Museum, guckt sich das Panorama an und freut sich die ganze Zeit darauf, irgendwann in Italien zu sein, wo die Sonne scheint und die Zitronen bl\u00fchen. Doch vorher gl\u00e4nzen die gro\u00dfen Seen vor den Berggipfeln, wir passieren Luzern und n\u00e4hern uns dem Gotthard Tunnel &#8211; bis wir aus dem Nichts auf der Autobahn A2 stehen. Nichts geht mehr &#8211; und niemand wei\u00df, weshalb. Drau\u00dfen ist es ungem\u00fctlich, kalt und verschneit und wir warten. Und jetzt kommt auch der Verkehrsfunk ins Spiel, die mobilen Daten sind ja au\u00dferhalb der EU kostenpflichtig. Und so erfahren wir durch Schweizer Akzent, dass die A2 wegen Schneemassen voll gesperrt ist, R\u00e4umfahrzeuge seien unterwegs, einen zeitlichen Rahmen erfahren wir nicht. Machen wir es kurz, geschlagene 75 Minuten lang stehen wir still und hofften bis dahin jeden Moment, dass es weiter geht. Und dann rollen wir wieder langsam an, der sch\u00f6ne Zeitplan ist im Arsch, aber gro\u00dfe Termine haben wir nicht, also Musik an und weiter. Praktisch ist, wenn du dich an einen Flixbus h\u00e4ngst, freies WiFi geht dann klar.<\/p>\n<p>Die Fahrbahn ist jetzt in der Tat t\u00fcckisch, Eis- und Schneereste machen die Sache nicht einfacher, immerhin: Im 17 Kilometer langen Gotthard Tunnel ist es trocken, stoisch halten wir uns an die Geschwindigkeitsbegrenzungen und irgendwann ist tats\u00e4chlich Land in Sicht, mit jedem Meter wird es sonniger, die Abfahrt die Berge hinunter \u00fcber Bellinzona ist jedesmal der gef\u00fchlte Beginn des Urlaubs, die Stra\u00dfen- und Reklameschilder weisen nun auf Italienisch auf die kommende Grenze hin, die wir auch locker passieren. Keine Stunde noch und wir rollen in Mailand ein, finden auch unsere Stra\u00dfe, das Viertel liegt am Rande des Zentrums, die H\u00e4user wirken etwas heruntergekommen &#8211; aber nachdem Gerry, unser Gastgeber, uns die Schl\u00fcssel f\u00fcr unser Zimmer gegeben hat und wir mit dem Aufzug in die sechste Etage des Wohnhauses fahren, die T\u00fcr aufschlie\u00dfen und vom kleinen Balkon aus das Giuseppe-Meazza-Stadion vor dem Bergpanorama erblicken, sind wir v\u00f6llig zufrieden, zumal unsere Unterkunft h\u00fcbsch und sauber ist. Buona Sera Milano. Oder: Hurra, hurra, die Frankfurter sind da. Der Dacia parkt derweil am Stra\u00dfenrand, Gerry meinte zwar, dies sei kein Problem &#8211; aber so ganz wohl ist mir bei dem Gedanken nicht, zumal Schilder etwas von &#8222;Abschleppen&#8220; fl\u00fcstern. Aber was soll&#8217;s, wir lassen ihn erst einmal dort stehen. Und machen uns auf in die anbrechende Dunkelheit und in die Stadt. Wirklich warm ist es nicht, und es pfeift auch ein ordentlicher Wind, aber es f\u00e4llt auch kein Schnee.<\/p>\n<p>Auf den breiten Alleen sausen die Autos umeinand, aber sie fahren anders als in Rom eher gesittet, als Fu\u00dfg\u00e4nger stehen die \u00dcberlebenschancen gut. Magnolien bl\u00fchen, wir passieren die Metro Stationen de Angeli und Wagner, spazieren an der m\u00e4chtigen Santa Maria delle Grazie Kirche vorbei, die das Abendmahl von <span class=\"st\">Leonardo da Vinci<\/span> beherbergt und schlendern langsam runter bis zum gigantischen Dom, der auch in der Nacht durchaus imposant wirkt. Nebenan warten die L\u00e4den der pomp\u00f6sen Einkaufsgallerie Vittorio Emanuele II mit ihren Glasd\u00e4chern und verzierten B\u00f6den auf Kundschaft, ob Motta oder Prada, Armani oder Versace, Gucci und Louis Vuitton, sie sind alle hier vertreten &#8211; und sie repr\u00e4sentieren alle nicht unsere Welt.<\/p>\n<p>Mailand also. H\u00e4userreihen, Autos, Gesch\u00e4fte, Kirchen. So in etwa hatte ich mir das vorgestellt. Wir nehmen die Metro, fahren zur\u00fcck in unsere Richtung und suchen dann per pedes eine kleine Pizzeria, ein Unterfangen, das zun\u00e4chst nicht so ganz gelingen will, aber wir sind auch m\u00fcde und nicht mehr wirklich frisch &#8211; und landen dann nat\u00fcrlich doch noch irgendwo, wo es sich aushalten l\u00e4sst, der Liter Hauswein f\u00fcr sieben Euro, die Pizza knackig. Und so endet unser erster Abend in Milano &#8211; mit Blick auf das beleuchtete Stadion und einer Zigarette auf dem Balkon.<\/p>\n<p>Und das Stadion steht auch noch am n\u00e4chsten Morgen, bedeckt von einem klarblauen Himmel und schon sind wir wieder auf der Stra\u00dfe und erkunden die Stadt, wandern an den neuen Hochh\u00e4usern an der alten Messe vorbei durch einen kleinen Park, bis wir unsere erste Station erreichen, den gro\u00dfen Simplon Park. Hier befindet sich das alte Stadion, das aber leider nicht offen hat, hier trinken wir an einer kleinen Bude einen fabelhaften Cappuccino, hier warten Karussells und bunte Buden auf Besucher. Ein paar Meter weiter hinten entdecken wir in einem kleinen Teich jede Menge Schildkr\u00f6ten, die ihre H\u00e4lse wie wir in die Sonne recken. Durch die angrenzende Festung Castello Sforzesco spazieren Jugendgruppen, wie in allen Zeiten Jugendgruppen durch Sehensw\u00fcrdigkeiten spazieren, mit kaputten Hosen und dem Blick nur auf das n\u00e4chste M\u00e4del oder den n\u00e4chsten Kerl gerichtet. Schnatternd, und gickelnd ziehen sie weiter &#8211; in ihr Leben und werden irgendwann Jugendgruppen durch Sehensw\u00fcrdigkeiten spazieren sehen und sich denken: Gott, so war ich auch mal.<\/p>\n<p>Wir aber wandern durch Chinatown hin zum monumentalem Friedhof, unterwegs gibt es ein Panini in der Sonne, Stra\u00dfenbahnen rumpeln vorbei, gesch\u00e4ftig ist hier vieles &#8211; aber Mailand umschlingt dich nicht, du verliebst dich nicht in diese Stadt wie vielleicht in Porto oder London. Mailand ist stolz und selbstverst\u00e4ndlich &#8211; und wer Geld hat, kann hier sicher gut leben. Die andere Seite verweist auf die vielen Bettler, meist Schwarze, die recht h\u00e4ufig den Kontakt suchen &#8211; und sicherlich ebenso h\u00e4ufig ignoriert werden. Sie werden sicher nicht auf dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cimitero_Monumentale_(Mailand)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span class=\"st\">Cimitero Monumentale<\/span><\/a> ihre letzte Ruhe finden, auf diesem Friedhof f\u00fcr die Ber\u00fchmten, Reichen und M\u00e4chtigen. In den Galeriearmen am Eingang findest du hier die letzten Ruhest\u00e4tten von Giuseppe Meazza oder von Dario Fo, auf dem Friedhof selbst reihen sich monumentale Grabst\u00e4tten dicht an dicht, Inschriften zeugen von vergangenem Leben, Kinder sind hier genauso beerdigt, wie ganze Familien, es ist bei aller Stille hier zuweilen ein lautes Gedenken. Wir sitzen sp\u00e4ter drau\u00dfen am Eingang auf einer Treppe in der Sonne und mit uns eine ganze Menge Eidechsen, die mit zunehmender Dauer immer n\u00e4her kommen. Getrennt in den Farben, vereint in der Sache.<\/p>\n<p>\u00dcber Brera, einem gediegenem K\u00fcnstlerviertel mit gediegenen Restaurants und den Kellnern, die dich auf der Stra\u00dfe ansprechen und von uns \u00fcberall in der Welt ignoriert werden schlendern wir nun im Sonnenschein zum Dom. Unterwegs h\u00e4tten wir uns von Maria die Zukunft vorhersagen lassen k\u00f6nnen, wir aber waren auch so \u00fcberzeugt, dass die Eintracht den Einzug in die n\u00e4chste Runde schafft. Am Dom selbst treffen wir auf die ersten Eintrachtler, ZoLo ist hier und Daniel und Pascal, die die Gelegenheit nutzen, noch vor der Arbeit der n\u00e4chsten Tage die Stadt zu erkunden. Hinter der Einkaufspassage, die wir noch einmal durchwandern, wartet die weltber\u00fchmte Scala auf den Abend &#8211; doch die Scala musst du erst finden, der Bau ist derma\u00dfen unscheinbar, dass man es kaum glauben kann. Erst die Plakate machen deutlich, wo du hier bist. Aber bei einer Oper ist es ja auch nicht von Bedeutung, wie das Geb\u00e4ude aussieht, sondern wie sie innen klingt. #ElPhi.<\/p>\n<p>Unsere letzte Station f\u00fcr heute ist die Porta Venezia und die angrenzende Einkaufsstra\u00dfe Corso Buenos Aires, hier wirkt alles normaler, lebendiger &#8211; wie auch im angrenzenden Viertel. Die Gesch\u00e4fte sind wohlbekannt, H&amp;M, Timberland, Zara &#8211; hier ist es auch f\u00fcr den kleineren Geldbeutel erschwinglich &#8211; wir wandern in den anbrechenden Abend nach oben, bestaunen die Menschen, die wie es sich f\u00fcr Italiener geh\u00f6rt, meist wohl gekleidet sind. Die Damen tragen dreiviertel Hosen, gerne mit leichtem Schlag, dazu Chelsea Boots, Docs oder Stan Smith, die Herren fallen durch vern\u00fcnftiges Schuhwerk, Leder, auf &#8211; und durch Kleidungsst\u00fccke, die woanders wohl gegeckenhaft wirken, hier aber glaubw\u00fcrdig Stil verk\u00f6rpern. Das k\u00f6nnen sie hier, gut aussehen. Und gut kochen. Damit ist ja schon viel gewonnen.<\/p>\n<p>Die Metro bringt uns zur\u00fcck in unser Viertel, elf Stationen fahren wir &#8211; Gambara hei\u00dft die Haltestelle und nach einem kurzem Zwischenstopp im Appartement geht&#8217;s raus f\u00fcr eine Pizza. Gegen\u00fcber, im Supermarkt, wandern noch drei Peroni in unsere Taschen und als wir nach Hause kommen, leuchtet die Anzeigetafel im Stadion auf, wir erkennen das Wappen der Eintracht mit blo\u00dfem Auge. Von unserem Balkon. In Mailand.<\/p>\n<p>Frisch geduscht brechen wir am folgenden Morgen auf, nun ist das Ziel das Navigli-Viertel an den Kan\u00e4len. Doch zuvor parken wir noch das Auto um, der Platz an der Stra\u00dfe war uns nicht ganz geheuer &#8211; zumal am Vorabend zwei Jungs bemerkten, dass der Dacia aus Frankfurt ist. Das muss nichts bedeuten, aber sicher ist sicher.<\/p>\n<p>Eine Zwei-Tageskarte kostet 8,25 Euro &#8211; das ist fair und schon landen wir an der Station Porta Genova. Da Mailand nicht wirklich an einem Fluss liegt, m\u00fcssen die Kan\u00e4le f\u00fcr mediterranes Flair herhalten &#8211; und och jo, hier ist es Urlaub. Wir spazieren am Kanal entlang, fr\u00fchst\u00fccken in einem kleinen Caf\u00e9, lassen uns die Sonne auf die Nase scheinen und freuen uns des Daseins. Die Wassermassen am Kanal sind allerdings \u00fcberschaubar. Mailand ist nicht Venedig, das ist eindeutig. Und der junge Kellner etwas verschlurcht. Aber die Croissants sind himmlisch.<\/p>\n<p>Und dann kam, was kommen musste. Ich bleibe an einem Schuhladen h\u00e4ngen. Und komme ein paar Minuten sp\u00e4ter mit einer T\u00fcte wieder heraus. In der T\u00fcte lungern meine wei\u00dfen Adidas Samba, an den F\u00fc\u00dfen trage ich italienisches Schuhwerk. Pia ist dezent neidisch. Weiter unten beginnt die Corso di Porta Ticinese, eine bummelige Einkausfstra\u00dfe mit L\u00e4den und Restaurants, Grafittis und Vintagestores &#8211; und wer will, kann sogar im Green Tunnel ein T\u00fctchen Gras kaufen, hoch legal, selbstverst\u00e4ndlich. Nach einem kleinen Bummel, kommt dann auch Pia zu ihrem Recht. Vintagestores sind nat\u00fcrlich mit magischen Kr\u00e4ften versehen, leerer Hand gehst du hinein und schwer bepackt wieder heraus. Die Waage ist ausgeglichen, jede(r) von uns ist nun bepackt. Und dann ruft es pl\u00f6tzlich: Acht mal die acht. Ich drehe mich um &#8211; und erkenne Andreas lachend in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 sitzen. Das ist ja ein Ding. Wir haben uns in einer Bar in Charkiw kennen gelernt &#8211; und treffen uns jetzt wieder. In Mailand. Acht mal die acht war \u00fcbrigens das WiFi Passwort in der Charkiwer Bar. Und so trinken wir ein Kaltgetr\u00e4nk in der Sonne, bis sich Pia und ich auf den Weg zur historischen Stra\u00dfenbahn machen. Und die 10 bringt uns dann auch Richtung Hauptbahnhof, unterwegs rumpeln wir an etlichen der Gegenden vorbei, die wir gestern noch per pedes erkundet haben &#8211; jetzt wissen wir Bescheid.<\/p>\n<p>Wir werfen einen Blick in den monumentalen Bahnhof und nehmen die Metro Richtung Gambara, unserer neuen Heimat. Die Tageskarten funktionieren tadellos, wie alte Hasen sausen wir durch die Eing\u00e4nge, werfen zuhause einen kurzen Blick auf das Stadion und fahren zur\u00fcck in die Corso di Porta Ticinese. Erneut ist es dunkel geworden, und nach einem gepflegtem Abendmahl wandern wir zur\u00fcck an den Kanal. Der Laden, in dem wir das Spiel der Bayern gegen Liverpool sehen wollten ist schon eine Stunde vorher brechend voll. Ana, Julian und Sebastian sitzen mit Freunden drau\u00dfen in der K\u00e4lte &#8211; das ist aber nichts f\u00fcr uns. Wir beschlie\u00dfen, eine andere Bar zu finden &#8211; und landen nach gef\u00fchlten 100 Metern einen Volltreffer. Der Laden ist cool, und es gibt jede Menge Platz, wir sind n\u00e4mlich au\u00dfer dem Wirt zun\u00e4chst die einzigen. Kurzerhand der Museumsgang Bescheid gesagt, die alsbald auch eintrudelt und bei Bier und Chips sehen wir, wie Liverpool die Bayern zerlegt. Mittlerweile ist die Bar auch ordentlich gef\u00fcllt, ein paar andere Frankfurter sind auch hier &#8211; und bei jedem Treffer der Liverpooler ist der Jubel gro\u00df. Am Ende ist klar: Eintracht Frankfurt ist die letzte deutsche Mannschaft in einem europ\u00e4ischen Wettbewerb. Oder mit anderen Worten: Weltweit beste Mannschaft. Und das bringt uns zum:<\/p>\n<p><strong>Matchday<\/strong><\/p>\n<p>Doch bevor das Spiel ansteht, nutzen wir den Tag f\u00fcr ein weiteres Fr\u00fchst\u00fcck im Luca e Andrea am Kanal. Die Sonne lacht in den Tag und besonders sch\u00f6n ist ein kleines Holzk\u00e4stchen in dem Zuckert\u00fctchen aufbewahrt werden. Es ist ein einfaches schlichtes Holzk\u00e4stchen, vielleicht 15*3 Zentimeter. ich liebe ja solche Dinge, wer wei\u00df, wie lange dieses K\u00e4stchen hier schon stand, wer es alles in der Hand gehabt hatte. Und ich sammle solche Dinge. Die benutzte Kupferkaraffe aus der Hafenkneipe in Pir\u00e4us, die Teekanne aus Koh Payam, das Glas aus Bilbao, den Weinkrug aus Venedig. Und so frage ich den Kellner, ob ich das K\u00e4stchen kaufen k\u00f6nne. Er schaut etwas irritiert, fragt nach und erkl\u00e4rt, dass der Wirt dieses Teilchen selbst gemacht hat. Aber kaufen ginge nicht. Kurz darauf kommt er wieder, nimmt die Zuckert\u00fctchen in die Hand und schenkt mir das Kistchen. Oh, was bin ich gl\u00fccklich. Ein gutes Trinkgeld sp\u00e4ter, sind wir wieder auf dem Weg. Erneut auf dem Corso Buenos Aires besorgt sich Pia noch die Dufth\u00f6lzchen, die unser Zimmer so angenehm duften lassen (Millefiori) &#8211; und bei der Gelegenheit wandern auch noch zwei Hosen in ihre Taschen. Dann geht&#8217;s runter zum Dom, der schon ordentlich von Frankfurtern bev\u00f6lkert ist. Dort treffen wir Steffen, der unsere Karten dankenswerter Weise mitgebracht hat. Matze ist hier, Ingo auch. Da kommen Chris oder Schusch und Miri, \u00fcberall ein gro\u00dfes Hallo &#8211; und die Familie Minden darf nat\u00fcrlich nicht fehlen.<\/p>\n<p>Da uns aber das Gewimmel zu wimmelig wird, brechen wir mit Steffen auf und landen wieder bei der Pizzeria in der N\u00e4he von unserem Hotel. Den Rest des Nachmittags aber verbringen wir auf unserem Balkon mit einem Peroni in der Hand und beobachten den Hubschrauber, der schon seit Stunden das Stadion umkreist. Unterdessen hat sich auch der Fanmarsch in Bewegung gesetzt &#8211; wir aber packen unser Stadionb\u00fcndel f\u00fcr unseren eigenen kleinen Marsch. Zu dritt spazieren wir los, schieben noch ein Taxi, das den Geist aufgegeben hat an den Stra\u00dfenrand und n\u00e4hern uns dem Giuseppe-Meazza-Stadion. Nat\u00fcrlich auch hier ein Gudewie aus allen Ecken und Enden, Andy Kl\u00fcnder sitzt mit einem Sch\u00f6ppchen am Wegesrand und an der langen Mauer mit Graffitis schieben wir uns Richtung Einlass. Und dann ragt es vor uns in die H\u00f6he, das Stadion, in dem heute Abend Inter Mailand gegen Eintracht Frankfurt spielen wird.<\/p>\n<p>An beleuchteten Buden gibt&#8217;s Speis und Trank, auch Merch jeglicher Art, ich kaufe nach z\u00e4hen Verhandlungen einem fliegenden H\u00e4ndler ein Bier ab, wir treffen Caro und Oli und Marc und Maria und Gott und die Welt. Nur der Einlass selbst ist etwas kompliziert, wir m\u00fcssen eine ganze Ecke laufen und stehen dann dicht gedr\u00e4ngt im Pulk, ich beginne, meine Contenance zu verlieren. Ich liebe die Freiheit und wenn ich etwas hasse, dann ist es das Eingesperrtsein. Aber irgendwann haben wir dann doch den ersten Durchgang passiert, es folgen ein paar weiter Kontrollen wobei mein Feuerzeug den Weg alles irdischen geht und schon schieben wir uns den m\u00e4chtigen Wendelweg nach oben, schaffen Meter um Meter bis wir endlich im Block sind und das Flutlicht auf den Rasen und die R\u00e4nge glei\u00dfen sehen. Fehlte nur noch der Einsatz von <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4eZjwJZF8uE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lou Reed: This magic moment.<\/a><\/p>\n<p>Wir schieben uns bis fast nach oben, rechter Hand blinkt die Mail\u00e4nder Nacht, der Rest der Trib\u00fcnen geht \u00fcber drei R\u00e4nge und ein Gro\u00dfteil der oberen R\u00e4nge ist voll mit Eintrachtlern. Tausende und Abertausende freuen sich auf dieses Spektakel, Interfans schwenken Fahnen im Innenraum, das Aufw\u00e4rmprogramm fliegt vorbei, Thor und Siggi setzen sich zu uns, Anpfiff, Vorfreude, Eintracht Frankfurt international. Los geht&#8217;s. Die Eintracht in San Siro.<\/p>\n<p>Die ersten Sekunden muss ich mich orientieren, sind wir die dunklen? Ne, wir sind die wei\u00dfen, du bist schon weit weg vom Spielfeld. Fahnen wehen, etliche Rangbl\u00f6cke sind frei. Und die Eintracht geht drauf. Chance Gacinovic, Nachschuss Haller, Latte. Keine zwei Minuten sp\u00e4ter ist es Jovic &#8211; und er lupft die Kugel zum so wichtigen Tor f\u00fcr die Eintracht ins Netz, kollektives Ausrasten, Unfassbare Blicke. Und dieses Unfassbare wird gr\u00f6\u00dfer, als nebenan im Block einzelne Bengalos aufflackern und eine Rakete fliegt. Jetzt im Moment, keine sechs Minuten sind gespielt, die Eintracht f\u00fchrt und mit der Rakete fliegt die Botschaft: Ihr seid beim n\u00e4chsten Ausw\u00e4rtsspiel in Europa nicht dabei. Und es wedeln Bengalos. Es ist keine Gruppe, es sind einzelne Leute. Unfassbar. Wir stehen unter Bew\u00e4hrung und einzelne Leute ziehen willentlich Tausende in den Dreck.<\/p>\n<p>Der Rest des Spiels ist eine Eintracht, die sich zig Chancen erspielt und ein Inter, dem nichts gro\u00df einf\u00e4llt. Die Stimmung k\u00f6nnte man gut nennen, wenn man nicht w\u00fcsste, was m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Mir hat es die Stimmung dezent verhagelt. Ich muss denken. Und ich gehe zum Fu\u00dfball, weil ich nicht denken will, weil ich mich vom Sog erfassen lassen will, konzentriert auf den Moment, alle Zeit und alles Werden vergessen, einfach nur sein. Ich hasse die Arschl\u00f6cher, die daf\u00fcr gesorgt haben, dass ich diesen Zustand des Denkens hier erleben muss. Gedanken an das weshalb und warum, will mich auf&#8217;s Spiel konzentrieren, doch immer wieder Gedanken. Wer macht so etwas? Wie wird die UEFA reagieren.<\/p>\n<p>Die Eintracht versiebt Chance um Chance, doch die Zeit tickt gegen Inter. Ein kurzes Hoffen, ein kurzes Bangen. Bengalos flammen erneut auf. Die Leute rufen: <em>Und ihr wollt Eintracht Frankfurt sein<\/em> und <em>Ihr seid schei\u00dfe wie der OFC.&nbsp;<\/em> Zwei Jungs, Style bekannt, drohen sogar bei uns am Eck den Rufern mit Pr\u00fcgel. Sie scheinen ge\u00fcbt zu sein. Mit Abpfiff lodert es erneut, zwei Raketen gehen hoch. Eine fliegt abgelenkt durch ein Gest\u00e4nge in den Unterrang, eine verzuckt auf dem Rasen. Die Eintracht steht im Viertelfinale, einer der gr\u00f6\u00dften Erfolge der Vereinsgeschichte &#8211; und ich f\u00fchle mich, als h\u00e4tten wir verloren. Ein trotziges &#8222;Im Herzen von Europa&#8220; wird gesungen, die Mannschaft kurz gefeiert, sp\u00e4ter kommt auch noch Adi H\u00fctter, der f\u00fcr dieses Spiel gesperrt war &#8211; und wird zu Recht gefeiert. Dann warten die Leute, dass sie raus d\u00fcrfen. Es ist still im Stadion geworden. Viel zu still f\u00fcr dieses Ergebnis.<\/p>\n<p>Es gab in Mailand keine \u00fcberzogene Polizei, es gab Platz und Karten f\u00fcr fast alle, es gab einen Fanmarsch und \u00fcberschaubare Einlasskontrollen, es gab eine Eintracht die Inter dominiert hat. Und es gab eine Gruppe von Leuten, denen das alles egal ist. Und einen Verein, eine Fanszene, die dem scheinbar machtlos gegen\u00fcber steht. Ich wei\u00df da auch nicht weiter. Gegen Leute, denen alles egal ist und deren Hang zur Gewalt vermutlich den meinigen \u00fcbertrifft, bist du machtlos. Vielleicht w\u00e4re eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe m\u00e4chtiger, so sie sich aufraffen k\u00f6nnte, sich den einzelnen Leuten zu stellen. Dazu m\u00fcsste sich die Gruppe klar positionieren. Und eigene Leute ausgrenzen. Denn Kollektivstrafen und Polizei im Block sind keine Alternativen. So denkend warte ich darauf, dass wir gehen k\u00f6nnen. Der Abgang ist ger\u00e4uschlos, wir schrauben uns die Wendelwege nach unten, es sieht skurril aus, wie sich die Massen auch in den anderen Abg\u00e4ngen im Kreis nach unten schieben. Diskussionen \u00fcberall. Wut, Zorn, Frust, nur zuweilen dringt die Freude \u00fcber den glorreichen Ausw\u00e4rtssieg durch.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen noch eine ganze Weile in die falsche Richtung laufen, bis wir endlich aus dem Stadiongel\u00e4nde drau\u00dfen sind. Steffen wandert r\u00fcber zu den Bussen, wir laufen bedr\u00f6ppelt zur\u00fcck in die Via Daniele Ricciarelli. Das Licht im Stadion brennt noch, das Spiel ist aus.<\/p>\n<p><strong>Epilog und Heimfahrt<\/strong><\/p>\n<p>Wir fr\u00fchst\u00fccken um die Ecke, holen den Dacia, tanken und parken wieder direkt vor der Unterkunft. P\u00fcnktlich um halb elf k\u00f6nnen wir die finale Abrechnung machen und schon verlassen wir Mailand und rollen zur\u00fcck auf die Autobahn. Heute scheint es hier richtig warm zu werden, aber ich muss um acht Uhr im Museum sein, eine Nachtf\u00fchrung wartet &#8211; und damit die Arbeit.<\/p>\n<p>Schweren Herzens verlassen wir Italien, verlassen die Sonne. An der Grenze jede Menge Eintrachtler, die Ausreise klappt problemlos. Dann schnauft sich der Dacia die Berge hinauf, es wird frischer, auf Sonne folgt Schnee, es folgt der Gotthard und die Auslosung zur n\u00e4chsten Runde. Pia hat ihr Handy an, verk\u00fcndet Paarung um Paarung. Und dann der Hammer: Die Eintracht spielt in Lissabon, bei Benfica. F\u00fcr mich ein absolutes Traumlos. Lissabon. Im Fr\u00fchling. Fado. Tejo. Galao. Pasteis de nata. Alfama. Vinho Verde. Pessoa.<\/p>\n<p>Drohende Ausw\u00e4rtssperre.<\/p>\n<p>Ach, wei\u00dft du was Pia. Wir fahren da vorne raus und buchen jetzt einen Flug und eine Unterkunft. Und wenn wir nicht rein d\u00fcrfen, machen wir halt Urlaub.<\/p>\n<p>Und so fahren wir bei Hergiswil kurz runter, stellen uns an den See, buchen bei steigenden Preisen einen Flug von Dienstag bis Samstag, eine einfache Unterkunft dazu &#8211; und eh wir l\u00e4nger nachgedacht, war&#8217;s passiert. Nicht stornierbar, egal, was geschieht, wir werden in Lissabon sein. Vorausgesetzt, wir bleiben gesund.<\/p>\n<p>Leicht aufgekratzt fahren wir weiter, Luzern, Basel, Stau. Freiburg. Stau. Wir fahren durch Emmendingen, winken unserer Freundin Lea, die wir heute nicht treffen k\u00f6nnen, tanken, fahren zur\u00fcck auf die Autobahn, Regen, Dunkelheit. Bis Baden Baden geht&#8217;s, dann qu\u00e4len wir uns an Karlsruhe und Heidelberg vorbei, Bergstra\u00dfe, Darmstadt, Frankfurt.<\/p>\n<p>Wir gehen kurz hoch, dann muss ich weiter, fahre ins Stadion. 25 Leute sind gekommen, um an der F\u00fchrung teil zu nehmen, ich erkl\u00e4re, laufe durch die n\u00e4chtliche Arena, die Leute haben ihren Spa\u00df, daf\u00fcr haben sie auch bezahlt. Gegen Mitternacht schlie\u00dfe ich ab. Fahre heim. Pia ist da, das ist sch\u00f6n. Und ich bin am Arsch.<\/p>\n<p>Lissabon, wir kommen. Und ein paar sind schei\u00dfe, wie der OFC.<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Abenteuer in der Ukraine stand nun die Ausw\u00e4rtspartie der Eintracht im Achtelfinale der Europaleague bei Inter Mailand an. Dieser Satz, so schlicht und wahr er auch ist, h\u00e4tte noch vor wenigen Jahren oder besser Monaten f\u00fcr Gel\u00e4chter gesorgt. Im M\u00e4rz 2019 aber ist f\u00fcr Eintracht Frankfurt alles m\u00f6glich. 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