{"id":13405,"date":"2019-02-19T10:43:22","date_gmt":"2019-02-19T09:43:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13405"},"modified":"2019-08-10T09:22:28","modified_gmt":"2019-08-10T07:22:28","slug":"mit-der-eintracht-in-die-ukraine-teil-iv-von-babyn-jar-und-dali","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13405","title":{"rendered":"Mit der Eintracht in die Ukraine: Teil IV &#8211; Von Babyn Jar und Dali"},"content":{"rendered":"<p>Gott, was war ich froh, gestern Abend im Bett zu liegen, noch die erste halbe Stunde unter der Decke war ich leicht fr\u00f6stelig. Aber als ich aufwachte, war ich stabil und vor allem rechtzeitig wach. Eine eine hei\u00dfe Dusche weckte die Lebensgeister vollends, kurz darauf kam das Fr\u00fchst\u00fcck, den Apfel und den Joghurt konnte ich gebrauchen, die W\u00fcrstchen und den Toast eher nicht. Aber was soll&#8217;s, Unterlagen gecheckt, Rucksack gepackt und ein letzter Weg \u00fcber die vielen Stufen und T\u00fcren zur vermeintlichen Rezeption genommen &#8211; die nat\u00fcrlich verschlossen war.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Also laufe ich wieder nach oben, deponiere den Zimmerschl\u00fcssel auf dem Tisch und marschiere erneut nach unten. Zuvor hatte ich versucht, mir ein Uber Taxi \u00fcber die App vorzubestellen &#8211; das hat jedoch nicht funktioniert. Drei Mal dr\u00fcckte ich auf best\u00e4tigen, drei Mal bekam ich kein Feedback. Von daher schwinge ich jetzt meinen vollgepackten gr\u00fcnen Rucksack \u00fcber die Schulter und marschiere ein letztes Mal hoch zur Kirche, \u00fcberquere den Lopan und halte mich rechts. Nach ein paar hundert Metern lande ich an dem gro\u00dfen Kreisel, dort sollte meiner Annahme nach eine Stra\u00dfe Richtung Airport abgehen &#8211; und von dort gedenke ich, ein Taxi zu erwischen. Ich bin gut in der Zeit, der Verkehr h\u00e4lt sich in Grenzen und die Fahrzeit scheint \u00fcberschaubar. An einer Bushaltestelle bleibe ich stehen. Aus allen Ecken und Enden biegen Fahrzeuge in den Kreisel, jede Menge Taxen, ich halte meinen Arm nach oben, noch niemand h\u00e4lt. So geht das eine ganze Weile. Mittlerweile steht ein Mann neben mir, die M\u00fctze tief in die Stirn gezogen. Auf Englisch frage ich ihn, ob er wei\u00df, wo ein Taxistand oder \u00e4hnliches ist, er kann kein Englisch &#8211; aber er wei\u00df sofort, was ich meine, fragt nach meinem Ziel (Airport) und greift zum Handy. Ich frage ihn zudem, wie teuer eine Fahrt in etwa sein k\u00f6nnte. Er zeigt mir alle zehn Finger, ich deute dies als: 100. Das w\u00e4re prima. Er tippt ein weiteres Mal ins Handy, spricht mit jemandem und tippt dann 106 ein, der Fahrpreis. Dann fordert er mich auf, mitzukommen &#8211; ich folge ihm und bin gespannt, was passiert. Wir \u00fcberqueren den Kreisel, spazieren auf die gegen\u00fcber liegende Seite und bleiben kurz darauf stehen. Er lugt auf die Stra\u00dfe und nach wenigen Minuten h\u00e4lt ein kleiner Wagen ohne Taxischild vor uns an. Er deutet mir an, einzusteigen, ich bin froh, bedanke mich und steige ein. Der Fahrer schaut mich an, fragt: Airport? Ich nicke, packe den Rucksack auf die Oberschenkel und dann geht es los.<\/p>\n<p>Im Fond des Wagens sind etliche Ger\u00e4te installiert, die auf ein professionelles Fuhrunternehmen verweisen, aus den Lautsprechern blubbert angenehme Technomusik in vertr\u00e4glicher Lautst\u00e4rke und die Scheiben sind derartig verdreckt, dass man kaum hinaus sehen kann. Aber bei dem Schnee und Eis, bei Tauwetter und Matsch, k\u00f6nntest du das Auto wohl st\u00fcndlich reinigen und es w\u00e4re sofort wieder dreckig. Der Fahrer f\u00e4hrt flott aber zivil, auch er hat die M\u00fctze \u00fcber die Stirn gezogen, schweigend sausen wir durch die Stadt, auf breiten Stra\u00dfen durch gro\u00dfe, eher gleichf\u00f6rmige, Wohnsiedlungen. Nach einer guten halben Stunde rollen wir auf den \u00fcberschaubaren Airport zu, er h\u00e4lt nach einer Schrankendurchfahrt direkt vor dem Terminal und tippt in sein Handy: 106. Ich tippe zur\u00fcck: 150. Wir sind beide zufrieden, ich steige aus &#8211; das w\u00e4re also auch geschafft.<\/p>\n<p>Bevor ich ins Terminal spaziere, rauche ich noch eine Zigarette, dann geht&#8217;s rein. Und kaum bin ich drin, erkenne ich Grischa und Jens &#8211; ich werde nicht der einzige sein, der heute von Charkiw nach Kiew fliegen wird &#8211; sp\u00e4ter wird sich herausstellen, dass nahezu der gesamte Flieger in Frankfurter Hand ist. Die Jungs geben ihre Koffer auf und alsbald entdecken wir, dass ein ganzer Eintrachttross sich am Check in befindet, und es tats\u00e4chlich: Die Mannschaft. Also die Eintracht. Kevin Trapp macht ein Selfie mit einer jungen Dame, die sofort in freudige Ohnmacht f\u00e4llt, Bruno und Fredi sind unrasiert wie ich, der ein wenig mit Leuten plaudert, die ich kenne, bis das Team eingecheckt hat. Anschlie\u00dfend hole ich mir am Tresen Fr\u00fchst\u00fcck. Tee, Schokocroissants, dies alles auch am Flughafen f\u00fcr kleines Geld, nat\u00fcrlich sind Leute vor mir am Schalter, die f\u00fcr eine Tasse Kaffee eine Ewigkeit brauchen und dazu in aller Seelenruhe beratschlagen, was noch dazu kommt. Es ist prima, wenn man alleine auf der Welt ist. Und dann entdecke ich Flo. Den habe ich seltsamerweise auf der ganzen Tour nicht gesehen, auch er ist mit Tommy im gleichen Flieger und so kommt dann doch alles zusammen. Passkontrolle und Sicherheitscheck gehen flott, Boarding ebenfalls und mit leichter Versp\u00e4tung heben wir ab.<\/p>\n<p>Zuvor stand ein Mann im schicken Anzug vor mir, den ich zu kennen glaubte. Wir gucken uns kurz an und ich \u00fcberlege, woher wir uns kennen. Dann f\u00e4llt es mir wie Schuppen von den Augen. WIR kennen uns nicht, aber ich ihn. Klar, welcher Fu\u00dfballfan kennt ihn nicht, <a class=\"mw-disambig\" title=\"\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrij_Schewtschenko_(Begriffskl%C3%A4rung)\">Andrij Schewtschenko<\/a>, den wohl bekanntesten Fu\u00dfballer der Ukraine, der mit uns im gleichen Flugzeug reist. Andrij fliegt allerdings Erster Klasse und ich verliere ihn aus den Augen. Der Flug ist kurz und weilig, mein Rucksack f\u00fchre ich stets im Handgep\u00e4ck und so stehe ich in kurzer Zeit wieder genau an dem Punkt, an dem ich auch am Montagabend schon stand. Routiniert laufe ich vor zum Bus 322, der wenig sp\u00e4ter startet und mich durch gewaltige Hochhaussiedlungen zur S\u00fcdseite des Bahnhofs bringt. Diesmal liegt meine Unterkunft nicht in der City, sondern vielleicht einen Kilometer von hier entfernt &#8211; hinter dem S\u00fcden des Bahnhofs. Ein Taxifahrer bietet mir einen Lift an, aber daf\u00fcr ist der Weg zu kurz. Ich vergleiche meine kopierte Karte mit einer Infotafel und bin mir sicher, wie ich laufen muss. Auf der anderen Stra\u00dfenseite wartet ein KFC auf Kundschaft, ein paar Schritte eine weitere Kirche mit einer goldenen Kuppel. Von dort, wo ich soeben ausgestiegen bin, wird morgen auch mein Sky Bus zum Airport starten, das erscheint mir machbar. Nur verschlafen darf ich nicht. Ich laufe los.<\/p>\n<p>Laufe bis zum Ende der breiten Stra\u00dfe, die nach rechts abknickt und sollte schon in der Stra\u00dfe sein, in der sich mein Hotel befindet &#8211; auch die Nummer sieben sollte sich finden lassen. Allerdings sind auch hier die H\u00e4userreihen gewaltig, der Weg zieht sich ein wenig, immerhin passiere ich zwei kleine H\u00fcttchen, die Kaffee und Tee anbieten, hier werde ich morgen auf dem finalen Weg zum Bahnhof vorbei schneien. Alsbald erreiche ich auch die Nummer sieben, es ist ein weiterer langgezogener H\u00e4userkomplex mit vielen Stockwerken. Ich wandere entlang und kann keinen Hoteleingang entdecken und werde unsicher. Habe ich etwas verpasst? Ein Schriftzug an einem Eingang k\u00f6nnte entfernt etwas mit meinem Hotel zu tun haben, zur Sicherheit frage ich einen vorbei kommenden Passanten. Er kennt hier kein Hotel, z\u00fcckt aber sofort sein Handy und fragt nach der Telefonnummer meiner Unterkunft. Nat\u00fcrlich auf ukrainisch oder russisch, ich verstehe ihn dennoch, krame meine Booking Kopie aus der Tasche, woraufhin er sofort im Hotel anruft. dann l\u00e4uft er mit mir ein paar Schritte &#8211; und siehe da: Hier ist er, der Eingang. Ich bedanke mich herzlich, wir verabschieden uns und so trennen sich unsere Wege. Ich klingele.<\/p>\n<p>Aus dem Lautsprecher ert\u00f6nt eine Stimme. Aber kein Summen. Ich klingele erneut. Wieder ert\u00f6nt die Stimme. So geht es ein paar Mal, bis mir jemand die T\u00fcr von Hand \u00f6ffnet und telefonierend zur\u00fcck zur Rezeption l\u00e4uft. Die Frau, Typ resolut, telefoniert stoisch noch eine ganze Weile, derweil ich mich umblicke. Das sieht doch alles recht modern aus. Dann checke ich ein, Erstmals muss ich meinen Pass in einem Hotel vorzeigen, gezahlt wird in bar. Anschlie\u00dfend zeigt sie mir einen Gemeinschaftsraum mit Teekocher, Kaffee und Tee sowie einer kleinen B\u00fccherei. Alles sieht wirklich Hotelm\u00e4\u00dfig aus. Nur mein Zimmer nicht. In einem gr\u00fcn gestrichenen Raum steht ein schmales Bett, daneben ein Nachttischchen mit einer Lampe, die nicht an mein Bett reicht. Dazu steht auf einem alten Tisch ein Wasserkocher samt zweier Teebeutel und Zucker. Das Fenster zeigt auf eine Au\u00dfenwand, ich befinde mich im Souterrain &#8211; quasi im Osten. Aber was soll&#8217;s, das Zimmer ist wirklich sauber, Handt\u00fccher liegen auf dem Bett und au\u00dfer pennen mache ich hier eh nicht viel &#8211; und wie \u00fcberall in der Ukraine funktioniert WiFi tadellos. Als ich im Begriff bin zu gehen, teste ich den Einlass, der \u00fcber einen Chip funktioniert. Und prompt ert\u00f6nt wieder die Stimme &#8211; wie ich jetzt erkenne nat\u00fcrlich vom Band und die T\u00fcr \u00f6ffnet sich beim Dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Nach einem Tee wandere ich wieder nach drau\u00dfen, zur\u00fcck zum Bahnhof. Keine 15 Minuten brauche ich und da die Shuttlebusse zum Flughafen alle 15 &#8211; 20 Minuten fahren, l\u00e4sst sich der morgige Tag zeitlich hervorragend kalkulieren. Ich durchwandere den Bahnhof bis zum Ausgang auf der gegen\u00fcberliegenden Seite. Hier bin ich vor zwei Tagen nach Charkiw aufgebrochen, es scheint mir \u00c4onen her. Heute hei\u00dft mein erstes Ziel: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Babyn_Jar\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Babyn Jar<\/a>. Dieser Ort ist bzw. war ein Ort des Grauens. Im September 1941 haben die Nazis hier binnen einem einzigen Wochenende \u00fcber 33.000 Juden zusammen getrieben und ermordet. Insgesamt lie\u00dfen hier bis 1943 weit \u00fcber 100.000 Menschen ihr Leben, die meisten Juden, aber auch Sinti und Roma und viele andere. Babyn Jar &#8211; noch heute ein mahnendes Sinnbild des Holocaust. Den Plan, diesen Ort zu besuchen, hegte ich von Beginn meiner Reise an.<\/p>\n<p>Routiniert werfe ich einen meiner Chips in das Drehkreuz der Metro, die nach wenigen Minuten kommt. Die Uhren in den Stationen z\u00e4hlen nicht, wie lange es noch dauert, bis eine Bahn kommt, sie z\u00e4hlen, seit wann die letzte abgefahren ist. Das ist abgefahren. In der Tat, alle zwei, drei Minuten rauscht die Metro ein, spuckt Menschen aus, bevor wir uns nach innen schieben. Die Bahnen sind immer voll, aber nicht unangenehm. Ich fahre bis zur Station Teatralno, die auch unterirdisch &#8211; wie ich jetzt erfahre &#8211; mit dem Goldenen Tor verbunden ist. Gigantische Rolltreppen bringen dich nach kurzer Zeit an die weiterf\u00fchrenden Gleise, die Beschilderung ist auch f\u00fcr Laien erkennbar und schon sitze ich in der Bahn Richtung Dorohoschizka, zwei Stationen weiter. Menschen stehen dicht an dicht, die Fahrt dauert etliche Minuten bis zur n\u00e4chsten Station. Eine weitere noch und ich steige aus. Bis hierher d\u00fcrfte es wenig Touristen verschlagen, kleine Gesch\u00e4fte verkaufen das \u00dcbliche, wie an vielen Metrostationen der Welt. Ich verlasse die Station und mein Blick f\u00e4llt sofort auf den Park. W\u00e4re ich auf der anderen Seite ausgestiegen, w\u00e4re ich an einem anderen Denkmal gelandet, so hatte es mir Max an meinem ersten Abend in Kiew erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Direkt am Eingang zeigt ein Wegweiser die verschiedenen Denkm\u00e4ler und Wegf\u00fchrung an. Der Weg beginnt an der Allee der M\u00e4rtyrer, vorbei am Denkmal f\u00fcr die ermordeten Kinder. Verschneite Wege f\u00fchren mich dorthin, ich sehe die Birken der einstigen Schlucht, nur vereinzelt sind auf dem eisigem Gel\u00e4nde Menschen unterwegs. Ich verliere mich in Gedanken, fotografiere, und stelle mir vor, was nicht vorzustellen ist. Wie viele Menschen hier auf ihrem letzten Weg entlang gegangen sind, wie viele Tr\u00e4ume hier endeten, wie viele Sch\u00fcsse hier hallten, wie viel Blut hier floss. Weiter unten sto\u00dfe ich auf die Allee der Gerechten unter den V\u00f6lkern, gewidmet denjenigen, die selbstlos Juden vor dem sicheren Tod bewahrten. Hinweisschilder erkl\u00e4ren die Geschichte, ein Junge steht neugierig davor und liest. M\u00f6ge ihm ein freundliches Schicksal beschieden sein. Weiter hinten, am Denkmal f\u00fcr die ermordeten Sinti und Roma, einem Wagon, trinken Menschen Bier, vielleicht sch\u00fctzt er sie vor dem Wind. Geradeaus geht es zur Allee der Trauer. Dort steht auch die gro\u00dfe Menora. Eine Mutter im roten Mantel umrundet sie mit einem Kinderwagen. Vorbei an alten Grabsteinen geht es wieder hinaus auf die Stra\u00dfe, eine Stunde war ich unterwegs, eine Stunde f\u00fcr die Ewigkeit.<\/p>\n<p>Gedankenverloren steige ich wieder in die Metro, fahre zur\u00fcck zum Goldenen Tor. Dort steige ich aus, wie ich am Montagabend erstmals hier ausgestiegen bin &#8211; als ein anderer. Jetzt liegen die Tage hinter mir, die mir am Montag noch eine Reise ins Ungewisse bedeuteten. Ich werde melancholisch, \u00fcberlege, meine erste Unterkunft zu besuchen &#8211; aber das w\u00e4re zu viel des Guten. Vor dem Tor hat ein Mann mit langen Haaren im langen Mantel eine kleine Anlage aufgebaut. Klaviermusik ert\u00f6nt, er erz\u00e4hlt fast singend mit r\u00fchrenden Gesten eine Geschichte, es wird eine herzzerrei\u00dfende Geschichte sein, eine romantische vielleicht. Ich lausche, es klingt wundersch\u00f6n, das M\u00e4dchen neben mir applaudiert unvermittelt. Wenn ihr irgendwo einmal Edgar Vinnitsky musizieren h\u00f6rt, bleibt stehen, es ist toll.<\/p>\n<p>Ich werfe ein paar Taler in seinen Rucksack &#8211; und bin nicht der erste. Er bedankt sich nickend und ich wandere runter zum gro\u00dfen Opernhaus. Gegen\u00fcber ist ein kleines Caf\u00e9, ich bestelle einen Earl Grey, der in losen Bl\u00e4tter in einer Bodumkanne serviert wird und schaue auf die beleuchtete Oper. Freddy ist mittlerweile auch gelandet &#8211; und gar nicht so weit von mir entfernt. Er hat eine Dali Ausstellung entdeckt und wir verabreden uns in einer halben Stunde an der Sophienkathedrale. Ich laufe los und urpl\u00f6tzlich f\u00fcgt sich ein Bild zusammen. Bin ich die ersten Tage noch kreuz und quer gelaufen, verstehe ich mit einem Mal, wie die Wege hier zusammen h\u00e4ngen, erschlie\u00dft sich mir ein Bild &#8211; und was auf der Karte zuvor noch vogelwild und kompliziert aussah, wirkt nun ganz einfach.<\/p>\n<p>Ich treffe Freddy an der Stra\u00dfenkreuzung zur Kathedrale und da wir beide Hunger haben, schlage ich vor, in jenes Restaurant am Fu\u00dfe des Andreassteigs zu gehen, welches ich die Tage zuvor zwar gesehen aber nicht besucht hatte. Wir wandern vorbei am blauen St. Michaelskloster, die Pflastersteine hinunter, bis wir an der kleinen Galerie vorbei kommen, in der ich Pias Bild geholt hatte. Sie hat trotz Dunkelheit noch ge\u00f6ffnet und wir spazieren hinein. Diesmal steht eine andere junge Frau am Eingang, wir schl\u00fcpfen hinein und betrachten die leuchteten Schwarzlichtbilder, bekommen diesmal sogar eine 3D Brille, die Figuren heben sich plastisch ab &#8211; und ich erstehe auch f\u00fcr mich eines der bunten Bildchen. Weiter geht es nach unten. Bald sitzen wir unten in der Wirtschaft nah bei dem leuchtenden Riesenrad. Die Speisen liegen schon fertig zubereitet zur Auswahl, es herrscht ein buntes Treiben &#8211; hier isst jeder; die Studenten, die Jungen, die Alten &#8211; und wir. Unsere Teller sind voll, das Essen ist gut &#8211; sogar eine Gr\u00fcne So\u00dfe gibt es, die in Frankfurt nicht aus der Reihe tanzen w\u00fcrde. Freddy schw\u00e4rmt mir von der Dali-Ausstellung vor und da ich durchaus ein Freund der Kunst des extravaganten Malers bin, denke ich, dass ein Besuch ein w\u00fcrdiger Abschluss der Reise sein k\u00f6nnte. Mit der kleinen Bergbahn nahe der n\u00e4chsten Metrostation schieben wir uns nach oben und laufen zur\u00fcck zur Ausstellung. Sie liegt auf dem Weg von der Sophienkathedrale zum Maidan, einem der zentralen Wege. Der B\u00fcrgersteig aber weist metertiefe Krater auf, Bretter knicken in den Boden, Eisschnee tut sein \u00dcbriges. Manchmal wundere ich mich \u00fcber die Diskrepanz zwischen den fantastisch renovierten Renommiergeb\u00e4uden und den r\u00e4udigen Wegen f\u00fcr die Allgemeinheit. Aber diese Widerspr\u00fcche finden sich auch in den Eink\u00fcnften der Oberen und den kargen Geldbeuteln des gro\u00dfen Restes.<\/p>\n<p>Bunt beleuchtete Bilder weisen auf den Eingang zur Ausstellung, Elefantenskulpturen auf d\u00fcnnen Beinen im Hof auf Salvatore Dali. 150 Griwna kostet der Eintritt, f\u00fcr uns ein Schn\u00e4ppchen, f\u00fcr den hiesigen Durchschnitt jedoch unerschwinglich, aber immerhin: Freddy darf mit seiner Karte auch noch mal hinein. Die Ausstellung ist quasi zweigeteilt. In einem Raum h\u00e4ngen um die 50 Zeichnungen, unterteilt in die Kategorien H\u00f6lle, Gegenwart und Erl\u00f6sung, im weitaus gr\u00f6\u00dferen Raum werden zu wechselnder Musik im Loop \u00fcber drei W\u00e4nde Bilder projiziert, Bilder von Dali, von Bosch, von stillen Nebelgew\u00e4ssern, ein surrealer Trip, dem man stundenlang zusehen k\u00f6nnte. Ein Trip, der gewisserma\u00dfen auch die Reise symbolisiert, die sich nun dem Ende entgegen neigt. Das Unterbewusstsein l\u00e4sst Bilder flie\u00dfen und sie vemengen sich mit den Bildern der Reise, der Ankunft in Kiew, der Abend in der Bar, der Tag im Regen, die Dnjeprbr\u00fccke, die m\u00e4chtigen Kathedralen und breiten Stra\u00dfen, der fallende Schnee, die Eiswege, die Angst, Z\u00fcge und Fl\u00fcge zu verpassen, der fr\u00fchmorgendliche Weg zum Bahnhof, die Zugfahrt durch die Ukraine, die Markthalle in Charkiw, die Discolichter in der Nacht, die H\u00e4userschluchten beim Fanmarsch, das Flutlicht im Stadion, der Heimweg im Dunklen, die Menschen, Gesichter, Gespr\u00e4che &#8211; alles mengt sich &#8211; und findet seinen Kulminationspunkt in jenen Bildern, die vor uns ablaufen und in uns erzeugt werden.<\/p>\n<p>Dann ist es Zeit, zu gehen. Wir nehmen noch einmal die Metro, rollen noch einmal die riesige Rolltreppe hinunter und sausen alsbald zum Bahnhof. Dort trennen sich unsere Wege, Freddy geht ein paar Meter im S\u00fcden des Bahnhofs nach oben, ich muss links runter. Danke, hat Spa\u00df gemacht mit dir, wir haben einiges erlebt.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg bin ich kurz unkonzentriert und biege falsch ab, wo es eigentlich nichts abzubiegen gibt. Nach 10 Minuten bemerke ich meinen Irrtum, wandere wieder zur\u00fcck und lande wohlbehalten im Hotel. Ein letztes Mal lege ich meine Sachen zurecht, alle Ausdrucke sind nunmehr Geschichte, das Bahnticket und auch die Eintrittskarte vom Spiel brauche ich nicht mehr. Wie wertvoll erschienen sie mir vor einigen Tagen und nun ist alles vorbei, scheinbare Vergangenheit &#8211; doch die Tickets waren mehr als Eintrittskarten f\u00fcr Fahrt und Spiel, sie waren Eintrittskarten f\u00fcr Erlebnisse jener besonderen Art, die ein Leben lang Teil meiner Pers\u00f6nlichkeit bleiben werden.<\/p>\n<p>Ich verstaue meine Habseligkeiten im Rucksack, stelle ein letztes Mal die Wecker und freue mich sehr, Pia bald wiederzusehen. Dann schlafe ich ein. Die letzte Nacht in der Ukraine ist hereingebrochen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen erwache ich vor der Zeit, packe den Rest der Nacht zusammen, trinke noch einen Tee &#8211; und denke, dass nun auch alles glatt gehen wird. Der Weg zum Bahnhof ist \u00fcberschaubar, die Abfahrtsstelle des Busses ist bekannt, die Zeit stimmt auch. Aber noch hei\u00dft es, konzentriert bleiben &#8211; auch am Flughafen sollte ich weder Pass, noch Handy, noch Geldbeutel verbaseln &#8211; und genau so ein Mist passiert, wenn du vor Abpfiff schon den Sieg feierst. Und so marschiere ich los, mit meinem langen schwarzen Mantel und dem gr\u00fcnen Rucksack und schweren Schuhen, die mir all die Tage so gute Dienste geleistet haben. Nach ein paar Schritten hole ich mir noch einen Tee an einem der Kioske, wo schon einige Soldaten auf den Tag warten. Der Skybus steht bereit, Michaela und Roland, die mit mir in Charkiw vom Stadion zur\u00fcck gelaufen sind, sitzen sogar auch schon darin. Keine zehn Minuten sp\u00e4ter rollen wir los, fahren durch das morgendliche Kiew, halten kurz an der Metrostation Kharkivska, an der ich Montags noch ausgestiegen bin und erreichen nach einer guten Stunde den Flughafen. Auch hier dauert die Passkontrolle und der Secutitycheck nicht all zu lange. Im Duty Free hole ich f\u00fcr die letzten Gwirna noch eine Stange Zigaretten &#8211; und schon beginnt das Boarding. Nur wenige Meter fahren wir anschlie\u00dfend mit dem Shuttlebus, das \u00fcbliche Prozedere beim Einstieg und dann traue ich meinen Augen nicht. Den einzigen, mit dem ich lose verabredet war und auf der gesamten Reise nicht gesehen habe, ist Gerd. Wir waren unter anderem zusammen in Bordeaux. Und jetzt sitzt er im Flieger &#8211; auf dem Platz neben mir. Manche m\u00f6gen es Zufall nennen, ich nicht. Und so heben wir mit kurzer Verz\u00f6gerung ab, schweben \u00fcber Polen und Tschechien nach Deutschland und landen mehr als p\u00fcnktlich in Frankfurt am Main. Der Weg zieht sich dann noch ein wenig, aber wie immer, landen wir auch diesmal wieder am Terminal. An der Passkontrolle dr\u00e4ngeln einige Jungs mit verschrammten Gesichtern vor, dann sind wir durch, biegen um die Ecke und schon sehe ich Pia. Wir fallen uns in die Arme &#8211; und ich bin wieder zuhause. Mit einem Rucksack voller Geschichten und Erlebnisse und vielleicht gar der einen oder anderen Erkenntnis.<\/p>\n<p>Danke euch f\u00fcr&#8217;s Mitkommen und bis bald. Eintracht Frankfurt international.<\/p>\n<p>Hier findet ihr die anderen Teile des Reiseberichts:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13250\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil I<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13296\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil II<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13340\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil III<\/a><\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott, was war ich froh, gestern Abend im Bett zu liegen, noch die erste halbe Stunde unter der Decke war ich leicht fr\u00f6stelig. Aber als ich aufwachte, war ich stabil und vor allem rechtzeitig wach. 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