{"id":13296,"date":"2019-02-17T19:44:28","date_gmt":"2019-02-17T18:44:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13296"},"modified":"2019-03-02T11:24:50","modified_gmt":"2019-03-02T10:24:50","slug":"mit-der-eintracht-in-die-ukraine-teil-ii-von-kiew-nach-charkiw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13296","title":{"rendered":"Mit der Eintracht in die Ukraine. Teil II: Von Kiew nach Charkiw"},"content":{"rendered":"<p>Ich schrecke aus einem kurzen und scheinbar traumlosen Schlaf hoch. Und greife hastig nach dem Handy. Wie sp\u00e4t ist es? Habe ich verschlafen? Die Uhr zeigt kurz vor f\u00fcnf, und just in diesem Moment beginnen die Wecker zu summen. Beziehungsweise ert\u00f6nt &#8222;Enjoy the silence&#8220; in einer Coverversion von Nada Surf. Puh, ich bin rechtzeitig wach, eine weitere Aufgabe ist gemeistert. Jetzt geht es weiter, es wartet die Bahnfahrt von Kiew nach Charkiw.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich sortiere noch einmal meine Habseligkeiten. Packe Reisepass, Geld und Handy zusammen, stecke die kopierten Infos der Wegstrecken in meine Hosentasche, nicht zu vergessen das Bahnticket. \u00dcber Nacht sind alle meine Ger\u00e4te geladen, der Akkustand betr\u00e4gt 100%, my own private Akku ist nicht ganz so voll, aber ich werde durch den Tag kommen. Gestern noch hatte ich mich entschieden, den Weg zum Bahnhof zu laufen, das Navi zeigt etwas mehr als eine halbe Stunde Fu\u00dfweg an, eine halbe Stunde vor Abfahrt wollte ich auch unten am Bahnhof sein, das k\u00f6nnte klappen. Punkt halb sechs schlie\u00dfe ich die Zimmert\u00fcr. Die Rezeption ist verwaist, ich lege den Schl\u00fcssel auf den Tresen, nehme Abschied von meiner in k\u00fcrzester Zeit zu einer Art Heimat gewordenen Unterkunft und breche auf in den beginnenden Tag. Der gr\u00fcne Rucksack baumelt \u00fcber meiner Schulter, den Schirm liegt trocken verstaut in einer Seitentasche.<\/p>\n<p>Der \u00fcber Nacht gefallene Neuschnee liegt wie Puderzucker \u00fcber den Wegen, hie und da f\u00fchrt jemand einen Hund aus, rollen Autos \u00fcber den breiten Boulevard. Der l\u00e4ngste Teil des Weges ist simpel, es geht immer geradeaus, bis ich nach zwanzig Minuten an eine gro\u00dfe Stra\u00dfe komme, die ich zu \u00fcberqueren habe. Kurz denke ich, das gro\u00dfe Geb\u00e4ude gegen\u00fcber k\u00f6nnte der Bahnhof sein, aber dies w\u00e4re unwahrscheinlich. Und er ist es auch nicht. Aber ein klarer Weg erschlie\u00dft sich mir meinem Blick nicht, so werfe ich das Navi an und folge der Route, die mich durch eine kleine, vermatschte und dunkle Gasse f\u00fchrt. Ich werde unsicher, aber die Erinnerung an die Karte sagt, die Richtung k\u00f6nnte stimmen. An einer Stra\u00dfenbahnstation vorbei marschierend n\u00e4here ich mich dem angezeigten Ziel &#8211; und nach wenigen Minuten bin ich sicher: Ich bin hier richtig. Schon an der Stra\u00dfenbahn herrschte ein emsiges Treiben. Jetzt hei\u00dft es nur noch den Haupteingang finden und nicht in die Metrostation Vokzalna laufen, die wenige Meter davon entfernt die morgendlichen Fahrg\u00e4ste verschluckt.<\/p>\n<p>Die erste T\u00fcr zum Bahnhof, die ich nutzen will, ist verschlossen, aber nach wenigen Schritten finde ich den Haupteingang, ein emsiges Gewimmel umgibt mich. Auf der digitalen Anzeigetafel scheine ich meinen Zug und damit das Abfahrtsgleis zu finden, doch die Zeit will nicht ganz stimmen. Klar sind ja auch die Ankunftszeiten. Gegen\u00fcber auf der gro\u00dfen Tafel leuchten die Abfahrtszeiten, da wird er angek\u00fcndigt, der Zug 722 von Kiew nach Charkiw, Abfahrt wie geplant um 6:45 Uhr. das sieht doch gut aus. Ich wandere die Stufen nach oben in Richtung Gleis 14, hole mir noch einen Tee an einem der vielen Kioske und eine viertel Stunde vor Abfahrt marschiere ich zum Gleis. Der Zug steht schon da, die Schilder verweisen auf die richtige Fahrstrecke, digitale Ziffern auf die Wagennummerierung, Wagen 3, zweite Klasse, ist der meinige, jetzt nur noch Platz 8 am Fenster finden, der an einem Tisch in einer Vierergruppe sein soll. Und da ist er auch, der Platz ist frei, daneben sitzt ein kr\u00e4ftiger Fahrgast, gegen\u00fcber eine junge Frau. Ich frage zur Sicherheit nach, ein murmelndes etwas, das wie &#8222;ja&#8220; klingt, best\u00e4tigt meine Annahme und so wuchte ich meinen Rucksack samt Mantel ins Gep\u00e4ckfach, h\u00e4nge meine Kopfh\u00f6rer um de Hals und warte auf die Abfahrt. Aus dem Fenster ersp\u00e4he ich eine &#8222;B\u00f6hse Onkelz M\u00fctze&#8220; ansonsten merke ich nichts von anderen Fans obgleich der Wagen gut gef\u00fcllt ist, nur wenige freie Pl\u00e4tze stehen noch zur Verf\u00fcgung. Einen davon belegt eine weitere junge Frau in unserer Vierergruppe, w\u00e4hrend mein Nachbar die Zwischenarmlehne als die seinige definiert.<\/p>\n<p>Der Wagen ist hochmodern, auf kleinen Monitoren laufen Werbung oder Zeichentrickfilme und auf die Minute genau rollt der Zug los. Mit gem\u00e4chlicher Geschwindigkeit gleiten wir durch Kiew, es ist angenehm warm im Waggon, ich schaue aus dem Fenster, wie das verschneite Kiew an mir vorbei zieht. Nach wenigen Kilometern halten wir erneut, wir scheinen immer noch in Kiew zu sein, einige Fahrg\u00e4ste steigen noch zu, dann nimmt die Bahn fahrt auf, die Ballungsdichte weicht verschneiten Feldern oder verschneiten W\u00e4ldern, mit knapp 160 Stundenkilometern rollen wir durch die Ukraine. In den Sitzreihen gegen\u00fcber wird fr\u00f6hlich geschwatzt, die Energie in unserer Vierergruppe ist distanziert, jeder ist f\u00fcr sich, niemand lacht oder l\u00e4chelt, niemand spricht, ich ziehe die Kopfh\u00f6rer \u00fcber, Bonnie Prince Billy singt &#8222;I see a darkness&#8220; w\u00e4hrend endlose Felder nach endlosen W\u00e4ldern an uns vorbei gleiten. Ab und an radelt ein dick vermummter Fr\u00fchaufsteher auf den verschneiten Wegen, warten einige Autos an einer Bahnschranke. Richtige Ortschaften passieren wir kaum, meist sind es Ansammlungen von kleinen H\u00e4uschen, die in Deutschland beinahe als Schrebergartenkolonnie durchgehen k\u00f6nnten, ich sehe wenig Licht. Aber Schnee, Felder, W\u00e4lder, wartende Autos an einer Bahnschranke. Nach einer Weile beschleicht mich das Gef\u00fchl, ich sitze in einer M\u00e4rklin-Eisenbahn und wir fahren im Kreis.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat eine Schaffnerin auch die Tickets gescannt, es hat auch bei meinem keine Beanstandungen gegeben und so blicke ich die n\u00e4chsten Stunden aus dem Fenster, auf Schnee und Weite. Es wirkt auf Dauer etwas monoton, ich hatte mir die Au\u00dfenwelt etwas lebendiger vorgestellt. Mein Sitznachbar ist mit seinem Handy besch\u00e4ftigt, tats\u00e4chlich gibt es hier in der Bahn WLAN &#8211; und es funktioniert.<\/p>\n<p>Wir halten auf der ganzen Fahrt genau drei Mal. Bei einem ersten Stop steigt ein Soldat an einem kleinen Bahnhof zu, der n\u00e4chste Halt liegt in einer gr\u00f6\u00dferen Stadt. Wahrscheinlich Poltawa. Zuvor war der Akkus des Handy meines Sitznachbarn leer, unter meinem Knie befindet sich eine Steckdose, er hatte gefragt, ob er diese nutzen k\u00f6nne &#8211; und wer bin ich, ihm dies zu verweigern? Mit der Folge, dass das kurze Kabel sich dicht an meine Beine schmiegt, da er das Handy nicht an die Seite legte, sondern vor sich. Mit jeder Bewegung h\u00e4tte ich das Kabel mit dem Knie aus der Steckdose gezogen. Als er dann auch noch zu telefonieren beginnt, muss er sich in meine Richtung beugen, um den Ladefortgang nicht zu unterbrechen. Da bin ich kein Freund von, ich wollte in Ruhe aus dem Fenster gucken und nicht die Aura meines Nachbarn sich mit meiner vermengt sehen. Da muss ich n\u00e4mlich dauernd denken. <em>Das nervt. Das nervt. Das nervt.<\/em> Und das nervt.<\/p>\n<p>Immerhin steigt in Poltawa ein Gro\u00dfteil der Fahrg\u00e4ste aus, mein Sitznachbar nat\u00fcrlich nicht. Gegen\u00fcber gibt es jetzt jede Menge freie Pl\u00e4tze. Als er nach einer Weile zum telefonieren aufsteht und ich sicher bin, dass diese Pl\u00e4tze nicht belegt sind, husche ich r\u00fcber auf die andere Seite, setze mich jetzt mit Blick in Fahrtrichtung ans Fenster, strecke meine Beine zur Seite aus und genie\u00dfe die letzte Stunde. Als ich r\u00fcber blicke, sitzt er auf meinem Platz und wirkt immer noch unzufrieden.<\/p>\n<p>Wir fahren langsamer, und rollen \u00fcber Industrieanlagen und zunehmender Dichte in Charkiw ein, p\u00fcnktlich wie die Abfahrt auch die Ankunft, die Umgebung wirkt trist, die Eisenbahn wirkt wie Eisenbahn. Durch einen schmalen Durchlass schieben wir uns in das pr\u00e4chtige Bahnhofsgeb\u00e4ude, die Taxifahrer sind vor Ort, nerven aber nicht &#8211; und ich brauche auch keines, das meine Unterkunft an die 15 Minuten Fu\u00dfweg entfernt liegen soll. Auf den ersten Blick scheinen die Wege weniger vereist als in Kiew, die Autos aber verschmutzter. Ein gr\u00fcner Opel Rekord saust als Taxi an mit vorbei, w\u00e4hrend ich die breite Hauptstra\u00dfe \u00fcberquere. Die Menschen wirken abgeschaffter als in Kiew, M\u00e4nner mit M\u00fctzen hasten vor\u00fcber. An einer Querstra\u00dfe identifiziere ich den Stra\u00dfennamen als den meinigen, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter m\u00fcsste ich am Hotel vorbeikommen, schwarzwei\u00dfe Eisberge trennen B\u00fcrgersteig von Fahrbahn und die bunte Sch\u00f6nheit Kiews ist einer leicht farbigen Grauigkeit gewichen. Nach knapp 15 Minuten erreiche ich das mintgr\u00fcne Haus, das ich vom Netz her kenne. Hier muss mein Hotel sein. Hinweisschilder verk\u00fcnden, dass hier scheinbar alles m\u00f6gliche gehandelt wird, Touren nach Irgendwo aber auch Bilderrahmen. Ich laufe ein paar Stufen nach unten, zwei Menschen sitzen in einer Art B\u00fcro, sprechen aber kein Englisch. Doch es dauert nicht lange, bis ein junger Mann mit passablen Wortschatz auftaucht und sich um mich k\u00fcmmert.&nbsp; Das Wichtigste ist: Bezahlen. Cash oder Kreditkarte? Ja, das ist eine gute Frage. wenn ich Cash bezahle, h\u00e4tte ich im Zweifel etwas wenig Bargeld, zahle ich mit Kreditkarte zahle, dann wohl zu viel. Aber das Problem l\u00f6st sich wie von selbst. Sie zeigen mir n\u00e4mlich den zu zahlenden Betrag. Dieser ist identisch mit dem online gebuchten. Und dann wird mir verklickert, dass ich noch eine Touristenabgabe von 200 Griwna zu zahlen h\u00e4tte. Pro Tag. Das sind umgerechnet 12, 13 Euro. In Charkiw, wo du vier Mittagessen am Markt daf\u00fcr bekommst. Aufgeregt erkl\u00e4rend fuchteln sie mit einem Zettel, wo angeblich alles genau erkl\u00e4rt wird. Klar. Touristenabgabe in Charkiw &#8211; das Monte Carlo der Ukraine. Es ist eher Offenbach. Ich werde grantig und erkl\u00e4re, dass ich das Hotel nicht kaufen wolle, sondern nur \u00fcbernachten &#8211; aber ich habe keine Wahl und z\u00fccke meine Kreditkarte.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter l\u00e4uft der englischsprechende junge Mann mit mir wieder aus dem B\u00fcro auf die Stra\u00dfe, am Ende des Hauses f\u00fchrt ein schweres, nummerngesichertes, Tor in einen vereisten Hinterhof, dort steht ein Opel Kadett. Wir glitschen um die Ecke und ich denke mir, gro\u00dfer Gott, wo bin ich hier gelandet. Durch eine n\u00e4chste nummerngesicherte T\u00fcr geht es in ein Treppenhaus und dann zu Fu\u00df etliche Stockwerke nach oben. Eine weitere gl\u00e4serne und gleichwohl nummerngesicherte T\u00fcr f\u00fchrt uns in einen kleinen Durchgang, das Fenster ist gekippt, hier k\u00f6nne ich rauchen. Die T\u00fcr zum Hotelflur \u00f6ffnet sich mit einem im Schl\u00fcsselanh\u00e4nger integrierten Chip, den ich ausgeh\u00e4ndigt bekomme. Auf dem Anh\u00e4nger stehen auch die Ziffern der Sicherungen. Jetzt muss ich mit dem Schl\u00fcssel noch meine Zimmert\u00fcr \u00f6ffnen &#8211; und ich halte den Atem an. Aber ich atme gleich wieder aus. Eine Putzfrau macht noch klar Schiff, ich nuckle im Durchgang an meiner E-Cigarette, bis sie nach wenigen Minuten fertig ist und mich herein bittet. Immerhin, das Zimmer scheint neu renoviert, es ist sehr sauber, mit moderner Dusche und WC samt F\u00f6n sowie Shampoo, dazu zwei bezogenen Betten, mollig warm. Auf einem Tisch stehen ein Wasserkocher, eine Flasche Wasser, liegen Teebeutel. Jede Menge Handt\u00fccher h\u00e4ngen in der Dusche &#8211; sprich alles, was zu einer vern\u00fcnftigen Unterkunft geh\u00f6rt, steht zur Verf\u00fcgung. Ganz im Ernst, ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, nach allem, was sich in den vergangenen 30 Minuten zuvor abgespielt hatte.<\/p>\n<p>Keine f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter stehe ich unter der hei\u00dfen Dusche. In Kiew hatte ich nicht geduscht, da ich keinen F\u00f6n habe, ich habe allerdings auch gar nicht nachgesehen. Jetzt perlt das hei\u00dfe Wasser an mir herab, sp\u00fclt die K\u00e4lte und die kruden Gedanken aus mir und nach weiteren zehn Minuten halte ich einen hei\u00dfen Tee in der Hand und schaue handtuchumschlungen aus dem mit einer Art Fliegengitter versehenen Fenster. Weiter hinten sehe ich die Spitze einer Kirche, die in den kommenden Stunden noch eine zentrale Rolle spielen wird.<\/p>\n<p>Frisch gef\u00f6nt verlasse ich gegen 14 Uhr mein Zimmer und laufe runter durch den Hinterhof zur Rezeption. Hier, in diesem Eldorado des Tourismus wird es ja sicher einen Stadtplan geben, so denke ich &#8211; und h\u00f6re leise, wie mich ein kleiner D\u00e4mon auslacht. Nat\u00fcrlich gibt es keinen Stadtplan, alles andere h\u00e4tte mich auch verbl\u00fcfft. Immerhin habe ich einen kleinen Kartenausdruck rund ums Hotel in meiner Hosentasche und da ich jene Kirche als erste Anlaufstelle ausgemacht habe, den dahinter liegenden Fluss Lopan als zweiten Orientierungspunkt w\u00e4hlte sowie den Constitution Square als dritten und letzten, setze ich mich in Bewegung. Zwischen meinem Hotel und dem gro\u00dfen Platz liegt ein guter Kilometer, und ich marschiere an der m\u00e4chtigen Kirche vorbei, die sich als die <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Annunciation_Cathedral,_Kharkiv\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mari\u00e4-Verk\u00fcndigungs-Kathedrale<\/a> herausstellt. Sie wird sp\u00e4ter noch oft fotografiert werden und dient durch ihre Gr\u00f6\u00dfe als perfekter Wegweiser, auch den Lopan erreiche ich bald, ich \u00fcberquere den Fluss, steige in einer Parkanlage ein paar Treppen vorbei an Bilderverk\u00e4ufern, deren Werke am Zaun h\u00e4ngen, nach oben und erreiche den Constitution Square, einen m\u00e4chtigen Platz mit einer gro\u00dfen Statue als Mittelpunkt. Nach oben schl\u00e4ngelt sich die Sumska Street, wohl die zentrale Stra\u00dfe der Stadt. Hier reiht sich Gesch\u00e4ft an Gesch\u00e4ft, Restaurant an Bar an Caf\u00e9. Dies alles liegt n\u00e4her beieinander als ich dachte. Auf dem Weg nach oben wandere ich an einer Art Hofbr\u00e4uhaus vorbei, bairische Rauten verk\u00fcnden mir: Zieh weiter. Nach oben hin werden die Gesch\u00e4fte weniger, ein vereister Springbrunnen vor einer weiteren m\u00e4chtigen Kirche zieht die Aufmerksamkeit auf sich, gegen\u00fcber befindet sich ein aus sozialistischen Zeiten stammendes Kulturzentrum. Noch weiter oben wartet ein gro\u00dfer, vereister Park auf besseres Wetter. Obgleich so kalt wie bef\u00fcrchtet ist es nicht. Unterwegs treffe ich einen ersten Eintrachtfan, der mich an eine Markthalle erinnert, dort soll auch die Metrostation sein, die meinem Hotel am n\u00e4chsten liegt &#8211; und die ich auf Maps nicht finden konnte. Vielleicht entdecke ich sie ja.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich, nachdem ich mich durch die jenseits der Hauptstra\u00dfe liegenden Stra\u00dfen zwischen Buntheit und Verfall durch gek\u00e4mpft habe, ersp\u00e4he ich eine weitere Br\u00fccke \u00fcber den Lopan und dahinter spitzt die rote Markthalle in den sp\u00e4ten Nachmittag. Gegen\u00fcber ist auch der Eingang zur Metro Tsentralny Rynok, so langsam beginnt sich ein weiterer Kreis zu schlie\u00dfen. Das Gel\u00e4nde ist rundum uneben, einfach, vereist, grau, Stra\u00dfen mit vielen Autos, mit gut funktionierenden Zebrastreifen und Reklametafeln an den H\u00e4userw\u00e4nden. In der wunderbaren Markthalle selbst wird gerade eingepackt, eine ukrainische Verk\u00e4uferin versucht, noch ein letztes St\u00fcck Speck an mich zu verkaufen, ich lehne dankend ab und spaziere nach drau\u00dfen, umrunde die Halle und sehe eine Art Restaurant mit Aufkleber der Speisen an den W\u00e4nden. Und so nehme ich meinen Mut zusammen. Die erste T\u00fcr, die ich \u00f6ffne, ist eine B\u00e4ckerei, es sieht gut aus, jedoch steht mir nicht der Sinn nach Gebackenem. Hinter der zweiten T\u00fcr nebenan offenbart sich&nbsp; jedoch ist eine Gastst\u00e4tte. Die schwere Holzvert\u00e4felung an den W\u00e4nden scheint f\u00fcr die Ewigkeit gemacht, ebenso der steinerne, an Marmor gemahnende Boden. Aber alles scheint hergerichtet f\u00fcr die werkt\u00e4tigen Massen, es wirkt einfach und gut. Etliche Bilder h\u00e4ngen an W\u00e4nden, zeigen Ikonen, zeigen Landschaft. Die Wirtin am Tresen blickt mich mit ihren eisblauen Augen an, versteht aber kein Englisch. Wahrscheinlich bin ich \u00fcberhaupt der einzige, der hier jemals Englisch gesprochen hat. Drei, vier M\u00e4nner sitzen an den wenigen Tischen, l\u00f6ffeln Suppe, brechen Brot. Sie werden nicht viel Geld haben, wie hier viele M\u00e4nner eine Art H\u00e4rte ausstrahlen, gepr\u00e4gt durch die K\u00e4lte und die kargen L\u00f6hne gepaart mit harter Arbeit. Die Frauen k\u00f6nnen h\u00fcbsch sein, sehr h\u00fcbsch sogar. Wenn sie das Leben hier nicht welken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ich habe Gl\u00fcck, auf der Speisekarte sind einige Fotos der Speisen abgebildet, die Schrift ist aber aber sowohl ukrainisch als auch russischrussisch. Ich bestelle eine Suppe, und Schaschlik, das leider aus ist. Daf\u00fcr gibt es kleine gef\u00fcllte Teigtaschen, die sich sp\u00e4ter als Pelmeni herausstellen und ein ukrainisches Bier. Aus einem Fernseher dudeln Musikvideos, die kleine Gaststube wirkt sehr sauber und klar und ich freue mich auf&#8217;s Essen. Ich habe tats\u00e4chlich es geschafft, in einer Wirtschaft ohne Sprachkenntnis und Essensauslage etwas zu bestellen, ein freudiger Schauer durchrieselt mich, f\u00fchle etwas wie stolz oder die Gewissheit, meine \u00c4ngste wieder einmal besiegt zu haben. Man h\u00e4tte ja auch zu McDonalds gehen k\u00f6nnen oder in einen Laden, der auf die wenigen Touristen ausgerichtet ist. Meist ist es aber am besten, wenn man dort ist, wo auch die Menschen hingehen, die hier leben. Egal wo auf der Welt.<\/p>\n<p>Das Essen kommt, die Suppe ist prima, das Bier auch und auch die etwas sp\u00e4ter kommenden Pelmeni &#8211; als ich den Laden verlasse, bin ich pappsatt. Um die 100 Gwirna habe ich bezahlt, keine drei Euro. Ich lege noch etwas drauf und denke mir: Hier komme ich noch einmal her. Ich sollte Wort halten, soviel sei gesagt. Mittlerweile ist es dunkel geworden, ich wandere nach links, dort in etwa m\u00fcsste meine Unterkunft sein. Ich passiere L\u00e4den, von denen sich mir nicht erschlie\u00dft, wozu sie gut sind, es ist von au\u00dfen nicht zu erkennen. In einen sp\u00e4he ich hinein, hier werden Hemden verkauft, es wirkt wie ein hipper Secondhand Laden in Berlin Anfang 2000. Aber Hipster halten sich hier in Grenzen, hier kaufen die, die hier leben. Keine 10 Minuten sp\u00e4ter bin ich wieder am Hotel, \u00f6ffne die Tore, erst eins, dann zwei, dann drei und alsbald ruhe ich mich auf meinem Bett aus. Kiew hat mich umschlungen, Charkiw musst du dir erarbeiten. Abseits der gro\u00dfen Stra\u00dfe wirkt es un\u00fcbersichtlich, rau, matschig, vereist, feucht. Und ich bin hier im Zentrum. Wie mag es wohl jenseits des Boulevards, der pr\u00e4chtigen Kirchen und m\u00e4chtigen Pl\u00e4tze aussehen? Der Marsch zum Stadion wird es morgen zeigen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter mache ich mich noch einmal auf den Weg, vorbei an der Mari\u00e4-Verk\u00fcndigungs-Kathedrale, doch diesmal gehe ich nach unten am Fluss entlang, gegen\u00fcber wartet eine Pizzeria am Ufer auf Kundschaft. Eine n\u00e4chste Br\u00fccke f\u00fchrt mich an einen weiteren gro\u00dfen Platz, hier scheint das Ende der Sumska Street zu liegen, ein kleiner Wolkenkratzer, erinnernd an das Empire State Building leuchtet bunt bestrahlt in die Nacht. Der Platz wirkt gleicherma\u00dfen bunt und belebt, die Verkehrsfl\u00e4che f\u00fcr Autos ist riesig, die Ampeln aber funktionieren und ein jeder h\u00e4lt sich daran. Ich wandere wieder hoch zum vereisten Springbrunnen, der jetzt ebenso beleuchtet wird, wie das Denkmal zuvor und die Kathedrale dahinter, magische, nahezu unwirkliche Bilder, die spacige Buntheit inmitten der schwarzwei\u00dfen Schneeeisberge. Ein Ukrainer spricht mich an, ob ich mit ihm und seinem Kumpel an Foto machen k\u00f6nnte. Ich kann zwar kein russisch, aber daf\u00fcr ein Foto schie\u00dfen und prompt stellt sich heraus, dass die Jungs zwar russisch k\u00f6nnen, zumindest einer davon, de facto aber aus Frankfurt kommen und zur Whats App Gruppe aus dem Forum geh\u00f6ren. Wir quatschen ein Weilchen, ich lichte sie ab und lande alsbald in einem winzigen Caf\u00e9, dem Sweeter. Zwei andere Jungs werkeln hinter dem Tresen, ich ordere einen Tee und blicke durchs Fenster auf die belebte Stra\u00dfe. Auch hier ist ein guter Ort; der lose Tee wird per Hand in ein Beutelchen gef\u00fcllt, ab und an kommt jemand herein und holt sich einen Becher Tee oder Kaffee zum Mitnehmen, der Laden wirkt unaufgeregt, modern. Wenn ich wollte, k\u00f6nnte ich sogar auf einem gro\u00dfen Monitor zocken. Nur ein paar Schritte weitere, verbirgt sich das Baconnier, eine Bar, die einen guten Eindruck macht, als ich durchs Fenster linse. Ich laufe daran vorbei und denke mir ein paar Schritte weiter:&nbsp; Weshalb gehst du eigentlich nicht mal rein? Das ist ja nicht immer so einfach, wenn du alleine bist. Man wei\u00df jedoch gar nicht so recht weshalb und wovor man eine Form der Angst hat.<\/p>\n<p>Eine bunte Ansammlung von Leuten sitzt in der Bar, sie quatsche und trinken &#8211; gro\u00df aber ist das Ganze nicht. Die h\u00fcbsche Bedienung aber hat alle H\u00e4nde voll zu tun. Ich setze mich an den Tresen, lasse einen Hocker neben einem dort sitzenden Charkiwer frei und bestelle ein Bier sowie das Wifi Passwort. Ich verstehe achtacht. Und so tippe ich. EightEight, eight eight, 88, aber nichts passiert. Mein Sitznachbar sieht mir eine Weile zu und meint dann: Acht mal die Ziffer acht. Ich bin erstaunt, dass ein Ukrainer hier so gut Deutsch kann. Vor allem, da er sich schnurstracks mit mir \u00fcber die Eintracht unterh\u00e4lt. Kurz und gut, der Ukrainer kommt aus K\u00f6ln, hei\u00dft Andreas, ist gl\u00fchender Eintrachtanh\u00e4nger und war genau wie ich mit der Eintracht in Nikosia und Rom und zudem haben wir gemeinsame Bekannte. Abgesehen davon, dass er den Namen &#8222;Beve&#8220; kannte. Tja, Kinners, so klein ist die Welt.<\/p>\n<p>Wir verstehen uns gut, trinken zwei Bierchen w\u00e4hrend die Bedienung unentwegt Schnaps in kleine Gl\u00e4ser f\u00fcllt, Bier zapft und kassiert &#8211; und brechen dann in unterschiedliche Richtungen auf. Er trifft sich mit Kumpels und ich will Freddy abholen, der demn\u00e4chst mit dem Zug aus Kiew hier landen wird. Wie gut, dass ich die Station Tsentralny Rynok jetzt kenne. Zuvor habe ich mir mal aus Neugier ein Metroticket gezogen, dieses kommt jetzt zum Einsatz, tiefe Rolltreppen f\u00fchren wie schon in Kiew nach unten und schon rauscht die Bahn an. Nach zwei Stationen erreiche ich den Bahnhof an dem auch ich heute Mittag gelandet bin. Nach wenigen Schritten bin ich von der Metrostation am Haupteingang des Bahnhofs und da erkenne ich auch schon Freddy mit seinem Rucksack. Sonst sehen wir uns im Museum, jetzt High Five, 2.500 km von zuhause entfernt.<\/p>\n<p>Nachdem er sich am Cash Automaten ein paar Taler zogen hat, schwingen wir uns erneut in die Bahn, fahren zur\u00fcck in die City und trinken zur Begr\u00fc\u00dfung noch einen Wodka sowie ein Bier. Freddy will bald weiter. W\u00e4hrend der Rest der Eintrachtler rund um die City \u00fcbernachtet, hat er seinen Schlafplatz irgendwo im Osten Charkiws \u00fcber Couchsurfing geordert. IM OSTEN CHARKIWS. Da musst du auch erst einmal darauf kommen. Freddy macht sich auf die Socken und da sich Matze kurz gemeldet hat und nur wenige Meter entfernt mit Freunden in einer Kneipe sitzt, mache ich noch einen Schlenker genau dorthin. Und da sind sie alle: Matze und \u00d6ri, Susi und Boris, Gerhard und Thor. Nur die Kneipe ist im Begriff zu schlie\u00dfen. Und wie das so ist, wird kurzerhand beschlossen, noch eine weitere Spelunke aufzusuchen. Keine 15 Minuten sp\u00e4ter landen wir in einer mond\u00e4nen Disco. Irgendjemand ruft: &#8222;Der Eintritt ist frei&#8220; und wir geben die M\u00e4ntel und Jacken ab und stolpern hinein, bewacht von selbstbewussten Security Leuten. Drinnen tobt der B\u00e4r, h\u00fcbsche junge M\u00e4dels tanzen im bunten Licht zur Musik des DJs, junge Kerle mit wei\u00dfen Hemden umgarnen die M\u00e4dels, wir finden Platz an einem gro\u00dfen Tisch, die freundliche Bedienung bringt Bier um Bier und so tauchen wir ein in eine weitere buntsurreale Welt inmitten der Charkiwer Nacht. Musik, Tanzen, Lachen, Reden, der Abend saust vorbei wie Okocha weiland vor Oliver Kahn und sp\u00e4t in der Nacht laufe ich mit Boris, der nicht weit weg von mir \u00fcbernachtet, runter zur Kathedrale bis sich unsere Wege trennen.<\/p>\n<p>Mit zittrigen Fingern tippe ich die Zahlenkombinationen in die Schl\u00f6sser, knacke eines nach dem anderen bis ich oben bin. Nat\u00fcrlich \u00f6ffne ich aus Versehen die falsche T\u00fcr, murmle ein &#8222;Sorry&#8220; und verschwinde im Raum Nummer 1, wo ich auch hingeh\u00f6re. Wenige Minuten sp\u00e4ter falle ich ins Bett und wundere mich, was ich den vergangenen 20 Stunden seit ich mein Zimmer in Kiew verlie\u00df, alles erlebt habe. Das war schon eine Menge. Und als ich mich so wundere fallen mir die \u00c4uglein zu und ich falle in einen tiefen Schlaf. Morgen ist Matchday, morgen spielt die Eintracht, morgen werde ich im Flutlicht im Stadion in Charkiw stehen und <em>Eintracht<\/em> br\u00fcllen. Ist das nicht krass? Und morgen um neun Uhr soll mein Fr\u00fchst\u00fcck ins Zimmer kommen. Das ist bald noch krasser. Vielleicht bin ich ja schon wach.<\/p>\n<p>Hier findet ihr die anderen Teile des Reiseberichts:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13250\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil I<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13340\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil III<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=13405\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Teil IV<\/a><\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schrecke aus einem kurzen und scheinbar traumlosen Schlaf hoch. Und greife hastig nach dem Handy. Wie sp\u00e4t ist es? Habe ich verschlafen? Die Uhr zeigt kurz vor f\u00fcnf, und just in diesem Moment beginnen die Wecker zu summen. Beziehungsweise ert\u00f6nt &#8222;Enjoy the silence&#8220; in einer Coverversion von Nada Surf. Puh, ich bin rechtzeitig wach, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":13332,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[19,9,10,12],"tags":[2222,1823,1329,2221,2220],"class_list":["post-13296","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-auswarts","category-eintracht-frankfurt","category-photographie","category-wortwelt","tag-charkiw","tag-eintracht-frankfurt","tag-europacup","tag-kiew","tag-ukraine","post-preview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13296"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13499,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/13296\/revisions\/13499"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/13332"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=13296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=13296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}