{"id":12745,"date":"2018-02-21T12:10:01","date_gmt":"2018-02-21T11:10:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12745"},"modified":"2018-02-21T12:39:18","modified_gmt":"2018-02-21T11:39:18","slug":"montag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12745","title":{"rendered":"Montag"},"content":{"rendered":"<p>Nun liegt es hinter uns, das erste ohne Not und Zugzwang auf einen Montagabend gelegte Bundesligaspiel &#8211; und es ist immer noch in aller Munde. Es war aber auch ein taktischer Geniezug seitens der DFL, just die Partie zwischen der Frankfurter Eintracht und Leipzig, dem Verein, der einen Fu\u00dfballabend am Montag h\u00f6chstselbst verk\u00f6rpert, als erstes Spiel exklusiv auf einen Montag zu legen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Und dieses Spiel wird aus zweierlei Gr\u00fcnden im Ged\u00e4chtnis bleiben. Einerseits sorgte die Eintracht mit ihrem Auftritt auf dem Rasen daf\u00fcr, nach \u00fcberragender Leistung besiegte die Mannschaft mit dem wiedergenesenen David Abraham Leipzig hochverdient mit 2:1 und schob sich auf den dritten Tabellenplatz vor. Andererseits wirkten massive Proteste seitens der Eintrachtfans weit \u00fcber Deutschland hinaus. Das Schlimmste an diesem Montag aber war, dass ich nicht dabei war. Krank hing ich im Bett und verpasste den kompletten Auftritt, den ich dank Henning aber zumindest auf Eurosport sehen konnte. Bis kurz vor Anpfiff \u00fcberlegte ich noch, zu fahren &#8211; aber es ging einfach nicht.<\/p>\n<p>Es war selbst vor dem TV ein denkw\u00fcrdiger Abend, der trotz leichter Ausf\u00e4lle auch recht sachlich kommentiert wurde, vielleicht die erste \u00dcberraschung des Abends. Feldreporter Christian Ortlepp wusste zwar nicht so ganz genau, worum es geht, im Studio aber wussten sie Bescheid und unterlie\u00dfen jegliche Skandalisierung in der Moderation. Und selbst das Sammersche Bonmot &#8222;der Fu\u00dfball war vor den Fans da&#8220; ist nicht von der Hand zu weisen, wobei der Montag ja auch schon vor dem Fu\u00dfball da war.<\/p>\n<p>Die gesamte Fanszene der Eintracht stand hinter den Protesten, die sich in massenhaften Bannern und ver\u00e4ndertem Support (Trillerpfeifen vs Stille) artikulierten. Zudem wurde vor dem Spiel der Zugang zum Spielfeldrand ge\u00f6ffnet, um Banner zu platzieren und vor Beginn der zweiten H\u00e4lfte flogen etliche Tennisb\u00e4lle in den Strafraum. Beide Aktionen verhinderten zwar einen p\u00fcnktlichen Anpfiff, waren aber medientechnisch h\u00f6chst wirksam. Und da klar war, dass die Eintracht mitspielte und einen gro\u00dfen Vertrauensvorschuss gab, blieb alles friedlich. Keine B\u00f6ller, keine Fackeln, niemand rannte \u00fcber den Platz und wie aus dem Nichts tauchten die Ghostbusters auf und bliesen die B\u00e4lle mit Laubbl\u00e4sern vom Feld. Selbst der Leipziger <del>Jammerlappen<\/del> Spieler Islanker ist nicht erfroren, einer der ganz wenigen, die \u00fcbrigens im Verh\u00e4ltnis zu den anderen 46.000 weder in \u00fcberf\u00fcllten Bahnen anreisen, noch durch den kalten Winterwald laufen mussten, um Stunden vor Anpfiff der K\u00e4lte ausgesetzt zu sein. Aus den Boxen erklang: &#8222;I don&#8217;t like mondays&#8220; von den Boomtown Rats. Eine sch\u00f6ne Idee, sieht man einmal davon ab, dass &#8222;I don&#8217;t like mondays&#8220; die Antwort einer jungen Sch\u00fclerin auf die Frage war, weshalb sie gerade ein Schulmassaker angerichtet habe &#8211; also nur vom Titel passt, aber nicht vom Inhalt. Dies nur am Rande.<\/p>\n<p>Stichwort: Mannschaftliche Geschlossenheit. Sowohl die Jungs auf dem Rasen unter Niko Kovac als auch die Fanszene im Zusammenspiel mit den Verantwortlichen der Eintracht zeigen derzeit eine Perfomance, die in der Geschichte der SGE wohl einmalig ist &#8211; dazu kommt die gesellschaftspolitische Positionierung des Vereins. Es findet eine unfassbare Profilsch\u00e4rfung statt, die das Wesen der Eintracht auf den Punkt fokussiert. Einerseits die Akzeptanz der Tatsache, dass Auftritte im Konzert der Gro\u00dfen keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sind, gleichwohl die Eintracht selbstbewusst dazu geh\u00f6rt. Dazu kommt, dass Fu\u00dfball ein Spiel ist, der Ball ist nicht der Gegner, sondern dein Freund. Und sie spielen auch Fu\u00dfball. Andererseits die Inszenierung und Zusammenf\u00fchrung einer Leidenschaft, die von den R\u00e4ngen traditionell gelebt wird und derzeit vielleicht am leuchtendsten von Ante Rebic auf dem Platz verk\u00f6rpert wird. Lange Jahre schien dies undenkbar, Teile der Fans zelebrierten ihr eigenes Ding, schossen \u00fcber das Ziel hinaus und standen einer Vereinsf\u00fchrung gegen\u00fcber, die nicht wusste, wie sie damit umzugehen hat. Dies hat sich in den vergangenen Jahren in Frankfurt massiv ge\u00e4ndert, auch und vor allem, weil einzelne Personen in Verantwortung dies so wollten.<\/p>\n<p>Das ist vielleicht der entscheidende Punkt, die Erinnerung an die eigene St\u00e4rke und das eigene Potential; die Wendung in positive Energie ersetzte die Klage \u00fcber mangelnde finanzielle M\u00f6glichkeiten; eine Struktur, die Vereine wie Mainz oder Freiburg seit Jahren mit anderen Inhalten vorgelebt hatten. Bitter ist dabei im Grunde nur, dass das eigentliche Ziel im deutschen Fu\u00dfball der Meistertitel ist &#8211; und die Eintracht, die derzeit nach einer sensationellen Saison auf dem dritten Platz steht (eine Platzierung, die in der Endabrechnung der Bundesligageschichte nie \u00fcbertroffen wurde) nach dem 23. Spieltag trotz aller Power 20 Punkte hinter Bayern M\u00fcnchen liegt. Das hei\u00dft, selbst bei maximaler Aussch\u00f6pfung des Potentials, scheint das Streben zum Olymp derzeit aussichtslos. Nat\u00fcrlich liegen wir uns in den Armen, sollte die Eintracht am Ende der Saison international spielen, keine Frage, es w\u00e4re ein riesiger Erfolg. Und Erfolg misst sich sicherlich nicht nur an Titeln &#8211; aber die Diskrepanz innerhalb der Liga ist und bleibt erschreckend.<\/p>\n<p>Was bleibt? Zum Einen die Gewissheit, dass der Protest gegen Montagsspiele ein symbolischer ist. Nat\u00fcrlich ist f\u00fcr den arbeitenden Menschen ein Spiel am Montagabend nur schwer zu realisieren, dies betrifft aber auch die englischen Wochen am Dienstag oder Mittwoch, die seit Jahren akzeptiert sind &#8211; und dennoch zahlreiche Anh\u00e4nger anziehen. Denn in der Tat, f\u00fcnf Spiele an einem Montag in einer Saison, die &#8211; wenn sie clever gelegt sind &#8211; auch in der N\u00e4he stattfinden k\u00f6nnen (Schalke, Dortmund, Gladbach, Leverkusen, K\u00f6ln) sind machbar, ohne, dass die Welt untergeht. Ein Drama ist <strong>ein<\/strong> Spiel am Montag sicherlich nicht &#8211; aber wir kennen ja unsere Pappenheimer, was eben noch die Ausnahme ist, wird ausgeweitet und gedehnt und erw\u00e4chst zu neuem Alltag, der weiter gedehnt wird. Und die Proteste r\u00fchren nicht an der vermeintlichen Notwendigkeit, montags zu arbeiten. Sie r\u00fchren nicht an den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, die eine Arbeitswoche oft ohne z\u00e4hlbaren Lohn akzeptieren, die trotz Arbeit keine Wohnung bezahlbar machen. Aber dies w\u00e4re auch nicht die Aufgabe von Fu\u00dfballfans. Es w\u00e4re vielleicht die Aufgabe einer SPD, die \u00c4lteren werden sie noch kennen. Der Protest richtet sich v\u00f6llig zu Recht in erster Linie an die v\u00f6llige Unterordnung der Liga an verwertbare Interessen. Und er greift markante Punkte an, er bleibt nicht im Allgemeinen verhaftet.<\/p>\n<p>Fu\u00dfball hei\u00dft nicht, alleine und abgehetzt nach der Arbeit zum Stadion zu rennen, um nach Abpfiff m\u00fcde nach Hause zu fahren, um am n\u00e4chsten Morgen sofort wieder zur Arbeit zu gehen. Fu\u00dfball hei\u00dft Wochenende, Entspannung, das Spiel zelebrieren, gemeinsam zu feiern, Leute zu treffen und im Zweifel am n\u00e4chsten Sonntag morgen mit einem dicken Kopf aufzuwachen, vielleicht mit den Kids zum \u00f6rtlichen Verein zu gehen. Den Kopf frei zu bekommen, von der Last des Alltags, von den Problemen &#8211; und der eigenen Welt eine andere Geschwindigkeit zu geben. Ein Urlaub vom Alltag, der oft genug unverdaulich ist. Fu\u00dfball in der ersten Liga, das hei\u00dft Samstag um halb vier.<\/p>\n<p>Ein Argument f\u00fcr die Montagsspiele sind Ruhephasen nach internationalen Eins\u00e4tzen &#8211; und in der Tat, gerade kleinere Vereine, die eher \u00fcberraschend international spielen, tun sich in der Liga schwer. Sie k\u00f6nnen sich nicht die Kader leisten, die auf hohem Niveau mehrere Wettbewerbe durchstehen k\u00f6nnen. Aber die Crux liegt ja genau in einer v\u00f6llig aufgebl\u00e4hten Champions-League, mit&nbsp; Gruppenphasen, in denen selbst die Verlierer weiter in der Euroleague spielen, eine v\u00f6llig aufgebl\u00e4hte Geldmaschine, nahezu ein Perpetuum mobile, welches seit Jahren die gleichen Vereine in die Lage versetzt, nahezu jeden Spieler zu kaufen &#8211; um stets auf&#8217;s neue die lokalen Wettbewerbe zu dominieren. Und genau diese Vereine werden durch einen zus\u00e4tzlichen freien Tag belohnt, obgleich die Belohnung ja schon in der massiven Geldaussch\u00fcttung liegt. Eine Championsleague, in der selbst Ligavierte teilnehmen. Eine massive Reduzierung dieses Wettbewerbs, an dem nur die Champions teilnehmen, Hin- und R\u00fcckspiel solange, bis zwei Clubs \u00fcbrig bleiben, w\u00fcrde die Belastung deutlich reduzieren. Das gleiche f\u00fcr die Euroleague und dazu einen Wettbewerb f\u00fcr die Pokalsieger unter n\u00e4mlichem Modus &#8211; und schon w\u00e4re alles entzerrter und jede Diskussion \u00fcber Montagsspiele w\u00e4re hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Es scheint in der Tat derzeit nur m\u00f6glich, seitens der aktiven Fans ein Stachel im Fleisch der Verb\u00e4nde aber auch Vereine zu sein, Ausw\u00fcchse zu skandalisieren, auch wenn diese Ausw\u00fcchse nicht der Skandal selbst sind. Der Skandal ist der Alltag, die Akzeptanz von RB Leipzig, die WM in Katar, das Nichtstattfinden von Homosexualit\u00e4t. Interessant dabei ist, dass sich gesellschaftlicher Protest derzeit fast nur beim Fu\u00dfball ad\u00e4quat artikuliert, w\u00e4hrend die Bedingungen unter denen wir sonst leben, in den letzten Jahren von Gruppierungen massiv angegangen werden, deren Hang zu Rassismus, Nationalismus, Antiintellektualit\u00e4t und mentaler Schlichtheit gepaart mit Gewalt gegen Schw\u00e4chere mehr als augenscheinlich ist. Der Fu\u00dfball und insbesondere die Eintracht stellt auch insofern ein Gegenmodell dar, welches sich nicht vom reaktion\u00e4ren Weltbild der Gekr\u00e4nkten leiten l\u00e4sst, sich diesem gar entgegen stellt und dennoch in gro\u00dfen Teilen der \u00d6ffentlichkeit, auch der medialen honoriert wird. Insofern war der Montag in Frankfurt ein gro\u00dfes Statement f\u00fcr alle, denen die Bedingungen nicht egal sind. Aber das Spiel ist noch lange nicht zu Ende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun liegt es hinter uns, das erste ohne Not und Zugzwang auf einen Montagabend gelegte Bundesligaspiel &#8211; und es ist immer noch in aller Munde. 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