{"id":12599,"date":"2017-12-04T11:56:00","date_gmt":"2017-12-04T10:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12599"},"modified":"2017-12-04T20:35:07","modified_gmt":"2017-12-04T19:35:07","slug":"berlin-benny-boateng","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12599","title":{"rendered":"Berlin. Benny. Boateng."},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte ich diesen Winter gar nicht nach Berlin. Aber es kam wie immer so ganz anders als man denkt &#8211; und manchmal ist das auch sehr gut so.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Klar, Berlin ist immer eine Reise wert, Freunde besuchen, durch die Stadt stromern, die Eintracht sehen. Aber nach all den <a href=\"https:\/\/rotundschwarz-kd.blogspot.de\/2017\/12\/das-eintracht-museum-feiert-geburtstag.html?showComment=1512376654605#c3222962768503195907\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Feierlichkeiten<\/a> anl\u00e4sslich des zehnten Geburtstages des Eintracht Museums, der traditionellen Unwirtlichkeit der Hauptstadt im Dezember und den gro\u00dfen Erinnerungen an die Tage rund um das Pokalfinale im Fr\u00fchling, war die Aussicht auf ein gem\u00fctliches Wochenende in der Heimat eine Sch\u00f6ne. Doch als die <a href=\"http:\/\/www.fanabteilung.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fanabteilung<\/a> anfragte, ob ich ein Gespr\u00e4ch mit einem ehemaligen Kicker der Eintracht vor der <a href=\"http:\/\/www.bembelbar.de\/cms\/index.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bembelbar<\/a> moderieren wolle, konnte ich nicht nein sagen. Und als feststand, dass <a href=\"http:\/\/www.eintracht-archiv.de\/koehlerb.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Benny K\u00f6hler<\/a> kommen w\u00fcrde, freute ich mich richtig.<\/p>\n<p>Und so kam es, dass ich mich am Samstag Morgen in rechter Fr\u00fche mit Thomas von der Fanabteilung am Frankfurter Bahnhof traf und wenige Minuten sp\u00e4ter im ICE Richtung Berlin sa\u00df. Im Ruheabteil &#8211; welches ich zuvor gar nicht kannte. Nat\u00fcrlich gab es erstmal viel zu quatschen, doch trotz bed\u00e4chtiger Worte fiel dies auf und so verebbte unser Gespr\u00e4ch langsam aber sicher. Der Blick aus dem Fenster wurde etwas getr\u00fcbt durch die Plastikverbindung der Au\u00dfenwand, der Blick an vorbeiziehende Landschaften endete an jener Abdeckung, aber wir rollten gepflegt und ohne gro\u00dfe St\u00f6rungen durchs Land und landeten p\u00fcnktlich um 13 Uhr im neuen Berliner Hauptbahnhof. Menschen- und Lichtergewimmel, Ebenen und Verwirrung. Der Berliner Bahnhof inklusive Umgebung ist ja auch so eine Sache. Stein und Glas erschlagen dich, Bullerb\u00fc ist anderswo.<\/p>\n<p>Unser Hotel liegt in unmittelbarer N\u00e4he zum Bahnhof, eine kurze Nachfrage bei einem Taxifahrer kl\u00e4rt den Weg und schon beim Check in treffen wir die ersten Eintrachtler. Dankenswerter Weise geh\u00f6rt zum Hotelpaket auch ein Tagesticket f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Nahverkehr, eine gute Sache, die in den folgenden Stunden auch ausgiebig genutzt wird. Zuerst geht es traditionsgem\u00e4\u00df an die Curry Baude am Gesundbrunnen. Wechsel zwischen U- und S-Bahn, Brandenburger Tor, Friedrichstra\u00dfe, Gesundbrunnen &#8211; Gott, wie oft war ich den vergangenen Jahrzehnten in dieser Stadt, die sich gewandelt hat, wie kaum eine andere. Anfang der 80er war ich das erste Mal hier, just an dem Tag an dem Bob Marley starb. Damals wehte der Geist der Christiane F. durch West-Berlin, Brachfl\u00e4chen, Junkieschick, Alternative Szene. Sp\u00e4ter die Wende, Nebel und Technosound im dritten Hinterhof. Und nach der Nachwendezeit die Gentrifizierung. Viele Freunde zogen hierher, manche gingen wieder, andere sind tot und einige blieben &#8211; und auf die freue ich mich immer besonders, wenn ich hier bin.<\/p>\n<p>Und so geht es weiter vom Gesundbrunnen zum Mehringdamm, treffe mich mit Andi bei Curry36, einst die legend\u00e4re Imbissbude, nunmehr wahrscheinlich neben Konnopke der \u00fcbersch\u00e4tzteste Laden in Berlin. Aber der Brauch will, auch hier zu speisen. Sp\u00e4ter laufen wir in der anbrechenden Dunkelheit am Kanal entlang Richtung Kottbusser Tor, erz\u00e4hlen uns Geschichten aus alten Zeiten, beleuchten die Gegenwart. Und wie immer bleibt viel zu wenig Zeit. Im <a href=\"http:\/\/thc.franziskaner-fc.de\/2017\/12\/bembelbar-und-talk-mit-benny-koehler\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Franziskaner<\/a> l\u00e4uft noch das Spiel von Werder Bremen, wir trinken noch einen Tee, treffen Holger auf der Gass und sind p\u00fcnktlich an dem Ort, an dem heute Abend wie so oft die Eintrachtfans rund um das Spiel bei der Hertha in der Bembelbar feiern. Heute aber wird es zum ersten Mal einen Ausw\u00e4rtstalk geben. Die Frankfurter kennen dies ja aus dem Eintracht Museum, nun aber ist die Fanabteilung mit der Idee nach Berlin gekommen, auch den Berliner Adlern die Eintracht zum Anfassen zu pr\u00e4sentieren. Kurz wird die Technik eingestimmt, dann kommt auch schon Benny K\u00f6hler &#8211; und der Laden f\u00fcllt sich. Mit uns ist noch Ronald Noack auf der kleinen B\u00fchne, ein Berliner Urgestein, der seinerzeit das &#8222;B\u00fcndnis antifaschistischer Fu\u00dfballfans&#8220;, kurz <a href=\"http:\/\/aktive-fans.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Baff<\/a>, mit ins Leben gerufen hat.<\/p>\n<p>Benny erz\u00e4hlt aus seiner Berliner Zeit, als er im M\u00e4rkischen Viertel zu Hause war, von seinem Vater zum Kicken gebracht wurde und zeitweilig sogar Fan von Borussia Dortmund war. In der Jugend kickte er bei einigen kleineren Berliner Vereinen, bei Normannia, den Reinickendorfer F\u00fcchsen oder dem FC L\u00fcbars. In der A-Jugend ging es dann zur Hertha, seinen einzigen Einsatz f\u00fcr die Hertha in der Bundesliga folgte dann &#8230; gegen die Eintracht. Vier Minuten durfte er dabei sein, die SGE ging mit 0:4 baden.<\/p>\n<p>\u00dcber den MSV Duisburg und Rot Weiss Essen holte ihn dann Friedhelm Funkel 2004 zur Eintracht &#8211; aus der er \u00fcber acht Jahre nicht wegzudenken war. 229 Ligaspiele absolvierte er im Trikot der SGE, Zweite Liga, Bundesliga, dazu die Eins\u00e4tze im Pokal inklusive Pokalfinale, Europapokal &#8211; in der ewigen Rangliste der Spieler mit den meisten Liga-Eins\u00e4tzen f\u00fcr die Eintracht seit Gr\u00fcndung der Bundesliga steht er auf Platz 16. Nur 15 Kicker haben wir also seit 1963 \u00f6fter gesehen. K\u00f6rbel, Grabi, Nickel, Holz, Bindewald, Nikolov, Falkenmayer, Binz, Meier, Neuberger, Roth, Russ, Schur, Kunter, Trinklein &#8211; wenn wir also von Legenden sprechen, darf der Name K\u00f6hlers nicht fehlen. Eine Erkenntnis, die vielleicht etwas \u00fcberraschend kommt &#8211; an der aber nicht zu r\u00fctteln ist.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch wird deutlich, dass Benny vor allem eines wollte: Kicken. Und dies hat er unter Funkel immer geschafft, zuweilen als linker Verteidiger, meist aber offensiv links, eine Allzweckwaffe, die viel zu sp\u00e4t die Anerkennung fand, die ihm geb\u00fchrte. Nur zu gut erinnern wir uns an die Beschimpfungen, die ihn, aber auch Alex Meier trafen. Aber das hat er weggesteckt, wie sp\u00e4ter auch den Schock der Krebserkrankung, von der er heute als geheilt gilt. Auch wenn die ersten Nachuntersuchungen ihm ein mulmiges Gef\u00fchl verschafften, so geht er heute angstfrei damit um.<\/p>\n<p>Unerkl\u00e4rlich f\u00fcr ihn, wie f\u00fcr uns alle, der Niedergang w\u00e4hrend der R\u00fcckrunde 2010\/11. Klar, die Innenverteidigung war schwach besetzt &#8211; aber getroffen hat die Eintracht auch nicht. Als Christoph Daum dann die Eintracht f\u00fcr den geschassten Michael Skibbe \u00fcbernahm und mit Co-Trainer Roland Koch mit markigen Motivatiosritualen die Mannschaft aufr\u00fctteln wollte, konnte sich Benny wie so viele ein Schmunzeln nicht verkneifen. &#8222;Wir haben mitgemacht, aber so richtig viel konnten wir damit nicht anfangen&#8220;. Den konkreten Abstieg erlebte er nicht mit. Im letzten Spiel in Dortmund wurde er beim Stand von 1:0 f\u00fcr die Eintracht mit einer Gehirnersch\u00fctterung ins Krankenhaus gebracht, bei den Dortmunder Toren lag er im Kernspin und als er die Au\u00dfenwelt realisierte, war die Eintracht abgestiegen.<\/p>\n<p>Doch er blieb den Adlern treu, ging mit ihnen die Zweite Liga und trug mit neun Treffern kr\u00e4ftig zum sofortigen Wiederaufstieg bei. Nach dem Wiederaufstieg kam er nur noch zu wenigen Eins\u00e4tzen, Trainer Armin Veh zog ihm auf seiner Position Takashi Inui vor, die Eintracht st\u00fcrmte als Aufsteiger in Europapokal-Regionen &#8211; und so verlie\u00df er etwas \u00fcberraschend nach 8 1\/2 Jahren die SGE, um in Kaiserslautern anzuheuern. Zwar traf er dort auf die ehemaligen Kollegen Hoffer oder Idrissou, aber gl\u00fccklich wurde er in der Pfalz nicht. Und die Eintracht m\u00fchte sich ohne ihn nur mit Ach und Krach auf Platz sechs, der erst in der letzten Sekunde des letzten Spiels einget\u00fctet wurde. Nach der Saison 2012\/13 lie\u00df er \u00fcber seinen Berater anfragen, ob Union Berlin als neuer Verein in Frage kommen w\u00fcrde &#8211; und so landete er nach Jahren wieder zur\u00fcck in der alten Heimat, in der auch sein \u00e4ltester Sohn lebt.<\/p>\n<p>Nachdem er 2015 einige Zeit mit latenten Bauchschmerzen haderte, ergaben Untersuchungen die bittere Diagnose: Krebs. Geschockt, irritiert, ging er die Genesung an, die Heilungswahrscheinlichkeit war hoch, Union Berlin unterst\u00fctzte ihn und so kehrte Benny K\u00f6hler wieder auf den Platz zur\u00fcck, bis ihn Knieprobleme veranlassten, diesen Sommer seine Karriere zu beenden. Als er von der Erkrankung von Marco Russ erfuhr, meldete er sich spontan &#8211; wohlwissend, dass auch ihm die R\u00fcckmeldung alter Kollegen Kraft gegeben hatte. War K\u00f6hler in jungen Jahren ein kleiner Hallodri, der mit seinen Teamkollegen in der Gallerie oder im Living auch gerne mal gefeiert hat, so lie\u00df ihn seine Krankheit nachdenklicher zur\u00fcck: &#8222;Es ist schade, dass es manchmal eines Schicksalsschlags bedarf, um dar\u00fcber nachzudenken, was wirklich wichtig ist&#8220;. F\u00fcr die Zukunft plant er mit einem Kumpel ein Gesch\u00e4ft aufzuziehen. Erst mal au\u00dferhalb des Fu\u00dfballs, wie er betonte. Und vor Kurzem ist Benny K\u00f6hler erneut Vater geworden, Thomas \u00fcberreichte ihm aus diesem Grunde Eintrachtschnullis und einen Strampler zum Dank an einen aufrichtigen Abend im Franziskaner, gro\u00dfer Beifall wurde unserer einstigen Nummer 7 ebenfalls zuteil, v\u00f6llig zu Recht wie wir meinen. Nur \u00fcber die Ecken haben wir nicht gesprochen &#8230;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird noch schwer gefeiert und es folgt ein langer Abend, bis ich mit meinem Berliner Kumpel Thomas noch auf einen Absacker in die Berliner Nacht verschwinde.<\/p>\n<p>Am folgenden Tag besuche ich noch meine alte Freundin Susi, auch hier verfliegt die Zeit viel zu schnell, aber besser als gar keine Zeit und schon sitze ich wieder in der Bahn Richtung Olympiastadion. Heute kein Pokalfinale bei T-Shirt-Wetter, heute winterkalter Fu\u00dfball im viel zu gro\u00dfen Stadion. Und die Hertha spielt die Eintracht an die Wand, folgerichtig dann das 1:0. So hatte ich mir das vorgestellt. Du frierst dir den Arsch ab, w\u00e4hrend die Eintracht sang und klanglos untergeht. Aber auch hier kommt es anders als gedacht. Die Eintracht trifft nach einer durchdachten Ecke, wahrscheinlich das erste Mal seit Alex Schur anno 2003. Wolf h\u00e4mmert die Kugel zum Ausgleich ins Netz &#8211; und so langsam finde ich ins Spiel. Die zweite Halbzeit geht auch irgendwie vorbei, es schneit und jetzt ist es die Hertha, die ein dominantes Spiel aus der Hand gibt. Und zur Kr\u00f6nung setzt Kevin Prince Boateng, ein weiterer Berliner, den Deckel drauf und ballert die Eintracht mit 2:1 in F\u00fchrung, als alle schon mit einem Remis leben konnten. Ausw\u00e4rtssieg in Kalt-Berlin &#8211; das hatten wir ja jetzt auch nicht so irrsinnig oft. High five.<\/p>\n<p>Die S-Bahn bringt mich zur\u00fcck zum Bahnhof, ich hole im Hotel meinen Rucksack und treffe sp\u00e4ter die Mitreisenden der Fanabteilung an Gleis 7. In Hannover landen wir etwas versp\u00e4tet, m\u00fcssen umsteigen, wir rennen &#8211; und sehen, dass entgegen der Ansagen der Anschlusszug nicht schon weg, sondern sogar noch gar nicht da ist. Und so rollen wir sp\u00e4t am Nachtabend m\u00fcde aber gl\u00fccklich in Frankfurt ein. Die U-Bahn erwische ich auch noch und so latsche ich durch den Winterschnee Richtung Heimat. Dort ist es warm, dort wartet Pia &#8211; und das ist doch sch\u00f6n. Es war ein gro\u00dfes Wochenende &#8211; nur zum Fotografieren bin ich nicht gekommen. Aber das macht nichts. Allen Beteiligten ein gro\u00dfes Dankesch\u00f6n, es waren tolle Stunden in Berlin.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Berlin_1.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-12601\" src=\"http:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Berlin_1-290x290.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"290\" srcset=\"https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Berlin_1-290x290.jpg 290w, https:\/\/www.beveswelt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Berlin_1-50x50.jpg 50w\" sizes=\"(max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte ich diesen Winter gar nicht nach Berlin. 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