{"id":12231,"date":"2017-09-11T11:43:22","date_gmt":"2017-09-11T09:43:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12231"},"modified":"2017-09-11T11:43:22","modified_gmt":"2017-09-11T09:43:22","slug":"und-ueber-der-lahn-stieg-der-nachtnebel-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12231","title":{"rendered":"Und \u00fcber der Lahn stieg der Nachtnebel auf &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>In der Regel braucht es ja nicht viel, um gl\u00fccklich zu sein &#8211; besagt eine alte Weisheit. Ein Freund meinte neulich: &#8222;Du brauchst eigentlich nur 100 Dinge&#8220;. Da ist bei n\u00e4herer Betrachtung viel dran, Nummer Eins w\u00e4re in der hiesigen Zivilisation wohl eine niemals versiegende Kreditkarte. Nummer zwei ein Feuerzeug und Nummer drei <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Donald-Duck-Geheime-Tips-Disney\/dp\/3773549334\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;qid=1505112338&amp;sr=8-2&amp;keywords=geheime+tips+von+donald+duck\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">das praktische Handbuch f\u00fcr Jungen von Donald Duck<\/a> aus den fr\u00fchen Siebzigern.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Pia mit dem gesamten Nachwuchs in Richtung Limburg unterwegs ist und die Eintracht in M\u00f6nchengladbach spielt, haben Chris und ich schon vor L\u00e4ngerem entschieden, uns auf gem\u00e4chlichen Pfaden Richtung Taunus und Lahn aufzumachen. Unser Gef\u00e4hrt ist Rudi, ein \u00fcber 40 Jahre alter Case International 433 Traktor, satte 34 PS, H\u00f6chstgeschwindigkeit knapp \u00fcber 20 km\/h, auf dem Buckel kaum 3000 Arbeitsstunden, Farbe: Rot.<\/p>\n<p>Schon der Start der Tour ist bemerkenswert, ich kenne in Hofheim ja nicht wirklich viele Leute, aber das nahezu alle zuf\u00e4llig bei uns vorbei marschieren, ist erstaunlich. W\u00e4hrend Matze und Nicoletta uns bei ihrem Wochenendeinkauf entdecken, f\u00e4llt Anke aus der T\u00fcr um die Ecke. Ein gro\u00dfes Hallo &#8211; und schon tuckern wir \u00fcber die Hauptstra\u00dfe, Chris, der Trecker, ein kleiner Anh\u00e4nger und ich. Die ersten Kinder winken uns fr\u00f6hlich zu.<\/p>\n<p>Im Gep\u00e4ck haben wir die wasserdicht verpackten Utensilien f\u00fcr eine \u00dcbernachtung, Zelt, Schlafs\u00e4cke, Grill, Donalds praktisches Handbuch, Handy und ein paar Werkzeuge. Beim Bauern Str\u00f6ll vom Lindenhof in Hofheim gibt es dann den Rest, Hausmacher Wurst, \u00c4bbelwoi und ein kleines Schw\u00e4tzchen mit dem Bauern, der uns h\u00f6chstpers\u00f6nlich verabschiedet. Immer wieder parkt derweil ein SUV vor dem Laden, so geht Bio heute.<\/p>\n<p>Dann schiebt sich der Trecker \u00fcber die Stra\u00dfe, der Anh\u00e4nger hoppelt bei jedem Schlagloch ein bisschen in die H\u00f6he, das gleiche gilt&nbsp; f\u00fcr den Beifahrer, der sich oben auf dem Sitz \u00fcber dem Hinterrad einklemmt und ungefedert an die Decke h\u00fcpft. 20 km\/h k\u00f6nnen ganz sch\u00f6n schnell sein, wenn du \u00fcber Unebenheiten bretterst. 20 Kilometer sind aber auch ganz sch\u00f6n langsam, wenn du hinter ihnen her z\u00f6ckelst, Die \u00dcberholman\u00f6ver der PKWs hinter uns sind teilweise arg waghalsig, als ob aus einer Kurve noch nie ein Motorrad aus entgegen gesetzter Richtung kam. Uns k\u00fcmmert es wenig, \u00fcber Kelkheim und Fischbach rollen wir am Zauberberg in Ruppertshain vorbei Richtung Schlo\u00dfborn und Glash\u00fctten. Je kleiner die Stra\u00dfen, umso besser. Der Motor tackert in sch\u00f6ner Konzertlautst\u00e4rke, wir ziehen uns Ohrensch\u00fctzer, die den L\u00e4rm etwas d\u00e4mpfen, \u00fcber die Lauscher, alte Ohren wollen geschont werden.<\/p>\n<p>Der Trecker hatte vor Jahren ein Verdeck spendiert bekommen, seinerzeit eine kostspielige, aber n\u00fctzliche Erg\u00e4nzung. Du hast bei Regen ein Dach \u00fcber den Kopf und eine gro\u00dfe Fensterfront, die im Zweifel N\u00e4sse und Wind abh\u00e4lt, der Scheibenwischer ist allerdings eher einem Goggo entnommen, aber wir werden ihn nicht brauchen. Vor uns entfalten sich die H\u00fcgel und T\u00e4ler des Taunus in sattem Sp\u00e4tsommergr\u00fcn, nach jeder Biegung ein neues Panorama. Fahren wir auf der Landstra\u00dfe durch W\u00e4lder riecht es nach Feuchtigkeit und Wald, nur wenn das Verdeck geschlossen ist, mengt sich der Diesel mit der Natur. Bremsen kannst du mit dem Trecker kaum und wenn, dann \u00fcber das m\u00e4chtige Getriebe, die G\u00e4nge aber wollen beherrscht werden; wenn du nach unten rollst und bei hoher Drehzahl runterschalten willst &#8211; vergiss es. Zweieinhalb Tonnen schieben m\u00e4chtig &#8211; und so ist die Beherrschung des Gef\u00e4hrts selbst bei 20 Kilometern die Stunde stets eine kleine Aufgabe, vor allem wenn du einen PKW gewohnt bist. Wir fahren abwechselnd, Chris beherrscht das Gef\u00e4hrt recht gut, immerhin geh\u00f6rt er ihm, und auch ich fahre nicht das erste Mal solch einen Kameraden. Zuletzt bin ich vor ein paar Jahren mit Arndts Ferguson rund um die Kapersburg geknattert. Die Gedanken schweifen ab, ich denke an die Kindheit, als in dem Ort, in dem meine Mutter gro\u00df geworden ist, M\u00f6mlingen, unser Nachbar einen knallroten G\u00fcldner besa\u00df, in dem wir oft auf die Felder gefahren sind, im H\u00e4nger Weizen oder \u00c4pfel, die zum Keltern gebracht wurden. Der Nachbar lebt schon lange nicht mehr und wer wei\u00df, ob der alte G\u00fcldner noch irgendwo steht.<\/p>\n<p>W\u00fcstems, Reichenbach, Riedelbach hei\u00dfen die n\u00e4chsten Orte, auf den H\u00fcgeln drehen sich m\u00e4chtige Windr\u00e4der. Von Riedelbach aus geht es in den Wald, neben einem alten Sportplatz inmitten von B\u00e4umen befindet sich ein kleiner Segelflugplatz, wir rasten erstmals. Bauernbrot, Presskopp, Leberwurst und \u00c4bbelwoi. Zwei Menschen kommen vorbei und entschuldigen sich, dass sie auf unserem Segelflugplatz Drachen haben steigen lassen. Wir nicken wohlwollend und kauen weiter. Dann geht es durchs Gr\u00fcn am Eichelbacher Hof vorbei Richtung Hasselbach, weiter nach Haintchen und M\u00fcnster. Die Eintracht f\u00fchrt derweil in Gladbach mit 1:0.<\/p>\n<p>In den Ortschaften h\u00e4ngen fein s\u00e4uberlich Wahlplakate f\u00fcr die kommende Bundestagswahl, eines der AfD sogar in greifbarer H\u00f6he. Kurz und knackig werden von den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen Slogans publiziert, die in drei Wochen niemanden mehr interessieren. &#8222;Digital first, Bedenken second&#8220; ist in greifbarem Deutsch zu lesen. Oder: &#8222;Schulranzen ver\u00e4ndern die Welt, nicht Aktentaschen.&#8220; Ich habe es meinem alten Ranzen gesagt, doch dieser hat mich nur schweigend angeschaut, ich meinte, eine leichte Traurigkeit in seinem Blick wahrzunehmen. Auch Windr\u00e4der sind hier nicht gerne gesehen, davon k\u00fcnden gro\u00dfe Banner in diversen Schaufenstern. &#8222;F\u00fcr die Natur, gegen Windr\u00e4der&#8220; schreiben sie. Man k\u00f6nnte jetzt auch die Stra\u00dfen begr\u00fcnen, aber davon wollen sie nat\u00fcrlich nichts wissen. Vor den Plakaten parken Autos. Und wenn dereinst statt Benziner Elektroautos dort parken, dann kommt der Strom immer noch aus der Steckdose.<\/p>\n<p>Hinter M\u00fcnster geht es nach Aumenau und auf den fr\u00fchen Abend zu, die Eintracht steckt in der Nachspielzeit und f\u00fchrt immer noch 1:0, wir tuckern Richtung Elkerhausen, verfranzen uns kurz auf der Suche nach einer \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit, was aber den 34 PS und dem zweiten Gang nur ein Grinsen wert ist und fr\u00e4sen uns einen Feldweg auf der anderen Seite nach oben. Hinter uns der Wald, vor uns eine abgem\u00e4hte nach unten fallende Wiese und dazu einen Blick \u00fcber das Lahntal Richtung Limburg. Hier bleiben wir. Kahle Fl\u00e4chen am Wiesenrand zeugen von suhlenden Wildschweinen, im feuchten Gras tanzen die Nacktschnecken Polka. Ein kleiner Regenschauer w\u00e4scht f\u00fcr uns noch einmal alles sauber, dann bauen wir an einer der wenigen geraden Fl\u00e4chen unser Zelt auf, sammeln ein paar H\u00e4nde voll lange getrocknetes Astholz, packen ein paar Steine auf die Wiese, legen die Grillschale oben auf und blicken rauchend auf Schemeln sitzend ins Tal. Die ersten Lichter gehen drunten an, die D\u00e4mmerung legt sich \u00fcber uns, hinter dem Wald beginnt der Mond zu leuchten und leiser Nebel steigt von der Lahn auf. Kaum sind die Bratw\u00fcrste durchgegrillt, erwischt uns ein n\u00e4chster Schauer. Wir harren der Dinge im gesch\u00fctzten Traktor. Nach wenigen Minuten ist zwar alles nass, jedoch nicht die wichtigen Dinge und so feuern wir mit dem Sammelholz in der Grillschale ein Nachtfeuer an. Mit einem Glas \u00c4bbelwoi in der einen, einer Cigarette in der anderen Hand blicken wir Richtung Westen und trocknen die Schuhe am Feuerchen. Unsere Musik ist das Rauschen der Wipfel und der Ruf der Waldv\u00f6gel. Nebenan wacht treu Rudi, der Trecker, wie ein alter Sch\u00e4ferhund \u00fcber uns. Die Eintracht aber hat tats\u00e4chlich in Gladbach gewonnen.<\/p>\n<p>Der fr\u00fche Morgen bringt uns einen Darjeeling Tee, eine Spazierg\u00e4ngerin mit Hund und Handy und sp\u00e4ter den \u00f6rtlichen J\u00e4ger im VW Passat, der uns zun\u00e4chst belehrt, dass wir hier gar unerlaubt seien, anschlie\u00dfend aber \u00fcber Trecker und die Natur fachsimpelt. Sogar die dr\u00e4ngendsten Fragen werden gekl\u00e4rt: Weshalb ist oben am Waldrand an einigen Stellen ein Netz gespannt? Um die Anpflanzung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Topinambur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Topinambur <\/a>zu sch\u00fctzen. Weshalb ist die Wiese in den ersten Metern vom Wald an nicht gem\u00e4ht? Weil sie zu feucht war und zudem mit Disteln versetzt ist. Und wir wissen jetzt, dass wir punktgenau auf der Grenze zwischen Aumenau und Elkerhausen gen\u00e4chtigt hatten. Der J\u00e4ger verabschiedet sich winkend, \u00fcber uns steht ein Wildvogel flatternd in der Luft, der sich wenig sp\u00e4ter auf eine Maus im Feld st\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Wir packen gem\u00e4chlich zusammen und tuckern langsam wieder Richtung l\u00e4ndliche Zivilisation. Die Klamotten riechen nach Wald und Rauch. In Villmar holen wir uns ein erstes kleines Fr\u00fchst\u00fcck an einer Tankstelle. Andere sitzen in der Tanke beim Fr\u00fchschoppen, M\u00fcnzen wandern in die Geldautomaten, hoffend auf ein kleines Gl\u00fcck. Sp\u00e4ter rollen wir \u00fcber eine Br\u00fccke aus echtem Marmor Richtung Runkel. Motorradfahrer sind unterwegs, Wandersleut, die \u00fcber die zweit\u00e4lteste Lahnbr\u00fccke spazieren ebenso. Am Denkmal f\u00fcr K\u00f6nig Conrad gibt es ein zweites, handfesteres, Fr\u00fchst\u00fcck mit Blick \u00fcber die Lahn. Radler sind unterwegs, es verspricht ein sch\u00f6ner, sonniger und trockener Fr\u00fcherbsttag zu werden.<\/p>\n<p>Weiter geht es \u00fcber Brechen, Erbach und Bad Camberg Richtung W\u00fcrges. Die \u00f6rtlichen Autoh\u00e4ndler pr\u00e4sentieren immer wieder Oldtimer, wer einen B-Kadett oder A-Rekord sucht, k\u00f6nnte hier f\u00fcndig werden. Wieder hat es manch Autofahrer hinter uns recht eilig, wir aber halten die Spur und tuckern \u00fcber Heftrich und Ehlhalten \u00fcber die D\u00f6rfer. Fast an jedem Ortseingang k\u00fcnden Schilder von einer kommenden oder zur\u00fcck liegenden Kerb, wir k\u00f6nnten Gladiolen oder Sonnenblumen schneiden oder uns mit K\u00fcrbissen versorgen. Das machen wir aber nicht, wir rollen stattdessen nach Eppstein und von dort hoch zum Kaisertempel mit fantastischem Blick \u00fcber Eppstein und die umliegenden H\u00fcgel, die Sonne gl\u00e4nzt, die Solarzellen auf den D\u00e4chern spiegeln die Strahlen gl\u00e4nzend zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Kilometer werden die letzten sein, langsam macht sich auch das Ger\u00fcttel und Gesch\u00fcttel des Treckers bemerkbar, leichte Dr\u00f6hnung im Sch\u00e4del begleitet uns auf den letzten Metern durchs Lorsbacher Tal Richtung Hofheim. Und kaum sind wir in Hofheim eingerollt, schreiben Matze und Nicoletta, dass sie uns soeben vom Wald aus gesehen h\u00e4tten &#8211; auch so hat sich ein kleiner Kreis geschlossen. Als wir am Hoftor ankommen, blicken Kinder uns und vor allem den Trecker freundlich an. Die begleitenden Erwachsenen haben auch eine Geschichte zu erz\u00e4hlen, so ein Traktor weckt Erinnerungen und wird fast immer willkommen gehei\u00dfen. Wer Traktor f\u00e4hrt, kann kein b\u00f6ser Mensch sein, so scheint es; der Trecker erinnert, vor allem wenn er \u00e4lter ist, an eine untergegangene Welt, in der Vater, Onkel, Gro\u00dfvater selbst noch selbstverst\u00e4ndlich \u00fcber die Felder pfl\u00fcgten, das Heu staubte und die \u00c4pfel noch auf den B\u00e4umen hingen und nicht in Plastik verpackt im Supermarkt. Eine untergegangene Welt, die wir alle lieben, da wir sie als nat\u00fcrlicher empfinden und an deren Abschaffung doch alle mitarbeiten. &#8222;Digital first, Bedenken second.&#8220;<\/p>\n<p>Wir parken H\u00e4nger und Rudi, dann schnappe ich meine wasserdichte Tasche, verabschiede mich von Chris mit Dank und marschiere zum Hofheimer Bahnhof. Nach wenigen Minuten kommt die Bahn, die T\u00fcren \u00f6ffnen sich und verschlingen mich, die Zivilisation hat mich wieder. An der Konstablerwache bep\u00f6belt eine Frau alles und jeden, die F\u00fc\u00dfe des Mannes vor mir stecken nicht in Wander- sondern in Zehenfu\u00dfschuhen und eine Figur, die sonst silbern bemalt im historischen Kost\u00fcm still als Fotomotiv vor dem R\u00f6mer verharrt, tippt sitzend an der Stra\u00dfenbahnhaltestelle in ein Handy. Oh schn\u00f6de Welt, du hast mich wieder. Zuhause wartet Pia auf mich. Das ist gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Regel braucht es ja nicht viel, um gl\u00fccklich zu sein &#8211; besagt eine alte Weisheit. Ein Freund meinte neulich: &#8222;Du brauchst eigentlich nur 100 Dinge&#8220;. Da ist bei n\u00e4herer Betrachtung viel dran, Nummer Eins w\u00e4re in der hiesigen Zivilisation wohl eine niemals versiegende Kreditkarte. 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