{"id":12110,"date":"2017-06-24T12:39:51","date_gmt":"2017-06-24T10:39:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12110"},"modified":"2017-06-26T14:40:29","modified_gmt":"2017-06-26T12:40:29","slug":"zwischen-erfolg-und-verfolgung-eine-ausstellung-in-frankfurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12110","title":{"rendered":"&#8222;Zwischen Erfolg und Verfolgung&#8220; &#8211; Eine Ausstellung in Frankfurt"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem 15.06.2017 ist sie nun in Frankfurt zu sehen, die Ausstellung &#8222;Zwischen Erfolg und Verfolgung&#8220; in Erinnerung an j\u00fcdische Spitzensportler, welche bis April 1933 hocherfolgreich in ihren Sportarten waren, Deutsche Meister, Europameister, Weltrekordler, Olympiasieger. Nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten waren ihre Karrieren schlagartig beendet &#8211; und zum Teil auch das Leben. Ihr Leben. <!--more--><\/p>\n<p>Erstmals zu sehen war die vom <a href=\"http:\/\/zentrum-deutsche-sportgeschichte.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zentrum deutsche Sportgeschichte <\/a>gemeinsam mit den Universit\u00e4ten Potsdam und Hannover konzipierte Ausstellung anl\u00e4sslich der European Maccabi Games 2015 in Berlin. Anschlie\u00dfend war sie in F\u00fcrth, K\u00f6ln, Husum und Hildesheim zu sehen, jeweils \u00f6ffentlich &#8211; in Berlin vor dem Hauptbahnhof. Bis auf einen kleineren Sachschaden in Husum blieben die Tafeln der Sportler unbesch\u00e4digt, in Frankfurt wurden nur wenige Tage nach Er\u00f6ffnung gleich zwei Tafeln zerst\u00f6rt, ob aus antisemitischen Gr\u00fcnden oder unpolitischem Vandalismus ist bis jetzt ungekl\u00e4rt. Bislang konnten die Figuren von <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=180\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lilli Henoch<\/a> und <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=187&amp;L=1%20AND%201%3D2%20UNION%20SELECT%200x6461726b31636f6465--\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Walther Bensemann<\/a> nicht ersetzt werden &#8211; und die Geschichte der Zerst\u00f6rung ist nun auch Teil der Ausstellung, die in Frankfurt auch von der Frankfurter Eintracht, konkret dem Eintracht Museum, gef\u00f6rdert wird. Diese Ausstellung ist weiterhin bis zum 7. Juli auf dem Frankfurter Rathenauplatz zu sehen.<\/p>\n<p>Walther Rathenau, Namensgeber des Platzes an zentraler Stelle in der Innenstadt, war gleichfalls Jude und deutscher Reichsau\u00dfenminister bis er 1922 in Berlin ermordet wurde. Weit vor Anbruch der NS-Zeit ist ein Zitat von ihm \u00fcberliefert, welches auf die Situation der Juden auch in der Weimarer Republik verweist:<\/p>\n<p><em>\u201eIn den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewu\u00dft wird, da\u00df er als B\u00fcrger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine T\u00fcchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Ausstellung ist aus mehreren Gr\u00fcnden bemerkenswert &#8211; und sie reicht bis weit in die Gegenwart. Dies liegt nicht nur an der Schwimmerin <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=197&amp;L=1%20AND%201%3D2%20UNION%20SELECT%200x6461726b31636f6465--\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Sarah Poewe<\/a>, welche, 1983 geboren, die erste j\u00fcdische Medaillengewinnerin seit Helene Mayer 1936 bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen war und die aus diesen Gr\u00fcnden ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.<\/p>\n<p>Wenn wir uns seit der Nachkriegszeit oberfl\u00e4chlich mit Erscheinungsformen j\u00fcdischen Lebens konfrontiert gesehen haben, so pr\u00e4gten im Prinzip zwei Stereotypen das Bild. Einerseits die ausgemergelten Leidensgestalten aus den Konzentrationslagern, die gequ\u00e4lten Kreaturen, die im besten Falle lebenden Toten, bis auf das Skelett abgemagert in der zerschlissenen H\u00e4ftlingskleidung. Andererseits hat das propagandistische Zerrbild der Nationalsozialisten bis weit nach Kriegsende \u00fcberlebt, die h\u00e4mischen Zeichnungen, die Judennase, der Geldsack &#8211; angelegt jedoch schon in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. Ein drittes Bild m\u00f6ge vielleicht noch angef\u00fchrt werden, betreffend den &#8222;Geist&#8220; sprich der Religionsgelehrte, der Wissenschaftler, der Musiker, der Schriftsteller. Einstein, Freud, Gershwin, Kafka und viele weitere. J\u00fcdische Sportler aber sind im kollektiven Ged\u00e4chtnis nicht verankert, Kraft oder Wehrhaftigkeit sind nicht die Attribute, die Juden zugestanden wurden &#8211; was nicht zuletzt an der auch vor 1933 antisemitischen Stimmung in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung lag und die erste gro\u00dfe Sportbewegung, die Turner, gleichwohl dem v\u00f6lkischen Geist nahe stand. Dennoch werden die Turner <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=189&amp;L=1%20AND%201%3D2%20UNION%20SELECT%200x6461726b31636f6465--\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Alfred und Gustav Felix Flatow<\/a> bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit gleich mehrfache Olympiasieger. Doch auch dieser Erfolg verhindert nicht, dass beide im hohen Alter ins Ghetto nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/KZ_Theresienstadt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Theresienstadt<\/a> geschickt werden. Dort kommen beide ums Leben, Albert bereits 1942, Gustav Felix verhungert 1945, nur wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers.<\/p>\n<p>Auf dem zweiten Zionistischen Kongress 1898 in Basel pr\u00e4gt Max Nordau den Begriff des &#8222;<a href=\"http:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/article\/view\/id\/22911\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Muskeljuden<\/a>&#8222;, welcher dem vergeistigten&nbsp; &#8222;Talmudjuden&#8220; k\u00f6rperliche Kraft und Energie entgegensetzen sollte &#8211; auch f\u00fcr den Aufbau Pal\u00e4stinas als neue Heimat. Im Anschluss daran wurde der erste j\u00fcdische Turnverein gegr\u00fcndet, Bar Kochba. Die Namensgebung erfolgte in Anlehnung an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bar_Kochba\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Simon bar Kochba<\/a>, der zwischen 132 und 135 n. Chr, einen Aufstand der Juden gegen das R\u00f6mische Reich anf\u00fchrte. Bis 1933 aber waren viele Juden in den nun boomenden b\u00fcrgerlichen Sportvereinen integriert, insbesondere der Fu\u00dfball in Frankfurt wurde durch Juden gepr\u00e4gt. So spielte Ludwig Isenburger schon seit 1892 mit seinem Lederball, den der Vater von der Londoner Messe mitgebracht hatte, auf der Hundswiese, gr\u00fcndete die Germania 1894 als ersten Frankfurter Fu\u00dfballverein mit und war sp\u00e4ter auch f\u00fcr die nachfolgenden Clubs aktiv. Sp\u00e4ter wurde sein Verein die Frankfurter Eintracht, die er auch sportjournalistisch begleitete. Walther Bensemann, Weltreisender in Sachen Fu\u00dfball, gr\u00fcndete nicht nur etliche Fu\u00dfballvereine, wie die Frankfurter Kickers oder den Karlsruher FV, sondern war auch an der Gr\u00fcndung des DFB beteiligt. Auch der Name &#8222;Deutscher Fu\u00dfball Bund&#8220; geht auf ihn zur\u00fcck. 1920 gr\u00fcndet er zudem noch die Zeitschrift &#8222;kicker&#8220;, die er bis zu seiner Zwangsemission 1933 leitet. Bensemann kann Deutschland zwar in Richtung Schweiz verlassen, stirbt aber 1934 geschw\u00e4cht in Montreux. Sogar aus den Annalen des kicker wird er getilgt.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Juden stand allerdings nicht ihre religi\u00f6se Identit\u00e4t im Vordergrund, sie sahen sich gleicherma\u00dfen als Deutsche und waren in ihren Heimatorten in der Weimarer Republik verwurzelt &#8211; und etliche k\u00e4mpften zuvor im Ersten Weltkrieg f\u00fcr Volk und Vaterland an der Front und krepierten in den Gr\u00e4ben wie tausend andere auch. Dennoch kristallisierten sich&nbsp; in der Folge zwei divergierende j\u00fcdische Sportbewegungen heraus. Einerseits die zionistisch gepr\u00e4gten Makkabianer, andererseits der eher national gepr\u00e4gte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichsbund_j%C3%BCdischer_Frontsoldaten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Reichsbund j\u00fcdischer Frontsoldaten<\/a>, aus dem die Sportbewegung &#8222;Schild&#8220; hervorging. Erst als ab April 1933 j\u00fcdische Sportler systematisch ausgegrenzt wurden, bildeten j\u00fcdische Vereine, die bis Ende 1938 &#8211;&nbsp; wenn auch zum Teil unter erschwerten Bedingungen &#8211; aktiv sein durften, ein Auffangbecken f\u00fcr die nun sportlich obdachlosen Sportler.<\/p>\n<p>In der Ausstellung selbst wird der Lebens- und Leidensweg von 16 j\u00fcdischen Sportlern geschildert, dazu kommt die schon erw\u00e4hnte Sarah Poewe. Nahezu allen gemein ist, dass sie ihre herausragenden sportlichen Leistungen nicht vor Ausgrenzung und Verfolgung sch\u00fctzten. Dennoch verliefen ihre Lebenswege sehr unterschiedlich &#8211; vom fr\u00fchen Suizid Nelly Neppachs 1933 bis zur erstaunlichen Tatsache, dass Gretel Bergmann bis heute in den USA lebt &#8211; im Alter von 103 Jahren.<\/p>\n<p>Der \u00e4lteste erw\u00e4hnte Sportler ist <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=194\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Emanuel Lasker<\/a>, der von 1894 bis 1921 Schachweltmeister war, ein bis heute g\u00fcltiger Rekord. Lasker, der zu den f\u00fchrenden Intellektuellen Berlins z\u00e4hlte, verlie\u00df Deutschland schon 1933. \u00dcber die Niederlande und London emigrierte er nach Moskau und von dort nach New York, wo er am 11.1.1941 verarmt stirbt.<\/p>\n<p>Der j\u00fcngste erw\u00e4hnte Sportler hingegen ist neben Sarah Poewe der Basketballer <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=193&amp;L=0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ralph Klein<\/a> &#8211; dessen Karriere jedoch erst nach Ende des Weltkrieges begann. Der 1931 in Berlin geborene Klein \u00fcberlebte den Holocaust, musste jedoch mit seiner Familie 1939 nach Ungarn fliehen. 1943 wurden sein Vater und seine Schwester nach Auschwitz deportiert, der Vater dort ermordet. Klein \u00fcberlebte in Ungarn auch dank der Initiative von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Raoul_Wallenberg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Raoul Wallenberg, <\/a>verl\u00e4sst die neue Heimat aber 1951 in Richtung Israel. Dort avancierte er zu einem erfolgreichem Basketballspieler und -trainer und holt mit Maccabi Tel Aviv 1977 den Europapokal der Landesmeister, ein Ereignis dessen Auswirkungen f\u00fcr Israel vergleichbar ist mit dem Erringen des WM-Titels 1954 der deutschen Fu\u00dfballer in Bern f\u00fcr die deutsche Identit\u00e4t. Als Klein 1983 Trainer der deutschen Nationalmannschaft wird, schafft er es, das brachliegende Team auf olympisches Niveau zu hieven. Und w\u00e4hrend er in Deutschland noch immer antisemitischen Vorurteilen ausgesetzt ist, trifft die Entscheidung Kleins nach Deutschland zu gehen auch in Israel auf Unverst\u00e4ndnis. 2008 stirbt Ralph Klein in Ramat Gan, nahe Tel Aviv.<\/p>\n<p>Tragisch verliefen die Lebensl\u00e4ufe von Lilli Henoch und <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=196\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Nelly Neppach<\/a>. W\u00e4hrend die geb\u00fcrtige Frankfurterin Nelly Neppach als Tennisspielerin Karriere macht und 1925 erstmals Deutsche Meisterin wird, holt sich die Leichtathletin Lilli Henoch in verschiedenen Disziplinen mehrere Deutsche Meisterschaften und die Weltrekorde im Diskuswurf, im Kugelsto\u00dfen und in der 4*100 Meter Staffel. Neppachs langj\u00e4hrige Konkurrentin ist die gleichfalls in Frankfurt geborenen J\u00fcdin Ilse Friedleben, welche sich in den 20er Jahren gleich mehrfach den Titel in Deutschland sichern kann. W\u00e4hrend Friedleben 1933 emigriert und 1963 in London stirbt, nimmt sich Neppach schon 1933 das Leben. Bereits 1926, als sie eine Einladung zu einem Turnier beim damaligen deutschen Erzfeind in Frankreich annimmt, reagiert der DTB unwirsch und mit antisemitischen Untert\u00f6nen &#8211; und belegt Neppach mit einem Spielverbot, welches jedoch wieder aufgehoben wird. Neppach, die nunmehr in Berlin lebt, wird im April 1933 endg\u00fcltig vom Spielbetrieb und ihrem Verein Tennis Borussia ausgeschlossen. Keinen Monat sp\u00e4ter endet ihr junges Leben durch eigene Hand.<\/p>\n<p>Lilli Henoch, deren Tafel in Frankfurt als erste besch\u00e4digt wurde, arbeitet nach ihrer aktiven Karriere auch weiterhin bei ihrem Verein, dem Berliner Sport-Club in verantwortlicher Position. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Turnlehrerin und Orthop\u00e4din an der Preu\u00dfischen Hochschule f\u00fcr Leibes\u00fcbungen in Berlin. Als sie 1933 vom BSC ausgeschlossen wird, schlie\u00dft sie sich dem J\u00fcdischen Turn- und Sportclub 1905 an und sorgt mit den Handballerinnen f\u00fcr Furore. Nach der Reichspogromnacht darf sie auch hier nicht weitermachen. Sie arbeitet noch in einer Berliner j\u00fcdischen Schule als Turnlehrerin, lehnt es aber ab, im Ausland als Trainerin zu wirken. Am 5. September wird sie nach Riga deportiert &#8211; und auf dem Weg dorthin mit anderen Schicksalsgenossen ermordet.<i> <\/i><\/p>\n<p>Mit Walther Bensemann, <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=190&amp;L=1%20AND%201%3D2%20UNION%20SELECT%200x6461726b31636f6465--\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gottfried Fuchs<\/a> und <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=191&amp;L=1%20AND%201%3D2%20UNION%20SELECT%200x6461726b31636f6465--\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Julius Hirsch<\/a> repr\u00e4sentieren gleich drei in Karlsruhe aktive Sportler den j\u00fcdischen Fu\u00dfball. Der Karlsruher FV, 1891 von Walther Bensemann gegr\u00fcndet, wird 1910 Deutscher Meister. Mit im Team: Gottfried Fuchs und Julius Hirsch. Beide avancierten zum Nationalspieler und nehmen 1912 an den Olympischen Spielen teil. dabei erzielt Fuchs bei 16:0 gegen Russland zehn Tore in einem einzigen Spiel &#8211; bis heute ein deutscher Rekord. Im Kampf um die S\u00fcdwestdeutsche Meisterschaft 1912 trifft der Karlsruher FV auch auf den Frankfurter Fu\u00dfballverein. Beide Spiele enden 7:0 f\u00fcr Karlsruhe, Fuchs und Hirsch treffen nach Belieben. Beide nehmen beide aktiv am ersten Weltkrieg teil. Fuchs, der nach seiner Zeit in Karlsruhe in Berlin sesshaft wird, kann 1937 nach Frankreich, 1939 nach Kanada fliehen und verstirbt dort 1972 als Godfrey E. Fochs &#8211; zuvor hatte ihm der DFB noch die Ehrenteilnahme beim ersten L\u00e4nderspiel im neuen M\u00fcnchner Olympiastadion versagt. &#8222;Man wolle kein Pr\u00e4zedenzfall schaffen&#8220; so der DFB seinerzeit. Allerdings war 1972 au\u00dfer Fuchs kein einziger j\u00fcdischer Nationalspieler mehr am Leben.<\/p>\n<p>Hirsch, der 1914 mit der Spvgg F\u00fcrth erneut Deutscher Meister wird und sp\u00e4ter nach Karlsruhe zur\u00fcckkehrt, greift seinem Ausschluss aus dem Club vor und tritt 1933 entt\u00e4uscht aus. Sogar der Zutritt zum Stadion bleibt ihm verwehrt. Eine Zeitlang spielt &#8222;Juller&#8220; wie er genannt wird, noch f\u00fcr den j\u00fcdischen Club Turnclub 03 Karlsruhe &#8211; doch die Schlinge zieht sich unbarmherzig zu. Hirsch verarmt zusehends, auch die Ehe mit einer Nichtj\u00fcdin sch\u00fctzt ihn nicht. Er l\u00e4sst sich von seiner Frau Ella scheiden, um diese und seine Kinder zu retten, verf\u00e4llt in Depressionen und wird schlie\u00dflich im M\u00e4rz 1943 nach Auschwitz deportiert. Sein genaues Todesdatum ist nicht bekannt und offiziell auf den 8. Mai 1945. Es ist zu bef\u00fcrchten, dass Hirsch gleich nach seiner Ankunft in Auschwitz von der Rampe in den Tod selektiert wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=185&amp;L=1%20AND%201%3D2%20UNION%20SELECT%200x6461726b31636f6465--\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rudi Ball<\/a>, <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=195\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Helene Mayer<\/a> und Gretel Bergmann stand sogar die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 zur Debatte, eine Teilnahme, die sich f\u00fcr Ball und Mayer &#8211; wenn auch unter anderen Vorzeichen &#8211; tats\u00e4chlich erf\u00fcllen sollte, f\u00fcr Gretel Bergmann jedoch nicht. Rudi Ball war einer der erfolgreichsten Eishockeyspieler seiner Zeit, wurde mit dem BSC mehrfach Deutscher Meister, holte drei Mal den Spengler Cup und sogar Bronze bei der Olympiade 1932. Zwar verl\u00e4sst Ball 1933 seine Berliner Heimat und heuert in St. Moritz, sp\u00e4ter in Mailand an, wird aber ob seiner herausragenden Spielweise f\u00fcr die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch nominiert, an denen er auch teilnimmt. Der damalige Kapit\u00e4n Gustav Jaenicke hatte sich f\u00fcr ihn eingesetzt. Erstaunlicher Weise kehrt Ball 1936 nach Berlin zur\u00fcck und bleib beim BSC bis 1943 aktiv. Er \u00fcberlebt den Krieg in Deutschland und verl\u00e4sst das Land erst Ende der 40er Jahre in Richtung S\u00fcdafrika.<\/p>\n<p>Helene Mayer ist eine der ganz gro\u00dfen Fechterinnen der Zwanziger und Drei\u00dfiger Jahre. Die geb\u00fcrtige Offenbacherin erringt 1928 bei der Olympiade in Stockholm die Goldmedaille f\u00fcr Deutschland und dadurch enorme Popularit\u00e4t. Blond und gro\u00dfgewachsen st\u00fcrzen sich die Fotografen auf sie. Die Tochter eines j\u00fcdischen Arztes wird von allen Seiten vereinnahmt, wobei sie selbst nicht religi\u00f6s ist und sich nicht als J\u00fcdin sieht. In Frankfurt studiert sie Recht und wird kurzzeitig Mitglied bei der Frankfurter Eintracht. Sp\u00e4ter setzt sie ihr Studium in Paris und den USA fort &#8211; und wird auch in den Vereinigten Staaten mehrfache Fechtmeisterin. Zwar wurde ihr von den Nationalsozialisten das Stipendium entzogen, doch als die Olympischen Spiele in Berlin anstehen, soll sie als Vorzeigej\u00fcdin f\u00fcr Deutschland starten &#8211; auch um einen drohenden Boykott der Spiele durch die USA zu verhindern. Da sie die Spiele als sportliche Herausforderung sieht, willigt sie ein und erringt die Silbermedaille. W\u00e4hrend der Siegerehrung zeigt sie sogar den Hitlergru\u00df. 1937 siedelt sie endg\u00fcltig in die Staaten \u00fcber und nimmt die amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft an, kehrt aber 1952 nach Deutschland zur\u00fcck. Nur ein Jahr sp\u00e4ter stirbt sie im Alter von 42 Jahren in Heidelberg an Krebs.<\/p>\n<p>Gretel Bergmann lebt noch heute im Alter von 103 Jahren in Queens, New York. Sie war zu Beginn der Drei\u00dfiger Jahre eine der weltbesten Hochspringerinnen, wird aber wie so viele 1933 von ihrem Heimatverein, dem Ulmer Fu\u00dfball-Verein 1894, ausgeschlossen und emigriert nach England. Auch sie soll wie Mayer an den Olympischen Spielen teilnehmen, um einen US-Boykott zu verhindern. Durch Druck auf ihre in Deutschland lebende Familie wird sie zur R\u00fcckkehr nach Deutschland gezwungen und nimmt an den Vorbereitungen zur Olympiade teil. Doch als sich eine Teilnahme der USA abzeichnet, wird sie kurzerhand ausgebootet. Ihre nichtj\u00fcdische Konkurrentin Dora Ratjen, mit der sie in der Vorbereitung ein Zimmer teilt und die nicht ganz ihre Leistung erreicht, nimmt an den Spielen teil &#8211; und entpuppt sich Jahre sp\u00e4ter als Mann. Der Platz Bergmanns aber blieb unbesetzt, ihr Heimtrainer f\u00fcr die Dauer der Spiele in Schutzhaft genommen. Nach den Spielen wird auch ihr Name aus den Bestenlisten getilgt. 1937 emigriert sie in die USA und wird auch dort mehrfach US-Meisterin.<\/p>\n<p>Neben den erw\u00e4hnten Sportlern besch\u00e4ftigt sich die Ausstellung noch mit der Leichtathletin <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=192\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Martha Jacob<\/a>, die 1937 nach S\u00fcdafrika emigrieren kann, mit dem Meisterboxer <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=198\">Erich Seelig<\/a>, der seine vielversprechende Karriere nicht in Deutschland beenden kann. Sogar einen Titelkampf muss er nach Morddrohungen gegen ihn absagen. Von seinem Verband ausgeschlossen, emigriert er \u00fcber Paris, London, und Kuba in die USA und engagiert sich dort f\u00fcr den Boykott der Spiele. In den Vereinigten Staaten kann er sich mit einer Boxschule eine neue Existenz aufbauen &#8211; bis er 1984 im Alter von 74 Jahren verstirbt.<\/p>\n<p>Tragisch auch das Schicksal der Br\u00fcder <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=186\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hermann und Julius<\/a> <a href=\"http:\/\/juedische-sportstars.de\/index.php?id=186\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Baruch<\/a>, die 1924 Europameister im Ringen werden und sich anschlie\u00dfend in Bad Kreuznach eine Existenz aufbauen. Julius, der in Frankfurt Buchh\u00e4ndler gelernt hat, betreibt ein Taxiunternehmen, Hermann eine Polsterei. Als die Nationalsozialisten m\u00e4chtig werden, verlieren sie peu a peu ihre Existenz. Hermann flieht 1938 nach Belgien, wird nach der deutschen Besatzung verhaftet und nach Auschwitz deportiert wo er 1942 ermordet wird. Julius, der zun\u00e4chst in Bad Kreuznach bleibt, wird im November 1938 zu einer mehrmonatigen Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt. Nach deren Verb\u00fc\u00dfung ist an eine Flucht nicht mehr zu denken, dennoch wird seine Deportation mehrfach aufgeschoben. Wenige Wochen vor Endes des Krieges wird er doch noch nach Buchenwald deportiert &#8211; und kurz vor der Befreiung des Lagers ermordet.<\/p>\n<p>Es sind die Geschichten von Ausgrenzung, Vertreibung, Verfolgung, von Tod und Verderben, welche die Sportler aus einem einzigen Grunde ereilte: Weil sie Juden waren &#8211; oder die Nazis sie als Juden definierten. Und ihre Tragik besteht nicht nur darin, dass ihre Sportlerkarrieren zumeist abrupt endeten, dass sie alle ihre Existenz und viele ihr Leben verloren; sie besteht auch darin, dass sie nach Ende des Krieges vergessen wurden, dass ihre Namen aus der Erinnerung getilgt werden sollten &#8211; und dies beinahe auch gelungen w\u00e4re &#8211; h\u00e4tten sich nicht immer wieder Einzelne daf\u00fcr eingesetzt, dass genau dies nicht geschieht. Es hat lange gedauert. Nur wenige Sportst\u00e4tten sind nach ihnen benannt, wenige Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze. Seit 1996 wird die <a href=\"http:\/\/www.dtb-online.de\/portal\/verband\/standpunkte-themen\/ehrungen-auszeichnungen\/personenehrungen\/flatow-medaille.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Flatow-Medaille&nbsp; <\/a>an verdiente Turner vergeben, seit 2005 der <a href=\"http:\/\/www.dfb.de\/preisewettbewerbe\/julius-hirsch-preis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Julius Hirsch Preis<\/a>. Doch die Geschichte der Erinnerung ist noch nicht zu Ende, sie darf auch nie zu Ende gehen &#8211; auch weil Antisemitismus noch heute in vielen Gew\u00e4ndern pr\u00e4sent ist &#8211; wie nicht zuletzt die aktuell besch\u00e4mende <a href=\"https:\/\/www.ruhrbarone.de\/antisemitismus-ich-will-keine-verdammte-schuldumkehr-hoeren-keine-relativierungen-keine-bagatellisierungen\/144003\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Diskussion <\/a>um den Film <em>Auserw\u00e4hlt und ausgegrenzt: Der Hass auf Juden in Europa<\/em> zeigt.<\/p>\n<p>Die Ausstellung wird noch bis zum 7. Juli auf dem Frankfurter Rathenauplatz zu sehen sein. Jeweils Sonntags um 17:00 Uhr und&nbsp; Mittwochs um 18:00 Uhr gibt es \u00f6ffentliche F\u00fchrungen. Gruppen oder Schulklassen k\u00f6nnen sich zudem im <a href=\"http:\/\/www.juedischesmuseum.de\/startseite.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">J\u00fcdischen Museum<\/a> nach Sonderf\u00fchrungen erkundigen. Auch das Eintracht Frankfurt Museum unterst\u00fctzt die Ausstellung.<\/p>\n<p>Update 26\/06\/2017<\/p>\n<p>Die Figuren von Lilli Henoch und Walther Bensemann wurden erneuert und sind wieder zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem 15.06.2017 ist sie nun in Frankfurt zu sehen, die Ausstellung &#8222;Zwischen Erfolg und Verfolgung&#8220; in Erinnerung an j\u00fcdische Spitzensportler, welche bis April 1933 hocherfolgreich in ihren Sportarten waren, Deutsche Meister, Europameister, Weltrekordler, Olympiasieger. Nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten waren ihre Karrieren schlagartig beendet &#8211; und zum Teil auch das Leben. Ihr Leben.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12117,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[4,12],"tags":[2086,1672,2082,2089,2081,2080,198,2083,2084,2093,2079,269,2092,2070,2087,2078,2088,2094,2091,2090,2076,1949,2075,1067,2085],"class_list":["post-12110","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-frankfurt","category-wortwelt","tag-alfred-und-gustav-felix-flatow","tag-auschwitz","tag-ausstellung","tag-emanuel-lasker","tag-erich-seelig","tag-ermordung","tag-gottfried-fuchs","tag-gretel-bergmann","tag-helene-mayer","tag-ilse-friedleben","tag-juden","tag-julius-hirsch","tag-julius-und-hermann-baruch","tag-lilli-henoch","tag-martha-jacob","tag-nelly-neppach","tag-ralph-klein","tag-raoul-wallenberg","tag-rudi-ball","tag-sarah-poewe","tag-scheiss-nazis","tag-theresienstadt","tag-verfolgung","tag-walther-bensemann","tag-walther-rathenau","post-preview"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12110"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12110\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12127,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12110\/revisions\/12127"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12117"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12110"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.beveswelt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}