{"id":12022,"date":"2017-05-31T13:33:13","date_gmt":"2017-05-31T11:33:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12022"},"modified":"2017-06-01T11:57:11","modified_gmt":"2017-06-01T09:57:11","slug":"adler-im-anflug-berlin-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=12022","title":{"rendered":"Adler im Anflug. Berlin 2017"},"content":{"rendered":"<p>Dienstag Nacht, 1:15 Uhr &#8211; der rote Dacia rollt nach genau f\u00fcnf Stunden und 15 Minuten Fahrt im Frankfurter Nordend ein und mit ihm eine m\u00fcde und abgek\u00e4mpfte Pia und ein ebenso fertiger Beve. Kurz zuvor haben wir am Gesundbrunnen in Berlin eine Currywurst und einen Fleischspie\u00df mit scharfen Zwiebeln gefuttert &#8211; genau wie vier Tage zuvor, als wir Freitags in der Hitze des fr\u00fchen Mittags hier gelandet sind. Dazwischen lagen vier Tage voller Bilder, Eindr\u00fccke und Menschen sowie einem abhanden gekommenen Pokal. Davon erz\u00e4hlen nun die folgenden Zeilen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die entscheidenden Fragen hatten wir schon Wochen vorher gel\u00f6st. Tickets f\u00fcrs Finale, Unterkunft bei Freunden, Fahrt mit dem Auto &#8211; und w\u00e4hrend wir eben noch durch London geschlendert sind, verblasst langsam die Erinnerung daran und wird ersetzt durch die Gedanken- und Erlebnisbilder aus Berlin. Und w\u00e4hrend wir uns eben noch drauf gefreut haben, beginnen nun schon auch diese Bilder zu verblassen, so wie alles verblasst, bis zuletzt auch wir nur noch eine schwache Erinnerung sind. So will es der Lauf der Zeit. Und zwischendrin leuchtet das Leben, unser Leben.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, am Freitag in aller Herrgottsfr\u00fche den Weg nach Berlin anzutreten, erwies sich als goldrichtig, die A5 ist frei, die Sonne lacht und wir rollen mit Cock Sparrer, Maximo Park, Mono &amp; Nikitaman, The Jesus &amp; the Mary Chain oder dem Moon Duo gem\u00e4chlich \u00fcber den Highway. Schneller als 140 geht&#8217;s nicht, meist langsamer und an den Bergen k\u00e4mpft das 75 PS Mot\u00f6rchen mit der H\u00f6he &#8211; aber wir sind gut im Schnitt, Baustellen werden z\u00fcgig durchfahren, am Kirchheimer Dreieck sausen wir auf die A4, entern Th\u00fcringen und bedauern, dass es die alte Imbissbude zwischen Magdala und Schorba nicht mehr gibt. Noch 2006, als ich mit Matze und dem Bembelbarebbelwoi unterwegs war, bildete ein Stopp hier das erste Highlight. Jetzt liegt der Imbiss irgendwo fernab von der Autobahn in der Pampa und wir freuen uns stattdessen auf die Curry Baude im Wedding.<\/p>\n<p>70 Kilometer vor Potsdam wird es hakelig, immer wieder m\u00fcssen wir auf 60 runter, Baustellen bremsen uns ab, aber wir rollen, bis wir die Avus erreichen und kurz zuvor der Berliner B\u00e4r winkt. Stau auf der Stadtautobahn, f\u00fcr die letzten Kilometer brauchen wir eine knappe Stunde, aber auch die geht vor\u00fcber. Das Auto in der Hochstra\u00dfe geparkt, noch vor ein Uhr Mittag gegessen, am Gesundbrunnen Gewimmel und Gewusel, einer hupt immer, ab und an ein Eintrachttrikot, ab und an eines des BVB. Und dann ist da noch der Kirchentag, aber gegen wen die spielen, ist uns entfallen.<\/p>\n<p>Wir sind nicht mehr weit weg von unseren Freunden, die am Mauerpark wohnen, die letzten Meter fahren wir mit links &#8211; hier parken allerdings ist nicht; Anwohnerausweise, gesperrte Parkpl\u00e4tze und so fahre ich nach einem kurzen Hallo zur\u00fcck in den Wedding, stelle den Dacia ab, hoffe, dass ich ihn in vier Tagen gesund und munter wiedersehe und hole das Fahrrad aus dem Kombi. Berlin, Pokalfinale, Urlaub. Hinten leuchtet der Alex in den blauen Himmel, S-Bahnen sausen unter mir hindurch und nur wenig sp\u00e4ter radeln Pia und ich \u00fcber den Mauerpark durch Glasscherben nach Prenzlauer Berg, lassen uns treiben. Wie oft war ich schon hier, ein anderer Freund hat in der Stargarder Stra\u00dfe seit \u00fcber 20 Jahren eine Kanzlei. Damals waren die H\u00e4userzeilen grauschwarz, un\u00fcbersehbar die Einschussl\u00f6cher vom Krieg. Ab und an parkte hier ein Trabbi, seltener ein Golf, die meisten Stellfl\u00e4chen aber blieben ungenutzt und in den Hinterh\u00f6fen wummerten in verfallenen H\u00e4usern Technob\u00e4sse. Heute ist alles bunt, Trabbis samt ihrer zugeh\u00f6rigen Besitzer gibt es keine mehr, Parkpl\u00e4tze auch nicht, daf\u00fcr aber Gro\u00dfstadt-Bullerb\u00fc f\u00fcr die, die es sich leisten k\u00f6nnen. Wir leisten uns ein Eis, trinken am Helmholtzpark ein Radler und schlendern durch den alten Friedhof an der Pappelallee. Abends sitzen wir drau\u00dfen auf der kleinen Terrasse, trinken, rauchen und quatschen uns in die Nacht und kaum liegen wir im Bett, brechen wir auf in den n\u00e4chsten Tag, den Tag des gro\u00dfen Finales. Lustig ist, dass wir einen Kabelbinder brauchen, in der Wohnung aber keinen finden k\u00f6nnen. Der liegt dann wie f\u00fcr uns gemacht mitten auf der Stra\u00dfe. Vielen Dank daf\u00fcr!<\/p>\n<p>Pia und ich radeln \u00fcber die Sch\u00f6nhauser Allee Richtung Alex, verschlie\u00dfen die R\u00e4der und suchen den Platz, an dem sich die Eintracht trifft, die Dortmunder sind ja an der Ged\u00e4chtniskirche am Breitscheidplatz, aber auch hier im einstigen Osten mengen sich Gelbe mit Schwarzwei\u00dfen. Zun\u00e4chst landen wir an der B\u00fchne, seltsame Musik, seltsame Menschen &#8211; aber wir sind falsch, hier zelebriert sich der Kirchentag, wir m\u00fcssen noch ein paar Ecken weiter, und treffen uns mit Andi, meinem alten Kumpel, mit dem wir schon viele Schlachten geschlagen haben. Und dann sind wir richtig, Holger und Tom legen auf der gro\u00dfen B\u00fchne Platten auf, <i>flieg junger Adler hinaus in die Freiheit,<\/i> und \u00fcberall ist es ein gro\u00dfes &#8222;Hallo&#8220;. Unz\u00e4hlige Begegnungen, unz\u00e4hlige Eintrachtrikots, Shirts, Geschichten, Umarmungen &#8211; in gl\u00fchender Hitze; gro\u00df ist die Freude und zuversichtlich sind wir sowieso. Wenig sp\u00e4ter suchen wir einen ersten Sp\u00e4ti auf, sind aber clever und beschr\u00e4nken uns auf Radler, der Tag ist lang, getrunken wird ob der Hitze viel und das erste Nahziel besagt, das Stadion in einem ordnungsgem\u00e4\u00dfen Zustand zu erreichen.<\/p>\n<p>Nach einer Stunde brechen wir radelnd auf. Wir planen, in Kreuzberg am Mehringdamm bei Curry36 zu speisen, um von dort dann die finale Strecke zum Olympiastadion anzufahren. Und nach einem kurzen Abstecher in den Viktoriapark, geht es los. Die Hitze brennt uns in den Augen, der Asphalt trocknet den Mund aus, die Glasscherben auf den Wegen wollen umfahren werden. Unter den Yorckbr\u00fccken geht es Richtung Ged\u00e4chtniskirche, dort feiern die Dortmunder, dann weiter auf die Kantstra\u00dfe, vorbei am Savignyplatz, immer wieder durch einen kurzen Stopp an \u00f6rtlichen Getr\u00e4nkeh\u00e4ndlern unterbrochen. Und immer wenn ich durch Berlin rolle, mengt sich die Gegenwart mit der Vergangenheit. Hier hat eine Freundin gewohnt, dort waren wir Anfang der Neunziger im Kino, als Berlin noch eine einzige Baustelle war und hier tanzten wir auf der Loveparade. Die Strecke zieht sich, wir strampeln wie die Gro\u00dfen, reparieren unterwegs noch eine abgesprungene Kette und erreichen den Kaiserdamm. Bald treffen wir auf die ersten parkenden Busse und alsbald haben wir es geschafft, verschlie\u00dfen am Aufgang zum G\u00e4stebereich die R\u00e4der und tauchen ein in den gro\u00dfen Pokalabend. Menschen str\u00f6men zum Stadion, Frankfurter, Dortmunder, friedlich, unaufgeregt und da f\u00e4llt uns ein, dass wir ja heute gar keine G\u00e4ste sind, die Gelben sind hier auch klar in der \u00dcberzahl. Wir latschen durch die S-Bahnstation, steigen auf der gegen\u00fcberliegenden Seite wieder hinauf und dann leuchten sie in den Himmel: Die Olympischen Ringe. Unsere Kurve f\u00fcr heute.<\/p>\n<p>Der Einlass geht erstaunlich schnell, ein kurzer Kartencheck, eine kurze Kontrolle und nat\u00fcrlich \u00fcberall ein Gudewie. Man kennt sich. Wir lungern noch ein bisschen vor den Eing\u00e4ngen zu den Bl\u00f6cken herum, es gibt ja immer was zu babbeln, trennen uns dann von Andi und entern die Kurve. Endspiel. Mit der Eintracht. In Berlin. Bei Sonne. Jetzt fehlt nur noch der Pokal.<\/p>\n<p>Das Stadion ist schon gut gef\u00fcllt, viele wollen wie wir die Momente, das Ambiente genie\u00dfen. Auf unseren Sitzen liegt ein F\u00e4hnchen, \u00fcber die Lehne h\u00e4ngt ein Shirt, Elemente der geplanten Choreo. \u00dcberall bekannte Gesichter, jede und jeder hat seine eigene Geschichte zu erz\u00e4hlen, der Kartenerwerb, die Fahrt, die Unterkunft, die Hoffnung. Vor unserer Kurve liegen schwarzwei\u00dfe Stoffbahnen, gegen\u00fcber nat\u00fcrlich das gleiche in gelb. Einzelne Dortmunder verirren sich zu uns in die Kurve, der Stadionsprecher erz\u00e4hlt irgendwas, die Sekunden ticken hernieder &#8211; und obgleich wir die imagin\u00e4re Heimmannschaft sind, beginnt unser Programm zuerst, die Reihenfolge bekomme ich nicht mehr zusammen, aber wir singen <em>Im Herzen von Europa, <\/em>wedeln mit den F\u00e4hnchen, sp\u00e4ter marschieren Charly K\u00f6rbel, Bernd H\u00f6lzenbein und J\u00fcrgen Grabowski vor unserer Kurve auf, die Kapit\u00e4ne unserer vier Pokalsiege, wir toben &#8211; und toben noch lauter, als Tankard unten auf dem Rasen wie schon 2006 &#8222;Schwarz-Wei\u00df wie Schnee&#8220; brettern. Alle br\u00fcllen mit und J\u00fcrgen steht dabei. Jetzt haben auch die zu sp\u00e4t Geborenen die Eintracht im Endspiel geseh&#8217;n, mit dem J\u00fcrgen, mit dem J\u00fcrgen.<\/p>\n<p>Eine schwarz-wei\u00dfe Kurve wird von einem leuchtblauen Himmel und Sonnenschein bedeckt und bei der Mannschaftsaufstellung gibt es einige lange Gesichter: Der lange verletzte Medojevic spielt von Beginn an, ebenso wie Seferovic. Blum, Meier und Russ nur auf der Bank, Varela an der Playstation. Das kann ja was werden. Aber egal, wir sind hier, mit dem J\u00fcrgen, jetzt noch einmal 90 Minuten oder mehr alles geben und dann den Pokal &#8230; Es w\u00e4re so geil &#8230;<\/p>\n<p>Dann sind die Dortmunder dran und laufen niemals alleine, die Akustik ist im Stadion bescheiden, man h\u00f6rt sie kaum, aber sie werden schon feiern. Letztlich ist das Olympiastadion aber der beste Austragungsort in Deutschland, es passen ein Haufen Menschen hinein und es hat nie eine Mannschaft einen Heimvorteil. Das Rahmenprogramm sieht bombastische Musik vor, irgendwie schafft es auch der Pokal ins Stadion, als Ferrero Rocher verkleidete T\u00e4nzerinnnen tanzen \u00fcber den gr\u00fcnen Rasen, die gro\u00dfen Wappen der Eintracht und des BVB werden ausgebreitet, die Mannschaften kommen aufs Feld, F\u00e4hnchen werden gewedelt, eine gro\u00dfe Blockfahne wird in unserer Kurve \u00fcber die K\u00f6pfe gezogen, jedoch nicht \u00fcber unsere, da wir links oben sitzen und frische Luft bekommen, eine sch\u00f6ne Sache f\u00fcr diesen Moment. Mit diesen Choreos ist es ja so eine Sache. Einerseits ist die Jugend wochenlang mit der Anfertigung besch\u00e4ftigt und kommt nicht auf dumme Gedanken, es sieht ja meistens auch ganz nett aus &#8211; andererseits liefern solche Bilder nat\u00fcrlich genau das Bild, mit dem sich dann Ansto\u00dfzeiten Sonntags um 13:00 Uhr oder Meinungsverbote oder \u00fcberhaupt der ganze Zirkus trefflich und authentisch bewerben lassen. Aber na gut, immerhin schallt minutenlang im Wechselgesang br\u00fcllend laut &#8222;Schei\u00df-DFB&#8220; durch das weite Rund, Frankfurter und Dortmunder, getrennt in den Farben, vereint in der Sache. Davon wird wahrscheinlich der Zuhausegebliebene nichts mitbekommen, Bitburger oder was wei\u00df ich wer muss ja beworben werden, derweil DFB-Pr\u00e4sident Grindel bei H\u00e4ppchen dem BVB die Daumen dr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Kurz bevor es losgeht, leuchtet die bis dato choreolose BVB-Kurve in gelbbuntem Rauch mit Geflacker und Geflimmer, echte Liebe, stra\u00dfentauglich, Bilder f\u00fcr den authentischen Fu\u00dfballfan. Ich schwanke zwischen &#8222;Ochjo ganz nett und Firlefanz&#8220;. Anpfiff.<\/p>\n<p>Jetzt gilt es nach knapp 30 Jahren den Pokal erstmals wieder nach Frankfurt zu holen, es w\u00e4re ein Traum. Aber der BVB spielt uns in den ersten Minuten schwindlig, nach acht Minuten die kalte Dusche, das 0:1 durch Dembele und angesichts des bisherigen Auftritts droht ein Debakel, der Traum droht zu platzen, noch bevor er ausgetr\u00e4umt wurde. Aber die Eintracht berappelt sich, fuchst sich ins Spiel, die Kurve erwacht, Wechselgesang zwischen Unter- und Oberrang, Pia wedelt mit dem F\u00e4hnchen. Immer mehr wedeln mit dem F\u00e4hnchen und die Eintracht erarbeitet sich Chancen, Chandler k\u00f6pft knapp vorbei. In der 28. Minute ist es dann soweit, Rebic trifft zum Ausgleich, alles explodiert &#8211; bis auf den BVB, der zu implodieren droht, die Eintracht bleibt \u00fcberlegen, Seferovic zimmert die Kugel an den Pfosten, wir haben sie im Griff, weiter, weiter &#8211; aber Schiedsrichter Aytekin entscheidet sich, nicht durchspielen zu lassen, er pfeift skandal\u00f6serweise zur Halbzeit. 1:1 &#8211; Die SGE ist wieder da.<\/p>\n<p>Die Pausenminuten verrinnen, was wei\u00df ich, was passiert. Eigentlich sollte ja Frau Fischer, Helene, auftreten &#8211; aber es scheint zun\u00e4chst tats\u00e4chlich so, dass der DFB aufgrund der massiven Kritiken auf den Auftritt verzichtet &#8211; das w\u00e4re ja was gewesen, aber es kommt das unvermeidliche: Der Auftritt Helenes der Abwaschbaren. Nicht nur, dass sie vor ein paar Jahren im BVB-Trikot bei einer Finalniederlagenfeier der Dortmunder aufgetreten ist, so geht es hier und heute um Fu\u00dfball. Es ist ja eigentlich alles gesagt zum Zirkus &#8211; aber sehr laut waren sie schon, die gellenden Pfiffe, die Frau Fischer begleiteten. Nat\u00fcrlich wurde ihr Sound angehoben, nat\u00fcrlich haben nordkoreanische Techniker den Fernsehton so geregelt, dass die Wirklichkeit f\u00fcr die Fernsehzuschauer angepasst wurde, es ist eine Verbl\u00f6dungsindustrie in der wenige profitieren, viele benutzt werden und der wache Rest weinen oder aber k\u00e4mpfen m\u00f6chte &#8211; und im Zweifel dennoch klaglos 30, 50, 100 oder noch mehr Euro auf den Tisch legt, um dabei zu sein.<\/p>\n<p>Der Abend dreht sich langsam in den Tag, schleichende Dunkelheit, der Himmel \u00fcber Berlin. Beim BVB m\u00fcssen Reus und Schmelzer raus, aber dennoch beginnen die Gelben, wie sie auch zu Beginn der ersten Halbzeit die Eintracht unter Druck gesetzt hatten, aber die schwarzwei\u00dfen Recken halten tapfer dagegen, setzen Nadelstiche, ein Spiel in dem alles m\u00f6glich ist &#8211; man h\u00e4tte es nach dem 0:1 nicht mehr f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Aber es kommt, wie es kommen musste. Der BVB wird zwingender, die Eintracht wankt, und als Hradecky Pulisic im Strafraum von den Beinen holt, zeigt der Schiri auf den Punkt, die Aufregung h\u00e4lt sich in Grenzen. Aubameyang l\u00e4uft an, Hradecky fliegt &#8211; der Ball aber floppt zum 1:2 ins Netz. Aber noch ist Zeit, eine knappe halbe Stunde inklusive Nachspiel, doch die Beine werden schwer, die Eintracht m\u00fcht sich, zeigt Herz, doch die B\u00e4lle die aufs den zeitspielenden B\u00fcrki zufliegen, sind nicht zwingend, auch wenn Meier und Blum noch eingewechselt werden. Die Sekunden verticken erbarmungslos, bitte lieber Fu\u00dfballgott, schenke uns erst einmal ein Tor, dann sehen wir weiter, bring die Eintracht zur\u00fcck ins Spiel. Aber der Fu\u00dfballgott lungert irgendwo rum, wahrscheinlich &#8222;Atemlos&#8220; auf dem Kopfh\u00f6rer und so kam es, wie es kommen musste. Ein letzter Freisto\u00df kurz vor dem Ende flattert in Knieh\u00f6he in den Strafraum, und dann bezeugen die rennenden Dortmunder den Abpfiff, die Frankfurter sitzen entt\u00e4uscht auf dem Rasen und ich will eigentlich nur weg. Aus der Traum, vorbei, eben noch war alles m\u00f6glich, jetzt hei\u00dft es wieder: Warten. Ein Jahr? 10 Jahre? Ewig? Ich bin geknickt. Klar, Dank an die Mannschaft, tapfer gek\u00e4mpft und so. Wir bleiben noch ein Weilchen, aber sobald der erste Ansatz Dortmunder Feierlichkeiten zu erahnen ist, schlurfen wir nach unten, treffen Andi und meine Schwester, die mit meinem Neffen und meiner Nichte auch hier ist. Der Nachwuchs tr\u00e4gt es mit Fassung, in der einen Hand die Fahne, in der anderen einen Pokalbecher, wir umarmen uns &#8211; immerhin, es war ein Erlebnis.<\/p>\n<p>Aber ein Erlebnis ohne Pokal. Da k\u00f6nnen sie noch so sehr davon schreiben, wie toll die Fans, die Choreo und der J\u00fcrgen war. DIE haben den Pokal und wir nicht. Das bleibt. Leider f\u00fcr die Ewigkeit.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg nehmen wir die Gerade \u00fcber Kaiserdamm und Siegess\u00e4ule, wir rollen mit unseren R\u00e4dern durch die n\u00e4chtliche Hauptstadt, in meiner Hand flattert das Choreof\u00e4hnchen, aus Trotz und Traurigkeit. Niemand hupt oder feiert, nur wenige Meter hinter dem Stadion ist das Finale weit weg. Hinter der Siegess\u00e4ule ist die Stra\u00dfe des 17. Juni ob einer Veranstaltung des Kirchentages f\u00fcr Autos gesperrt, wir haben Platz, rollen mit der Eintrachtfahne aufs Brandenburger Tor zu, dahinter wacht der Alex, an dem am Morgen unsere Reise begann. Der Hunger treibt uns in die Oranienstra\u00dfe in einen Burgerladen. Nur ein paar Schritte dahinter liegt der Franziskaner, die Gastwirtschaft, in der heute eigentlich die Bembelbar den Pokalsieg feiern wollte. Im Gegensatz zu 2006, als die komplette Dresdner Stra\u00dfe von Frankfurtern belagert war und pfiffige Sp\u00e4tibesitzer Bier aus dem Kofferraum verkauften, ist die Gemengelage heute \u00fcberschaubar. Ab und an bahnt sich ein Auto den Weg durch die Umstehenden, nat\u00fcrlich viele bekannte Gesichter. Aber \u00fcberbordende Feierstimmung kommt nicht auf, der Tag fordert seinen Tribut. Wir trinken eins, zwei Radler, babbeln mit alten Bekannten und machen uns gegen drei auf den Heimweg. Mein F\u00e4hnchen h\u00e4ngt an einem Anh\u00e4nger, ich lasse es dort und k\u00e4mpfe mich, w\u00e4hrend Andi sich auf seinen Heimweg macht, mit Pia durch Berlin Mitte. Ohne Pokal &#8211; aber mit vielen Eindr\u00fccken eines erlebnisreichen Tages.<\/p>\n<p>Nach wenigen Stunden Schlaf das Erwachen. Noch immer ohne Pokal. Aber wir k\u00f6nnen es eh nicht \u00e4ndern, und so geht es hinaus in den Tag. W\u00e4hrend Gott und die Fu\u00dfballwelt peu a peu Berlin verl\u00e4sst und die Autobahnen verstopft, bleiben wir noch zwei Tage und fahren mit der Bahn zun\u00e4chst an den Tegeler See, das Wasser gl\u00e4nzt in die Sonne, Segel flattern im Wind und die Spazierg\u00e4nger tragen noch die gleichen Schuhe f\u00fcr \u00e4ltere Menschen wie Ende der 60er.<\/p>\n<p>Abends machen wir uns auf nach Charlottenburg, Freund Flo besucht dort am Savignyplatz schon lange ein griechisches Lokal, Terzo Mondo, welches schon seit den fr\u00fchen 70ern dem einstigen Lindenstra\u00dfenwirt Kostas Papanastasiou geh\u00f6rt und schw\u00e4rmt uns regelm\u00e4\u00dfig davon vor. Nun k\u00f6nnen wir die Gelegenheit nutzen und uns dort alle zusammen treffen. Da Pia und ich etwas fr\u00fcher dran sind, machen wir uns auf die Suche und finden es nat\u00fcrlich. Kostas sitzt mit einer Freundin auf einem B\u00e4nkchen davor &#8211; und bei einem Blick auf die Speisekarte stellen wir fest: <i>Wegen Renovierung geschlossen<\/i>. Sichtbare Entt\u00e4uschung l\u00e4uft in uns hinab, Kostas bemerkt dies und entwickelt einen Plan, dass ab morgen nur ein Teil geschlossen bleibt und wir im anderen eine Suppe bekommen. Doch morgen sind wir in Frankfurt und so wird kurzerhand improvisiert, Tische werden angeschleppt, die wir gemeinsam aufbauen und bald sitzen wir zusammen, trinken Wei\u00dfwein und Bier und freuen uns \u00fcber die Herzlichkeit, die uns unverhofft begegnet. Auch Flo ist begeistert. Kostas versucht noch kurzerhand einen Koch aufzutreiben, aber wir merken: Es wird stressig. Und so trinken wir noch eine Runde, d\u00fcrfen das Lokal von innen inspizieren, die alten R\u00e4ume, die noch den linken Geist der vergangenen Jahrzehnte ausatmen, die Poster, die Gitarre, die an der Ecke lehnt. Dann ist es an der Zeit, aufzubrechen. Wir bedanken uns, versprechen wieder zu kommen, sobald wir wieder vor Ort sind, schie\u00dfen noch ein Foto und brechen auf in die &#8222;Dicke Wirtin&#8220; auf der anderen Seite des Savignyplatzes wo wir trefflich bewirtet werden und bis in die Puppen bleiben. Naja, was hei\u00dft bis in die Puppen? Noch vor Mitternacht sind wir todm\u00fcde und nehmen die Bahnen Richtung Sch\u00f6nhauser.<\/p>\n<p>Da der n\u00e4chste Tag noch ein weiterer hei\u00dfer zu werden scheint, bleiben wir noch bis zum fr\u00fchen Abend in der Hauptstadt, fr\u00fchst\u00fccken mit Andi im Molinari, lassen uns am Kanal die Sonne aufs Haupt scheinen und treiben dann langsam zur\u00fcck zu unseren Freunden. Einem gro\u00dfen Abschied folgt ein letzter Imbiss am Gesundbrunnen, dann rollen wir wieder mit dem roten Dacia auf die Autobahn. Langsam versinkt auch dieser Tag in der Dunkelheit, die Autobahnen sind frei und wir treiben so z\u00fcgig, wie es mit einem Dacia eben geht \u00fcber den Asphalt. Immer mehr LKWs parken nunmehr auf dem Seitenstreifen; Leipzig, Jena, Weimar, Erfurt, Westdeutschland &#8211; bis in der Ferne die Skyline von Frankfurt auftaucht. Wir sind wieder da, in der Heimat. Doch was hei\u00dft schon Heimat? &#8222;Heimat ist da, wo man dich vermisst&#8220; hat ein schlauer Kopf eimal gesagt. Und wir vermissen sie, unsere Freunde in Berlin und wir werden wiederkommen. Ob mit oder ohne Eintracht. Zumal wir unseren Pokal ja noch eines Tages abholen m\u00fcssen. Und falls ihr mal vor Ort seid: Besucht das Terzo Mondo. Es wird sich lohnen. So oder so.<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstag Nacht, 1:15 Uhr &#8211; der rote Dacia rollt nach genau f\u00fcnf Stunden und 15 Minuten Fahrt im Frankfurter Nordend ein und mit ihm eine m\u00fcde und abgek\u00e4mpfte Pia und ein ebenso fertiger Beve. 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