{"id":11823,"date":"2017-01-03T11:40:25","date_gmt":"2017-01-03T10:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=11823"},"modified":"2017-01-03T11:42:53","modified_gmt":"2017-01-03T10:42:53","slug":"2017-es-begann-im-ostpark-nuechtern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=11823","title":{"rendered":"2017 | Es begann im Ostpark. N\u00fcchtern."},"content":{"rendered":"<p>Der erste Januar ist ein eher grauer Tag. Beinahe h\u00e4tte ich den Jahreswechsel verschlafen, als ich Neujahr erwache bin ich stockn\u00fcchtern. Die erste Meldung, die mich heimsucht, ist die Nachricht vom Attentat in einem Istanbuler Club. 39 Tote, zig Verletzte. Die Facebookprofilbildchen leuchten nicht in den Farben der T\u00fcrkei.<!--more--><\/p>\n<p>Die Schlagzeilen werden von seltsamen Vokabular beherrscht, von Nafris. F\u00fcr die einen Nordafrikaner, f\u00fcr die anderen Nordafrikanische Intensivt\u00e4ter. Wenn ich an Polizeieins\u00e4tze solcher Gr\u00f6\u00dfenordnung denke, denke ich zuerst an Fu\u00dfball. Und da war es immer so, dass einige wenige &#8222;Gewaltt\u00e4ter&#8220; den Anlass f\u00fcr die Polizei gegeben hatten, oftmals Hunderte zu drangsalieren, von denen die allermeisten schlicht zum Spiel wollten. Die &#8211; v\u00f6llig richtige &#8211; Reaktion seitens der Fans war, dies Prozedere anzuprangern. Jetzt l\u00e4uft die Argumentation genau anders herum, jetzt geht es ja auch um Ausl\u00e4nder, Kanaken, wo gehobelt wird, fallen Sp\u00e4ne. Und immer, wenn <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/info\/sendungen\/interviews\/Kein-Sprachseminar-sondern-ein-Polizeieinsatz,wendt162.html\" target=\"_blank\">Rainer Wendt<\/a> ins Spiel kommt, sehe ich zu, dass ich m\u00f6glichst weit weg von ihm bin, dies hat sich bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Das Land spaltet sich, Besorgte auf der einen Seite, die urpl\u00f6tzlich auf Seiten der Obdachlosen und Frauen stehen, solange diese von Migrantenhintergr\u00fcndlern in Deutschland drangsaliert werden. Allerdings nur dann. Auf der anderen Seite religionsverseuchte Machos, deren religi\u00f6ser Hintergrund Fassade f\u00fcr gegenteiliges Handeln ist. Die CSU.<\/p>\n<p>Und die anderen halt &#8230;<\/p>\n<p>Man muss ja so aufpassen, was man sagt. W\u00e4hrend es jahrzehntelang gang und g\u00e4be war, sich \u00fcber religi\u00f6se Ikonen lustig zu machen, so ist ein lustlos hingerotztes <em>Ziegenficker<\/em> \u00fcber einen muslimischen Leader gleichbedeutend mit einer Fatwa, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Salman_Rushdie\" target=\"_blank\">Salman Rushdie<\/a> kann ein Lied davon singen. Und damit fing die ganze Schei\u00dfe ja irgendwie an. Oder mit dem Telekom Magenta, wer wei\u00df das schon genau.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df jetzt auch nicht, was ich lieber machen wollte, mit einer Kippa durch Neuk\u00f6lln laufen oder mit schwarzer Haut durch Sachsen. In Frankfurt geht&#8217;s ja noch, deshalb bin ich ja auch noch ganz gerne hier, auch wenn ich nicht b\u00f6se w\u00e4re, so anarchische Syndikalisten s\u00e4mtliche Hochh\u00e4user der Stadt \u00fcber Nacht abtragen w\u00fcrden &#8211; abgesehen vom Messeturm und dem Main Plaza.<\/p>\n<p>Man kommt ja so leicht ins Plaudern in diesen Tagen. Im Ostpark ist&#8217;s grau, einzelne Spazierg\u00e4nger schieben ihre warm eingepackten Kinder durch den leichten Schnee, hinter dem Parkcaf\u00e9 w\u00e4chst die neue Obdachlosenunterkunft, Enteng\u00e4nse wackeln \u00fcber die wei\u00dfe Wiese, ich w\u00fcrde gerne traurige Fotos machen. Sch\u00f6nheit ist nur dann sch\u00f6n, wenn ein Hauch Melancholie in ihr wohnt &#8211; da, wo die wilden Rosen wachsen. Wir k\u00fcssen uns unter einem Mistelstrauch.<\/p>\n<p>The filth that comes out of your mouth,<br \/>\nI will not listen to<br \/>\nYou treat your dogs better than you treat each other,<br \/>\nThe words that come out of your mouth<br \/>\ndisgust me the thoughts in your heart sicken me.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=UHTn0fQUUAg\" target=\"_blank\">(Marianne Faithfull &#8211; Mother Wolf)<\/a><\/p>\n<p>Den ganzen Tag \u00fcber l\u00e4uft Marianne Faithfull bei einer Tasse Tee. Manchmal unterbrochen durch Udo Lindenberg &#8211; beide \u00fcber Siebzig, ich lese Benjamin Stuckrad-Barres Autobiografie <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/stuckrad-barres-neue-autobiografie-panikherz-14115344.html\" target=\"_blank\">Panikherz<\/a>, ein Weihnachtsgeschenk von Pia. Eine Darstellung seines Rise and Falls, eng verkn\u00fcpft mit Lindenberg. Stuckrad-Barre ging mir seit jeher auf die Nerven, das Buch aber schie\u00dft dich weg, inspiriert auf eigenartige Weise. Nicht alles, nein. Als er das Buch schreibt, sitzt er in einem Hotel in Los Angeles, angekommen mit Lindenberg, geblieben ohne ihn. Hinter sich lassend destruktivste Kokainsucht. Sich selbst mitnehmend. Meine neuen Vors\u00e4tze f\u00fcrs neue Jahr? Weniger Bullshit. Und vielleicht einmal Lindenberg treffen. Wollen ja jetzt alle, das letzte Album &#8222;St\u00e4rker als die Zeit&#8220; ist ja die Platte des Jahres 2016. Gott ist das lange her, als <em>Schneewittchen<\/em> oder <em>Hoch im Norden<\/em> oder <em>Cello<\/em> als Dauerschleife lief. Udo war immer der gro\u00dfe Bruder, der sein Ding gemacht hat &#8211; und dann abgest\u00fcrzt ist. Aber als er in unser Leben reingeknallt ist, gab er uns Halt, den Losern dieser Welt und er bereicherte unsere Sprache. Gut, seine Ostnummer war eher so lala, das M\u00e4dchen aus Ostberlin aber gro\u00df. Sein Sonderzug fuhr nach Pankow &#8211; unserer zur <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0JdxjtT0h20\" target=\"_blank\">Endstation<\/a>. Jetzt w\u00fcnsche ich mir einen <a href=\"http:\/\/udolindenberg.warnerartists.net\/de\/panik-gurtel.html\" target=\"_blank\">Panikg\u00fcrtel <\/a>zum Geburtstag.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/12\/drogen-udo-lindenberg-benjamin-von-stuckrad-barre-freundschaft\" target=\"_blank\">Alter Trick: die Sonne abholen. Das hilft immer: losfahren, rumstreunen, Perspektive wechseln, in andere Welten gehen, sich treiben lassen und die Antennen neu justieren. <\/a><\/p>\n<p>Auch w\u00fcnsche ich mir manchmal, ich h\u00e4tte die Handynummer von Lindenberg und Springsteen. Sie geben dir durch ihre Kunst immer das Gef\u00fchl, dass ein paar Worte ihrerseits immer ganz hilfreich sein k\u00f6nnen, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nTPwRk-UqmM\" target=\"_blank\">wenn du durchh\u00e4ngst. <\/a>Obwohl: Ich telefoniere ja so gut wie nie. Oder: Einmal im Leben einen Spaziergang mit Marianne Faithfull rund um den Hyde Park machen. Und dann einen Songtext schreiben. Man muss sich Ziele setzen. Oder, um es mit Udo zu sagen:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Die Zeit vergeht &#8211; du wirst nicht j\u00fcnger<\/em><br \/>\n<em> Und leichter wird das meiste nicht<\/em><br \/>\n<em> Du mu\u00dft nicht w\u00fcnschen<\/em><br \/>\n<em> Du mu\u00df fordern!<\/em><br \/>\n<em> &#8211; wie &#8217;ne Knarre vorm Gesicht<\/em><br \/>\n<em> vergi\u00df es, leise anzufragen<\/em><br \/>\n<em> Wo es langgeht<\/em><br \/>\n<em> Sollst du selber sagen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em> Nie wieder stilles banges Hoffen<\/em><br \/>\n<em> Nie wieder warten, stumm und klein<\/em><br \/>\n<em> Du warst doch lang genug das Opfer<\/em><br \/>\n<em> Jetzt wirst du der T\u00e4ter sein<\/em><br \/>\n<em> Arme Seele &#8211; alles Pleite?<\/em><br \/>\n<em> Komm doch r\u00fcber auf die Sonnenseite!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/eS9TFXr8aSk\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\"><\/iframe><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Januar ist ein eher grauer Tag. 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