{"id":11527,"date":"2016-05-30T11:59:16","date_gmt":"2016-05-30T09:59:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.beveswelt.de\/?p=11527"},"modified":"2016-05-30T11:59:16","modified_gmt":"2016-05-30T09:59:16","slug":"neulich-auf-der-strasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.beveswelt.de\/?p=11527","title":{"rendered":"Neulich auf der Stra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal sind es nur kleine Fehlentscheidungen, die zum Zeitpunkt der Entscheidung als solche nicht ersichtlich sind, die unvermittelt in eine Situation f\u00fchren, die der Dramatiker zu einer Katastrophe ausmalt &#8211; und die in Wirklichkeit dann in surrealen Momenten enden, in Albtr\u00e4umchen aus denen es zun\u00e4chst kein Entrinnen gibt. Neulich war so ein Tag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es begann damit, dass ich kurz zuvor in der Stadt einen Hinweis gelesen habe, dass die Alte Br\u00fccke in Frankfurt gesperrt ist. Stunden sp\u00e4ter wollte ich vom Nordend ins Stadion, das Wetter war so lala. So stand ich vor der Wahl, welches Fahrzeug zu nehmen sei, Fahrrad, Roller oder Auto. Da ich erst in der Dunkelheit wieder den R\u00fcckweg nehmen wollte und die Regenwahrscheinlichkeit recht hoch war, entschied ich mich f\u00fcr das Auto, um nicht sp\u00e4ter in der dunklen N\u00e4sse durch die Stadt zu eiern. Um halb vier drehte ich den Z\u00fcndschl\u00fcssel um, wenn es gut geht, brauche ich zwanzig Minuten, im schlechteren Falle 35 &#8211; so dachte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Raus aus dem Nordend, gewendet an der Allee, durch die G\u00fcnthersburg, Baumweg, Merianstra\u00dfe, Friedberger, Konsti. Alte Br\u00fccke. Oh, da war was &#8211; acht Minuten war ich zu diesem Zeitpunkt unterwegs, die Wagen stauten sich links Richtung Ostend, ich bog rechts ab, am Mainkai entlang. Es brauchte ein Weilchen, die Ampel am Eisernen Steg zu passieren. Nun stand ich vor der Wahl, entweder hinter dem Theaterplatz eine kleine Schleife zu fahren, um \u00fcber die Untermainbr\u00fccke Richtung Sachsenhausen zu rollen. Da dort aber m\u00e4chtig was los war, entschied ich mich, den Weg \u00fcber die Mainluststra\u00dfe auf die Gutleutstra\u00dfe zu nehmen. Einkalkulierend den Br\u00fcckentag hie\u00dfe das vielleicht 10 Minuten warten, bis ich an deren Ende Richtung Uniklinik, sprich Stadion komme. So der Plan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon an der Wende auf die Gutleutstra\u00dfe ging gar nichts, die Ampel sprang von rot auf gr\u00fcn, von gr\u00fcn auf rot und alle paar Minuten schaffte es ein Fahrzeug auf die Gutleut. Noch hatte ich die ganze Strecke bis unten vor mir. Die Gutleutstra\u00dfe hat an der breitesten Stelle vier Fahrspuren, die vor dem Bahnhof die M\u00f6glichkeit bieten, entweder links, rechts oder geradeaus zu fahren. Die vor mir liegende Strecke betr\u00e4gt genau einen Kilometer. Von links und rechts kommen dazu noch einige Stra\u00dfen dazu. Kurz vor vier sagte ich Bescheid, dass ich sp\u00e4ter komme. Um halb f\u00fcnf funkte ich durch, dass nichts absehbar ist. Ich stand 20 Meter von der Stelle entfernt, von der ich eben angerufen hatte. Von nun an ging nahezu nichts mehr. Ab und an versuchte jemand die Spur zu wechseln, Autos schoben sich Zentimeter f\u00fcr Zentimeter aus den Seitenstra\u00dfen auf die Hauptstra\u00dfe und immer, wenn jemand hineinfuhr, war der Rest blockiert, was aber v\u00f6llig egal war, da eh nichts ging. Immer wenn jemand nach rechts die Gutleutstra\u00dfe verlies, wurden die entstehenden L\u00fccken blitzschnell genutzt. Mittlerweile fotografierten Passanten die Verkehrslage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grunde verlief das Geschehen recht zivil, zwar war jedem klar, dass jeder einzelne Zentimeter von \u00e4u\u00dferster Bedeutung war, aber bis auf den Moment als sich ein Taxifahrer und ein Zivilist anbr\u00fcllten gab es kaum gr\u00f6\u00dfere Zwischenf\u00e4lle. Jeder hasste zwar denjenigen der ein paar Zentimeter gutgemacht hatte, aber die Einsicht, dass es im Grund keine andere Wahl gab, schien durchaus vorhanden. Anderthalb Stunden nach Beginn meiner Reise, hatte ich es bis zur Mitte der Stra\u00dfe geschafft. Hinweise zur Ursache waren bislang nicht ersichtlich, abgesehen davon, dass der \u00f6rtliche Verkehrsfunk dazu riet, den Baseler Platz (auf den ich ja zurollte oder besser stand) auf Grund von mehreren Baustellen weitr\u00e4umig zu umfahren sei. Gut zu wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selten in meinem Leben ist Zeit sinnloser vergangen. Eine kleine Aufregung gab es noch, als ein parkender Wagen startete und durch alle Autos hinweg geradeaus wollte, eigentlich ein Ding der Unm\u00f6glichkeit, aber die Umstehenden rangierten ein wenig hin, ein wenig her und er hatte es irgendwann wohl geschafft. Ich setzte mir kleinere Ziele. Die n\u00e4chste Pf\u00fctze zu erreichen, die n\u00e4chste Ampel, deren Farbenspiel niemand mehr interessierte, eine weitere Kreuzung. Meist stand ich und der Motor war aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach zweieinhalb Stunden war die Fahrbahnverengung ersichtlich. Peu a peu schoben sich vier Fahrspuren auf drei, auf zwei, auf eine &#8211; an deren Ende es nur die Wahl gab, rechts abzubiegen. Und das war gar nicht so einfach, da die Stra\u00dfenbahn nicht fuhr und etliche Ersatzbusse unterwegs waren, die nat\u00fcrlich wie alle anderen Fahrzeuge die Kreuzung blockierten. Im Klartext: Vier Fahrspuren verengten sich auf eine und von der ging es so gut wie nicht weiter. Freitag Nachmittag im Berufsverkehr. Auf den drei verbliebenen Fahrspuren lagen Steine, die von einem Schaufelbagger seelenruhig auf LKWs verladen wurden. Das einf\u00e4deln auf die n\u00e4chste Spur aber klappte tadellos, so es etwas zum Einf\u00e4deln gab. Manchmal hupte es, es war einer derer, der die n\u00e4chste Stufe der Erleuchtung noch nicht geschafft hatten. Der Rest gab sich stoisch seinem Schicksal hin und nicht wenige d\u00fcrften zumindest zeitweise dem Buddhismus sehr nahe gestanden haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer weiteren halben Stunde hatte ich es geschafft, ich war auf der zweiten Spur, vor mit jeweils ein Fahrzeug, einmal noch die Spur wechseln, dann rechts rum und dann auf zu neuen Ufern. Zwar in die falsche Richtung, aber auf solche Petitessen kam es nun auch nicht mehr an. Und dann kam er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Honk. Der Horst. Der, der irgendwo immer da ist. Der, der durchdreht. Ein kleinerer Mann mit schlecht sitzendem Anzug und Alex Meier Frisur, vielleicht Mitte drei\u00dfig. Er tanzte auf der Stra\u00dfe herum, fuchtelte mit den Armen und br\u00fcllte: &#8222;Fahr vor. Fahr weiter vor.&#8220; Da sein Anzug von jenem eigent\u00fcmlichen gr\u00fcn gepr\u00e4gt war, wie es vor gar nicht allzulange polizeiliche Mode war, durchzuckte mich der Gedanke, es mit einem cholerischen Polizisten zu tun zu haben, aber es fehlte die M\u00fctze, zudem war es ja gar keine Uniform am Leib des Br\u00fcllenden. Er br\u00fcllte weiter und lief auf mich zu. Ich hatte das Fenster unten und telefonierte, das ging ja, da ich erstens stand und zweitens der Motor aus war. Er br\u00fcllte mir durch die Seitenscheibe zu, was ich mit einem saloppen &#8222;Verpiss dich, ich telefoniere&#8220; beantwortete. &#8222;Fahr vor, fahr vor, ich dreh hier noch durch&#8220; schrie es mit hochrotem Kopf durch das ge\u00f6ffnete Fenster. &#8222;Halt die Fresse oder ich steig aus&#8220; sagte ich so sachlich wie m\u00f6glich. Und leise. Sehr leise. &#8222;Steig aus, steig aus&#8230;&#8220; br\u00fcllte er nun mit dem Kopf in der N\u00e4he meines Lenkrades. Ich dachte an Buddha, an die Belanglosigkeit irdischen Daseins und da ging es pl\u00f6tzlich ein paar Meter voran, ich wechselte die Spur, verschwand aus seiner n\u00e4chsten N\u00e4he, w\u00e4hrend er den n\u00e4chsten am Wickel hatte. &#8222;Fahr vor, fahr vor &#8230; Steig aus, steig aus &#8230;&#8220; h\u00f6rte ich leiser werdend und sah ihn auf der Stra\u00dfe rumhampeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ich nun Richtung Bahnhof rollte, fiel es mir pl\u00f6tzlich wieder ein. Der Typ hat doch vorhin noch zu Fu\u00df eine Ampel \u00fcberquert. Wie er jetzt an die Kreuzung kam, erschloss sich mir nicht. Aber eines war klar: Der Typ hatte gar kein Auto, war zu Fu\u00df unterwegs. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter war ich am Stadion. Es regnete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal sind es nur kleine Fehlentscheidungen, die zum Zeitpunkt der Entscheidung als solche nicht ersichtlich sind, die unvermittelt in eine Situation f\u00fchren, die der Dramatiker zu einer Katastrophe ausmalt &#8211; und die in Wirklichkeit dann in surrealen Momenten enden, in Albtr\u00e4umchen aus denen es zun\u00e4chst kein Entrinnen gibt. 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