Ein Sammelsurium aus dem angebrochenen Leben

Rant

Nachdem ich 2008 angefangen habe zu bloggen und seit September 2011 hier zu erreichen bin, ist eine Menge passiert. Allen voran der Aufstieg und Fall der sozialen Netzwerke, in denen jeder entweder Zweitverwertet oder aber völligen Mist in die Welt absondert – was sich nicht unbedingt ausschließen muss. Rar sind diejenigen, die interessante Dinge in die Welt schreien. Und die, die dabei weitgehend ohne Smartphone auskommen.

Das fängt, gerade bei Facebook, damit an, dass Statusmeldungen in die Welt posaunt werden, die außer der Information „Hier bin ich gerade, guck mal, wie toll“ keinerlei weitere Inhalte vermitteln. Da sind sie an Orten, treffen Menschen – und was erfahre ich? Nichts, was auch nur im Ansatz interessant sein könnte. Keine Beschreibung des Ortes, der Menschen, der Gedanken, der eigenen Welt. Einfach ein hingerotztes: Hier bin ich. Oder schlimmer noch: Hier bin ich auf dem Weg dorthin. Es folgt etwas später ein Foto von einem toten Tier, das sie dann gegessen haben. Und sie erleben immer tolle Sachen, die mich ganz neidisch machen. Und sie haben tolle Weihnachtsbäume. Und alle sind ganz traurig über den überraschenden Tod von Udo „Ich dachte der würde ewig leben“ Jürgens. Oder von Joe Cocker. Und sie ballern sich ein Foto von Tugce ins Profil. Und sie sind völlig aufgeregt, dass es schneit. Schnee, Im Winter. Ganz krasse Geschichte.

Geschichten aber gibt es keine. Keine Zusammenhänge, nichts Erhellendes. Vermeintlich kluge Menschen nehmen an Tests teil, die nach 15 beantworteten Fragen ausspucken: Wenn du ein Gemüse wärest, wärest du Sellerie. Oder wenn du ein Körperteil wärest, wärest du ein Arsch. Und sie veröffentlichen diese Ergebnisse. Und ich muss sie auf meiner Startseite lesen und denke mir, wenn schon einsam, dann doch bitte mit Würde. Oder mit Bier. Von mir aus Heroin. Und nein, ich möchte keinen Orangensaft teilen.

Seit einem viertel Jahr geht das schon so. Tag für Tag der gleiche Quatsch. Und mittendrin finde ich es, das eine tolle Lied, das ich noch nicht kannte, der eine Hinweis auf ein kleines Konzert, auf einen feinen Clubabend, das saukomische Bild, der wirklich nette Kontakt mit jemandem, den ich zwar kannte aber mit dem ich noch nie länger gesprochen habe. Und der Preis ist der Blick in die Wohnzimmer derjenigen, die ich zuvor Jahrzehnte problemlos umschiffen konnte. Tag für Tag. Erbarmungslos. Ich habe mittlerweile sogar begonnen, Menschen zu hassen, die ich jahrelang zwar nur alle naslang gesehen habe, die ich aber für ganz nett hielt. Nachdem ich nun weiß, was sie alles auf Facebook veröffentlichen, würde ich dies nun gerne von meiner mentalen Festplatte löschen. Geht aber nicht. Was mache ich dann bei der nächsten Begegnung? Ein freundliches „Gude wie“ oder eher ein „mein Gott bist du einfältig, geh mir aus der Sonne“? Wer auf facebook „Guten Morgen“ postet, soll die Krankheit bekommen, die er verdient.

Es geht aber auch anders. Und da sind wir wieder bei den Blogs. Ich habe sie wieder richtig lieb gewonnen, diese kleinen Einode Kleinode skurriler Einzeltäter, die sich die Mühe machen, Geschichten zu erzählen. Oder zu recherchieren. Oder in Detailverliebtheit fotografieren. Oder alles zusammen. Und dies zum Teil schon seit Jahren, ohne likes, fernab von der großen Öffentlichkeit, fernab der Illusion etwas sei nur von Bedeutung, wenn Hundert Vollspacken ein Knöpfchen gedrückt haben.

Und damit meine ich nicht diejenigen, die sich Content aus dem Netz zusammen klauen und rebloggen oder die, die mit banalen Artikeln Klicks generieren und versuchen, den Blog zu Geld zu machen. Ich meine die, die mehr oder weniger anonym durch die Straßen ziehen und die Augen und Ohren offen halten und dem verordnetem Irrsinn einen wachen Blick oder einen großen Zorn oder alles zugleich entgegen halten.

Neben den altbekannten Blogs vom Stadtkind_ffm, Herrn Ärmel, der nunmehr unter Fotografie und Text firmiert oder rotundschwarz, empfehle ich euch diesmal für mich neuere Blogs. Da wären der kiezneurotiker, ansässig in Berlin, genauer in Prenzlauer Berg, der gegen die Idiotisierung, die Honks und Bionadekinder anbloggt. Auch wenn ich in Punkto Radfahrer gänzlich anderer Ansicht bin, so ist dieser Blog für mich die Entdeckung des Jahres. Bissig, wohlformuliert und bitterkomisch das Ganze.

In diesem Kontext bleiben wir in Berlin. Im Blog kreuzberg sued-ost mändert die katastrophenchronistin struppig zwischen Berlin und Frankfurt umher und kratzt munter an der Oberflächlichkeit des Daseins. Lesenswert.

Und wenn wir dann schon in Frankfurt gelandet sind, dann empfehle ich euch noch einen Blick auf was weg muss. Hier sollte es eigentlich ums Essen gehen, hat sich aber nunmehr zwischen Frankfurt und Frankfood eingependelt, bunt und unterhaltsam.

Was hier bei mir generell viel zu kurz kommt, ist die regelmäßige Verlinkung zu Artikeln von anderen Blogs. Das ist wirklich ein Lapsus und soll fortan geändert werden. Denn nur so können wir der Übermacht der großen Konzerne ein kleines Netzwerk rauer Gedanken entgegenstellen und durch den Input die soziale Netzwerkkacke aus den Hirnen spülen, die einen im End doch hindert, zu leben, kreativ zu sein und sich zu wehren, gegen die, die unsere Träume zu Geld gemacht haben und uns nun aus den Vierteln vertreiben, in denen wir wohnen. Ich geb’s zu, auch ich bin ein Gegner von SUVs, Industrieglühwein und von Urban Gardening, das etwas schöner machen will, was eigentlich zerstört gehört, damit die Natur nicht mehr in den Händen von Veganern und Spekulanten liegt, sondern sich selbst überlassen bleibt. Aber ich schweife ab …

16 Kommentare

  1. Horst Reber

    Wahre Sätze, sehr mutig, bitte öfter, Beve! Facebook macht täglich etwas dümmer und einfältiger. Aber einmal drin – Schicksal pc-Gefangener.

    • Beve

      Es hat ja auch Vorteile, in dieser Welt befangen zu sein, und manchmal muss man sich selbst vor Augen halten, was man da eigentlich macht. Und wie man es macht. In der Verblödung kann es ja gemütlich werden. Wenn da diese Stimme nicht wäre, die da flüstert: du musst da mal wieder raus.

  2. ThorstenW

    hmmm, denke ich jetzt mal öfter über sinnlose Posts nach? Mal schauen, versprechen kann ich es aber nicht. Ich gehe jetzt mal zum Sport.

    • Beve

      Sinnlos ist ja nicht gleich: kreuzdämlich. Im Gegenteil :-)

  3. kiezneurotiker

    Bemerkenswert, was die Referrers manchmal für lesenswerte Orte anspülen. Insbesondere Ihr Klagelied über die nervtötende Banalität sozialer Netzwerke und die verzweifelten Versuche, nervtötende Banalitäten in blinkenden Blogs oder dümmlichen Lifestyleportalen zu monetarisieren, teile ich uneingeschränkt. Waren Sie mal in Berlin auf einer Record Release Party, einer der drei Millionen Vernissagen oder bei der Eröffnung einer neuen Bar irgendeines Promis in Mitte? Die (Fashion-/Lifestyle-/Katzencontent-) Blogger erkennen Sie an ihrem mitleiderregenden Kotau vor jedem, dessen Fresse irgendwann mal in einer Kochshow oder bei Giga (oder im Dschungelcamp, setzen Sie hier eine beliebig banale Fernsehshow ein) zu sehen war. Deren Geschleime ist selbst den derart Beschleimten unerträglich (außer Steffen Henssler, der mag das). Und jeder, der nicht in dieser Schublade landen will, wendet sich vor Fremdscham ab, weil es so zum Quieken doof ist. Ich tanze jeden Tag fünf Regentänze auf den vermuteten Wasseradern meiner Wohnung, dass ich damit nicht mein Geld verdienen muss.

    Danke für die Blumen und die Empfehlung des ebenso lesenswerten „Fotografie und Text“ (die anderen kenne ich schon). Ich habe nun zwei neue vielversprechende Quellen in meinem Reader.

    Angenehmen Sonntag noch.

    P.S.: Ich habe gar nichts gegen Radfahrer, einiger meiner besten … ich höre ja schon auf. :)

  4. Beve

    Ich war im ganzen Leben noch nie in einer Promibar. In Berlin muss ich Fleischspieße essen und Fahrrad fahren, Freunde besuchen und Hundkacke ausweichen. In Frankfurt gibt es keine Promis. Aber ich ahne das Desaster. Bei den Beiträgen im Blog über den Prenzlauer Berg werde ich nostalgisch, Freunde sind dort seit bald zwanzig Jahren ansässig, ich habe die ganze Wandlung mitbekommen – von der Kommandantur bis zum jetzigen Ist. Wünsche weiterhin gesunden Zorn.

  5. tikerscherk

    Als Frankfodder Mädsche freue ich mich ganz besonders hier verlinkt zu werden. Danke dafür.
    Und: kann die Blumen nur zurückgeben. Beve ist jetzt auch in meinem Reader.

    Man liest sich :)

    • Beve

      So mache mers :-)

  6. Andi

    Hallo Axel!
    Ich fühle mich angesprochen, aber nicht beleidigt. Ich kann deine (undifferenzierte und unreflektierte) Auffassung zwar nicht teilen, aber ich kann deine Wut (oder Hass?) nachvollziehen, jeder Jeck is halt annerst.
    Ich selbst erzähle bei facebook keine Geschichten, darüber unterhalte ich mich mit den Menschen die ich täglich treffe lieber persönlich. Insofern respektiere ich auch den Mut der meisten Blogger, die sich wie Du öffentlich machen!
    Ein ganz ernst gemeinter Tip: du kannst in facebook einstellen von welchen Vollspacken du Netzwerkkacke in deinen Neuigkeiten angezeigt kriegst oder nicht.
    Und jetzt so langsam fertigmachen für den abendlichen Kneipenbesuch, wo ich mich mit Julius und ein paar Freunden treffe ;-)

  7. Beve

    Andi, im End muss sich nahezu jeder angesprochen fühlen und klar weiß ich, dass ich die Dinge einstellen kann. Mich erschüttert nur die geballte Masse an gleichem. Kann ja jeder halten, wie beliebt. Würde mir halt ein anderes Verhältnis zwischen: hey wow und grmpf wünschen. Und ich will nicht nett sein und falsch grinsend alles hinnehmen.

  8. Kid

    Danke für die Empfehlungen, Beve! Ich werde da immer mal wieder vorbei schauen. Und bei Gelegenheit auch mal einen „Fingerabdruck“ hinterlassen. Kommentare sind ja des Bloggers „Lohn“.

    Ich musste beim Titel des Blogeintrags übrigens noch mal nachschauen und bin mir nicht sicher, ob er wirklich passt. Das mag aber auch daran liegen, dass sich in der Sache unsere Erfahrungen und Meinungen kaum bis gar nicht unterscheiden.

  9. Beve

    Ja Kid, die Kommentare als Lohn. Wobei ich das nicht mehr so eng sehe, wie vielleicht zu Beginn der Bloggerei, wo ich ob der Reaktionen im Forum noch verwöhnt war. Ich freue mich über jeden einzelnen. Leser und Kommentar.

    Manchmal wäre ich gerne Buddha – und was kommt raus? Ein Zorngickel. Aber den mag ich auch :-)

  10. Trainer Baade

    Ich hab den Text hier mal bei Twitter empfohlen. Das sag ich deshalb, weil ich auch weiterhin lieber Geschichten lese, die mehr als 140 Zeichen benötigen, und deshalb für Hinweise auf Neuentdeckungen immer dankbar bin. (Obwohl ich durchaus anerkenne, dass es eine hohe Kunstform ist, in 140 Zeichen eine Geschichte unterzubringen – Hemingway hat das glaube ich mit der kürzesten aller Kurzgeschichten perfektioniert.)

    Also, ich meine, ich danke für die Tipps zu den anderen Blogs und will das meinen Lesern/Followern dann auch zukommen lassen. Und winke damit ebenso, wenn ausgerechnet heute hier nicht nötig, auch mit einem kleineren Zaunpfahl, dass man als Blogger ja selbst stets Multiplikator ist. Solange der Faktor größer als 1 ist, lohnt sich das dann auch und lebt ja zu weiten Teilen auch davon.

    Oder etwas kürzer gesagt: gute Idee, andere Blogs aufzuzeigen.

    Und herrlich von außen zu lesen, wie facebook weiterhin sehr nerven kann, wie Twitter allerdings bekanntlich auch. Aber es ist ja nicht das Medium, sondern der Ochs, der es bedient.

    Und über die Ursachen dafür, dass sehr viele entweder absolute Belanglosigkeiten oder stets den selben massenkompatiblen wie aber auch vorhersagbaren Gag in Form eines Mems oder lustigen Fotos teilen, könnte man durchaus etwas länger nachdenken, zu so Punkten wie Selbstvergewisserung, im-Strom-schwimmen-Wollen, weil sicherer, dem me-too-Effekt (modische Strömungen in Bezug auf Verhaltensweisen oder Zeitvertreib) sind ja auch keine Erfindung der sozialen Medien), der diesem Hirn wohl immament ist und so weiter.

    Ich finde das eigentlich schon recht spannend, aber nur wenn man versucht es zu erklären oder zu verstehen, nicht dabei, es selber auszuüben oder noch häufiger zu durchleiden. Mit solch Betrachtungen will ich den schönen Rant hier aber nicht abschwächen, mir gefällt er sehr, wie er ist.

    • Beve

      Manchmal läuft der Kanal über, dann muss es raus. Danke fürs Twittern. Werde auch versuchen, häufiger auf andere zu verlinken.

  11. Eintracht-Laie

    Großer Rundumschlag, ich kann ihn verstehen. Letztlich bleibt nur das Ignorieren, und die Erkenntnis man ist selbst Teil des Problems, so geht es mir zumindest oft.
    Hoffnungsvoll macht der Part:
    „…diese kleinen Einode skurriler Einzeltäter, die sich die Mühe machen, Geschichten zu erzählen….“

    Ja, gut gemachte Blogs sind toll, und mit „gut“ sind die Geschichten gemeint, Dinge die man sonst selbst nicht entdecken würde.
    Ich bin mit Vorfreude gespannt was man hier und anderswo in 2015 entdecken kann.
    Und habe etwas über den Begriff „Einode“ gerätselt, Einöde kann es nicht sein. Habe mich dann für „Kleinode“ entschieden.

  12. Beve

    Kleinode. Natürlich, Kleinode. Ich verbessere das gleich mal. Danke!

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