Im Januar lag ich am Strand von Ostia, es war ein sonniger Tag im Winter, ich blickte aufs Meer und hörte Bob Waynes Album „From blood to dust“ und tat dies dem geneigten Ergänzungsspieler qua SMS kund, immerhin hatte dieser mich auf die fantastische Musik Bob Waynes aufmerksam gemacht. Ein Moment für die Ewigkeit.

Letztlich geht ja alles so schnell vorbei, genießen wir unsere Zeit, kämpfen wenn nötig und denken daran, dass es von Blut zu Staub nur ein kleiner Schritt ist. Und so begrüße ich euch zunächst mit einem Song Bob Waynes.

Sonntag Abend: Wir fahren bei bestem Wetter nach Darmstadt, Ziel: Bessunger Knabenschule. An diesem Abend sollte Bob Wayne genau dort auftreten. Und dies tat er auch. Leider vor einer überschaubaren Anzahl an Gästen. Zuvor plauderte er mit den Anwesenden im Hof, bis er mit seiner Band Punkt neun die kleine Bühne enterte und die folgenden 90 Minuten konsequent durchspielte. Songs vom Unterwegssein. Folgerichtig wünschte er, dass seine Asche im Falle seines Ablebens auf dem Highway verstreut sein möge. Gegen Ende hin spielte er Songs auf Wunsch seiner Fans, die bei einem fairem Eintrittspreis und überschaubarer Kosten für Getränke guter Dinge waren. Ein bunte Mischung aus Dorfhillbillies, den letzten Wagenburgler und Städtern mit Vorliebe für Punk’n’Countrybilly. Es war großartig. Ein zunächst fantastischer Abschluss einer Zeitreise, die am Mittwochnachmittag begonnen hatte, als Pia und ich nach Ostheim rollten.

Dort feierte der hiesige Fußballclub FC Sportfreunde Ostheim sein 90jähriges Vereinsjubiläum, welches von Sportfreund Frank Wagner mitorganisiert wurde, die Allstars des FCO trafen auf die Traditionsmannschaft der Eintracht – und ich sollte das Ganze am Mikrofon begleiten, was ich natürlich gerne gemacht habe. Mit rühriger Hingabe hatten die Ostheimer einen Abend auf die Beine gestellt, der an nichts fehlen ließ. Der Club spielte in Traditionstrikots, eine Chronik zum 90jährigen wurde aufgelegt, auf die manch Bundesligist neidisch wäre, Attila kam eingeflogen und die Eintracht trat unter anderem mit Borchers, Trapp, Nachtweih und Tobollik an. Di alten Recken hatten nichts verlernt, führten bald 4:0 um anschließend konditionelle Defizite zu präsentieren. Tor um Tor holten die Ostheimer bei bestem Fußballwetter auf, bald stand es nur noch 3:4. Doch vor den Augen von Doc Hermann und Uli Matheja setzten sich schließlich der Favorit mit 5:4 durch. Bemerkenswert, dass Kollege Anicic glatt rot gesehen hatte. Die abschließende Tombola brachte eine strahlende Pia mit sich – und als wir auf dem Heimweg noch eine offene Tankstelle fanden, war der Abend vollends gelungen.

Der folgende Tag brachte obgleich Feiertag schlichte Arbeit mit sich und klang mit Verwandten im Garten beim Kirschenpflücken aus. Keine zwölf Stunden später hockte ich am Mittagstisch in einem Hotel im Bahnhofsviertel. Mit Fanprojektlern. Mit den Künstlern, die das Tony-Wandbild in Niederrad geschaffen hatten und vor zwei Stunden die letzte Spraydose aus der Hand legen konnten, mit Tony Yeboah.

Er war tatsächlich gekommen, der Mann, der uns zu Beginn der Neunziger verzückte und der doch rassistisch beschimpft wurde. Und nicht zuletzt aus diesem Grund hatten sich die Eintrachtfans und Kunststudenten Mathias Weinfurter und Domink Dresel dafür entschieden, ein Projekt anzugehen, welches in Folge vom Frankfurter Fanprojekt mit dem „im gedächtnis bleiben Preis“ ausgezeichnet wurde. Der Plan sah vor, eine Häuserwand in Frankfurt als Mahnmal für Toleranz mit dem Konterfei Tonys zu versehen. Und der Plan wurde in die Realität umgesetzt, filmisch begleitet von Max Brück und Kollegen von der HfG.

Vom 5. bis zum 21. Juni arbeiteten die Künstler mit vielen Helfern an ihrem Werk, welches am 21. Juni hochoffiziell den Frankfurtern übergeben wurde. Zur Eröffnung an der Melibocusstraße 86 wurde die kleine Bühne aufgebaut, die während der Saison als Waldtribüne dient, schätzungsweise 200 Frankfurter hatten sich zu einem kleinen Volksfest eingefunden, Eintrachtler, Anwohner bunt gemischt.

Peter Schirra von den Nassauischen Heimstätten, die Eigentümerin der Wand, erklärte, dass die Anfrage ob die ausgewählte Wand besprüht werden dürfte, ohne zu Zögern positiv beschieden wurde. Stephan von Ploetz vom Fanprojekt, der den eigentlichen Anstoß gegeben hatte, erwähnte, dass die Hauptaufgabe des Fanprojektes auch darin besteht, den Leuten Strukturen zu ermöglichen, um selbst aktiv zu werden, während die Initiatoren und Künstler Mathias und Dominik glücklich ob der Umsetzung zeigten, wobei Mathias auch kritische Stimmen erwähnte, die er während der Arbeiten entnehmen musste. Dominik wies darauf hin, dass es an uns liegt, dass auch heute Nazis nicht nur im Stadion keinen Spaß haben sollten. Nicht mit uns!

Olaf Cunitz, Bürgermeister der Stadt Frankfurt und Stefan Minden als Vize der Eintracht waren ebenso begeistert von der Aktion wie Marlon B von den Söhnen Mannheims, der auf der Bühne sogar einen Song darbot. Stefan wies in diesem Zusammenhang auch auf das Engagement der Eintracht im Rahmen der Stolpersteinverlegung hin – und auf die Bedeutung der Fanbasis, immerhin entstand auch die Häuserwand aus einer Initiative der Szene heraus.

Höhepunkt der Veranstaltung war sicherlich der Auftritt von Tony Yeboah, angekündigt als Überraschungsgast und nun tatsächlich vor Ort. Tony, der auch von jungen Afrikanern immer wieder um Rat gefragt wird, die sich überlegen, nach Deutschland zu kommen, erzählte, dass der Kampf gegen Rassismus noch lange nicht zu Ende ist, wir aber geduldig und besonnen bleiben müssen, wenn wir ihn gewinnen wollen. Er selbst war einst Vorreiter gewesen, gemeinsam mit Baffoe und Sané einer der ersten Afrikaner in der Bundesliga, und er war vom Empfang und auch von der Wand sichtlich gerührt.

Krönung des Volksfestes war sicherlich der Moment, als Tony gemeinsam mit einem überglücklichen Mathias Weinfurter das Wandgemälde mit einer Spraydose signierte. Jeder, der fortan mit der S-Bahn vom Flughafen oder Stadion kommend Richtung Innenstadt fährt, wird nun aus dem Fenster dieses Bild sehen können, quasi ein Eingangstor in die Stadt, die wie kaum eine andere weltoffen ist. Dies war nicht immer so, denken wir an die Jahre 33-45 – und damit es auch so bleibt, wird das „Tony Yeboah Haus“ sicherlich einen dazu Beitrag leisten, es ist eine kleine Waffe im Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus aber auch Antisemitismus und Homophobie, denn wie sagte Dominik so schön? Nicht mit uns!

Fotos: Pia Geiger