Brighton. Na klar, Quadrophenia. Oder Queen. Das wäre doch mal ein Ausflug wert, von London fahren an die vierzig Bahnen täglich an das Seebad an der Küste des Ärmelkanals und eine davon wird unsere sein. Noch am Abend zuvor hatten wir uns für jeweils 27, 50 Pfund zwei Tickets für die Hin- und Rückfahrt nach Brighton geholt – bei freier Wahl der Zeit.

Und so nehmen wir gegen halb zehn die Bahn Richtung Küste und lassen London hinter uns. Wir sitzen und schauen aus dem Fenster, unsere Füße sind uns dafür äußerst dankbar. Neben uns quasselt eine Reisegruppe vergnügt in den Tag, wir passieren London Gatwick und rollen durchs Land. Circa 90 Kilometer liegen wischen London und Brighton, es ist ein Ausflug in eine andere Welt, ein Tag am Meer wartet und was gibt es größeres als dies? Je näher wir Brighton kommen, desto leuchtender scheint die Sonne. In London ist der Sonnenschein tendenziell ja eher flüssig. Als wir den Bahnhof erreichen, weht uns schon ein frischer Wind um die Nase, Seeluft durchwirbelt die Haare, und so erstehen wir noch ehe wir die Küste erreichen eine Mütze bzw. einen Haarreif. Vom Bahnhof geht es geradewegs zum Wasser, trotz dem Sonntag ist, haben etliche Läden geöffnet, das Treiben aber ist überschaubar. Vom Ufer aus führt das Brighton Pier ins Wasser, Möwen steigen auf, die Seagulls, die auch dem örtlichen Fußballclub Brighton & Hove Albion seinen Spitznamen gegeben haben. Und für die Anhänger des Clubs ist heute ein großer Tag. Vor wenigen Wochen sind die Seagulls erstmals in die Premier League aufgestiegen und die Anzeichen verdichten sich, dass dieser Triumph heute groß gefeiert wird. An einer Ecke versammeln sich Stewards in ihren grellen leuchtgelben Westen, Gitter bilden eine Gasse, durch die womöglich später die Mannschaft fahren wird. Überall wehen blaue Fahnen, tragen die Leute blaue Trikots und werben für American Express, den hiesigen Hauptsponsor.

Wir werfen einen Blick auf die See, wandern am kiesbedeckten Ufer entlang und biegen später ab in die Lanes, kleine Gässchen mit Lädchen und Restaurants. Ein blauer Frühlingshimmel wacht über den Tag, zwei Jungs machen Musik, die Menschen sitzen vor den Cafés und beobachten das Treiben. An einer Ecke bleiben wir stehen, ein Musiker produziert einen wie zum Sonnentag gemachten Tranceklang mit Hang, pedalbetriebener Bassbox und einer Art Didgeridoo – man könnte lange zuhören. Dann knattern aufgemotzte Vespas und Lambrettas ans uns vorüber, Tausende Lampen anmontiert, Who Aufkleber auf den Gefährten, die Fahrer mit grünen Jacken – wie es das Klischee es will. Viele von ihnen waren zu Zeiten von Quadrophenia jung, jetzt sind sie in die Jahre gekommen, der Spirit aber ist geblieben, wenn auch vielleicht nur an diesem Tag. Das Dröhnen eines laufenden Motor des Eiswagens vertreibt uns von der Musik, zuvor hole ich mir noch eine CD. Henry Shanks heißt der Musiker, er kommt aus Neuseeland und reist musizierend um die Welt – den Leuten gefällt es, sie spenden und kaufen die CD; es sei ihm gegönnt und gute Reise weiterhin.

Wir spazieren über das Brighton Pier, Möwen steigen auf, warten auf Krümel, während etliche Restaurants auf Kundschaft hoffen, dazwischen eine Art Casino mit buntem Bespaßungsallerlei, welches wir gekonnt links liegen lassen, obgleich ein Schild verkündet, dass der Weg durch die Gänge der einzige ans Ende des Piers sei. Ist er natürlich nicht. Am Ende des Piers wartet ein Rummelplatz auf den Nachwuchs zu dem wir nicht mehr gehören und so wandern wir zurück und legen uns nach einer Weile wie so manch anderer auf den Kiesstrand und lassen uns die Sonne auf die Nase scheinen. Langsam fallen die Äuglein zu, die Gedanken verlangsamen sich, das Meeresrauschen ist auf einmal in deinem Kopf und die Außenwelt fällt ab, da ist nichts mehr außer den Wellen, der Sonne und dem Gefühl, dass die Zeit genau jetzt hätte still stehen könnte. Aber die Zeit denkt nicht mal im Ansatz an so etwas, plötzlich mengen sich die Wellen mit Stimmengewirr, und so erwache ich aus meinem Zustand und falle zurück in die Wirklichkeit.

Die Uferstraße füllt sich zusehends mit Schlachtenbummlern, die den Aufstieg der Seagulls feiern wollen, überall entspannte blau-weiße Stimmung in freudiger Erwartung, während wir in den Lanes ein Restaurant suchen und im Bohemia fündig werden, welches fantastische Fish’n’Chips serviert. Wir treiben durch die Gassen, treffen die Rollergang erneut, am Ufer, die Vorbereitungen für den frühen Abend laufen auf entspannten Hochtouren, Polizisten tragen Brighton & Hove Fähnchen und unten an den Küstenrestaurants sitzen Hunderte bei Chips und Bier, vom Kind zum Greis, vom Akademiker zum Althauer und lassen sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Nach einem weiteren Bummel durch die Gässchen verabschieden wir uns vom Meer und überlassen die Stadt denen, denen sie gehört.

Es sind diese Tage, da passt einfach alles, das Wetter, der Ort, die Stimmung, der Soundtrack und so verlassen wir mit einem Abendzug Brighton und rollen ohne nennenswerten Stop zurück nach London. Je näher wir kommen, desto flüssiger wird die Sonne, aber als wir von der Victoria Station ausgespuckt werden, bleibt es trocken.

Wir spüren die Müdigkeit, fahren aber abends nochmal rüber zur Brick Lane, knipsen Graffitis und schieben Nans oder Chiapatas, Reis, Lamm oder Chutneys in den hungrigen Magen. Hier ist wieder buntes Gewimmel, Reisegrüppchen werden durch die Straßen geführt, hören Geschichten und Geschichte der Straßenkunst, für uns aber ist der Abend zu Ende. Müde und voller Erlebnisse sitzen wir in der U-Bahn und fahren zur letzten Nacht ins Hotel.

Der nächste Morgen führt uns über den Hyde Park noch ins Natural History Museum, Schulklassen schieben sich in die Seiteneingänge, man erkennt schnell, woher sie kommen, die fast rein weißen Klassen aus der City, die fast rein schwarzen Klassen aus Brixton. Ein weißes Mädchen hält einen schwarzen Jungen an der Hand. Mögen sie sich nie verlieren. Wie wir, die jetzt Richtung Picadilly Circus aufbrechen. Diesmal nehmen wir den Bus und landen am Trafalgar Square, laufen ein paar Meter zum Lillywhite und weiter hoch nach Covent Garden. Einem letzten Imbiss im Jubilee Market folgt ein letzter Weg ins Hotel. Kurz darauf wandern wir samt Gepäck hoch zur Victoria Station, nehmen die Tube, nachdem wir routiniert die Oystercard zu bedienen wussten, steigen bei Westminster um, desgleichen noch einmal in Canning Town und landen auf eine letzte Cigarette am London City Airport, wir sind gut in der Zeit, hatten schon zuvor online eingecheckt und kein Gepäck zum Aufgeben. Was soll da schon schief gehen?

Auf der Anzeigetafel fällt Pia auf, dass ein Flieger schon um 19:10 geht, statt um 19:40 wie geplant. Aber es ist nicht unsere Flugnummer. Seltsam, zwei Flieger auf der gleichen Strecke binnen 30 Minuten – aber London ist groß und Frankfurt ein klassischer Airport. Pia überlegt, ob wir fragen sollen, mit der früheren Maschine fliegen zu können – aber ach was, die halbe Stunde. Und so fällt ihr Blick auf ihr Handy, auf die Bordkarte.

London Heathrow.

„Bitte?“

„Wir müssen an den Flughafen London Heathrow!“

Ich sehe bei mir nach.

Tatsächlich: Unser Rückflug geht in nicht ganz zwei Stunden von dem Flughafen am anderen Ende der Stadt. Zwischen Hysterie und Panik versuchen wir ruhig zu bleiben. Jetzt noch halbwegs pünktlich Heathrow zu erreichen ist unmachbar. Wir haben es nach zig Flügen diesmal völlig verbaselt. Ein freundlicher Herr am Schalter checkt Möglichkeiten zur Umbuchung. Nach einer Weile die gute Nachricht: Es sind noch Plätze in der 19:10 Maschine frei. Die schlechte folgt auf dem Fuß: Es kostet 250 Pfund.

Für jeden von uns.

Wir haben keine Wahl, und vor allem keine Zeit. Als wir versuchen, die Tickets online zu buchen, streikt die Kreditkartenautorisierung, also lassen wir den freundlichen Herrn am Schalter die Flüge buchen. Kostet fünfzehn Pfund extra.

Für jeden von uns.

Immerhin, es klappt, wir eilen zum Gate und müssen noch ein paar Minuten aufs Boarding warten, und haben Glück, dass eine freundliche junge Frau mit uns einen Platz tauscht, auf dass wir nebeneinander sitzen können. Und so heben wir ab in den Londoner Abend, irgendwas ist ja immer, wir sind gesund und wir kommen heim. Und so war es dann auch. Und es hätte schlimmer kommen können. Was man ja auch nicht vergessen darf. Look Right!